Vollzeit auf vier Rädern

Vom Kastenwagen zum Campervan in fünf Monaten 

Text: Julia Unkrig | Fotos: Julia Unkrig, Nando Kuschel

Unendliche skandinavische Weiten – perfekt um den Van auf Herz und Ölpumpe zu testen!

„Mieten wir eigentlich eine Wohnung wenn wir zurück in Deutschland sind?“ – „Wie wäre es denn, wenn wir einen Kastenwagen kaufen und selbst umbauen, um darin zu wohnen und Europa zu erkunden?“ So oder so ähnlich waren unsere Gedanken als wir noch auf einer Erdbeerfarm in Australien arbeiteten und an unsere Rückkehr nach Deutschland dachten. Über ein Jahr hatten wir bereits in verschiedenen Fahrzeugen in Neuseeland und Australien gelebt, und irgendwie fühlte sich das genau richtig an. 

Zu wenig Platz, 24/7 aufeinander hocken und ständig den Naturgewalten ausgesetzt – das waren für uns keine Hindernisse oder Nachteile, für uns überwogen immer nur die positiven Seiten, die Freiheit und Naturverbundenheit beim „Vanlife“. Leben auf vier Rädern, ortsunabhängig arbeiten und wilde Natur abseits vom Massentourismus genießen – der Traum eines eigenen, selbstausgebauten Campervans sollte nach unseren Work & Travel-Aufenthalten endlich Wirklichkeit werden. 

Ich bin Julia und schreibe seit 2017 auf meinem Blog www.boardshortslife.com über unsere Reisen und unser Vanlife. Gemeinsam mit Nando vom Instagram Kanal @nando_kuschel lebe ich seit Oktober 2018 in einem selbstausgebauten Mercedes Sprinter. Mehr über den Prozess von der Idee bis zum gemütlichen Campervan und unsere Tipps für euren eigenen Traumcamper, lest ihr hier. 

Fahrzeugwahl 

Zurück in Deutschland begannen wir sofort mit der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug. Wer Vollzeit in einen Camper ziehen möchte, hat meist auch ganz andere Anforderungen an ein Fahrzeug als jemand, der ein paar Wochen im Jahr mit dem Camper Urlaub macht. 

Stehhöhe war uns wichtig und genügend Platz für eine große Küche, ein gemütliches Bett und einen Platz zum Arbeiten. Verlässlich sollte das Fahrzeug natürlich auch sein, ein Modell mit wenig Elektronik und Schnickschnack am besten, für das jede Werkstatt in Europa passende Ersatzteile bekommen oder bei dem man zur Not selbst Hand anlegen kann. Und natürlich musste der Van auch ins Budget passen. 

Also durchsuchten wir die gängigen Portale nach einem gebrauchten Mercedes Sprinter älteren Baujahres – in möglichst gutem Zustand versteht sich. Fündig wurden wir dann bei einer Firma, die ihren, ausschließlich vom Geschäftsführer genutzten, Sprinter verkaufte. Die Türen hatten unten bereits Rost angesetzt, aber wir hatten uns während der Probefahrt in unser neues Zuhause verliebt und wollten für den guten Preis gerne ein bisschen mehr Arbeit in Kauf nehmen. 

Geworden ibst es schließlich ein Mercedes Sprinter L2H2, Baujahr 2001, 313 CDI. Nicht mal sechs Meter lang und keine drei Meter hoch – und daher zum Beispiel bei Fährfahrten günstiger. Gleichzeitig im Innenraum genug Platz für alles, was wir uns vorstellten, und im komplett leer gefegten Wagen konnten wir beide locker stehen.

Ausstattung und Umbau 

Anfang Mai 2018 war es dann soweit und der Ausbau startete. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns während unzähliger Stunden einen Berg an Inspirationen geholt – vor allem von amerikanischen Ausbauern, denn Vollzeit-Vanlifer gab es in Deutschland oder Europa bis dato nur wenige. Tausende Layout-Optionen später standen der Plan für den Ausbau und eine lange Liste mit Produkten, die wir verbauen wollten.

