Roadtrip Balkan: »Kroat supergut!«

Um den Wilden Westen zu erleben, muss man nicht zwingend in die USA. Ältere Semester werden auch in Kroatien fündig, wo seinerzeit »Winnetou« gedreht wurde. Und die Jüngeren besuchen einfach Königsmund und die Schwarzwasserbucht.

Alle guten Dinge sind drei? Na hoffentlich, denn meine ersten beiden Trips nach Kroatien fielen eher in die Kategorie »Einmal und nie wieder«. Den ersten Versuch einer Annäherung startete ich gleich nach Ende der Jugoslawien­kriege, als ich Mitte der 90er-Jahre mit einer Gruppe befreundete­­r Kajakfahrer herausfinden wollte, ob dieses Kroatien nicht auch eine lohnende Destination fürs Wildwasserpaddeln ist. Die existierenden Berichte stammten allesamt aus den 70er-Jahren und das virtuelle Info­lagerfeuer des Internets war seinerzeit noch mehr Theorie denn Praxis. Vom Hörensagen wussten wir aber von einem Campingplatz an der Korana, deren Besitzerin eine ehemalige Paddlerin sei und sich gut auskenne. Milka, so ihr Name, erwies sich denn auch als fürsorgliche Gastgeberin, doch ihre Infos hatten allesamt einen ziemlichen Haken. Auf jedwede Frage nach mögliche­­n Ein- und Ausstiegen antwortete­­te sie stets mit einem Achselzucken und der persönlichen Einordnung: »Kroat supergut.« Nur um dann nachzuschieben, dass es an Fluss xy vielleicht etwas problematisch mit dem Paddeln sei. Warum? Nun, da die Umgebung um die Brücke­­n, die uns Paddlern in gebirgigen Gegenden meist den einzigen Zugang zum Fluss ermög­lichen, wohl noch vermint sei. Und da der Feind leider keine Lagepläne hinterlassen hat, sucht man selbst heute noch etwa 50 000 vergrabene Landminen. Am Ende sind wir ohne einen einzigen Paddelkilometer wieder abgezogen, da konnte Kroat noch so supergut sein.

Traumtour-Kroatien-Vanlife

Kroatien ist so viel mehr als die Balkanversion vom Teutonengrill – Berge, ­Buchten und kristallklare Bäche rühren auch Outdoorer-Herzen an.

Der zweite Versuch, die Magie Kroatiens zu ergründen, war zugleich meine Hochzeitsreise. Geplant war eigentlich eine standesgemäße Kajakexpedition auf dem Çoruh im Nordosten der Türkei, doch da wir seinerzeit nicht nur frisch verheiratet waren, sondern auch – surprise, surprise – plötzlich schwanger, musste ein alternatives Ziel ohne allzu groß­e Strapazen her: Kroatien. Allein der Zeitpunkt war nicht gerade ideal: August, Hochsaison, ohne jegliche Vorbuchung irgendwelcher Campingplätze. Noch dazu war meiner Frau im ersten Drittel ihrer Schwangerschaft beständig schlecht, was sich nicht wirklich mit ihrer ohnehin vorhandenen Reise­übelkeit und den langen Autofahrten vertrug. Bis Omis tuckerten wir damals auf der vollgestauten Küstenstraße gen Süden, nur um Abend für Abend Absagen von ausgebuchten Campingplätzen zu kassieren. Eine Nacht, im Zelt, jetzt im August? Hahaha! Zwischendurch kamen wir uns vor wie Maria und Josef.

Expeditionsvorbereitung

Junge Frau pumpt SUP auf, Kroatien.
In fünf Minuten werden aus unseren kofferraumtauglichen SUPs stabile Meeres-SUVs.

Doch die Kroatien-Fans in meinem Freundeskreis wurden mit den Jahren immer mehr, so dass ich letztlich gern bereit war, ihren Schwärmereien zu glauben und dem Balkan­land eine dritte Chance zu geben.

Da die Frau – zum Glück tat die verunglückte Hochzeitsreise der Ehe keinen Abbruch – im Schuldienst unabkömmlich war, fragte ich kurzerhand zwei Freunde, ob sich mich bei der Rehabilitierung Kroatiens begleiten wollten. Wollten sie.

Nun wusste ich nach meinen zwei Pleiten ja, dass nichts die passende Vorbereitung ersetzt – selbst (oder gerade?) bei einem eher »gewöhnlichen« Reiseziel wie Kroatien. Ganz besonders, wenn das Hauptaugenmerk unserer Tour nicht dem stundenlangen Brutzeln an weißen Kies­strände­n diene­­­n, sondern eine Vielzahl an Outdoorak­­­­­­tivi­täte­­­­n beinhalten sollte.

