Zugspitze: Am kurzen Seil auf langer Tour

Wege auf die Zugspitze gibt es viele, einer der spektakulärsten ist zweifelsohne die wiederentdeckte Route »Eisenzeit«, die den historischen Spuren des Baus der Zahnradbahn folgt.

Meine erste alpine Klettertour beginnt denkbar schlecht: Ich bin gerade auf der B17 zwischen Augsburg und Garmisch-Partenkirchen unterwegs, als es wie ein Blitz in mich fährt – ich habe meine Schuhe vergessen! Leichte Panik kommt auf. Umdrehen und noch mal zurück nach Augsburg? Dann komme ich mindestens eine Stunde zu spät zum Treffpunkt. Aber die Turnschuhe an meinen Füßen sind sicher auch keine Option für die Kraxelei durch die raue Nordwand der Zugspitze. Also rufe ich zähneknirschend Ludwig, unseren Bergführer, an und berichte von meinem Fauxpas. Der lacht nur und kann mich beruhigen: »Größe 42/43? Hab ich da, ich bringe dir ein Paar mit.«

Am Parkplatz der Zahnradbahn am Eibsee treffe ich meinen Kollegen Julian, kurz darauf fährt auch unser Guide vor – mit einem zweiten Paar Schuhe im Gepäck. Ludwig Karrasch sieht aus, wie man sich einen Bergführer vorstellt: drahtig, durchtrainiert, kräftige Hände und ein vom Wetter gezeichnetes Gesicht. Allerdings ist es ein auffallend junges Gesicht, Ludwig ist mit seinen 27 Jahren noch immer einer der jüngsten staatlich geprüften Bergführer Deutschlands, obwohl er sein Zertifikat schon seit drei Jahren in der Tasche hat.

Zeitreise

Heute soll er uns hinauf auf die Zugspitze führen – und zwar durch die steile Nordwand. 2013 hatte Ludwigs Kollege Michael Gebhardt den alten Tunnelbauersteig wiederentdeckt und ein Jahr darauf den oberen Kletterweg bis zum Riffelgrat erschlossen. Extrem schwer soll die Kletterei nicht sein, ein guter Klettersteiggeher, der einen Vierer im Fels schafft, wird auch mit der »Eisenzeit« keine Probleme haben, versichert Ludwig. Für mich jedoch sieht die imposante Wand vom Parkplatz aus nahezu unbezwingbar aus. Wie mag sich das nur für die Arbeiter angefühlt haben, die hier vor 90 Jahren den Auftrag hatten, den Tunnelbau für die Zahnradbahn voranzutreiben?

»Wenn du als Bergsteiger alt werden willst, hat Risikominimierung oberste Priorität.«

In gerade mal 19 Monaten wurde zwischen 1928 und 1930 der Tunnel zwischen Riffelriss und Schneefernerhaus fertiggestellt. Um die ambitionierte Bauzeit einzuhalten, wurde an mehreren Abschnitten gleichzeitig gebaut und gebohrt – nicht nur von oben und unten, sondern auch am Tunnelfenster IV inmitten der Nordseite des Riffelkamms.

Unser erstes Ziel ist aber der unterste blecherne Sprengbahnaufbau beziehungsweise das Tunnelfenster I. Von der Haltestelle Riffelriss geht es gut 200 Höhenmeter in einfachen Serpentinen hinauf. Eine gute Gelegenheit für mich, Ludwig auf den Zahn zu fühlen. »Wie oft führst du die Tour?«, will ich wissen. »Locker zehnmal pro Saison.« Gut. Da wird er schon wissen, wo es langgeht. »Gab es schon mal Probleme in der Eisenzeit?« Ludwig grinst: »Keine Sorge, bisher habe ich noch jeden Gast sicher nach oben gekriegt. Meistens muss die Bergrettung ausrücken, weil Leute sich verstiegen haben. Die Route ist nicht leicht zu finden, deshalb macht es Sinn, einen Bergführer zu nehmen, wenn man sich nicht absolut sicher ist.« Doch noch ist der alte Tunnelbauer­steig gut erkennbar.

Zwoa Hoibe!

