Mit Allrad durch Namibia. Zwischen (Wüsten)elefanten und den Tropen.

Auf der Suche nach unendlicher Weite, bei der wir uns sicher sein können, dass sie auch am Horizont noch nicht zu Ende ist.

Während unser Kajak zwischen den Wellen des Atlantik schaukelt, zeichnen sich am Horizont die Dünen der Namib-Wüste ab. Auf der anderen Seite, am Himmel über dem Ozean, bildet sich gerade eine kilometerbreite Wolke. Jeden Nachmittag, ungefähr zur selben Zeit, zieht diese Wolke wie eine graue Walze über den Ozean, die Küste, bis sie schließlich an den Dünen der Namib hängen bleibt. Die Luft ist dann plötzlich kühl und feucht. Es sieht aus, als würde es jeden Moment zu regnen anfangen. Das aber tut es nie.

Pünktlich zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen wirkt es dann, als wäre nie eine Wolke da gewesen. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne brennt.

So war es auch heute Morgen, als wir an dieser Bucht nahe Walvis Bay unser Kajak ins Wasser gelassen haben. Vom Salz in der Luft haben wir hier allerdings kaum mehr etwas gerochen – stattdessen hängt überall um uns herum der fischig-würzige Geruch Tausender Robben. Ihretwegen sind wir hier – auf der Suche nach einem ganz besonderen Abenteuer.

Die Robben quietschen und schnauben, als wir das Kajak über den Sand ins Wasser ziehen. In sicherer Entfernung zu den Tieren, um ihnen nicht zu nahe zu kommen. Trotzdem erregen wir ihre Aufmerksamkeit. Manche drehen sich, rappeln sich auf. Schauen verdutzt mit ihren schwarzen Kulleraugen in unsere Richtung.

Mit dem Kajak zwischen Dutzenden Robben

Der eigentliche Zauber aber beginnt, sobald wir unsere Paddel die ersten Male ins kalte Wasser des Atlantiks stoßen. Mit einem riesigen Tumult, Quietschen, Grölen, Pflatschen, machen Hunderte Robben beinahe gleichzeitig einen Satz ins Wasser. Als hätten sie nur auf uns gewartet. Sie begleiten unser Kajak, ein paar rechts, ein paar links. Vorne und hinten. Springen immer wieder über den Bug, schauen neugierig zu uns herüber. Manche winken mit ihren Flossen, andere beißen neugierig in unsere Paddel, die wie Fremdkörper zwischen uns und den Robben im Wasser liegen. Und wir – wir sind mittendrin. Zwischen den Wellen und den Robben. In einem Naturschauspiel, wild und unvergesslich. Als mein Blick schließlich auf die Dünen de Namib-Wüste fällt, die sich hinter dem Robbenstrand am Himmel abzeichnen, muss ich grinsen.

»Namibia, wie schaffst du das nur? «

Dass ich immer wieder sprachlos bin. Begeistert. Überwältig. Jetzt gerade in diesem Moment, aber auch gestern erst, als wir den Sonnenuntergang von eben diesen Dünen aus bestaunt haben. Namibia ist so unendlich weit, gleichzeitig so nah. Unendlich weit, weil ich selten zuvor eine Wildnis wie diese erlebt habe. So viel Platz, so wenig Zivilisation, die das Bild schneidet.

So nah, weil hier die Namib-Wüste auf den Atlantik trifft, Wüstenelefanten die Nachbarn einer Robbenkolonie sind. Weil eine der entlegensten Gegenden Afrikas, die gleichzeitig als eine der trockensten, lebensfeindlichsten Regionen gilt, in einen Dschungel voller Leben übergeht. Namibia hält einen ganz eigenen Zauber inne. Den haben wir schon an unserem ersten Abend in der Wüste zu spüren bekommen. Den werden wir an all den nächsten Abenden spüren, die auf diese Paddeltour zwischen Dutzenden Robben folgen werden. Mit Allrad und Dachzelt reisen wir durch die älteste Wüste der Welt bis ins Kaokoland, das heute als das letzte wilde Abenteuer des südlichen Afrikas gilt. Bis wir schließlich in einer tropischen, grünen Region voller Leben ankommen, in der uns nur eine Grenze vom Okavango-Delta trennt.

Sonnenaufgang in der ältesten Wüste der Welt

Ich lasse Sand durch meine Hand rieseln und schaue ihm dabei zu, wie er, glitzernd in der Sonne, die steile Dünenflanke vor mir nach unten rieselt.

