Wie das Dschungelcamp, nur in gut

Wie Deutschlands erfolgreichster Youtuber Fritz Meinecke mit »7 vs. wild«, gedreht in Schwedens Wildnis, einen viralen Serienhit geschaffen hat.

Das Globetrotter Magazin hat 2004 den Survivalpapst Rüdiger Nehberg (RIP) gefragt, wie er die Erstauflage des Dschungelcamps fand und was er besser machen würden. Nun, die Antwort auf die erste Frage kann man sich denken, doch sein Verbesserungsvorschlag hatte es ihn sich: »Die Kandidaten zu zweit in den Urwald schicken. Die sollen sich 100 Kilometer weit durchschlagen und alles mit einer Kamera dokumentieren.« So ähnlich hat es nun der deutsche Youtuber Fritz Meinecke gemacht und mit »7 vs. Wild« ein Outdoor-Streamingformat geschaffen, bei dem sich RTL noch einiges abgucken kann.

Sieben ohne Furcht und Tadel – aber mit leeren Mägen.

Fritz, was ist »7 vs. Wild«?

Also der Name verrät es ja schon ein bisschen: Sieben Leute werden sieben Tage komplett isoliert voneinander in Schweden ausgesetzt. Vorher können sie sich sieben Gegenstände aussuchen, die ihnen dort das Leben leichter machen. So kurz, so knapp, so verständlich. Das alles hat letzten Sommer in Schweden stattgefunden und wurde mittlerweile auf Youtube »ausgestrahlt«. Jeder Teilnehmer hatte ein kleines Kameraset dabei, um sich selbst in Szene zu setzen. Und damit ihnen dabei nicht langweilig wird, gab es noch diverse »Challenges« zu absolvieren. Die Serie ist ein riesiger Erfolg. 

Wie sieht das Fazit in Zahlen aus?

Exakte Gesamtzahlen habe ich gar nicht auf dem Schirm, doch ich weiß, dass die Folgen so im Schnitt um die dreieinhalb Millionen Aufrufe haben, was natürlich absolut krank ist. Also sowohl für meinen Kanal als auch für Youtube-Deutschland allgemein. Ich weiß nicht, ob es sowas bei einem deutschsprachigen Streamformat überhaupt schon mal gab. Alle Folgen, die Nachberichte und die Reaktionen anderer auf die Serie bringen es auf gut und gerne 300 Millionen Views. Aber wichtiger als die letzte Kommastelle in der Auswertungsstatistik ist mir der Spaß an dem Projekt und die großteils positive Resonanz von meinen Fans und Zuschauern.

Hast du mit diesem Erfolg gerechnet? 

Nein. Ich habe allein damit gerechnet, dass das Format bei meinen Stammzuschauern sehr gut ankommt. Aber dass es so durch die Decke geht? Niemals.

Warum ist die Serie aus deiner Sicht so erfolgreich? 

Ein wichtiger Unterschied zu allen anderen Sachen, die ich sonst so mache, ist, dass man sieben verschiedene Charaktere in der gleichen Extremsituation sieht und wie sie darauf reagieren. Kalt. Regen. Kein Essen, kein Trinken. Wie richten sie ihren Lagerplatz her? Wie gehen sie mit der Isolation um? Jeder macht das anders. Und wie würde man es selbst machen? Das Format lädt zu eigenen Gedankenspielen und Diskussionen im Freundeskreis ein.

Wie wurde das Projekt finanziert? 

Durch Rhinoshield. Die stellen sehr robuste Handyhüllen her, ideal für den Outdoorgebrauch. Aber auch deren Sponsoring war allein auf Kostendeckung angelegt. Es ging mir nicht darum, dass da jemand groß was dran verdient. Die Protagonisten etwa haben kein Geld bekommen für ihre Teilnahme – und ich auch nicht. Sämtliches Budget floß in die Kameraausrüstung, mit der die Teilnehmer sich filmen sollten, und in die Crew im Basislager. Am Ende hat das Budget noch nicht einmal ganz gereicht, so dass ich noch mal was drauflegen musste. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass ich da mit einem Minus rausgegangen bin. Ganz im Gegenteil. Durch die enorme Reichweite auf Youtube hat sich das Projekt nachträglich sehr gut monetarisiert – aber eine Garantie dafür gab es vorher nicht.