Gut geplant ist halb ausgebaut 

Eine gute Planung ist die halbe Miete, denn es müssen nicht nur viele Materialien bestellt werden, sondern auch sicherheitstechnisch muss alles einwandfrei sein, und das richtige Werkzeug sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. 

Das Layout aufzuzeichnen ist nur ein kleiner Teil der Ausbauplanung. Euren Van solltet ihr auf jeden Fall genauestens vermessen, damit wenig Verschnitt anfällt und Arbeiten kein zweites Mal gemacht werden müssen. 

Gerade technische Aspekte sollten unbedingt mit einem Profi geplant werden und am allerbesten ist es, den Einbau von elektrischen Geräten von einem Elektriker machen zu lassen oder zumindest nach erfolgtem Einbau einen Fachmann drüberschauen zu lassen. Sicherheit sollte gerade auf einem so kleinen Raum immer Vorrang haben. Denkt auch an eine Gasprüfung – denn diese dient vor allem zu eurer Sicherheit, damit ihr beruhigt im Camper schlafen könnt. 

Ausstattung für Vollzeit-Vanlifer 

Von Anfang an war klar, dass wir beim Leben im Campervan auf einige Dinge verzichten müssen, aber Minimalismus kannten wir schließlich schon von unseren Auslandsreisen. Ein paar Punkte sollte unser Ausbau dann aber doch erfüllen, damit das Leben auf Reisen ein bisschen mehr „Luxus“ bekommt und vor allem auf Dauer Spaß macht. 

Wichtig war uns eine große Küche mit einem festen Gaskochfeld, das unbedingt zwei Kochplatten haben sollte. Ein großes Waschbecken mit ausziehbarem Wasserhahn für komfortables Spülen von großen Pfannen und Töpfen. Außerdem planten wir ausreichend Platz für Frisch- und Abwasser ein, um bis zu drei Tage autark stehen zu können ein. 

Schnell war auch klar, dass wir nicht ohne Toilette reisen wollten. Nach längerer Recherche entschieden wir uns für eine Trockentrenntoilette, die wir selbst nach unseren Bedürfnissen bauten.

Beim Bett wollten wir keine Kompromisse eingehen, denn es sollte schließlich jeden Tag für einen guten Schlaf und Entspannung sorgen. Da der Sprinter nicht der breiteste unter den Kastenwagen ist, haben wir uns für ein Längsbett entschieden, mit dem wir eine Länge von 195 cm erreichten. Weil diese Bettvariante viel Platz einnimmt, sollte das Bett tagsüber zu einer Sitzecke mit Arbeitsplatz umbaubar sein. Die 2-in-1-Lösung spart Platz und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, Besucher zum Essen am großen Tisch einzuladen.

Zu guter Letzt war eine Diesel-Standheizung für uns ein Must-have, denn unser Traumziel für die erste Fahrt war Norwegen im Winter.

Der erste Ausbau 

„Learning by doing“ war bei den umfangreichen Holzarbeiten für Möbel, Wände und Co. oft das Stichwort. Bei allem, was die Elektrik anging, wollten wir jedoch nichts dem Zufall überlassen. Da kam es natürlich sehr gelegen, dass Nandos Bruder Elektriker ist und sich um die komplette Verkabelung und Bordelektronik im Van kümmerte. Vom Anschluss der Versorgerbatterie über dimmbare LED-Spots, die Standheizung bis hin zum Wechselrichter und USB-Steckdosen: Alles muss fachmännisch verkabelt werden. Wir waren mehr als dankbar, die für uns völlig neue Berechnung des Kabelquerschnitts, das Verlegen der Kabel und vor allem das Anschließen dieser mit dem richtigen Werkzeug in fachmännische Hände geben zu können. 

Aller Anfang erfordert Mut!

