Paddeln auf der Dordogne

Zu schön, um wahr zu sein? Die Dordogne ist der Traum eines jeden Wanderpaddlers: ungebändigt, verwunschen und flankiert von märchenhaften Schlössern. Leinen los zu einem Familienabenteuer der Extraklasse.

Zu schön, um wahr zu sein? Die Dordogne ist der Traum eines jeden Wanderpaddlers: ungebändigt, verwunschen und flankiert von märchenhaften Schlössern. Leinen los zu einem Familienabenteuer der Extraklasse.

Dordogne? Schönster Fluss Frankreichs, aber in der Hochsaison völlig überlaufen. So schallt es unisono aus dem paddelnden Bekanntenkreis, als wir von unseren Pfingstplänen berichten. Vier Familien, vier Kanadier, zwei Kajaks, zwölf Kinder, zehn Tage Zeit und ein naturnaher Weitwanderfluss. Eher überlaufen wir die Franzosen mit unserer Armada. Doch dann kommt die Entwarnung. Wann ist in diesem Jahr doch gleich Pfingsten? Ahhh, Ende Mai, das passt, denn voll ist es auf der Dordogne primär von Anfang Juli bis Mitte September. Kaum sind wir auf dem Wasser, werden wir auch schon von einem Gewitter überrascht. Beim Beladen der Boote auf dem Campingplatz in Argentat schien noch die Sonne durch die Bäume, doch jetzt hat uns eine dunkle Wolkenmasse eingeholt, die vom Zentralmassiv über unsere Köpfe geblasen wird. Schnell legen wir an der Kaimauer von Argentat an und erreichen gerade noch rechtzeitig die schützende Markise einer Pizzeria. Auch hier gibt es große Augen. Wie viele seid ihr? Doch dann werden Tische zusammengeschoben und Stühle organisiert und alle bekommen einen Platz im Trockenen und eine leckere Pizza.

Michael Neumann

Es ist die perfekte Atmosphäre, um gedanklich ein Jahrhundert zurückzureisen. In eine Zeit, als das malerische Argentat ein wichtiger Flusshafen an der Dordogne war: Auf dem Kai liegen Tierhäute, Säcke mit Esskastanien und Truhen voller Ziegenkäse. Vor allem die großen Eichenfässer für die Weinindustrie rund um Bordeaux dominieren das Bild. Dutzende Arbeiter schleppen die Ladung über schmale Stege an Bord der alten Holzkähne. Ein alter Skipper nimmt seinen großen, schwarzen Hut ab und die Stimmen verstummen. Der Alte schlägt ein Kreuz, hebt die Hände zum Himmel und ruft: »Im Namen Gottes und der Heiligen Jungfrau – raus auf die Dordogne!«

im Einweg-Boot zum Jüngsten Gericht

Auch für uns wird es Zeit, aufzubrechen. Der Regen hat aufgehört und der Fluss dampft im Frühsommerlicht. Vögel kreisen um die Türmchen, die die Dächer der vornehmen Altstadthäuser schmücken. Das letzte Regenwasser tropft von den Balkonen in die Dordogne. Wir lassen uns vom spiegelglatten, aber flott fließenden  Fluss mitnehmen. Nach der Zwangspause kurz nach dem Start kann unsere Reise nun endlich beginnen. Aber es dauert nicht lange, bis wir wieder überrascht werden: In der Dordogne taucht plötzlich eine Stromschnelle auf, die sich durch ein Chaos von Granitfelsen gebildet hat und in einer stehenden Welle mündet. Also schnell rechts anlanden und besichtigen. Links könnte man die Hauptschwierigkeit eventuell umfahren, doch unsere Kinder vertrauen den Steuermännern und fordern eine Befahrung der Stromschnelle. Nacheinander navigieren wir unsere schwer bepackten Kanadier unter lautem Gejohle der Kinder durch die Wellen.

Meist strömt der Fluss ruhig dahin, nur die erste Tagesetappe sorgt für mehr Aufregung, als vielen lieb ist.

Normalerweise gebärdet sich die Dordogne nicht so wild, doch wenn der Pegel nach starken Regenfällen oder während der Schneeschmelze steigt, entstehen einige tückische Stromschnellen, in denen schon viele Kapitäne aus Argentat ihre Schiffe samt Ladung verloren. Weil sie zudem ihre Kähne nur schwerlich gegen die Strömung zurückziehen konnten, reisten die Skipper in vergangenen Zeiten nicht über den Wasserweg zurück. Vielmehr rissen sie ihr Schiff in Bordeaux oder Bergerac ab, verkauften das Holz und wanderten die 250 Kilometer zurück nach Argentat, um dort ein neues »Einweg-Schiff« zu bauen.

