Wales: ein Land, ein Wort

Wales hat 2016 zum Jahr der Abenteuer erklärt. Das machte unseren Autor hellhörig, und er ist vorab mal zum Test aufgebrochen. Und zurückgekehrt als »Knight of Wales« – mit ein paar Schrammen und blauen Flecken. Ein Schauspiel in fünf Akten.

#1 Snowdonia National Park – freier Fall in den Bergen

Die Rocky Mountains von Wales liegen im Norden. Niemand Geringerer als Sir Edmund Hillary trainierte hier in den 1950er-Jahren für seine Besteigung des Everest. Die Rede ist vom Snowdonia National Park. Schon aus historischer Sicht ein Abenteuerland allererster Güte. 2170 Quadratkilometer weitläufige kahle Bergketten, grüne Täler, Seen und urige Dörfer. Der Snowdon ist mit 1085 Metern Höhe Namensgeber und höchster Gipfel der Region. Meist nebelverhangen und sogar im Sommer gelegentlich schneebedeckt. Klingt irgendwie nach Brocken.

Da musst du rauf, befiehlt die innere Stimme. Der Rhyd Ddu Path gilt als die Panoramastrecke und nach einigen Stunden weiß ich, warum. Done like der gute Hillary! Gediegen zurück mit der alten Dampfbahn, die den ganzen Tag schon rauf- und runterschnauft. Klingt noch mehr nach Brocken.
»Eine Erfahrung, die dem Fallschirmsprung sehr nahekommt, ohne wirk-lich aus dem Flugzeug springen zu müssen«, verspricht die Zip World Velocity bei Bethesda am nördlichen Rand des Nationalparks. Ich finde, das klingt vielversprechend, und so lasse ich mich für den Stahlseilflug über den künstlichen See einer aufgelassenen Schiefer-Bergbaumine anschnallen. Angurter Brian checkt den Sitz der Gurte: »Wir wollen ja nicht, dass du unterwegs den Abgang machst.«

Brille aufsetzen, die ausschaut wie damals die aus dem Chemieunterricht in der Schule, und ich fliege los. Erst zaghaft johlend, dann immer lauter, ungehemmter. Von null auf über 150 km/h, jawohl, richtig gelesen, 150, in wenigen Sekunden. Der Gegenwind zieht die Backen lang wie bei einer Dogge. Die Welt fliegt vorbei, der freie Fall ist nah. Mit immer noch ordentlich Gummi in den Knien gönne ich mir abends erst mal ein paar Mutbier im Pub.


#2 Zwischen Land und Meer

Aus der Höhenluft an die Küstenluft. Davon hat Wales ja wirklich ziemlich viel – und wie frisch die ist! Bevor es hier im Südwesten wieder ans Einge- machtere geht, lasse ich es ein wenig laufen, die Beine einfach gehen lassen, immer dem Wind nach auf dem Pembrokeshire Coast Path. Das ist so der outdoortechnische Gassenhauer, den die Waliser seit 1970 zu den Traumwanderungen dieser Welt beisteuern. 300 Kilometer Steilküste, versteckte Strände, Dörfer, Schafe und viel Postkartenmotivklischee bietet der Pfad überwiegend im gleichnamigen Nationalpark.

Und wenn du weiter laufen willst: Das Ganze ist Teil des Wales Coast Path, der auf 1400 Kilometern einfach mal die komplette walisische Küste runterspult. Aber so weit mag ich heute nicht, ich gehe lieber runter an die Küste und weiter ins Wasser. Nein, nicht was man jetzt gemeinhin denken würde. Eher in eine Zwischenzone, aber nicht metaphysisch, sondern in die Gezeitenzone zwischen Land und Meer. Und auch nicht, um metaphysische Gedanken zu spinnen, sondern um mich ganz banal knackig physisch zu spüren. Beim Coasteering. Auf Deutsch etwa mit »Kraxeln in der Gezeitenzone« zu umschreiben.

Der Ritterschlag: ein Sprung vom Fels, sieben Meter unter mir das leicht wogende Meer.

Wie die Krebse krabbeln wir über glitschige Felsen, manchmal schwappt einem eine Welle ins Kreuz. Rauf, runter, kreuz und quer. Tauche unter, Seetang im Mund. Tauche auf, eine monumentale Küstensteilwand im Blick. Dann der Ritterschlag, wir sind schließlich auf historischem Boden, ein Sprung von einem Fels: sieben Meter unter mir das leicht wogende Meer. Ein Kick sondergleichen. Als ich den Kopf aus dem Wasser strecke, johlen die anderen von oben: »You are now a Knight of Wales!«


