Work and Travel: Erdbeeren für Australien

Vom epischen Roadtrip zur Work-and-Travel-Reise – eigentlich wollten Julia und Nand­o Australien umrunden. Aber dann wurde die Reisekasse knapp.

Vom epischen Roadtrip zur Work-and-Travel-Reise – eigentlich wollten Julia und Nand­o Australien umrunden. Aber dann wurde die Reisekasse knapp.

Regen prasselt auf den Boden, es ist dunkel und knapp über null Grad, der große Rucksack auf dem Rücken wird langsam schwerer. Ungewohnt kalt und nass ist das in der Vorstellung brütend heiße Australien, denn hier ist Ende Juli eben kein Sommer, sondern Winter. Und wir dachten, es wäre immer heiß und sonnig im Land der unzähligen Strände, Surfer und Kängurus. 

Wir quetschen unser Gepäck in den kleinen Wagen, den wir am Flughafen in Perth gemietet haben. Dann geht sie los, unsere große Reise durch Australien. Der Plan: Ein Auto kaufen und umbauen, dass wir darin schlafen können, und dann los. Einmal um den riesigen Kontinent. Doch es kommt anders …

Der Plan: Auto kaufen, umbauen und einmal um den Kontinent. Doch es kommt anders … 

Schon die Autosuche gestaltet sich schwieriger. Nach unzähligen Mails, SMS und Telefonaten haben wir noch immer nichts gefunden. Entweder sind die Autos bereits verkauft, in schlechtem Zustand oder zu teuer. Langsam wird die Zeit knapp, den Mietwagen wollen wir uns nicht ewig leisten. 

Traumauto gefunden

Dann ein Lichtblick: Toyota Prado, von ’95 und geländetauglich. Leider ein bisschen über dem Budget. Noch während der Probefahrt verlieben wir uns in den Wagen. Er ist nur noch nicht ausgebaut, denn der blitzsaubere Prado diente vorher als Familienauto. Noch besser ist unsere erste Erfahrung mit der australischen Gastfreundlichkeit. Steve und Dani, die Besitzer des Autos, machen uns nicht nur einen Preis, der in unser Budget passt, sie bieten uns sogar einen Schlafplatz für die Nacht an. Aus einer Nacht werden viele und aus Fremden werden Freunde. Wir sind auf einer Wellenlänge, führen gute Gespräche und fühlen uns angekommen am anderen Ende der Welt. Fast nebenbei bauen wir in der Einfahrt unser neues Auto aus. Der Abschied fällt sehr schwer.

Wir reisen die Westküste entlang nach Norden, erkunden weiße Strände und Buchten mit kristallklarem Wasser.  Hier  ist Australien, wie wir es erträumt hatten: kilometerlange Straßen, auf denen man kaum einem Auto begegnet, flaches Land, so weit das Auge reicht, und Kängurus. Der Staub entlang der Straße ist mittlerweile rot geworden und die Temperaturen sind sommerlich. Wir genießen das Gefühl der Freiheit, das Kochen im Freien und den Kaffee am Morgen bei geöffnetem Kofferraum. Der rote Staub gehört mittlerweile zur Innenausstattung.

Ein Steinschlag in unserer Windschutzscheibe wird zum Riss. So tief und groß, dass jede Bodenwelle für einen Bruch sorgen kann. Kurz darauf ist klar, dass der Austausch der Scheibe teuer wird und die nächste Werkstatt 200 Kilometer entfernt ist. Für Einheimische ist das um die Ecke, aber wir sind zum ersten Mal von der Weite Australiens frustriert.

Wieder baut uns die australische Gastfreundlichkeit auf. Graeme und Donna, zwei Australier, denen wir vor Jahren in Neuseeland über den Weg gelaufen sind, haben unsere Reise über Instagram verfolgt und uns kurzerhand nach Karratha eingeladen. Wir werden so herzlich empfangen, als würden wir uns ewig kennen, und verbringen den Abend mit Erzählungen, viel Bier, Pizza und Lachen. 

In den nächsten Tagen erkunden wir Nationalparks und die umliegende Pilbara-Region. Graeme und Donna nehmen uns mit auf ihr Boot, um Wale und Riesenschildkröten zu beobachten, und wir führen unseren Geländewagen das erste Mal dorthin aus, wofür er gebaut wurde – ins Gelände. Es geht durch ausgetrocknete Flussläufe und über dunkle, mit gelben Gräsern bewachsene Hügel. Oft ist uns mulmig, den Wagen steile Abhänge hinaufzumanövrieren und durchs unwegsame Gelände zu fahren. Die Australier aber vertrauen ihren Autos und versichern uns, dass diese genau dafür gebaut wurden.