Bald erreichen wir das nächste Dorf an der Dordogne: Beaulieu. Liebhabern der romanischen Kunst sei ein Abstecher zur Église St-Pierre wärmstens empfohlen. Das »Jüngste Gericht« über dem Südportal gilt als Meisterwerk der romanischen Bildhauerei.

Um die Staustufe bei Beaulieu zu umfahren, gleiten wir über eine Bootsrutsche am linken Ufer in einen schmalen, schnell fließenden Seiten-kanal. Nach wenigen Hundert Metern kommen wir zurück in den Hauptfluss, wo das Ziel unserer heutigen Etappe liegt: Camping Huttopia Beaulieu sur Dordogne. Spätestens als die Kinder den zugehörigen beheizten Pool entdecken, werden sämtliche Bedenken ob einer vermutlich asketischen Kanutour über Bord geworfen. Kanufahren auf der Dordogne ist nicht zwingend eine Pilgerwanderung auf Knien nach Sparta, sondern das Maß an Wildnis und Abgeschiedenheit kann fein mit den Freuden der Zivilisation abgeschmeckt werden. Später, als es dunkel geworden ist, sehen wir in der Ferne über dem Zentralmassiv Wetterleuchten. So bald wird der Wasserstand nicht sinken …

Michael Neumann

Nach dem Zusammenfluss mit der Cère wechselt nicht nur die Landschaft ihren Charakter, auch die Dordogne ist nun weitestgehend gezähmt. In großen Schleifen sucht sie sich ihren Weg durch die Kalksteinebenen Causse de Martel und Causse de Gramat. Steile Klippen und sanfte Hügel, bestanden mit Kastanien und Walnussbäumen, wechseln sich ab. Auf den höchsten Felsen throne-n Burgen und Festungen, von denen sich Franzosen und Engländer während des Hundertjährigen Krieges im 14. und 15. Jahrhundert gegenseitig beschossen. Die Dörfer, die hier an der Dordogne liegen, gehören zu den schönsten in ganz Frankreich. Eins von ihnen ist Carennac, das wir am frühen Nachmittag erreichen. Rund um das Schloss aus dem  16. Jahrhundert erstreckt sich ein Labyrinth aus engen Gassen und kleinen alten Häusern. Geschnitzte Türen und üppige Gärten sind ein Fest für das Auge, keine einzige Satellitenschüssel trübt den Eindruck längst vergangener Epochen. Nur der Blick nach unten will nicht so recht ins Bild passen: Das schöne alte Kopfsteinpflaster ist unter modernem und glattem Bitumen verschwunden. Hat man Angst, dass die Touristen sich die Haxen brechen könnten? Fürchtet der Bürgermeister, sein Dorf könnte als zurückgeblieben empfunden werden? Oder sind wir es, die zu sehr an Authentizität und historischer Romantik hängen?

In der Hochsaison sind bis zu 500 Leihkanus täglich auf der Dordogne. Wir sehen in einer Woche zwei.

Am Abend laufen wir eine Insel inmitten der Dordogne an. Für heute Nacht unsere Insel. Die Kinder sind darüber noch begeisterter als über den Pool. Während wir die Zelte aufbauen, sammeln sie Treibholz zum Feuermachen und spielen Verstecken im Auenwald. Am Abend erzählen wir ihnen Schauergeschichten von furchtbaren Drachen und furchtsamen Prinzessinnnen am Lagerfeuer. Scheinbar nicht eindrücklich genug, denn während wir Erwachsene in den Zelten verschwinden, beschließen die Kinder eine gemeinsame Nacht unterm Sternenhimmel.

Auch am nächsten Morgen lässt uns diese Sagenwelt noch nicht los: Nachdem wir die Burg von Belcastel hoch über uns passiert haben, gleiten wir mit den Booten in eine enge, etwa 30 Meter lange Höhle. Der geisterhaft beleuchtete Raum wurde von einem unterirdischen Fluss geformt, ähnelt jedoch mehr dem Bauch eines der Ungetüme aus unseren Träumen. Der Brustkorb wird von Wellen in den gewölbten Höhlenwänden gebildet, der knöcherne Kamm an der Decke geht perfekt als riesige Wirbelsäule durch. Als wir zurück ins grelle Sonnenlicht kommen, fühlen wir uns wie Jona, der vom Wal ausgespuckt wurde.

