Waldkindergarten auf Amerikanisch

Mit Kind und Camper durch den Pazifischen Nordwesten (Kanada/USA) zu cruisen, ist im sprichwörtlichsten Sinn eine märchenhafte Reise. Besonders mit einer Tochter, die ein Herz für menschenfressende Tiere hat …

Ingo und Diana Hübner

Ruby freut sich, wir Eltern erst recht! »Oh, ein Bär. Und ein Elch. Die will ich haben!« Wach seit ein Uhr, Jetlag-geschädigt bis zum Sprachverlust. Mit dem Morgengrauen – man beachte das Wortspiel – auf Vancouvers ausgestorbene, regenglänzende Straßen geflüchtet. Durch die erste offene Drehtür ist Ruby in einen Souvenirladen gestürmt und bringt, sehr zur Freude der chinesischen Ladenbesitzerin, ein Stofftier nach dem anderen an. Nur der Hinweis, dass wir uns sonst den Eintritt ins Aquarium nicht leisten könnten, erlöst uns vorerst. Im Anschluss an die Beluga-Show – »Papa, hör mal, wie lustig die fetten weißen Delfine pfeifen« – wird es schließlich ein pinker Stoff-Beluga.

Was vielen Menschen den Angstschweiß auf die Stirn treibt, bringt Ruby so richtig in Fahrt. Je stärker die Capilano-Hängebrücke schwingt, die sich tatsächlich über einen ziemlich gähnenden Canyon spannt, desto lauter ist ihr Lachen. Danach eine lange lautstarke Runde über den Baumwipfelpfad – natürlich kann auf ihm auch kräftig geschwungen werden. Dann ist das Workout-Vorspiel zur Wohnmobiltour beendet.

Ab jetzt ist Sitzfleisch gefragt und natürlich ein stets geladenes iPad mit vielen Heidi-Folgen. So eine Tour ist im mentalen Vorfeld ja eher ein zweischneidiges Schwert. Familienzeit ohne Ende und grenzenlose Freiheit. Aber ob man sich in der kuscheligen Enge des Wohnmobils irgendwann ge- genseitig auf den Keks geht? Und wo bleibt der Spaß eine Dreieinhalbjährige, wenn sich bald alles nur noch um Wald, Berge, Bären, Wölfe und unermessliche menschenleere Landschaft dreht? Doch Kinder sind für alles begeisterungsfähig, solange man es ihnen nur richtig verkauft. Oder?

Also erzähle ich Ruby im Wald am oberen Ende der Sea-to-Sky-Gondel, die am Weg nach Whistler liegt, gleich von den Bären, welche hier mit ihrem Babys umschleichen, die sich leicht erschrecken und dann Angst kriegen. Und von Rotkäppchen und Hänsel und Gretel, deren Wälder genauso aussehen wie die hier. Jetzt aber bitte Hand in Hand gehen und nicht so laut, Papa! Am Aussichtspunkt bin ich still, der graue, aber dennoch Türkise Howe Sound liegt eingekeilt zwischen dunklen Bergen und uns.

Vorbei an Bergseen müht sich die Duffy Lake Road nach dem alten Holzfällernest Pemberton immer weiter die Berge hinauf. Das feuchte Grün weicht mehr und mehr, die Landschaft wird trockener, goldener. Bis es hinab ins klangvolle Lillooet geht. Einst Zentrum des Goldrauschs und nach San Francisco zweitgrößte Stadt im Westen, blättert nun die Farbe von den Häusern entlang der Main Street ab. Nachts trägt der kühlende Wind den herben Duft von Salbeisträuchern und das Dröhnen der Güterzüge erfüllt das Tal. Unterwegs. Jack Kerouac. Tiefer, dunkler Schlaf. Morgens am Steuer fällt es mir schließlich ein: Nach Jahren habe ich wieder einmal von den Schlammwurzeln, die nach meinen Beinen gieren, geträumt.