Die Teilnehmer haben sich selbst gefilmt. Wie viele Stunden Rohmaterial sind zusammengekommen? 

Jeder hatte zwei Kameras mit je einer Speicherkarte pro Tag. Auf jede Speicherkarte passten zwei Stunden. Jeder konnte also pro Tag vier Stunden filmen. Aber das hat natürlich keiner ganz ausgeschöpft. Braucht man ja auch nicht. Am Ende waren es wohl pro Tag und Teilnehmer ein bis zweieinhalb Stunden.

Alles, was man braucht: Feuer, ein trockenes Plätzchen, Wasser aus dem See und ein Bastelmesser …

Du warst schon vorher ein erfolgreicher Youtuber. Und was für Themen ging es?

Um Abenteuer. Ich mache die unterschiedlichsten Touren irgendwo auf diesem Planeten. Da ist alles dabei. Tageswanderungen, Trekking, Survival, Kajaktouren, Radreise, Bikepacking … auch Lost Places, also das Entdecken verfallener und vergessener Bauwerke. Oder ich baue ein Iglu und schlafe darin. Ich mag es abwechslungsreich. 

Wie hast du die Teilnehmer ausgewählt? 

Ich habe noch nie so ein großes Projekt gemacht und von daher war es mir wichtig, dass ich die Teilnehmer alle persönlich kenne und mich auf sie verlassen kann. Das waren alles Freunde, Bekannten oder Kollegen, von denen ich wusste, dass sie auch mit der Kamera umgehen können. Es gab kein Bewerbungsverfahren. 

Warum waren keine Frauen dabei? 

Weil die Frauen, die ich gefragt habe, es sich nicht zugetraut haben. So wie viele Männer auch. Falls es eine zweite Staffel gibt, müssen wir dies definitiv ändern. Mindestens zwei, besser mehr.

Wo und wann habt ihr die Serie gedreht? 

In Mittelschweden. Mehr sage ich nicht. Ganz generell. Ich gebe maximal eine Region an. Das mache ich immer, um die Location zu schützen. Denn wenn fünf Millionen eine Folge schauen und nur ein Prozent mal schauen will, ob es da wirklich so aussieht, kann man sich den Aufmarsch vorstellen. Wenn ich auf den Brocken gehe über einen offiziellen Wanderweg, mache ich da andererseits aber auch keinen Hehl draus. 

Was war für dich persönlich die größte Herausforderung? 

Vorher dachte ich, es wäre das Thema Nahrung. War es allerdings nicht. Wobei, Hunger hatte ich natürlich schon. Aber das war überschaubar. Problematischer war eher der fehlende Geschmack. Mal ein Brot kauen, mal ein Stück Käse essen – statt hauptsächlich Blaubeeren. Aber die tatsächlich größte Herausforderung war ganz klar die Isolation. Obwohl ich sehr gut mit mir selbst klarkomme, vermisst man die Zeichen der Zivilsation. Stimmen im Radio, ein vorbeifahrendes Auto oder ein bellender Hund. Am ersten Tag war noch alles gut, am zweiten auch, doch am dritten sitzt du da. Das einzige, das sich verändert, ist eine vorüberziehende Wolke. Das war’s. Wir haben in unserem normalen Alltag einen solchen Überfluss an Eindrücken, das fällt einem erst auf, wenn es fehlt. Ohne extrinsische Einflüsse und einem vollen Ruckack voller Ausrüstung musst du dich halt mit kleinen Projekten bei Laune halten: Feuerholz machen, schnitzen, basteln …  

Wovon habt ihr euch ernährt? 

Unsere Hauptnahrungsquelle waren sicher die reichlich vorkommenden Blaubeeren. Ich habe zudem Barsche geangelt. Wer sich mit Pilzen auskannte, konnte damit seinen Speiseplan anreichern. Dann noch ein paar Kleinigkeiten: junge Triebe von Nadelbäumen oder frische Blätter. Jagen war schon allein rechtlich nicht möglich. Für Fleisch blieb somit nur der Fischfang. 

Meineke am See
Fischers Fritz fischt …
Fischfang
… tatsächlich einen Fisch.

