Fortgeschritten: Weitwandern in Sachsen

Am Stück oder in Etappen, das Gepäck auf dem Rücken oder bequem transportieren ­lassen: Wer weitwandern will, muss nicht in die Ferne schweifen. Vier Blogger:innen haben für uns das sächsich-böhmische Grenz­gebirge ­unter die Sohlen genommen.

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Portrait Marc und John

Marc Jerusel & John Abert

Auf ihrem Blog www.1thingtodo.de ­berichten die beiden Berliner übers Reisen und Wandern. »Auf Urlaub« versuchen sie, das Tempo etwas rauszunehmen und möglichst nachhaltig unterwegs zu sein. Auf der Schiene, auf zwei Beinen und mit Ausflügen in der Nähe – ­­so wie im Zittauer Gebirge.


Portrait Annemarie

Annemarie Strehl

Die Weltenbummlerin hat bisher 40 Länder bereist, in mehreren gelebt und gearbeitet. Einige ihrer Reisetipps und -geschichten sind in Buchform erschienen, andere hält sie in ihrem Blog www.travelonthebrain.de fest.


Portrait Jan

Jan Kopetzky 

Der gebürtige Berliner arbeitet als ­(Werbe-)­ Fotograf und ist seit 2021 für seinen Blog www.jederkanndraussen.de in Deutschland, Europa und der Welt unterwegs. ­
In der Sächsischen Schweiz kennt er sich mittlerweile genauso gut aus wie in Berlin.


Portrait Franziska

Franziska Consolati

ist Autorin und Outdoor-Bloggerin. Auf­gewachsen ist sie in den Bayerischen Alpen, heute fühlt sie sich in Schweden zuhause. Unterwegs ist sie überall dazwischen und drum herum, am liebsten in Wander­schuhen oder mit dem Fahrrad. Von ihren Abenteuern berichtet sie auf ihrem Blog: www.ins-nirgendwo-bitte.de


Burgruine Oybin in stimmungsvollem Nebellicht. tolle Aussicht beim Wandern

Marc und John über den Oberlausitzer Bergweg

»Müssen es immer die Superlative sein? Für uns liegt der Reiz des Zittauer Gebirges im Kleinen. Und darin ist es groß.«

Wie eine Vorlesung um acht Uhr morgens. So spannend erschien uns die kostbarste Sehenswürdigkeit Zittaus im Vorfeld unserer Reise. 8,20 Meter hoch und 6,80 Meter breit, erzählt das Große Zittauer Fastentuch in 90 Malereien die biblische Geschichte. Nicht unbedingt unser größtes Faible.

Erst der zweite Blick weckte unser Interesse. Denn der unbekannte Künstler verewigte sich mit kuriosen Details. An einer Stelle schwimmt gar eine Nixe! Obendrein kann man schon von einem Wunder sprechen, dass das Fastentuch erhalten ist. 1945 zerschnitten es sowjetische Soldaten nämlich in vier Teile und dichteten damit eine provisorisch im Wald errichtete Sauna ab. 

Das Fastentuch steht für die Geschichten, die Zittau und das Zittauer Gebirge bereithalten. Wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen – und die Perspektive zu wechseln. Denn dann liegen beide nicht im letzten Zipfel Sachsens, sondern mittendrin in Mitteleuropa. Damit verbunden: der Prunk der Vergangenheit, der Verfall der Gegenwart, die Hoffnung auf die Zukunft. Oder auch das Nebeneinander von schlesischen Klößen, böhmischen Knödeln und Piroggen.

Städtetrip oder wandern? In Zittau hatten wir nicht die Qual der Wahl. Vom Zittauer Bahnhof brachen wir per Schmalspurbahn in den Luftkurort Jonsdorf auf. Von dort führt ein Abschnitt des Oberlausitzer Bergwegs zum zwölf Kilometer entfernten Berg Oybin, einer my­stischen Besonderheit in Sachsens grüner Kleinigkeit – Das Zittauer Gebirge gilt als kleinstes Mittelgebirg­­­­­e Deutschlands.