Bärenklaue

An der Helmcken Falls Lodge im Wells Gray Provincial Park gibt es Pferde zu streicheln, und wir Eltern bewundern zum ersten Mal die epischen Formate der Landschaft. Der Park ist bekannt dafür, dass in der Nähe im- mer ein Wasserfall rauscht und das Tosen des ungezähmten Clearwater River nie allzu weit entfernt klingt. Die Einsamkeit greift schnell mit mächtiger Bärenklaue um sich. Sehr präsent bei der Ray Farm, einer verfallenen Hütte, in der eine Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht hat, der Wildnis ein Leben abzutrotzen. Ruby macht sich einen Spaß daraus, die Eltern vom Beerenessen am Wegesrand abzuhalten. »Lasst die Finger davon, die sind für die Bären, denn sonst müssten sie uns Kinder fressen!«

»Finger weg von den Beeren! Die sind für die Bären.«

Gord, der Kanuverleiher am Clearwater Lake, brummelt beim Abschied etwas wie: »Und vergesst nicht, hier ist nichts weit und breit um euch herum außer Hunderttausenden Hektar Wildnis.« Glatte Stille, Herzschlag, Paddelschlag. Ruby will auch mal paddeln, natürlich. Im Wald auf der anderen Seite des Sees spielen wir Verstecken. Das ist leicht bei Bäumen, hinter deren Masse man locker fünf Mann verschwinden lassen kann.

Später an der Badestelle schauen wir gar nicht so schnell, wie sich Ruby die Klamotten runterrafft und ins garantiert herzinfarktbegünstigende Wasser hüpft. Nur der nahende Sonnenuntergang macht sie einsichtig, dass es für heute genug ist. Schnell steht der Wald schwarz gegen einen blutenden Himmel, und ich frage mich, wie viel von meiner Novalis-lastigen Romantik in meiner Tochter angelegt ist? Auf jeden Fall begeistern sie Geschichten von Zwergen, für die im Wald immer Höhlen aus Moos und Rinde gebaut werden, und mit menschenverschlingenden Wölfen und Bären hat sie es offenbar auch. Das kauft man ihr gar nicht ab, wie sie da so unschuldig in den Schlafsack gekuschelt schläft.

Knoblauchfestivals

Zum Abschied schenken uns die Campingnachbarn zwei frisch gefangene Forellen, die fortan im Gefrierfach mitfahren. Richtung Westen wird es immer wüstenhafter. Tatsächlich führt die Straße auf ein gigantisches Plateau, das ziemlich trocken ist. Hauptattraktionen in dieser menschen- armen Gegend sind Rodeos, Knoblauchfestivals und natürlich die Natur. Eine unbezähmbare, so groß, unberechenbar und wild – das sagen sogar die Kanadier.

Ingo und Diana Hübner Clearwater Lake

Die Eltern philosophieren über das schöne einfache Leben so weit weg von allem. Das Kind ist überglücklich mit Heidi. Am nächsten Tag tauchen im Westen schneebedeckte Bergketten auf, die Bäume sind niedrig und zäh. Alaska-Feeling. Orte, die nur aus Ortsschildern bestehen, mit Namen wie Kleena Kleene. Pause am Nimpo Lake Café, warmer Beerenkuchen mit Eis. Ruby betört die Anwesenden.

Die Eltern philosophieren über das schöne einfache Leben. Das Kind ist überglücklich mit Heidi auf dem iPad.

Vorbei am Tweedsmuir Park fahren wir auf brachial steiler Schotterpiste ins Bella Coola Valley. Die Bremsen halten, das iPad auch. Bella Coola, Fährhafen für die Inside Passage nach Vancouver Island für die einen, un- bestimmter Wartesaal am Ende der Welt für die anderen. Männer in Unterhemden, mit Bärten bis zur Brust und schmutzigen Tennissocken sitzen rauchend und Dosenbier trinkend vor ihren verblassten Motelzim- mern, Fliegengittertüren knarzen im Wind.

