Come Hell or High Water

Der Stikine in British Columbia gilt als Everest der Wildflüsse. 1999 versucht sich eine Gruppe deutscher Paddler erstmals an einer Komplettbefahrung von der Quelle bis zur Mündung.
Michael Neumann

Es ist die Königsdisziplin beim Paddeln: einen Fluss von der Quelle bis zur Mündung ins Meer zu befahren und dabei das Anwachsen seiner Kraft und den Wandel der Landschaft zu erfahren. 1999 wollten wir genau dies auf dem 539 Kilometer langen Stikine im Norden British Columbias versuchen. Als erste Paddler überhaupt. Das Problem: Ober- und Unterlauf, die nur mäßige Schwierigkeiten aufweisen, werden von einer 90 Kilo­meter langen Schlucht unterbrochen, um die sich so mancher Mythos rankt. Etwa: »Baumstämme treiben hinein, Streichhölzer kommen heraus«. Noch dazu wimmelt es darin von Zwangspassagen, die vor einer Befahrung nicht besichtigt, geschweige denn umtragen werden können.

Erst mild, dann wild

Als wir nach einem eineinhalbstündigen Flug mit dem Wasserflugzeug am Quellsee des Stikine die Boote zu Wasse­­r lassen, zeigt sich der Fluss von seiner freund­licheren Seite. Nur einmal müssen wir auf den knapp 200 Kilo­metern eine Stelle umtragen, der Rest ermöglicht uns ein flotte­s Vorankommen. Fern jeder Zivilisation zischt der Fluss überaus zügig durch ein waldiges Hochtal. Nur einmal wird es brenzlig, als eine Elchkuh mitten in der kehrwasserlosen Strömung steht und wenig Anstalten macht, vor uns Reißaus zu nehmen.

Zahlreiche Nebenbäche lassen die Wassermenge kontinuierlich ansteigen, so dass wir den Eingang zur Schlucht nach nur fünf Tagen erreichen. Unsere Infos über die zu erwartenden Schwierigkeiten sind spärlich. Wir haben eine Loseblattsammlung mit Erinnerungen eines US-Paddlers, der die Schlucht bereits zwei Mal gemeistert hat, und eine Empfehlung bezüglich des Wasserstands, abzulesen an eine­m hausgroßen Stein im Eingang zur Schlucht. »Five foot go, one foot no.« Bei uns ragt er höchstens einen halbe­n Fuß aus den Fluten.

»Heute kann man den Stikine vorab auswendig lernen – Gopro und Youtube sei Dank.«

Also folgt Plan B. In der Hoffnung, der Pegel möge wieder fallen, nehmen wir uns zunächst den 250 Kilo­­meter langen Unterlauf bis in den Golf von Alaska vor. Eine Woche brauchen wir für den zweiten Teil unserer fabel­haften Reise. Entspannt in Flussmitte treibend, be­obachte­­­n wir zahlreiche Bären am Ufer und lassen die gewaltig­­e Bergkulisse an uns vorüberziehen. Leider regnet es während dieser Zeit nahezu unentwegt im Inland, so dass wir, zurück am Einstieg zur Schlucht, feststellen müsse­­n: »No foot.«

Blindflug durch die Schlucht

2001 sind wir zurück, um das fehlende Stück zum Source-to-Sea-Puzzle hinzuzufügen. In den letzten zwei Jahren hat es niemand durch die Schlucht geschafft, so dass wir keine neuen Infos sammeln konnten. Trotzdem verzichten wir mangels Budget auf einen möglichen Helikopterflug, um die Lage in der Schlucht auszukundschaften. Drei Tage lang zittern wir uns durch den Schlund. Neben dem verhältnismäßig hohen Wasserstand macht uns auch das ungewöhnlich gute Wetter zu schaffen. Oft können wir im Gegenlicht die Route nur schwer erkennen. Einmal müssen wir sogar kapitulieren. Die gleißende Sonne lässt den Katarakt vor uns wie Dantes Inferno erscheinen. Statt auf der geplanten Sandbank flussab biwakieren wir notgedrungen auf einem schmalen Geröllstreifen zwischen Felswand und Fluss.

Am nächsten Morgen, ohne Sonne, meistern wir auch diese Stelle. Als wir schließlich in Telegraph Creek ankommen, sind wir tatsächlich die Ersten, die jeden Meter auf dem Fluss gepaddelt sind – aber das hat uns auch mehr als ein graues Haar gekostet.

Text: Michael Neumann
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