Folgerichtig verbrachte ich vor Reisestart einige Zeit auf Instagram, um die sehenswertesten wie einsamsten Orte des Landes ausfindig zu machen. Denn das Trauma von Reise Nummer zwei saß noch tief. Seinerzeit brachten nämlich Horden von Sonnenanbetern den Verkehr auf der Küsten­straße schon allein dadurch zum Erliegen, indem sie ihre Aufblas-Einhörner und Palmen­inseln vom Hotel auf der linken Straßenseite zum handtuchbreiten Strand auf der rechten Straßen­seite bugsierten.

Statt Baden wollen wir aber eh lieber Wandern, Mountainbiken und Stand-Up-Paddeln. Wenn uns dabei jedoch eine einsame Bucht vor den Kiel kommt, sagen wir aber natürlich auch nicht Nein.

The Art Of Vanlife

Als Vehikel zur Erfüllung unserer Reiseträume dient uns ein unauffälliges Reisemobil mit Klappdach und Küch­­e. Fünf Meter lang und zwei Meter breit ist damit keine Straß­e zu schmal und kein Weg zu eng. Diese Reiseform, die unter dem Oberbegriff Vanlife einen absoluten Boom erfährt, spricht auch jedes Outdoorer-Herz an. Frei wie ein Vogel durch die Lande vagabundieren, den Rückzugsort tagsüber und das Hotelzimmer für die Nacht immer dabei. Und im Koffer­raum, den zahlreichen Staufächern und auf dem Heckträger alles dabei, was man braucht, um die Natur zu erkunden.

Allein beim Kleingedruckten gibt es ein kleines Pro­blem. Anders als in Mitteleuropa – und ganz anders als in Skandinavien – ist das freie Übernachten im Reisemobil, selbst für nur eine Nacht, in Kroatien offiziell verboten. Da wir jedoch spontan aufs Wetter reagieren und uns von Lust und Laune treiben lassen wollen, bleibt nur die Hoffnung, dass die Campingplätze so flexibel sind wie wir.

Vanlife Kroatien
Einfach mal fragen: Der Besitzer dieses Hauses ließ uns eine Nacht in seinem »Vorgarten« campieren.

Es sollte uns in jedem Fall in die Karten spielen, dass wir sehr früh im Jahr unterwegs sind und die Hauptsaison im Juli/August noch in weiter Ferne ist. Diese Monate sollten Naturliebhaber ohnehin meiden, ab Mitte Sep­tember dagege­­n bis weit in den Oktober hinein lohnt Kroatie­­n ebenfalls.

Nach einer Fahrt durch die Nacht via Salzburg, Villach, Karawankentunnel und Zagreb landen wir gegen zwei Uhr an unserem ersten Übernachtungsspot. Und was für einem. Direkt dort, wo wir am nächsten Morgen von der Sonne geweckt werden, stand einst der Marterpfahl, an dem Old Shatterhand seiner mehr oder weniger gerechten Strafe entgegensah – und dieser durch eine riskante Kanu­fahrt auf der Zrmanja im Canyon unterhalb entging.

Im Reich der Fernsehhelden

Dabei muss man gar kein ausgemachter »Winnetou«-Fan sein, um diesem Landschaftsschmankerl etwas abzugewinnen. Denn die Locationscouts haben hier, wo Karstfluss auf Mittelmeer trifft, wirklich ganze Arbeit geleistet. Brauner Fels trifft auf grüne Büsche trifft auf blaues Wasser – sehr schick und so gar nicht das, was man gemeinhin als Bild von Kroatien im Kopf hat.

Als wäre das alles nicht schon schön genug, thront im Hintergrund das Velebit-Gebirge. Der Höhenzug streckt sich über fast 150 Kilometer von Nord nach Süd, erreicht eine Höhe von über 1700 Metern und bietet die schönste­n Mehrtageswanderungen Kroatiens. Und da Winnetous Locationscouts auch stets die Produktionskosten im Blick hatten, liegt dort, keine 30 Kilometer Luftlinie vom Zrmanja-­Plateau entfernt, der zweite bekannt­­e Dreh­or­­t. Rund um den zerklüfteten Karstgipfel des Tulove ­Gred­e wurden Schlachten geschlagen, Goldschätze versteckt und Helden erschossen – so findet man dort die fiktiven Gräber von Winnetous Schwester Nscho-tschi, Winnetous Vater und des Apachenhäuptlings höchstselbst.

Uns zieht es jedoch weiter ans Meer und auf die Insel Dugi Otok. Denn auch das ist eine Lehre aus der missglückten Hochzeitsreise seinerzeit. Irgendwie hatten wir damals keine Lust auf lange Wartezeiten an den Fährterminals und haben daher die Inseln komplett außen vor gelassen. Doch das, so wurde uns hinterher beschieden, sei ein großer Fehler gewesen, denn die wahre Schönheit Kroatiens erlebe man nur auf den Inseln.