Es gibt sich redlich Mühe, hervorzustechen. Die Lausche ist mit ­793 Metern Deutschlands höchster Gipfel östlich der Elbe. Auf der Wanderung passierten wir außerdem den etwas kleineren Hochwald – samt Aussichtsturm, Gaststätte und Übernachtungsmöglichkeit für alle, die gerne weitwandern. Wie große Teile der Strecke liegt er auf der deutsch-tschechischen Grenze. Den Abstieg nach Oybin säumen entsprechend viele Grenzsteine und Gelegenheiten, von einem Land ins andere und zurück zu springen. Vielerorts erinnert die Region an die Sächsische Schweiz. Der 25 Meter hohe Scharfenstein etwa war Höhe­punkt einer an Panoramen reichen Strecke. Als »Lausitzer
Matterhorn« ist er Teil der Großen Felsengasse. Wie bei der großen Schwester entlang der Elbe formt auch hier der Sandstein teils kuriose Formationen. Unter ihnen die Taube, die tatsächlich so aussieht.

Ansicht von Zittau mit Kirchturm

Nach gut fünf Stunden erreichten wir Oybin. Unten angekommen, ging es mit schweren Beinen direkt wieder bergauf auf den gleich­namigen 514 Meter hohen »Berg«. Er ist einer dieser Orte, bei dem wir uns wunderten, wieso wir im Vorfeld noch nicht von ihm gehört hatten. So wie von der Klosterruine oben am Gipfel, die zu Beginn des Anstiegs noch nicht zu sehen war und nun ihre Aura mit jedem sich nähernden Schritt mehr und mehr entfaltete. Samt Aussicht auf Zittau als i-Tüpfelchen. 

Muss es immer das große Staunen, das große Abenteuer sein, das eine Wanderung zum Erlebnis macht? Wohl kaum. Für uns liegt der Reiz des Zittauer Gebirges im Kleinen. Und darin ist es groß. 

Die Strecke von Jonsdorf nach Oybin deckt nur einen Teil des Oberlausitzer Bergwegs ab, der in Zittau endet – oder beginnt. In umgekehrter Richtung führt der Weitwanderweg auf knapp 107 Kilometern bis nach Neukirch. Hier ist die Sächsische Schweiz erst recht nicht mehr weit. Und mit ihr nicht minder viele Gelegenheiten, Sachsen wandernd zu entdecken.


Oberlausitzer Bergweg: Natur und ganz viel Kultur. Aussichtsstürme auf fast jedem Gipfel erlauben atemberaubende Fernsichten.   Etappenweg, 107 km,  2367 hm,   2420 hm,   735 m,   229 m,  6 Etappen,   40 h, mittel www.oberlausitz.com/bergweg 

Annemarie auf dem Vogtland Panorama Weg beim Wandern in Sachsen.

Annemarie über den Vogtland Panorama Weg

»Trotz Weltrekorden kann man es im Vogtland gemütlich angehen lassen.«

Was mich am Wandern so fasziniert, ist nicht die Aktivität an sich, sondern die vielen Eindrücke, die man im Kleinen und Stillen genießen kann. Es ist wie eine Meditation gepaart mit gezielten Herausforderungen. Der Vogtland Panorama Weg ist da keine Ausnahme: Er hält immer eine Überraschung bereit und lässt Langeweile keine Chance.

Am Anfang staunte ich nicht schlecht, als ich erfuhr, dass hier im Vogtland gleich zwei Weltrekordhalter stehen. Dabei sehen die Göltzschtalbrücke und der Elstertalviadukt von Weitem gar nicht so riesig aus. Aber dann unten durch die Bögen der beiden größten Ziegelsteinbrücken der Welt zu wandern und sich den Hals nach oben zu verrenken, hat mir die Augen geöffnet. 