#3 Beauty and the Beach – die Gower Peninsula

Heute mache ich Hang-Loose-Triathlon: einfach treiben lassen, plantschen und smoothes Surfen. Perfektes Terrain dafür: die Gower Peninsula. Ich fahre in den Surfer-Ort Rhossili und finde recht schnell ein lauschiges Bed and Breakfast. Der nahe Strand gilt als der schönste in Wales. Ich widerspreche nur ungern und schmeiße mein Surfzeug (im Ort geliehen) zu den schon auf dem Sand liegenden Klamotten der anderen Wassergierigen. »Could you just have an eye on my things?«, frage ich einen der im Sand Fläzenden. Logisch, kein Problem. Ich flipflope davon und gehe ein Stück auf dem Wales Coast Path durch die Dünen. Die Halbinsel wurde 1956 zur »Area of Outstanding Natural Beauty« gekürt. Ich beglückwünsche im Vorbeigehen die frei laufenden Pferde zu diesem Titel und schaffe es sogar, ein Schaf zu streicheln, bevor ich mich wieder auf den Weg zum Strand mache.

Gefühlt ist Surfen beinahe Volkssport.

Der Wellengang hat mittlerweile etwas angezogen. Schon von Weitem hört man das Johlen der Kinder, die ihre ersten Stehversuche auf dem Surfbrett machen. Plötzlich durchzuckt es mich. Meine Beine fangen an zu laufen. Im Rennen ziehe ich Shirt und Pulli aus und rase ins Wasser. Frisch! Geil! Part zwei, Plantschen, abgehakt. Jetzt rein in die Gummihaut und ab in die Wel- len. Yesssssssssssss. Und am Abend wieder zurück zur ersten Disziplin: Vor einer lauschigen Kneipe sinniere ich in den Sonnenuntergang.


#4 Die Abtei im Wald

Michael Neumann

Mit sanften Paddelschlägen korrigiere ich das Kanu. Der Wye, der mich trägt, fließt ruhig. Bewaldete Hügel ziehen langsam vorbei. Ich bin in der Outstanding-Beauty-Gegend des Wye Valley unterwegs. Auf dem Weg zwischen Monmouth und Chepstow. Idealtypisches Wales. Hügel, Burgruinen, kleine gedrungene Steinhäuser, viel Grün. Dann, nach einer Schleife, taucht sie auf. Erst sieht man nur die gotischen Giebel. Beim Näherkommen schiebt sie sich mehr und mehr ins Blickfeld: die am schönsten ruinierte Abtei von ganz Wales. Bis 1536 von zisterziensischen Mönchen bewohnt, durfte die Tintern Abbey von da an gepflegt verfallen. Und so wirft bei Sonnenschein ein malerisch-imposantes Steingerippe Schattenornamente auf den Rasen. Verfall kann so schön sein.


#5 Cardiff à la carte

Wie in jeder ordentlichen Hafenstadt soll man in Cardiff angeblich super um die Häuser ziehen können. Um das mithilfe eines Insiders zu testen, habe ich mich via Couchsurfing-Website bei einem gewissen Oliver ange- meldet. »Call me Owl.« Volltreffer. Jemand, der Eule als Spitznamen hat, wird sich im Nachtleben wohl auskennen. Wir sind mit zwei seiner Kumpels am Hafen verabredet.

Die Cardiff Bay hat sich vom Industrie- zum Kultur-Viertel gewandelt. Wo früher heruntergekommene Lagerhallen vergammelten, steht jetzt das Mill- ennium Centre. Architektonisch erste Sahne und das beste Theater- und Opernhaus in Wales. Einen Steinwurf entfernt die Bar Terra Nova. Direkt am Wasser haben wir hier einen super Blick über Stadt und Hafen. Genauso super ist das Roastbeef mit karamellisierten Schalotten. »Das walisische Essen war nie besser als heute. Und besser als in England ist es sowieso!« Owls Kumpel Carl ist hörbar stolz und kleine Seitenhiebe in Richtung England machen immer Spaß.

Cardiff kreativ: Ein alter Schiffscontainer wird zur Spezialitätenstube.

Das mit dem Essen sehe ich genauso. Egal, wo ich bei meiner Radtour durch die Stadt einen Snack-Stop eingelegt habe, hätte ich mir immer fast noch die Finger abgeleckt. Als ich dann als stolzer Knight of Wales durch die umwerfenden Gemäuer der Burg von Cardiff getraumwandelt bin, habe ich auch noch Harry Potter getroffen. Aber das behalte ich lieber für mich. Wir wollen jetzt lieber feiern und laufen in die Innenstadt. Ziel: Chapel 1877. Hier haust der Nightclub in einer ehemaligen Methodistenkirche. In dieser coolsten aller Cardiffer Locations versacken wir mit dem Ziel, auf jeden Fall als Letzte die Tanzfläche zu verlassen. Na dann. Rock on.


Text: Dirk Rode
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