Einsamkeit auf Dugi Otok

In der Praxis entpuppt sich das »Fährwesen« so einfach wie bei uns das Busfahren. Je nach Inselgröße werden die Eilande bis zu fünf Mal täglich angelaufen und man muss nichts vorreservieren. Einfach 45 Minuten vor Abfahrt da sein, einen vergleichsweise schmalen Obulus entrichten und los geht’s zur Minikreuzfahrt. In unserem Fall sind das 90 Minuten nach Brbinj.

Dugi Otok bedeutet so viel wie Lange Insel. Von Nord nach Süd sind es 45 Kilometer, in der Breite aber nur drei bis vier Kilometer. Knapp 1500 Einwohner leben dort, so dass wir uns schnell ausrechnen können, wie viel Platz für uns übrig bleibt. Zunächst geht es ganz in den Süden, wo der Naturpark Telašćica gleich zwei geologische Eigen­arten präsentiert. Zum einen findet man hier bis zu 90 Meter hohe Klippen, die senkrecht ins Meer abfallen, zum ­anderen den See Mir, dessen salziges Wasser endemische Tierarten wie den Kaj­man-Aal beherbergt. All das er­kunden wir bequem mit unseren Mountainbikes vom Parkplat­­z am Ende der Straß­e aus. Sie sind die perfekten Werkzeuge für unsere Vorstellung eines aktiven Urlaubs – sei es nun zum Brötchenholen am Morgen, zum Überbrücken der Extrameile in Richtung einsamer Bucht oder zum täglichen Workout mit permanent kühlendem Gegen­wind. Rennräder, Trekkingbikes oder Gravel­bikes in Ehren, doch der oft lose wie grobe Kalksteinschotter macht die dicken MTB-Reifen unverzichtbar, will man auch kleinste Pfade erkunden.

Am Abend tuckern wir an die Nordspitze der Insel. Die dortige Landmarke, der Leuchtturm Veli Rat, ist nur schwer zu verfehlen. Er gilt als einer der schönsten (und höchsten) im Adriaraum und beherbergt sogar eine Ferienwohnung. Wir steuern dagegen den Campingplatz Kargita nebenan an, der naturnahe Stellplätze mit direktem Meer- und Sonnenuntergangsblick bietet.

Noch bevor wir dem (durchaus aushaltbaren) Insel­koller auf Dugi Otok erliegen, satteln wir die Pferde und setzen wieder aufs Festland über. Jetzt in der Nebensaison haben wir dafür zwei Optionen: um sechs Uhr in der Früh oder um 17 Uhr. Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang? Wir wählen Ersteres und stehen müde, aber staunend an Bord, als die Sonn­e je nach Position der Fähre gefühlt gleich ein Dutzen­d Mal aufgeht.

Auf nach Königsmund

Nächster Stopp: die Makarska Riviera. Als wir jedoch von der Autobahn im Landesinneren Richtung Meer abbiegen und durch eine­n sieben Kilometer langen Tunnel das schroffe Biokovo-Gebirg­­e unterqueren, zeigt das Wetter Kroatiens mal, was es draufhat. Durch das Temperaturgefälle zwischen warmem Mittelmeer und kalten Bergen entstehen hier manchmal Fallwinde, die es in sich haben. Je nach Saison und Region heißen sie Bora, Jugo oder Maestral. Heute haben wir Bora, abgeleitet vom griechischen Boreas, dem Gott der Nordwinde. Bis zu 250 Sachen schaffen die stärksten Böen und das Meer ist nahezu komplett weiß. Schaumkronen gischten ohne jed­wede Struktur hin und her, wobei die Wellen kaum meterhoch sind. Würde man jetzt ein Sportgerät wassern, man wäre wohl in unter einer Stunde in Italien. Oder auf dem Weg gen Afrika …

SUP an der kroatischen Adria

Ohne Wind und Welle ist Stand-Up-Paddeln wirklich kinderleicht. Doch wehe, die Bora erwischt einen.

Also streichen wir Makarska von der Liste und rollen weiter gen Dubrovnik, die Perle der Adria und zusammen mit Venedig schönste Stadt am Mittelmeer. Folgt man einfach den Straßenschildern, staunt man wenig später nicht schlecht, wenn plötzlich die Grenze zu Bosnien-Herzegowina auftaucht. Aber man wollte doch nach … Ja, aber im Zuge der Befriedung der involvierten Staaten nach den Jugoslawienkriegen bestanden die Bosnier auf einem Zugang zum Mittelmeer rund um die Stadt Neum. Und so muss man für zehn Kilometer Strecke eine EU-Außengrenze überqueren, was je nach Laune der Grenzer und des Verkehrsaufkommens schon mal ein Weilchen dauern kann. Alternativ kann man auch eine Fähre von Ploçe aus nehmen und den Korridor so umschiffen. Das dauert aber locker zwei, drei Stunden länger und kostet. Alternativ wartet man bis Ende 2022, bis eine neue Brücke vor Neum eine Meerenge abkürzt, so dass man das kroatische Terri­torium nicht verlassen muss.