Buckelwale

Auf der Fähre ist Ruby ganz entzückt von den Delfinen, die uns von Zeit zu Zeit folgen. Und zum Sonnenuntergang springt ein Buckelwal aus dem Wasser. Das alles ist aber noch gar nichts gegen das volle Tierprogramm zwei Tage später. In Port McNeill sind wir an Bord von Mike Willies Boot gegangen, der uns weit in einen Fjord gebracht hat. Hunderte Delfine begleiten uns im stählernen Morgenlicht, ihre unermüdlichen Sprünge ein Raunen wie ein Wasserfall. Danach ein kleiner Grizzly, der am Strand erstaunlich große Steine herumwuchtet, um Krabben zu finden. Und immer wieder links und rechts des Boots Buckelwale, die einen geräuschvollen Blas ausstoßen, bevor sie abtauchen.

Vor einem Strand mit lichtem Baumbewuchs ankern wir. Hada Village, eine Siedlung seiner First-Nations-Vorfahren, habe sich an dieser Stelle befunden, erklärt Mike. Viele Lieder seiner Kultur hätten hier ihren Ursprung, über die zehn Monde und die Geburt etwa. Mike singt. Sonor und hypnotisierend, als trage der Wind Melodie und Worte. Sogar Ruby ist gefesselt.

Ingo und Diana Hübner Wells Gray Provincial Park

In Victoria erzählen wir Ruby, dass wir einmal im Empress Hotel geschlafen haben, dreckverkrustet zur Tea Time einmarschiert sind nach einer Woche West Coast Trail. »Was ist das?«, fragt sie. Also fahren wir hin, zumindest in die Nähe in den Juan de Fuca Provincial Park. Der Abstieg durch den Wald zum Mystic Beach weckt Erinnerungen an den Trail. Von unten rauscht das Meer, schwillt an und ab. Treppe um Treppe führt der Weg tiefer, der Blick auf die See wird freier. Unten kommt die Erinnerung mit elementarer Wucht zurück. Der Strand, weit, offen, salzig, die Wellen krachen. Doch bevor wir schwelgen können, hat Ruby schon das »Schwingseil« entdeckt, das von einem Baum hängt, der über eine knapp 20 Meter hohe Sandsteinwand herausragt. Sie will zum Meer hin geschaukelt werden, und als ich das tue, übertönt ihr Glücksgeschrei alles.

Hello USA

»Hello USA!«, krakeelt Ruby bei der Ankunft der Fähre spätabends in Port Angeles. Am nächsten Nachmittag sitzen wir mit Ausblick auf die Juan de Fuca Strait, im Dunst Victo- ria und Vancouver Island, oben auf der Hurricane Ridge im Olympic National Park. Plötzlich winkt Ruby staatsfräulich wie die Queen in Richtung Kanada und ruft: »Goodbye Victoria!« Wenig später führt sie uns im nahen Visitor Center zu einer Schau- tafel mit den Tieren des Parks und hält einen Vortrag über die Berglöwen. Wie die sich die Kinder holen, sollten die Eltern nicht gut aufpassen. Abends am Lake Crescent ein Jahrhundert-Sonnenuntergang. Der ist so schön, sogar Ruby verschlägt es für einige Minuten die Sprache und sie schnauft mal ganz entspannt tief durch. Und weil alles so schön ist, schauen wir Eltern abends selbst eine Folge Heidi, als Ruby schon tief schläft.

Ingo und Diana Hübner Unvergessliche Momente für beide Generationen: Sonnenuntergang am Lake Crescent.