Hier, auf dieser Düne in der Namib-Wüste ist es so still, dass ich mich anstrenge, irgendein Geräusch zu hören. Insgeheim warte ich darauf, dass der Sand leise klimpert, wenn er fällt.

Und mein Blick, der verliert sich in einem Meer aus Sand. Die Wüste hört auch nach dem Horizont längst nicht auf. Mit „längst“ meine ich, dass sie sich über 2.000 Kilometer weiter Richtung Südafrika zieht. Düne an Düne, Sandkorn für Sandkorn.

Irgendwo zwischendrin eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten: Dead Vlei. Eine ausgetrocknete Tonpfanne, in der heute versteinerte Bäume stehen: Akazien, die teilweise bis zu 500 Jahre alt sind, und von einer Zeit erzählen, in denen die Dünen aus dem Wasser ragten.

Heute ist das nächste Wasser ein sehr salziges: der Atlantik. Obwohl es beim Blick auf dieses Meer aus Sand schwer zu glauben ist, dass die Küste noch nicht einmal hundert Kilometer entfernt ist.

Schon jetzt hat mich Namibia endgültig in seinen Bann gezogen.

Dabei sind wir, Felix und ich, gerade erst seit ein paar Tagen hier. Und das größte Abenteuer, das wartet erst noch auf uns.

Zwischen Sand-Tornados und Schlaglöchern

Wir haben fast 180 Liter Diesel in unseren Tanks, als wir das letzte Stückchen Zivilisation hinter uns lassen. Wasser für zehn Tage und genauso viel Essen. Zu unserer Notfallausrüstung gehören nicht nur zwei Ersatzreifen und ein Kompressor, weil wir auf den steinigen Pisten ständig unseren Reifendruck anpassen müssen – sondern auch ein GPS-Notfallsender, mit dem wir in brenzligen Situationen eine SMS mit unseren Standort-Koordinaten an die internationale Rettungsleitstelle senden können. Handyempfang ist hier genauso rar wie frisches Gemüse.

„Wir sind gut vorbereitet, oder?“, frage ich Felix, der konzentriert durch die staubige Windschutzscheibe schaut, um uns auf dieser windigen Bergstraße sicher durch das Labyrinth an Schlaglöchern zu manövrieren. Es ist eine rhetorische Frage, wenn ich ehrlich bin. Weil ich gerade das Bedürfnis habe, noch einmal zu hören, dass wir die Theorie aus den Reiseführern richtig für die Praxis interpretiert haben.

Die Praxis liegt in Form eines Staubplateaus vor uns.

Das Kaokoland ist die wilde Region im äußersten Nordwesten Namibias. Im Westen grenzt die Skelettküste an den erbarmungslosen Atlantik, im Norden bildet der Kunene-Fluss die Grenze zu Angola. Es ist so groß wie die Schweiz, doch leben dort gerade einmal 17.000 Menschen. Sie zählen zu den Naturvölkern Afrikas, gehören überwiegend den Stämmen der Herero und Himba an. Noch heute leben die meisten von ihnen als Jäger und Sammler in einfachen Lehmhütten.

Seit drei Stunden schon werden wir auf den Autositzen durchgeschüttelt. 100 Kilometer sind wir seither gekommen. Sind von Sandpfannen, die weiter reichten als bis zum Horizont, über eine schroffe Passstraße gefahren.

Immer wieder stehen Sandwirbel wie kleine Tornados am Wegesrand in der Luft. Es scheint, als hätten sie nur darauf gewartet, bis endlich jemand ihren Weg kreuzt. Dann nämlich wirbeln sie sich nicht länger auf der Stelle in die Luft, sondern fegen zur Seite und über unsere Windschutzscheibe. Der Sand klirrt auf dem Glas, für ein paar Sekunden ist die Luft nichts als Orange, bevor die Weite wieder ganz klar vor uns liegt.

Die Stoßdämpfer ächzten. Mal müssen wir nach einer Passage durch scharfe Steine Luft aus den Reifen lassen, wenn wir vor der nächsten Sandpassage stehen. Mal müssen wir Luft hineinpumpen, wenn wir es durch ein Sandbett geschafft haben.

Jedes Mal, bevor ich die Autotür öffne, scanne ich die Umgebung ganz genau. Denn obwohl die raue Gegend lebensfeindlich scheint, gibt es hier ein paar ganz besondere Bewohner: Wüstenelefanten, die vor allem in den ausgetrockneten Flussbetten unterwegs sind.