Aber egal wie, Dubrovnik ist jede Mühe wert. Zumindest außerhalb der Hauptsaison. Denn seit die Stadt als Kulisse für das fiktive Königsmund in »Game of Thrones« diente – immerhin die erfolgreichste Serie aller Zeiten –, ist das Thema Overtourism leider nicht mehr wegzudiskutieren. Daher haben unsere drei goldenen Reiseregeln auch hier ihre absolute Gültigkeit: antizyklisch, antizyklisch und ­anti­zyklisch. April statt August, morgens um sechs statt mittags um zwölf und wochentags statt Wochenende heißt die Devise. Wohl dem, der darüber hinaus neben den Bikes noch eine zweite Geheimwaffe im Kofferraum spazieren fährt: aufblasbare Stand-Up-Boards.

Im Nu sind die Teile aufgeblasen und wir lassen sie in der Schwarzwasserbucht zu Wasser. Direkt neben den mächtigen Stadtmauern der Altstadt gelegen, war die Bucht in GOT eine beliebte Location für Abschiede und Fluchten übers Meer. Wir paddeln einmal links und einmal rechts an den bereits im achten Jahrhundert errichteten Befestigungen vorbei und stellen uns vor, wie entmutigend dieses Bollwerk aus bis zu 27 Meter hohen Mauern auf potenzielle Eroberer gewirkt haben muss – egal ob es sich dabei um den fiktiven Stannis Baratheon oder die streitbaren Sarazenen oder Mongolen handelt.

Nach zwei Tagen ganz im Süden Kroatiens ist es an der Zeit, die Vanspitze wieder Richtung Norden zu richten. Nächstes Ziel ist die Küstenstadt Omis. Hier haben wir auf der MTB-App »Trailforks« ein Netz aus Biketrails entdeckt, angelegt von umtriebigen Locals, das wir er­kunden wollen. Die Namen klingen schon mal sehr vielversprechend: Vipe­­r, Viagra und Starsky & Hutch.

Rund 300 Höhenmeter kann man sich hier über eine asphaltierte Straße vom Meer nach oben schrauben. Start für die Abfahrt ist ein verlassener Steinbruch. Von dort windet sich ein wunderschöner Singletrail mit kleinen Sprüngen und erhöhten Kurven, den sogenannten Anliegern, quer zum Hang mit moderatem Gefälle Richtung Meer. Obwohl wir keine Bikeprofis sind, können wir der Strecke viel Fahrspaß abgewinnen und durch zig Wiederholungen an unserer Technik feilen. So stehen am Ende stolze 1200 Höhenmeter und exakt gleich viele Abfahrtsmeter auf dem Tacho.

Privatbucht zum Finale

Nach sieben Tagen, von denen ein Tag besser als der ander­­e war, steht nur noch eines auf unserem Wunschzettel: ein Nachmittag in einer einsamen, windgeschützten Bucht. Richtig abhängen und mal »die Base chillen«. So fliegen wir nach dem Biken auf Google Earth virtuell die Küste hoch, um uns unsere Kirsche vom Buchten­kuchen zu picke­­n. Fündi­g werden wir schließlich rund 70 Kilometer unterhalb von Rijeka. Nichts wie hin.

Auch dort sticht wieder unsere Geheimwaffe SUP. An einen per Auto erreichbaren Strand fahren, schnell die Brette­­r auspacken, Proviant und Ersatzkleidung im Trocken­sack verstauen und einfach »rüber- bzw. rum­machen«. Kein­e 100 Meter Luftlinie vom trubeligen Parkplatz finden wir so tatsächlich »unsere« Bucht. Die Felsen sorgen für Sicht- und Lärmschutz, und der feine, vorgewärmte Kies wartet darauf, sich unterm Badelaken unseren Rücken anzupassen. Es ist absolut windstill und die Adria liegt ähnlich ermattet vor uns, wie wir uns fühlen. Und wenn uns ab und an doch der Hafer sticht, schnappen wir uns einfach das SUP und drehen eine Runde. Und spätestens hier fällt der final­e Groschen: Kroat ist wirklich supergut!


DAS NEHM ICH MIT

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MICHAEL NEUMANN
Der Chefredakteur des ­Globetrotter Magazins zieht seit jeher jedes ­Aufstelldach einer Hotelsuite vor.

Text: Michael Neumann
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