Die riesigen Bäume und das viele Moos überall animieren Ruby auf dem Weg zu den Sol Duc Falls wieder einmal dazu, Höhlen für die Zwerge zu bauen und diese mit kleinen Geschenken zu versehen. Es geht darum, dass sich die elendigen Spaßverderber einmal zeigen. Die Zwerge sind schnell vergessen, als sich Ruby an den Wasserfällen kurzerhand mit einem Paar anfreundet, das gerade von einer Tour durch die Regenwälder zurück ist und hier am Rande der Zivilisation noch mal den Kocher anschmeißt.

Abenteuerspielplätze

Die faltigen dunkelgrünen undurchdringlichen Ausläufer der Olympic Mountains enden im Westen oft an urtümlichen Stränden. Mit wuchtigem Treibholz übersät, fahlgrau ausgelaugt von der salzigen Brandung. Abenteuerspielplätze. Zum Balancieren, zum Höhlenbauen, zum Verstecken, zum Eltern-durchatmen-Lassen. Ruby will gar nicht mehr weg, weil sie noch so viele Steinhäuser für die Zwerge bauen muss. Als es dunkel wird, versuche ich, ein Lagerfeuer zwischen Regenwaldbäumen zu ent-fachen, aber das Feuerholz ist nass und will nicht richtig brennen. »Das macht doch nichts, ich will ins Bett«, sagt Ruby. Das ginge normalerweise runter wie Öl, doch hier fühle ich mich in meiner Ehre gekränkt und lasse nicht locker. Lange starre ich schließlich in die Flammen, bis es anfängt zu regnen.

Ruby baut Höhlen für die Zwerge und versieht sie mit Geschenken.

Über Nacht hat ein kleiner Sturm gewütet, den Rückweg nach Forks versperren umgestürzte Bäume. Die Aussicht auf kostenloses Feuerholz lockt rasch von überall her freiwillige Helfer mit Motorsägen an. Kaum ist die Straße wieder frei, kommen uns Autos mit Surfbrettern auf dem Dach entgegen.

Am Ruby (!) Beach ist es tatsächlich so stürmisch, unsere Tochter glaubt gar, sie könne fliegen. Die, die gekommen sind, um Drachen steigen zu lassen, haben dafür große Schwierigkeiten. Die Zufahrtsstraßen zu Hoh und Quinault Rainforest sind wegen fortdauernder Baumsturzgefahr gesperrt. Ranger mit Plastiküberzügen über ihren breitkrempigen Hüten weisen uns mit bestimmter Miene zurück.

Abends lese ich »Der Andere« von David Guterson, das von einem Einsiedler handelt, der dort im Regenwald lebt, und stelle mir die Wanderung durch den Hoh und auf dem Hall of Mosses Trail vor.

Unbezahlbar

Der letzte Regenwald folgt am Fuß des Mount Rainier auf dem Rückweg nach Seattle. Ganz oben am Paradise Inn riecht es Anfang September jedoch bereits nach Schnee. Wolken verhängen den Gipfel, über den Weg ziehen Nebelfetzen. Ruby will Wolken fangen, und wir wandern ein gutes Stück in die immer dichter werdende Suppe hinein – und landen auf märchenhafte Weise im sonnigen Seattle. So würde es zumindest Ruby wahrscheinlich erzählen.

Und in Seattle gibt es ganz große Bären im Zoo, die man streicheln kann. Ehrlich! Ein großes Ufo, das auf hohen Stelzen steht, in das man mit dem Aufzug fahren kann. Die Fische am Pike Place Market. Einer hatte das Maul sperrangelweit offen und machte: »Quaaaak!« Die Riesenschuhe von dem Mann mit den größten Schuhen der Welt. Und, also der Schamane von den First Nations im Tillicum Village, der aber gar keinen Arztkoffer dabeihatte. Einfach unbezahlbar, diese Erlebnisse! »Und es hat immer ganz doll Spaß gemacht!«, unterbricht Ruby plötzlich lauthals meine Gedanken.

Über den Weg ziehen Nebelfetzen. Ruby will Wolken fangen.


Ingo und Diana Hübner





Text: Ingo Hübner
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