Kosten und Budget 

Wer selbst ausbauen möchte, muss vor allem das Budget für ein passendes Basisfahrzeug einplanen. Ein Gebrauchtwagen ist natürlich günstiger als ein Neufahrzeug, birgt aber beim Privatkauf auch immer ein gewisses Risiko. 

Von minimalistisch bis luxuriös – beim Wohnmobilausbau ist fast alles möglich. „Nach oben offen“ ist daher das Stichwort bei den Kosten.

Unser erster Ausbau war vom Budget her eingeschränkt, und so haben wir zum Beispiel bei den Batterien, dem Kochfeld und dem Waschtisch gespart. Mit dem Ergebnis, dass die Batterien nach kurzer Zeit im Dauereinsatz platt waren und wir schließlich doch auf Lithium-Ionen-Akkus, kurz LiFePO4, umstiegen.

Wie in einer Wohnung sind Verbesserungen oder Veränderungen nach den ersten Reisen ganz normal, denn man entwickelt sich und seine Bedürfnisse weiter. Klein und günstig anzufangen ist daher genauso wenig ein Problem wie direkt viel Budget für ein bisschen mehr Luxus auszugeben.

Arbeiten im Van 

Als Vollzeit-Vanlifer und Freiberufler war der Van für uns viel mehr als ein Fortbewegungsmittel für eine Europareise. Denn auch wenn die laufenden Kosten zumeist geringer ausfallen als bei einem durchschnittlichen Pärchen mit Mietwohnung, die Versicherung fürs Wohnmobil, Diesel, Krankenversicherung und vieles mehr wollen natürlich trotzdem bezahlt werden.

Nando arbeitete hauptsächlich als Fotograf, ich im Bereich Marketing und Digital- und Printmediendesign. 

Dabei waren wir neben einem stabilen Tisch und einer Sitzmöglichkeit vor allem auf eines angewiesen: eine zuverlässige Internetverbindung. Unsere Lösung ist ein mobiler WLAN-Router, der auf jeder Reise mit dabei ist. Eine der ersten Besorgungen in einem neuen Land ist daher eine SIM Karte, am besten mit unbegrenztem Surfvolumen. Zum Glück sind die meisten Länder dabei sehr viel besser aufgestellt als Deutschland und so hatten wir auch in Norwegen auch an den abgelegensten Orten immer bestes Netz.  

Wer regelmäßig in seinem Van arbeiten möchte, muss darauf achten eine anregende, angenehme Umgebung zu schaffen.

Nachhaltigkeit im Campervan, geht das? 

Ein 3,5-Tonner mit Dieselmotor ist sicherlich nicht gerade die umweltfreundlichste Variante des Reisens. Aber für uns ist es eine langsamere, nachhaltigere Art andere Länder und Kulturen zu erkunden. Nicht mehr in ein Flugzeug steigen zu müssen war für uns einer der Gründe, uns für einen Van zu entscheiden. Und ein Grund, warum wir nicht mit Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs sind, ist sicherlich der, dass unsere Arbeit zwar ortsunabhänigig ist, aber unterm Strich immer noch erforderte, mehrere Stunden am Tag vorm Rechner zu sitzen. Wir denken, dass niemand perfekt ist und dass das Streben nach perfekter Nachhaltigkeit eher abschreckend wirkt als ein Ansporn zu sein. „Ich kann allein sowieso nichts bewirken“ – sagen 80 Millionen Menschen. Doch jeder noch so kleine Schritt nach vorne ist ein Schritt in die richtige Richtung. 

Als für uns feststand, dass ein Campervan unser Zuhause werden soll, wollten wir daher besonders die Nachhaltigkeit der Ausstattung und unseren Umgang mit der Natur hinterfragen.  

Den Strom in unserer Wohnung auf vier Rädern beziehen wir komplett über Solarenergie oder die Lichtmaschine während der Fahrt – wir haben nicht einmal einen Landstrom-Anschluss verbaut.