Julia Unkrig/Nando Kuschel

Auf dem letzten Teil des Wegs passiert es dann. Eine Steinkante schneidet sich in die Seite unseres Reifens. Ein Platter im Nirgendwo. Graeme und Donna sind vorausgefahren und haben nichts mitbekommen. Gerade als wir das Werkzeug aus dem Auto holen, kommt eine größere Kolonne an uns vorbei. Als hätten sie darauf gewartet, springen die Australier aus den Autos, eilen zur Hilfe und wechseln den Reifen im Handumdrehen. Wir sind glücklich, dass nicht mehr passiert ist, aber der Reifen ist nicht günstig und belastet unser Budget erneut.

1000 Kilometer weiter empfängt uns das kleine Küstenörtchen Broome. Weit entfernt von den größten Städten Westaustraliens ist es so lebendig wie kaum sonst ein Ort auf unserer Reise. Es gibt Cafés, Fotogalerien, eine Mall, Baumärkte und natürlich einen Strand. Den Cable Beach. Bekannt für seinen weißen Sand und türkisblaues Wasser. Fast jeden Morgen und Abend genießen wir hier Sonnenauf- und -untergang.

Spritsparen in der Wüste

Der Purnululu National Park soll unser Highlight in Westaustralien werden – jedenfalls, wenn er das hält, was unsere Recherche verspricht. Wir verbringen die Nacht zuvor auf einem Rastplatz am Weg. Unser Tank ist gefüllt, was etwa 70 Litern entspricht, die Reservekanister sind beide voll und die Strecke zum Zentrum des Nationalparks beträgt nur etwa 50 Kilometer. Das sollte problemlos reichen. Was uns dann erwartet, ist ein holpriges, benzinverschlingendes Offroadgelände, mit mehreren Flussüberquerungen, steilen Hängen und tiefen Schlaglöchern. Trotz sinkender Tanknadel fahren wir optimistisch dem Besucherzentrum entgegen. Die nächsten Tage müssen wir im Park möglichst kurze Strecken zwischen Campground und Wanderparkplatz wählen und die Kilometer zählen. Im Gegenzug bekommen wir eine Welt zu sehen, die problemlos als Kulisse von »Jurassic Park« herhalten kann. Meterhohe, begehbare Felsspalten, die im Licht der Mittagssonne gold erstrahlen, und natürlich die berühmten Sandsteintürme.

Western Australia ist dünn besiedelt
 – in erster Linie
findet man Wildnis.

Rotes Gold in Perth

Die Windschutzscheibe, der Ersatzreifen und der Sprit haben unser Budget fast aufgebraucht. Wir brauchen einen Job. Im Gegensatz zu vielen anderen Backpackern möchten wir aufs Land, ernten, säen und Traktor fahren. Fünf Tage bewerben wir uns auf alle Jobs in der Nähe, telefonieren, schreiben Mails und stellen ein Gesuch auf einem Jobportal ein. Dann die erste positive Mail. Darren, der für eine Vermittlungsagentur arbeitet, lädt uns zu einem Gespräch ein. Für einen Job als Erdbeerpflücker in Perth – von dort sind wir inzwischen 3500 Kilometer entfernt!

Wir machen uns sofort auf den Weg und fahren die kommenden Tage von frühmorgens bis tief in die Nacht. Die zuvor aufgesogene Landschaft rauscht an uns vorbei. Der Sand wird wieder gelber, die Temperaturen werden kühler. Vier Tage später sitzen wir bei Darren im Büro und unterschreiben die Arbeitspapiere. Die Farm ist 25 Minuten von der nächsten Kleinstadt entfernt. Wir starten auf dem kleinsten Feld, auf dem wir auch die bisher rein australische Crew treffen. Als allererste Work-and-Travel-Arbeiter der Saison stellen wir uns Tom vor, der die Arbeit auf dem Feld und im Packhouse überwacht.

Er drückt uns einen »Carrier« in die Hand, ein kleines Gerüst aus Stahl mit einem Handgriff und einer Halterung für den »Tray«, den Behälter, in den die Erdbeeren gepflückt werden. Der Tray ist schwarz, aus Plastik und mit einer Nummer beschriftet. Im Entengang gehen wir durch eine der Reihen und lernen, wie man die Erdbeeren richtig pflückt. Akribisch erklärt uns Tom, welche Farbe wir pflücken dürfen, wie man die Hand hält, damit die Früchte keine Druckstellen bekommen, und wie voll der Tray sein muss, damit er uns angerechnet werden kann.