Wieviele Kilo hast du abgenommen? 

Fünf Kilo. Bei den anderen Teilnehmern war es ähnlich.

Wenn du anstatt sieben nur einen einzigen Gegenstand mit in die Wildnis nehmen dürftest, welcher wäre das? 

Ich würde den Schlafsack wählen. In Schweden kann es zu der Jahreszeit, in der wir dort unterwegs waren, bis zu fünf Grad kalt werden. Und wenn ich bei meinen Survival-Experimenten eines gelernt habe, dann wie wichtig es ist, erholsam durch die Nacht zu kommen. In kalten Regionen ersetzt nichts einen Schlafsack. Und die Zeit, durch das Jagen von Tieren an Felle zu gelangen, hatten wir ja nicht. Eine Alternative wäre allein gewesen, sich durch ein permanentes Feuer warm zu halten – welches man dann aber auch die ganze Nacht lang am Leben erhalten muss.

Gab es brenzlige Situationen? 

Wir hatten einen Notfall, bei dem auch der Sanitäter ausrücken musste. Ein Unfall durch einen umstürzenden Baum mit Blut und Platzwunde. Gut, dass wir ein Sicherheitskonzept hatten.

Ihr habt wahnsinnig viel Zuspruch bekommen, wurdet aber auch hart attackiert. Zum Beispiel hat ein anderer Youtuber Videomaterial von euch manipuliert und so gezielt Gerüchte in die Welt gesetzt. 

So ein Hype zieht leider auch viele »Hater« an. So nennt man Menschen im Internet, die grundsätzlich alles schlecht finden und dann entsprechend dokumentieren. Da wurden Unwahrheiten behauptet, vermeintliche Interna geleakt und Fakten manipuliert – nur um auf der Welle des Erfolgs mitzuschwimmen. Dabei meinten es aber nicht alle schlecht. Es gab durchaus Leute, die selbst coole Inhalt zum Thema gemacht haben. Experten wie Pilzsammler, Forstwirte oder Mediziner etwa, die ihr Fachwissen beigesteuert haben und im Nachhinein durchaus Dinge besser wussten. Eine saugeile Dynamik. Und natürlich gab es auch einen kleinen Teil, der auf fragwürdige Weise am Erfolg partizipieren wollte. Einer etwa hat in unser Material einen Bären reingeschnitten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da kann ich mich dann schon aufregen und muss darauf in einem Reaction-Video (Anm. der Redaktion: Youtuber kommentieren andere Youtube-Videos) reagieren und Dampf ablassen. Aber ich ärgere mich nur fünf Minuten, nicht fünf Stunden oder fünf Tage – und dann ist auch wieder gut.

Du bist der erfolgreichste Outdoor-Youtuber Deutschlands. Wie lange verdienst du damit schon dein Geld? 

Seit 2016. Da habe ich mich damit selbstständig gemacht. Den Kanal selbst habe ich zwei Jahre vorher gestartet.

Wie kann man überhaupt auf Youtube Geld verdienen? 

Ich produziere Videos, die sich die Leute kostenlos angucken können. Anderswo muss man Geld dafür zahlen. Sei es im Kino oder auf Netflix. Youtube spielt dann rund um meine Videos automatisch Werbung aus und beteiligt mich prozentual an den erreichten Reichweiten. Dann gibt es noch Kooperationspartner, die gut finden, was ich mache, und mich dafür bezahlen, dass ich ihre Ausrüstung in meinen Videos präsentiere. Hinzu kommt ein bisschen Affiliate-Marketing. Wenn Zuschauer über die Shopping-Links in meinen Videobeschreibungen Produkte kaufen, gibt es eine kleine Provision. Dann habe ich noch »Merch«, das steht im Szenejargon für Merchandising. Also einen eigenen Onlineshop mit selbstdesignten Produkten wie T-Shirts, Hoodies und Kappen. Und ich habe ein eigenes Buch geschrieben. Noch was? Ach ja, Social Media. Auf  Instagram etwa lassen sich auch Inhalte monetarisieren. Und auf Twitch mache ich ab und an Livestreams und lasse mir ungeschnitten auf die Finger schauen. Aber all das funktioniert nicht von heute auf morgen, das habe ich über die Jahre hinweg aufgebaut. 

