Workpacking meets New Work

Velopreneur Gunnar Fehlau ist aktuell auf großer Workpacking-Tour. Was das ist und ob das auch als New Work gilt, verrät die Fachfrau Marion King.

Was ist New Work, Frau King?

Marion King ist Gründerin und Geschäftsführerin von Les Enfants Terribles, einer Schule, Initiative und Community für neues und gutes Arbeiten. Sie begleitet Teams und Unternehmen in Veränderungsprozessen, bietet eine eigene Ausbildung zum Thema New Work an und pflegt ein Netzwerk von mehr als 260 Expert:innen. Globetrotter sprach mit der New-Work-Expertin über verschiedene Konzepte neuen Arbeitens und darüber, wie Gunnar Fehlaus Workpacking-Projekt einzuordnen ist. 


Frau King, wie lange arbeiten sie schon im Bereich New Work und wo liegen die Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Ich bin seit über 15 Jahren in diesem Themenbereich aktiv. Mein Schwerpunkt liegt grundsätzlich auf dem Thema Digitalisierung. Dabei hat mich vor allem die Frage beschäftigt, was das Digitale mit unserem Leben und Arbeiten macht, irgendwann wurde daraus der Überbegriff »New Work«.

Les Enfants Terribles möchte dabei in erster Linie ein Impulsgeber für die Menschen sein: Wir müssen aufhören, Dinge auszusitzen, sondern anfangen, aktiv alle zusammen in den Organisationen Veränderungen zu gestalten. Also Menschen zu mobilisieren, damit sie sich auf den Weg machen. Es geht viel um Selbstwirksamkeit, wie kann jeder und jede einen Beitrag dazu leisten, dass unser Arbeiten gut funktioniert. Das ist eines meiner zentralen Themen. Es müssen nicht immer die Chef:innen sein, die das anstoßen und machen, sondern jeder von uns kann am Arbeitsplatz Dinge tun, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Manchmal sind es auch schon ganz kleine Dinge, die viel verändern. Das Thema New Work hat also ganz viele unterschiedliche Ebenen. Für Unternehmen stellt sich die Frage, wie sie langfristig erfolgreich und innovativ bleiben. Und dann gibt es die individuelle Ebene: Was kannst du für sich selbst, in deinem Team, in deinem Arbeitskontext, für ein gutes Miteinander tun? 

Wie definieren Sie New Work?

Das Konzept geht letztlich auf den Sozialphilosophen und Anthropologen Frithjof Bergmann zurück, der in den 70er und 80er-Jahren zu diesem Thema geforscht hat. In seinen Arbeiten beschäftigte er sich ganz substantiell mit der Frage, was Arbeit eigentlich für uns bedeutet und vor allem vielleicht auch neu bedeuten könnte. Bergmann entwickelte aus seinen Forschungen ein New-Work-Konzept, dem zufolge wir 1/3 unserer Zeit einer Erwerbstätigkeit nachgehen sollte, 1/3 der Zeit sollte für die freie Entfaltung und persönliche Entwicklung vorgesehen sein und 1/3 für Selbstversorgung und Gemeinsinn, also gegenseitige Unterstützung. Sein Vorschlag stellte also ein sehr nachhaltiges Konzept dar. Das ist natürlich noch einmal eine ganz andere Perspektive auf das Thema Leben und Arbeit als »Ich sitze hier in Hawaii am Strand und arbeite von da aus«. Es handelt sich um ein ganz profundes Konzept. Zwischen 2012 und 2014 tauchte der Begriff New Work dann plötzlich wieder auf als eine Art Klammer für neue Form von Arbeit und Zusammenarbeit. 

Eine wirklich feste Definition von New Work gibt es abgesehen von der ursprünglichen Bergmann-Idee bislang nicht. Für mich umfasst New Work alle zukunftsfähigen und zeitgemäßen Arbeitskonzepte. Dabei geht es u.a. um die Organisationsstruktur, also um flachere Hierarchien, selbstorganisierte und kollaborative Teams, um eigenverantwortliche Entscheidungswege, um ein neues Verständnis von Führung, aber auch um andere Arbeitsstrukturen und Arbeitskulturen, Tools und Methoden. Auch Remote-Arbeit und Workation sind Teil dieses Themenbereichs, wenn auch eben nur ein Teilbereich. Bei der Umsetzung versuchen wir die Unternehmen immer da abzuholen, wo sie gerade stehen. Von daher ist New Work zwar immer »new« für das Unternehmen, aber viele der Konzepte und Methoden, über die wir hier sprechen, sind gar nicht neu, sondern es gibt sie bereits ewig und teilweise kommen sie aus ganz anderen Kontexten wie z.B. der Gemeinschaftsbildung oder Kreativität.