Julia Unkrig/Nando Kuschel

Leben im Metallcontainer

Vom Feld geht es ins »Packing Shed«, eine klimatisierte Wellblechhalle. Hier werden die Erdbeeren verpackt und Tom erklärt, wie wir die Früchte in die durchsichtigen Plastikboxen legen sollen, welche Erdbeeren auszusortieren sind und dass wir auch hier nach Tray bezahlt werden. Die gepackten Schälchen werden per Fließband ans Ende der Halle transportiert, wo sie erneut von einem Kontrolleur geprüft werden. Ist eine Box falsch gepackt, zu schwer oder sind minderwertige Erdbeeren enthalten, wird der entsprechende Arbeiter aufgerufen, die Box zu korrigieren.

Wir sind langsam. An unserem ersten Tag auf dem Feld schaffen wir nicht einmal zehn Trays bei einem Wert von etwa einem Euro pro Tray. Beim Packen noch weniger. Aber es macht Spaß, das Team ist nett und man versichert uns, dass es eben Übung brauche. Nach der Arbeit gehen wir den staubigen Feldweg zu unserem kleinen Wohncontainer mit zwei Einzelbetten und einem Nachtschrank. Nebenan gibt es noch ein Gemeinschaftsgebäude mit Küche, Tischen, verschiedenen Sitzgelegenheiten und einem Fernseher, Duschen und Toiletten. 

Der Tagesrhythmus ist einfach: Von morgens bis mittags wird gepflückt, den restlichen Tag gepackt. Der Rücken schmerzt vom Bücken, die Arme sind schlapp vom Tragen und wir verbessern uns nur langsam. Nach und nach treffen weitere Arbeiter ein. Taiwaner, Japaner, Franzosen, Italiener, Spanier und natürlich Deutsche. Alle klagen über Rücken- und Knieschmerzen, sind müde und überlegen  ständig, wie man schneller werden kann. Nach der Arbeit wird entspannt, zusammen gekocht oder Tischtennis gespielt. Einige schauen fern oder spielen in der Abendsonne Gitarre und singen. Die Stimmung ist gut, trotz der Umstände.

Ein neuer Plan

Als die ersten Arbeiter der Saison entwickeln wir schnell eine gute Bindung zum australischen Farmteam. So muss Julia bald nicht mehr packen, sondern darf die Boxen kontrollieren. Dieser Job ist weniger anstrengend und wird stündlich bezahlt. Im Laufe der Zeit reifen die Erdbeeren immer schneller. Das Pensum steigert sich von Tag zu Tag und die Tage werden heisser. Wurde anfangs nur bis mittags gepflückt, stehen wir nun oft bis 15 Uhr auf dem Feld. Immer wieder verlassen Leute das Team, weil ihnen die Arbeit nicht gefällt oder zu anstrengend ist. Wir aber fühlen uns wohl, verdienen gutes Geld und haben Freunde gefunden, mit denen wir lachen und leiden und mit denen die Arbeit leichter von der Hand geht. 

Insgesamt bleiben wir fünf Monate, um noch mehr Geld anzusparen. Denn wir haben einen Plan. Wir werden Australien erst mal nicht weiter umrunden, sondern zurück nach Deutschland gehen, einen Van ausbauen und das Reisen in Europa zu unserem Lebensmittelpunkt machen. Denn hier in Australien haben uns viele Leute gefragt, wie es in Europa ist und ob wir die Sehenswürdigkeiten näher beschreiben könnten. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir selber von Deutschland und Europa viel zu wenig kennen.

Der Abschied ist schwer und tränenreich, als wir die Farm verlassen und nach Perth zu unseren Freunden Steve und Dani fahren. Ein paar Tage bis zum Rückflug nehmen sie uns erneut auf. Schließlich stehen wir am Flughafen, äußerlich braun gebrannt, innerlich gewachsen und mit den schönsten Erinnerungen beschenkt.

Julia Unkrig (25) lebt mit ihrem Freund Nando seit dem Australien-Trip in einem Van und bereist Europa. Die Eindrücke hält sie auf ihrem Blog www.boardshortslife.com fest.

Text: Julia Unkrig und Nando Kuschel
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