Einer unserer größten Wünsche für dieses Abenteuer ist es, diese besonders angepassten Elefanten aufzuspüren – besser aber nicht in einem Überraschungsmoment, wenn ich mit dem Kompressor vor einem Autoreifen hocke.

Den Wüstenelefanten auf der Spur

An diesem Morgen sitze nicht ich auf unserem Beifahrersitz, sondern Chips. Er gehört dem Stamm der Herero an und betreibt die kleine, wunderbar wilde Campsite am Ufer des Hoanib-Fluss, auf der wir die letzte Nacht verbracht haben.

Chips weiß immer ungefähr, wie alle Einheimischen in seinem Dorf, wo sich die Wüstenelefanten gerade aufhalten. Denn die laufen die trockenen Flussbetten im Wochenrhythmus auf und ab. Auf der Suche nach den zwei Dingen, die im Kaokoland am rarsten sind: Wasser und Pflanzen.

Gerade aber fehlt von ihnen jede Spur.

Während Felix uns durch den tiefen Sand des Flussbettes lenkt, wedelt Chips immer wieder mit der Hand, um Felix zum Bremsen zu bringen. Dann kneift er die Augen zusammen, schüttelt aber kurz später den Kopf.

Keine Elefanten. Fast drei Stunden lang, in denen wir auf Schotter-Plateaus Halt gemacht, eine Palmen-Oase und ein Himba-Dorf passiert haben.

Drei Frauen des Dorfs, die volle Wasserkrüge auf ihren Köpfen zurück ins Dorf balancieren, geben Chips dann den entscheidenden Hinweis.

Und genau dann, als ich längst nicht mehr damit gerechnet habe, wedelt Chips wieder mit seiner Hand, schüttelt dieses Mal aber nicht den Kopf – sondern streckt seinen Zeigefinger triumphierend aus dem Fenster.

Elefanten, Giraffen, Antilopen.

Plötzlich sind sie alle auf einmal da, in dieser Oase aus Bäumen und Palmen, ein verlorenes Grün in einer so trocknen Region, in der teils jahrelang kein Regen fällt.

Und wir, wir sind mittendrin in diesem Schlaraffenland.

Bei Chips bleiben wir ein paar Nächte länger.

Hier haben wir einen Platz direkt am ausgetrockneten Flussbett, die Tage sind so einfach und wunderschön zugleich. Elefanten, Giraffen – und die galoppieren sogar direkt vor unseren Campingstühlen an uns vorbei. Die Natur ist wild und rau. Überall Sand, Fels, Dornen.

„Nicht mehr lang“, sagt Felix an unserem letzten Abend bei Chips am Lagerfeuer. Morgen geht unser Abenteuer weiter. Das Gegenteil von alldem hier wird es werden.

Nächstes Ziel: die Tropen

Namibias Nase im Nordosten hat einen Namen: Caprivi. Ein schmaler, 500 Kilometer langer Landstreifen, der entlang der Flüsse Kunene und Okavango an Angola, Botswana und Sambia grenzt.

Diese Region im Nordosten ist nicht nur eine der besiedeltsten Namibias, sondern auch die grünste.

Das berühmte Okavango-Delta in Botswana und auch die Viktoria in Sambia sind, vor allem für afrikanische Distanzen, zum Greifen nah. In den Flüssen hier wimmelt es nur so von Krokodilen, die Ufer sind übersäht von Gras, Sträuchern und Palmen. Zwischen ihnen sind Flusspferde zu Hause, Elefanten, Löwen, Giraffen, Zebras.

Ich tu mich immer noch schwer, all das zu begreifen: das Dünenmeer der Namib-Wüste, das auf den Atlantik trifft. Die Robbenkolonie an der Küste, die schroffe Einsamkeit und die unendliche Weite im Kaokoland. Und jetzt das hier. Ein Schlaraffenland, tropisch und voller Leben.

Wir sind nach Namibia sind wir gekommen, weil wir auf der Suche waren: nach unendlicher Weite, bei der wir uns sicher sein können, dass sie auch am Horizont noch nicht zu Ende ist. Nach echter Wildnis, die nicht weichgezeichnet wurde. Nach Natur, die nicht von Strommasten und Pipelines geschnitten wird.

Wer hätte gedacht – bei so vielen Erwartungen – dass wir nicht nur all das, sondern noch vieles mehr finden würden.

Text: Franziska Consolati
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