Auch wenn Workation und Remote nur ein Teilbereich von New Work sind, spielt das Thema ja in Gunnars Projekt eine wichtige Rolle. Was ist ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen Workation und Workpacking à la Gunnar?

Der Begriff Workpacking ist letztlich eine Eigenkreation von Gunnar. Aber ich denke, der Unterschied ist, dass er ja nicht nur seine Tasche mitgenommen hat und ein paar Wochen Urlaub und Arbeit verbindet, sondern er macht sich ein Jahr lang auf eine Reise. Grundsätzlich geht es bei beiden Konzepten darum, dass man nicht an seinem üblichen Arbeitsort sitzt, sondern wo auch immer auf dieser Welt arbeitet. Es geht um »Third Places«. Gunnar geht es auch um neue Inspiration und darum, neue Menschen kennenzulernen. Ein großer Teil von Lernen und Weiterentwicklung besteht ja darin, neue Erfahrungen zu machen. Ich glaube, dass dieses Experiment, abgesehen davon, dass Gunnar gerne Fahrrad fährt, ihn auch in der persönlichen Entwicklung voranbringen und neue Inspiration bringen wird. 

Auch der Begriff Workation verfügt über keine feste Definition. Stattdessen umfasst der Begriff eine Reihe ganz unterschiedlicher Konzepte. Ich könnte beispielsweise sagen, ich habe vier Wochen Urlaub und arbeite jeden Tag einen halben Tag oder drei Stunden oder so – auch das könnte Workation sein. 

Gunnar ist sein eigener Chef, und kann so vielleicht flexibler als ein »normaler« Arbeitsnehmer entscheiden, wie und wo er arbeiten möchte – denken Sie, dass sein Konzept auch auf Angestellte übertragbar ist? 

Klar, Gunnar kann das selbst entscheiden, aber er ist auch Chef von mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Letztlich gäbe es auch genügend Dinge, die ihn davon abhalten könnten. Auf der anderen Seite könnten jetzt auch ganz viele Leute sagen »der ist Chef, das geht gar nicht.« Klar kann er das letztendlich für sich entscheiden, aber ich finde, für ihn sind die Hürden genau so groß wie für viele Angestellte auch. Ich denke also schon, dass sein Konzept übertragbar sein kann. Wir können doch eigentlich alles miteinander aushandeln. Es ist alles machbar, man muss nur schauen, dass es für alle Seiten gut ist, und dass es gut geregelt ist. 

Die Frage ist, kann das jeder so für sich entscheiden oder können das nur Selbstständige machen? Ich glaube der Punkt ist, dass immer mehr Menschen – speziell seit der Corona-Pandemie – merken, dass sie nicht dauernd im Büro sitzen müssen, um gute Arbeit zu leisten und dass sie dabei doch eigentlich auch unterwegs sein können. Die Frage ist dann natürlich, wie flexibel ist eine Organisation oder ein Unternehmen, und lässt sie es zu? Zukünftig wird es einfach immer mehr Menschen geben, die solche Arbeitskontexte und -modelle suchen werden. Darauf müssen sich die Unternehmen definitiv einstellen.

Wo steht Deutschland Ihrer Meinung nach insgesamt, wenn es um das Thema New Work geht?

Ich mache das Thema Digitalisierung ja schon seit vielen, vielen Jahren – und ich war schon vor 15 Jahren panisch damit, dass wir alle sofort unsere Art des Arbeitens ändern müssen – und bisher ist noch keiner wirklich untergegangen. Corona hat für viel Veränderung gesorgt – wenn das nicht passiert wäre, hätten wir vermutlich alle so weitergemacht wie bisher. Solche äußeren Umstände haben also oft einen viel größeren Einfluss auf unser Arbeiten als das, was von innen heraus geschieht. Im Rahmen meiner Arbeit erlebe ich aber schon ganz schön viele Menschen, die seit einigen Jahren ganz viele unterschiedliche neue Formen des Zusammenarbeitens ausprobieren, Arbeit verändern. Ich merke schon, dass sich immer mehr Menschen sich mit dem Thema beschäftigen. Viele davon finden den Zugang dazu über die Themen agiles Arbeiten oder Achtsamkeit, so zumindest mein Eindruck. Ansonsten ist in Deutschland aber noch ziemlich viel Luft nach oben, was New Work angeht.