Inzwischen haben wir die ersten historischen Bauten erreicht. Immer wieder liegen Eisenteile herum, die der Tour ihren Namen geben: monströse Seilrollen, Bohrhaken, alte Schrauben. Ein rostiges Drahtseil entlang einer langen Querung gibt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. »Lieber nicht anlangen, der TÜV war schon länger nicht mehr hier«, mahnt Ludwig zur Vorsicht. Über die mindestens ebenso windige »Harakiri-Leiter« erreichen wir die Reste eines Stahlgerüsts mit großen Strahlern darauf. Kurz genießen wir den Ausblick auf den grün schimmernden Eibsee, dann bindet mich Ludwig ins Seil. Behände klettern er und Julian die folgende Schlüsselstelle vor. Bei den beiden sieht das so leicht aus! Ich hingegen versuche, den Abgrund rechts neben mir auszublenden, und bin froh, am Seil zu hängen. Spätestens jetzt ist klar, dass das hier ein echtes alpines Abenteuer ist.

Julian Rohn

Über zwei weitere Leitern erreichen wir das Tunnelfenster IV. Zeit für eine kurze Brotzeit. Ludwig versorgt uns mit Details der historischen Baustelle: »Die Schichten der Arbeiter, viele davon aus Peru, dauerten eine Woche. Übernachtet haben sie hier in den Tunnelfenstern. Zum Glück sind wir in Bayern, da kam zumindest das leibliche Wohl nicht zu kurz.« Aus einer Nische zieht er zwei leere Bierflaschen der Löwenbrauerei München. »Im Arbeitsvertrag war festgeschrieben, dass der Bauherr jedem Tunnelbauer pro Tag zwei halbe Liter Bier zur Verfügung stellen musste.« Na dann Prost.

Bevor wir die ausgetretenen Pfade verlassen und in die neu etablierte Klettertour durch die brüchige Nordwand starten, will ich von Ludwig mehr über den Job als Bergführer erfahren. Welche Voraussetzungen muss man mitbringen? Wie lang dauert die Ausbildung? »Die größte Hürde ist der Eignungstest. Du musst ein wirklich sehr guter Allrounder sein, um für die mindestens zweijährige Ausbildung zum staatlich geprüften Bergführer zugelassen zu werden. Getestet wird man in den Disziplinen Sportklettern, Fels, Eis/Hochtouren und Ski. In der Ausbildung selbst geht es nicht darum, dein persönliches Niveau zu steigern – vielmehr verbesserst du dein theoretisches Wissen und vor allem lernst du alles, was es zum sicheren Führen mit Kunden braucht.«

»Hat der Job deinen persönlichen Blick auf den Alpinismus verändert?«, will ich wissen. Ludwig hat dazu eine klare Haltung: »Früher war ich mit viel mehr Risiko unterwegs. Es gab sicher Situationen, wo ich Glück hatte, dass ich heil vom Berg zurückgekommen bin. Als Bergführer bewertest du Stellen weniger nach dem Motto ›Wie komme ich da hoch?‹, sondern eher danach ›Was könnte passieren?‹. Absolute Sicherheit kannst du natürlich nie garantieren, aber die Risikominimierung hat oberste Priorität. Wenn du als Bergsteiger alt werden willst, schadet diese Herangehensweise sicher auch bei privaten Touren nicht.«

Guter Mann. Am eigenen Leib merke ich, wie viel es ausmacht, wenn dir jemand ein sicheres Gefühl vermittelt. Zwar brauche ich für die ausgesetzteren Kletterpassagen immer noch länger als Ludwig und Julian, die sicher wie Bergziegen im steilen Fels unterwegs sind, aber zu keiner Zeit habe ich das Gefühl, mich über meinem Limit zu bewegen. Die Route ist abwechslungsreich – von anspruchsvollen Kaminen, bröseligen Rinnen, griffigen Plattenquerungen bis zu leichter Wandkletterei ist alles dabei.

Während eine Gondel nach der anderen über unseren Köpfen hinweggleitet, erklimmen wir Höhenmeter um Höhenmeter. Inzwischen ist mir klar, warum die Bergrettung bei dieser neuen alten Route Hochkonjunktur hat. Zwar gibt es immer wieder Bohrhaken zur Orientierung, aber im unübersichtlichen Gelände kann schnell mal ein böser »Verhauer« passieren. Wer sich hier versteigt, hat ein Problem.