Ich hatte bombastisches Wetter und genoss meine Wanderung, machte viele Fotostopps und verlor den Überblick über die Zeit. Und über das Wetter. Denn plötzlich rollten bedrohliche Gewitterwolken auf mich zu. Also raste ich den Pfad hinauf zum Köhlersteig, was schade war. Denn bei den bizarren Konturen der Felsen, die markant aus der Felswand hervorragen und so gar nicht in die hiesige Berglandschaft zu passen scheinen, wäre ich gerne verweilt.

Doch als am Abend der weiche Sand der Talsperre Pöhl meine Zehen kitzelte, waren die Wetterkapriolen längst vergessen. Was wohl der morgige Tag bringen wird?


Vogtland Panorama Weg: Auszeit im Grünen mit verblüffenden Aus- und Weit­­­blicken. Rundweg, 225 km,  4892 hm,  4890 hm,   915 m,  260 m,  12 Etappen,   67 h, mittel 
www.vogtland-tourismus.de

Jans Malerweg-Gefährtin Saskia genießt eine kurze Pause auf der dritten Etappe beim Wandern in Sachsen.

Jan über den Malerweg

»Die Sächsische Schweiz ist wie ­
ein Abenteuerspielplatz: Leitern, ­Treppen, Felsspalten und Steintore findest du an jeder Ecke – es wird garantiert nie langweilig!«

Mein Wecker klingelt, es ist noch dunkel draußen. Verschwommen erkenne ich 5:25 Uhr auf meinem Handy. Mein Rucksack steht schon gepackt im Flur. Schnelle Dusche, kurzes Frühstück und rein in meine Wanderklamotten. Der Zug verlässt den Berliner Hauptbahnhof um 6:35 Uhr und bringt mich in knapp zweieinhalb Stunden nach Bad Schandau, mitten in die Sächsische Schweiz.

Für meine erste Fernwanderung habe ich mir die ersten fünf Etappen des Malerwegs vorgenommen. Meine Tour beginnt im verwunschenen Uttenwalder Grund und endet im malerischen Dorf Schmilka an der tschechischen Grenze. Ohne genau zu wissen, worauf ich mich einlasse, bin ich einfach losgelaufen und von den ersten Schritten an total begeistert! Eine so abwechslungsreiche, mystische und spannende Landschaft habe ich nicht im Geringsten erwartet. 

Als ich am dritten Tag dann oben auf den Schrammsteinen stehe, bin ich der glücklichste Wanderer weit und breit! Am Ende der fünften Etappe erreiche ich Schmilka und bin schockverliebt in diesen tollen kleinen Ort. Seit diesem Tag habe ich es mir zur Tradition gemacht, bei jedem Besuch in der Sächsischen Schweiz mindestens auf ein Bier in der Schmilk’schen Mühle vorbeizuschauen.  

Ein Traum zu jeder Jahreszeit

Ihr werdet schnell merken: Wenn ihr in der Sächsischen Schweiz unterwegs seid, wechseln sich steile und spannende Steige mit abenteuerlichen Abstiegen über Teppen und Leitern permanent ab. Seid ihr oben auf einem Tafelberg, habt ihr eine tolle Aussicht über die anderen Erhebungen in der Nähe. Wenn es dann durch schmale Felsspalten und enge Schluchten wieder ins Tal geht, fühlt ihr euch wie auf einem Abenteuerspielplatz. Langweilig wird es sicher nie. 

Seit fünf Jahren fahre ich nun regelmäßig ins Elbsandsteingebirge, um Tagesausflüge, Wochenendtrips oder Fernwanderungen zu machen. Jedes Mal entdecke ich dabei neue Wege und Aussichtspunkte. Nimmt man noch die Böhmische Schweiz hinzu, gibt es hier ein schier nicht enden wollendes Netz an Wanderwegen und -highlights.  

Dieses Jahr war ich das erste Mal im Winter im Elbsandsteingebirge und habe die absolute Ruhe dort total genossen. An Orten, die im Sommer sehr gut besucht sind, saß ich auf einmal ganz alleine. Es hat sich also gelohnt, zwei Kleidungsschichten mehr anzuziehen und bei minus fünf Grad in den Tag zu starten.