Die knapp sechs Quadratmeter erfordern ohnehin eine gewisse Art des Minimalismus, aber auch der Inhalt unseres Kleiderschranks besteht hauptsächlich aus Naturmaterialien. Und das ist für Vollzeit-Vanlife und Outdoor-Aktivitäten sogar praktisch, denn Wolle zum Beispiel ist geruchshemmend und kann super mal nur gelüftet werden. Das spart viele Waschgänge. Auch unseren Wasserverbrauch haben wir gegenüber einer richtigen Wohnung extrem reduziert.

Beim Einkauf ist es für Camper nützlich, auf wenig Verpackung zu achten, denn Platz für viel Müll gibt es ohnehin nicht. Der Müll, der trotzdem anfällt, muss natürlich fachgerecht entsorgt werden. Den eigenen Müll einfach irgendwo zu hinterlassen stört Anwohner und führt dazu, dass schöne Orte gesperrt werden. Daher gilt „Leave it better than you found it“, also nicht nur den eigenen Müll immer mitnehmen, sondern auch Müll von anderen einsammeln, so bleiben schöne Orte noch lange nach deinem Besuch schön.

Und dann ist da ja auch noch das Thema Toilette. Ganz ohne Chemie kommt unsere Trockentrenntoilette daher, und sollte sie doch mal voll sein, kann der Inhalt ganz einfach an einer Entsorgungsstation, einer öffentlichen Toilette oder im Müll entsorgt werden.

Und wenn du eine Outdoor-Dusche nutzt, dann am besten mit biologisch abbaubarem Duschgel, denn wir wollen die Natur auch für nachfolgende Generationen noch so belassen, wie wir sie vorgefunden haben. 

Von über vier Jahren Fulltime-Vanlife zum eigenen Wohnmobilausbau-Unternehmen 

Im März 2020 änderte sich durch die Pandemie unsere Situation,

wie die von allen Menschen weltweit plötzlich. Beim Abendessen auf einem Rastplatz in Schweden erhielten wir die Nachricht, dass Deutschland die Grenzen zu Dänemark schließt. Nach einem kurzen Telefonat mit der Familie war klar, dass wir die Reise abbrechen, nach Deutschland zurückkehren und die Entwicklung der Situation abwarten würden. Seit über einem Jahr sind wir nun wieder in Deutschland, waren aber nicht untätig.

Die Idee eines eigenen Unternehmens im Bereich Wohnmobilausbau und -vermietung war nach vier Jahren Vollzeit-Vanlife und vielen Aus- und Umbauten am Van fast schon die logische Konsequenz. Mit der Unterstützung von Nandos zwei Brüdern konnte die Idee in die Tat umgesetzt werden. Die drei Gründer vereint nicht nur die Liebe zu Reisen und Camping, sondern auch die langjährige Erfahrung mit Wohnmobilausbauten und technisches Know-how auf vielen Gebieten.

Individuelle Ausbauten nach Kundenwunsch mit nachhaltigen Materialien und außergewöhnlichen Konzepten für jedes Fahrzeug kommen ab jetzt von Captain Camper aus Wuppertal. Für alle, die Camping und Vanlife erst einmal testen wollen, werden in Zukunft auch liebevoll ausgebaute Mietcamper zur Verfügung stehen.

Zurzeit leben wir noch in unserem Sprinter und wollen das Vanlife natürlich nicht vollständig hinter uns lassen. Wenn wir in eine gemeinsame Wohnung ziehen, wird unser „Sprinti“ weiterhin für alle Urlaube unsere erste Wahl sein. Zu Hause ist es schließlich doch am schönsten, und unser Campervan ist uns bei all den Reisen ans Herz gewachsen wie ein dritter „Travelbuddy“.


Julia und Nando im Interview

Wenn du die beiden Globetrotter noch etwas näher kennenlernen möchtest: In der ersten Folge unserer Interview-Reihe zum Thema Vanlife haben wir Julia und Nando in Wuppertal besucht.

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