»In 10 Jahren wird sich niemand mehr darüber aufregen, dass jetzt alle bei der Arbeit nur noch am Strand sitzen wollen.«

Gunnar Fehlau beim Arbeiten in seinem Zelt von unterwegs

Wie spielt denn das Thema Fachkräftemangel in die Diskussion um New Work mit rein?

Das ist ein Riesenthema. Ich habe in diesem Sommer bei einem Camp mitgemacht, da waren Jugendliche, die waren so zwischen 16 und 20. Die Teilnehmenden haben sich wahnsinnig Gedanken darüber gemacht: »Wie muss ich funktionieren, um erfolgreich zu sein?«. Ich habe ihnen gesagt »Leute, die Unternehmen werden euch so die Türen einrennen, weil sie euch einfach brauchen werden. Ihr seid in einer wahnsinnig vorteilhaften Situation; ihr werdet euch einfach ganz viel aussuchen können in den nächsten Jahren.« Ein weiteres großes Thema wird die Integration von Frauen ins Arbeitsleben darstellen. Ich habe gerade in einer Studie gelesen, dass, wenn Frauen anders arbeiten würden, schlagartig 850.000 mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Daher werden zukünftig die Frauen und die jungen Leute umgarnt werden, weil man sie einfach braucht. 

Das ist doch eine gute Nachricht für Frauen und junge Leute … 

Ja, es wird einfach für Menschen, die arbeiten, eine komfortablere Situation sein. Gleichzeitig wird aber auch das Thema Automatisierung immer wichtiger und realer. Damit steht die Frage in Zusammenhang, wie viele Arbeitsplätze braucht es überhaupt noch, und wie sehr wird durch den Fachkräftemangel auch das Thema Automatisierung und Künstliche Intelligenz gepusht. Das Tech-Thema wird wahrscheinlich dadurch sehr in Bewegung kommen. 

Welche Rolle spielen die jüngeren Generationen bei der Etablierung neuer Arbeitskonzepte?

Ich denke, die Generation Z lässt sich nicht über einen Kamm scheren, und es gibt nicht die eine Art Mensch. Da gibt es auch Menschen, die ganz klassisch ein Reihenhäuschen haben und ein großes Auto fahren möchten, und die genauso ticken wie ihre eigenen Eltern. Aber die Tendenz geht schon dahin, immer öfter zu fragen: »Können wir nicht anders über Arbeit nachdenken?«

Daher spielen die Generation Y bis Z eine ganz wesentliche Rolle, wenn es um New Work geht, weil die einfach anders auf Leben und Arbeiten schauen und anders aufwachsen. Man muss es ja auch immer im historischen Kontext sehen: Die Generation meiner Eltern war nach dem Krieg jung, und da musste erst einmal mit all den Nachkriegsthemen umgegangen werden. Da ging es erst einmal darum, wieder das Leben zu etablieren, aufzubauen und sich was leisten zu können, wer zu sein. Die Kinder, die jetzt auf die Welt kommen, die wachsen in etwas hinein, wo es eher um Welt retten und Nachhaltigkeit geht. Sie wachsen mit ganz anderen Herausforderungen auf, die dann wieder ihren Blick auf das für sie Wesentliche prägt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, und welche Aufgaben stehen in puncto New Work an?

Für mich stellt sich die Frage: Wie kriegen wir immer mehr Unternehmen dazu, dass sie anfangen, sich darüber Gedanken darüber zu machen, wie arbeiten gut sein kann, und wie setzt man das konkret um? Das heißt ja nicht, dass die Lösung für alle ist, wie Gunnar mit dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren und Workations zu machen. Obwohl das natürlich ein sehr tolles Projekt und eine tolle Ermutigung für andere ist. Ich denke, dass die Aufregung rund um Workations und, dass jetzt keiner mehr wirklich arbeiten will, total übertrieben ist. Es gibt bei neuen Trends ja immer eine Art Pendelbewegung, und irgendwann wird es sich in der Mitte einpendeln und Teil unseres Alltags sein. In zehn Jahren wird sich niemand mehr darüber aufregen, dass jetzt alle bei der Arbeit nur noch am Strand sitzen wollen.

Text: Globetrotter Magazin
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