Kyst til Kyst Stien: Weitwandern für Weitblicker

Dank über 650 Naturlagerplätzen und dutzender ausgewiesener Weitwanderwege spielt Dänemark in der Champions League für leidenschaftliche ­Fuß­gänger:innen. Wie wäre es zum Beispiel mit dem »­Kyst til Kyst Stien« von der Nordsee an die Ostsee?

Sechs Tage haben Jennifer und ich für den 130 Kilometer langen Küste-zu-Küste-Weg zwischen Nord- und Ostsee kalkuliert. Einma­l quer über die Halbinsel Dänemarks mit Zelt, Isomatte und Gaskocher auf dem Rücken. Besonders ambitionierte Mitmenschen laufen den Küste-zu-Küste-Weg an zwei Tagen mit Übernachtung im Gästehaus, mit Kindern kann man die Reise aber auch noch länger genießen und auf einem der Campingplätze inklusive großen Spielplatzes unterkommen. Wir verlassen uns für die Nächte hingegen auf die vielen »Shelter« entlang der Route. In ganz Dänemark sind über 600 solcher Übernachtungsplätze angelegt. Fast immer kostenlos, mit Zeltwies­e und Toilette, meist mit fließend Wasser, Feuerstelle, häufig mit Unterschlupf und an teils wunderschönen Orten. Eine gute Übersicht der Übernachtungsplätze bietet die kostenfreie App »Shelter«, mit der wir uns mittags das nächste Tagesziel suchen. Durch diese Infrastruktur wird ganz Dänemark zum perfekten Land für alle Naturliebhaber.

Unsere Tour beginnt am prachtvollen Leuchtturm bei Blåvands Huk Richtung Osten. So strahlt uns stets die Morgensonne ins Gesicht und die Rückfahrt mit der Bahn nach Deutschland ist am östlichen Endpunk­­t in der Stadt Vejle auch einfacher.

Hyggelig und hügelig

Angefangen an der Nordsee mit ihren Dünen, schlängelt sich der perfek­­t ausgeschilderte Weg bald durch verwunschene Waldstücke und sandige Lichtungen. Eine Vielfalt an Landschaften, die unsere Tour bis zum Ende begleiten wird. Flachland mit kilometerweitem Blick, gefolgt von hügeligen Passagen, dem Flusslauf folgend. Sumpflandschaften mit Rinderherden lösen Wege entlang von Brombeersträuchern und Gerstenfeldern ab.

Besonders aufregend ist die Natur auch um das Städtchen Tofterup. Der Pfad schlängelt sich am Flussufer entlang, ist perfekt gepflegt und schlammige Passagen sind großzügig mit Stegen zugänglich gemach­­t. Wir laufen durch wilde, aufregende Landschaften und fühle­n uns doch geborgen wie zu Hause. Ruhig und echt sind die Ein­drücke und die Erlebnisse in der ruhigen, ungestörten Natur. Führt der Weg durch kleinere Siedlungen und Orte, erlebt man an jeder Ecke die Kultur der Dänen. Im Café oder beim abendlichen Treffen am Schlafplatz – überall erfährt man ihre Gastfreundschaft und Offenheit.

»Dänemark bietet skandinavische Wanderabenteuer und ist perfekt per Bahn zu erreichen.«

Ein Mädchen fährt uns die versehentlich liegen gelassene Jacke hinterher. Ein hilfloser Blick und der ältere Bauer fragt von seinem Traktor, ob er helfen kann. Nach kurzer Unterhaltung auf Englisch und wenigen Wörtern Dänisch hört man dann sehr häufig: »Ach, aus Deutschland! Dann können wir uns doch auch auf Deutsch unterhalten.« So treffen wir auch am dritten Abend auf ein unglaublich nettes Paar. Torben und Jytte laden uns für den darauffolgenden Tag in ihr Sommerhaus ein, das an der Route liegt.