Von der Nordwand ins Disneyland

Immer wieder wechselt Ludwig die Richtung, nimmt mich mal ans kurze Seil, um dann wieder ganze Passagen vorzuklettern und mich von oben nachzusichern. Julian, der mit seiner Kamera mal vor, mal hinter mir unterwegs ist, gibt mir Tipps zum besseren Klettern: »Ich weiß: Als Paddler vertraust du mehr auf deine Arme, aber versuche, aus den Beinen zu klettern. Das spart Kraft und gute Tritte geben dir Sicherheit.« Ha – das sagt sich so leicht! Doch der Blick auf den Zugspitzgipfel, der ständig zum Greifen nah scheint, spornt mich an. Nachdem wir ein steiles Schuttfeld gequert haben, kommt der für mich schönste Teil der Tour: In einigermaßen festem Fels steigen wir die letzten Meter zum Riffelgrat empor. Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick hinüber ins Lechtal bis zur Hochplatte und auf den Eibsee mit seinen vielen Inseln. High fives – die Nordwand ist geschafft!

Julian Rohn Vom Riffelgrat führt die Route über eine Abseilstelle hinüber ins Höllental – ab hier dient der Klettersteig als finaler Zubringer zum Zugspitzgipfel.

In bester James-Bond-Manier seilt mich Ludwig vom Grat 40 Meter bis zum Höllental-Klettersteig ab. Von hier sind es noch gut 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Als Nordwandbezwinger fühle ich mich beschwingt, das finale Stück auf dem einfachen Klettersteig kommt mir vor wie ein lockeres Auslaufen.

Und plötzlich finden wir uns in Disneyland wieder: am Gipfel Touristen in Flipflops und mit Selfie-Stick, dahinter die riesige Baustelle an der Gipfelstation. Kräne, Gerüste und dazwischen Hunderte wuselnder Menschen, die auch die Aussicht vom höchsten Punkt Deutschlands genießen wollen. Eben noch allein in der Nordwand, jetzt inmitten drängender Menschenmassen – größer könnte der Kontrast nicht sein.

Julian Rohn Eben noch einsam aufsteigen, jetzt artig anstehen: Der Kontrast an Deutschlands höchstem Gipfel könnte nicht größer sein.

Wir reihen uns ein in die Schlange für die Talfahrt mit der Gondel. In knapp zehn Minuten schweben wir die 1945 Tiefenmeter hinab. Staunend und stolz werfe ich einen letzten Blick aus dem Fenster auf unsere Route. Wow, da sind wir gerade hoch!

Als ich nach der Verabschiedung am Parkplatz in mein Auto steigen will, pfeift mich Ludwig zurück: »Du wirst nicht der letzte Gast gewesen sein, der sein Equipment vergisst. Meine Schuhe hätte ich gerne zurück!«

Philip Baues

Alter: 36 // Heimat: Augsburg // Ausbildung: Diplom-Sportwissenschaftler // Beruf: Redakteur Globetrotter Magazin

Als Wildwasser-Paddler ist Philip oft ohne Netz und doppelten Boden unterwegs. Seit die beiden Söhne Anton und Oskar auf der Welt sind, steht aber auch für ihn das Risikomanagement im Fokus. Umso froher war er, dass Ludwig Karrasch ihn bei seiner ersten alpinen Klettertour ans sichernde Seil genommen hat.

Ludwig Karrasch

Alter: 28 // Heimat: Ohlstadt // Ausbildung: staat. geprüfter Berg- und Skiführer // Beruf: Bergführer // Web: www.ludwig-karrasch.de

Nachdem Bergführer immer nur wochenlang in den Westalpen unterwegs sind und ihr Zuhause nur von Erzählungen kennen, wollte Ludwig eigentlich nie hauptberuflich als Bergführer arbeiten. Dass man aber auch ohne wochenlange Einsätze in den Westalpen auskommt, beweist er nun schon seit einigen Jahren und kennt vor allem eines gut: sein Zuhause. Er führt seine Gäste vorzugsweise im Wetterstein auf alten und neuen Wegen um und auf die Zugspitze sowie im Winter immer öfter nach Skandinavien.


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Text: Philip Baues
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