Malerweg: Bastei, Festung Königstein, Schrammsteine – Das Elbsandsteingebirge ­ist eine der schönsten Landschaften Europas! Rundweg, 116 km,  3524 hm,  3563 hm,   543 m,  112 m,  8 Etappen,    46 h, mittel 
www.saechsische-schweiz.de/malerweg

Franziska Consulati beim Wandern auf dem Kammweg mitten in der Natur in Sachsen.

Franziska über den Kammweg Erzgebirge-Vogtland

»Manchmal vergesse ich glatt, dass ich mitten durch Europa laufe.«

Ich mag es, wenn der Himmel über mir groß ist. Wenn es mein Blick bis zum Horizont schafft und noch viel weiter. Ich mag es, wenn sich in dieses Meer aus Bäumen oder aus Bergen keine Häuser schleichen und keine Straßen. Wenn ich nichts sehe als weite Natur, in der ich mich verlieren kann, so lange ich möchte.

An solchen Orten habe ich schon viele Stunden verbracht, manchmal auch Tage. Ich habe weite Reisen auf mich genommen und oft viele Kilometer zu Fuß, um zu ihnen zu gelangen. Und gerade? Gerade sitze ich wieder an so einem Ort. Dieses Mal ohne eine weite Reise, ich bin heute noch nicht einmal lange gelaufen. Ein paar Stunden war ich im Zug unterwegs, anschließend keine zehn Kilometer zu Fuß. Um schließlich genau hier auf einem kleinen Fels zu sitzen: auf der flachen Kuppe des 905 Meter hohen Kahlebergs.

Mein Blick reicht über endlosen Nadelwald, hier und da bricht ein tiefblauer See das dunkle Grün der Bäume. Nicht einmal den Verlauf des Wanderweges verrät der dichte Wald, doch irgendwo dort unten muss er sein: der Kammweg Erzgebirge-Vogtland, auf den ich heute Morgen die ersten Schritte gesetzt habe.

Vor dem Start meiner Wanderung habe ich wenig über den Kammweg gehört. Nur so viel, dass an seinen 285 Kilometern viel Wald liegt, viele Seen und hübsche Dörfer. Den Menschen in der Region sagt man eine herzliche Gastfreundschaft nach und eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimat. Was mir vorher niemand erzählt hat, was ich wahrscheinlich sowieso nicht geglaubt, geschweige denn erwartet hätte, ist die Erkenntnis, die mich während der ersten Kilometer schon gepackt hat: Deutschland hat zwischen den Wäldern und Hügeln des Erzgebirges, genau dort, wo die tschechische Grenze buchstäblich nur einen Steinwurf entfernt ist, noch so viel Platz, dass die Natur in Weite übergeht.

In endlosen Blicken verliere ich mich hier regelmäßig. Manchmal wandere ich kilometerlang, stundenlang durch ursprüngliche Wälder, vorbei an spiegelglatten Seen, bevor der Weg stetig nach oben führt und ich auf dem nächsten Aussichtsberg stehe. Manchmal wandere ich durch kleine Dörfer mit hübschen Fachwerkhäusern. 

Und so verstreichen die Kilometer, die Stunden, die Blicke bis zum Horizont, ohne dass ich andere Wandernde treffe. Da vergesse ich manchmal glatt, dass ich gerade mitten durch Europa laufe.

Olbernhau: Die ehemalige Hüttenschänke beherbergt heute das Hotel Saigerhütte. 

Kammweg Erzgebirge-Vogtland: Einfach mal abschalten – Zwei Drittel der Strecke verlaufen durch den Naturpark Erzgebirge/Vogtland – ohne Handyempfang, dafür mit der vollen Ladung Natur.  Etappenweg, 285 km,  6113 hm,    6292 hm, 17 Etappen,   80 h, mittel www.erzgebirge-tourismus.de/kammweg