Kinder über Bord

Wenig später zeigt die Dordogne dann tatsächlich ihre Zähne. An einer selbst für uns erfahrenen Paddler unscheinbaren Stelle, an der zwei Flussarme aufeinandertreffen, türmt sich in Flussmitte in unregelmäßigen Abständen ein merkwürdiger Wasserpilz auf. Nachdem zwei Kanadier die Stelle ohne Probleme passiert haben, wirft der Pilz das dritte Boot wie von Geisterhand in Sekundenschnelle um. Und sofort wird aus der lustigen Spritztour eine bemerkenswerte Lehrstunde. Überall treiben Packsäcke und Kinderköpfe. Zum Glück tragen alle Passagiere, klein wie groß, auftriebsstarke Schwimmwesten. Und die Wassertemperatur ist mit 17 Grad im frischen, aber grünen Bereich. Doch es dauert bei der flotten Strömung mehrere Hundert Meter und bedarf der Hilfe der restlichen Gruppe, bis alle Passagiere und das Gepäck sicher am Ufer sind. Bis auf ein geflutetes Handy sind keine Verluste zu beklagen, doch der Schreck sitzt den Kindern in den Gliedern. Höchste Zeit fürs Nachtlager, das wir gleich an Ort und Stelle errichten. Jetzt, in der Nebensaison, wenn zudem erst die Hälfte der Campingplätze offen hat, ist das durchaus geduldet. Im Juli/August allerdings, wenn pro Tag bis zu 500 Leihkanadier auf dem Wasser sind, sollte man sich das wilde Zelten unbedingt verkneifen, um nicht andere auf ähnliche Ideen zu bringen. Der Fluss selbst hält die perfekte Balance zwischen solch intimen Orten und der großen landschaftlichen Geste. Wie etwa bei der Cingle de Montfort, einer Felswand, die wie ein enormes Amphitheater in einer Flussschleife liegt. Oberhalb dieses Theaters thront eine imposante Burg, und als Paddler sitzt man sprichwörtlich in der ersten Reihe.

Vom Krieg zum Karneval

Nicht minder imposant ist das Dorf La Roque-Gageac: Als würden sie Schutz suchen, schmiegen sich die Häuser an eine überhängende Felswand. 1957 löste sich  daraus Gestein und begrub einen Teil des Dorfes unter sich. Heute ist La Roque-Gageac ein beliebtes Ziel für Touristen. Als wir am nächsten Morgen aufbrechen, zeigt es sich jedoch von seiner magischen Seite: In einer Mischung aus Nebel und Sonnenschein scheint das Château de la Malartrie am westlichen Rand des Dorfs wie ein Luftschloss über dem Fluss zu schweben. 

Lagerplätze werden am nächsten Morgen sauberer hinterlassen, als man sie vorgefunden hat.

Heute steht die populärste Etappe auf dem Programm, malerische Dörfer und Schlösser wie Castelnaud, Fayrac und Beynac-et-Cazenac preisen sich der Reihe nach von ihrer schönsten Seite. Als die Sonne den Morgennebel verdrängt hat, gleicht der Fluss immer mehr einem schwimmenden Zirkus. Repliken von alten Kähnen fahren ein und aus. Anstelle von Fellen und Holz sind sie mit Touristen vollgepackt. Statt Kommandos des Kapitäns tönen Lautsprecheransagen über die Burgen hoch über uns. An diese ausgelassene, fast schon volksfestliche Atmosphäre müssen wir uns nach Tagen der Beschaulichkeit erst mal gewöhnen. Doch ein Blick zurück in die Vergangenheit lässt uns den Trubel gelassener betrachten: Während des Hundertjährigen Krieges bildete das Schloss Castelnaud den britischen Stützpunkt, während die Franzosen die Bevölkerung aus der Burg Beynac terrorisierten. Im Vergleich dazu ist der heutige Karneval nicht mehr als ein fröhlicher Sturm im Wasserglas.

Landfall in Beynac

Unterhalb Beynac, so heißt es, habe man den Fluss wieder für sich allein. Er sucht sich seinen Weg durch ein herrliches Labyrinth aus Seitenarmen, halb überschwemmten Hainen und dschungelartigen Inseln. Nur an Schlössern, da haben die Franzosen auf diesem Abschnitt ein bisschen gespart. Wir jedoch rammen am Campingplatz Le Capeyrou in Beynac unsere Erobererfahne ins Ufer und wuppen die Boote die Böschung hinauf. Nach unseren »entbehrungsreichen« Robinsonaden an einsamen Flussufern gibt es heute wieder eine Poolparty und ein feines Essen mit Blick auf den schönsten Fluss Frankreichs. Bon appétit.

Text: Michael Neumann / Paul Smit
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