Wir essen Smørrebrød mit Heringshappen Skippersild und perfekt für die Sommerzeit die typische Buttermilch-Kaltschale Koldskål. Wie Torben erzählt, soll man am Absatz dieser dänischen Spezialitä­­t sogar ausmachen können, wie gut der Somme­­r in Dänemark gewesen ist. Nach einem geselligen Abend und einer ruhigen Nacht satteln wir gut gestärkt wieder unsere Rucksäcke auf. Ab jetzt folgen wir dem Fluss Egtved Å bis in die Stadt Vejle, dem östlichen Endpunkt. Es geht über asphaltierte Wege und so begegnen uns in dieser abge­legenen Gegend immer wieder Radfahrer.

Links: Nicolas Jägergaard, Rechts: Jakob Vingtoft

Danke, Dänemark

Ende Juli zeigt sich der Sommer von seiner für Dänemark ungewöhnlich heißen Seite. Erfrischung finden wir im kristallklaren Fluss, in dem ich mir die Füße kühl umspülen lasse. Auch Wasserstationen für kostenloses Trinkwasser passieren wir weiterhin mehrmals täglich in regelmäßigen Abständen. Nach nur sechs Tagen, in einem Restaurant am Hafen von Vejle, lasse ich unseren kurzen Ausbruch in die Natur Revue passieren und bin beeindruckt, wie vielseitig die Eindrücke waren. Großartige Landschaften, abwechslungsreiche Wege und liebenswürdige Menschen. Und unterwegs in der Natur erzählt das Leben mit die spannendsten Geschichten. Dänemark macht es leicht, mit dem Rucksack unterwegs zu sein. Wir freuen uns aufs nächste Abenteuer.

Shelter
visitdenmark.de

Mehr Inspiration: Dänemarks beste Fernwanderwege

Auswahl 6 Weitwanderwege Dänemark

1 Kyst til Kyst Stien

Auf dieser Wanderung von Küste zu Küste erlebt man nahezu alle dänischen Landschaftsformen: beginnend mit tosendem Meer, Strand und Dünen, über ausge­dehnte Küstenwälder bis hin zu Marschwiesen und Watt.

2 Vestkystruten

Dieser Ausschnitt der 560 km langen Route, berühmt für ihre vielen Weitblicke, erstreckt sich über 95 Kilometer entlang der Küste von Agger Tange bis Bulbjerg. Meer, Wind, Sand und Salz haben die einzigartige Dünenlandschaft des Nationalparks Thy geformt.

3 Hærvejen

Der »Ochsenweg« ist eine mehrere hundert Kilometer lange Wander­route durch Südjütland. Sie streift einige der spannend­sten Orte der dänischen Geschichte und zwischen Viborg und Dollerup Bakker hüpft das Naturfreunde-Herz ganz besonders.

4 Gendarmstien

Der Weitwanderweg erstreckt sich von der dänisch-­deutschen Grenze bei Padborg bis nach Høruphav auf Als. Er führt vorbei an steilen Hängen, durch mystische Wälder und entlang der ­flachen Strände an der schönen Flensburger Förde.

5 Øhavsstien

Der 220 km lange »Wanderweg des Inselmeeres« schlängelt sich durch Salzwiesen und Buchten, über markante Hügel und gemütliche Kleinstädte im südfünischen Schärengarten. Hier sollte man sich Zeit nehmen zum Atmen und Genießen.

6 Mols Bjerge-stien

Die 80 Kilometer lange Wanderroute im Nationalpark Mols Bjerge bei Aarhus, die man am besten in vier Etappen erwandert, schlängelt sich durch die eiszeitlichen Landschaften zwischen Kalø und ­Ebeltoft. »Gipfel­glück« bietet der 137 Meter hohe Agri Bavnehøj, während die Schlossruine »Kalø slotsruin« und der Grabhügel »Tre Høje« gedanklich ins Mittelalter entführen. Noch einen Schritt weiter in Zeit und Raum geht, wer sich ­vorstellt, dass sich J.R.R. Tolkien in der ­Aarhus-Region zu »Der Herr der Ringe« hat inspirieren lassen.

Text: André Postler