Ticken deine Follower ähnlich wie du oder schauen die meisten nur mit einem wohligen Grusel aus der sicheren Komfortzone zu? 

Ich glaube, das hat sich stark geändert. Anfangs habe ich detailverliebte Videos für andere Outdoorbegeisterte gemacht. Mittlerweile habe ich meinen Stil etwas geändert. Also wenn ich heute beispielsweise einen Knoten mache, dann mache ich den. Und dann sehen die Leute: Okay, Knoten gemacht. Ich erkläre ihn aber nicht fünf Minuten lang. Denn das will der Normalo nicht sehen. Lieber nehme ich die Leute einfach auf meine Touren mit. Klar gibt es auch mal einen Punkt, wo ich etwas tiefer in die Trickkiste blicken lasse. Aber 90 bis 95 Prozent meiner Zuschauer gucken aus der sicheren Komfortzone. Die haben sicher alle einen aktiven Lifestyle, gehen wandern, radeln oder tauchen, doch das, was ich mache, macht vermutlich gerade mal ein Prozent meiner Zuschauer.

Wo hört für dich Outdoor auf, wo beginnt Survival?

Spannendes Thema. Survival bedeutet für mich, dass du in eine Notlage gerätst und aus dieser irgendwie wieder rauskommen musst. Dein Boot kentert, du musst in Stromschnellen ums Überleben kämpfen und wirst dann allein mit deinen nassen Sachen am Leib irgendwo angespült. In der Realität sind das natürlich besser selbstgewählte Situationen, aus denen man sich dann herausexperimentiert. Beim Survival bin ich nicht perfekt ausgerüstet und muss improvisieren. Outdoor heißt für mich, ich habe alles dabei im Rucksack, was ich brauche. Schlafsack, Zelt, Isomatte, Messer, Kocher und Nahrung.

Fritz Meinecke Wildnis

Hast du Tipps für Nachwuchs-Youtuber? Kann man heute noch so erfolgreich werden wie du? 

Ja, kann man. Definitiv. Wahrscheinlich sogar schneller und besser als je zuvor. Als ich damals angefangen habe, war Youtube noch gar nicht so groß. Heute ist dort zwar auch deutlich mehr Konkurrenz, doch wenn man geilen, coolen, unterhaltenden Kram macht, der vielleicht noch ein bisschen Wissen vermittelt, kann man Erfolg haben. Aber bitte macht das Ganze aus Leidenschaft und nicht wegen des Geldes. Das kommt, wenn die Leidenschaft stimmt – und nie umgekehrt. Ihr solltet aber immer auch eine Leidenschaft für Marathon haben. Denn Youtube und Social Media sind ein nicht endender Dauerlauf.

Wird es eine zweite Staffel geben?

Das kann ich nicht zu hundert Prozent sagen. So weit sind wir noch nicht. Aber es wird auf jeden Fall an der Konzeption gearbeitet. Wie könnte eine Steigerung des Formats aussehen? Bundesweit im Winter? Eher nicht. Oder eine Pärchen-Edition, die sich vorher nicht kennen und zugelost werden? Schon eher. Da fehlt dann der Punkt Isolation, dafür ensttehen sicherlich ganz andere Schwierigkeiten. Fakt ist in jedem Fall, das es nicht wieder in Schweden stattfindet, sondern irgendwo anders auf diesem Planeten. Anderes Land, andere Situation, andere Ausrüstung, andere Regeln. Das ist mein Ziel.

Funktioniert das Format auch ohne Kameras und Publikum? So als Junggesellenabschid der anderen Art etwa?  

Grundsätzlich schon, aber eines sollte man nicht vergessen: Die Zeit vor Ort ist ziemlich einsam, ziemlich lang und oft auch ziemlich langweilig. Das darf man nicht vergessen. Das, was die Leute gesehen haben, ist das Best-of aus sieben Leuten und sieben Tagen.

Hat dich das Dschungelcamp schon für 2023 angefragt? 

Nein, aber das wäre wohl ziemlich lustig, wenn die mich fragen würden. Aber erstens werden sie das sicher nicht tun und zweitens würde ich auch nicht mitmachen, da ich kein Fan von solch einem Trash-Format bin. 

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