Vogesen auf halber Länge

Für vier Tage Abenteuer reichen Fahrrad, Isomatte und Schlafsack
– Bikepacking im französischen Mittelgebirge.

Der Schweiß rinnt, das Herz ist kurz davor, sich zu überschlagen, und seit bestimmt 20 Minuten hat keiner mehr etwas gesagt. Stumpf treten wir in die Pedale. Es ist Tag drei auf unser Bikepacking-Tour durch die Vogesen. Die Königsetappe. Für heute haben wir bald 2000 Höhenmeter auf der Uhr. Sollte es etwas steiler werden, unsere Waden würden wahrscheinlich krampfend ihren Dienst einstellen. Aber wir müssen noch diesen einen Anstieg hoch. Irgendwie hatte ich mich bei der Tagesstrecken- und Höhenmeteraufteilung etwas vertan und habe ein schlechtes Gewissen.

Weiter oben wird es flacher und eine Ferme Auberge, ein hier typischer Berggasthof, kommt in Sicht. Marius fährt vorne und endlich sagt mal wieder einer was: »Wenn wir da jetzt noch an einem Brunnen vorbeikommen, kriege ich die Krise.«

Seit der letzten Pause, etwa 700 Höhenmeter weiter unten, schaukelt bei ihm und bei Alex jeweils noch ein gut gefüllter Wassersack auf dem Rad mit. Weil unser geplanter Schlafplatz oben am Vogesenhauptkamm nicht in der Nähe eines Wasserlaufs liegen wird, haben wir im Tal vorsichtshalber die Vorräte aufgefüllt. Ohne Wasser würde unsere abendliche Nudelration ausfallen, aber das Gewicht der Beutel macht sich gerade im Anstieg schön bemerkbar. Gott sei Dank führt unser Weg nicht direkt an der Auberge vorbei, die Marius bemerkt hatte. Da gäbe es garantiert Wasser, ich hatte den Gasthof aber einfach in der Karte übersehen. Marius’ Krise kann also gerade noch mal abgewendet werden.

GELÄNDE TROTZ GEPÄCK

Vor ein paar Wochen hatte ich meine Kumpel Marius und Alex gefragt, ob sie Lust auf eine spontane Radtour hätten. Vier Tage mit dem Mountainbike durch die Vogesen. Wird nicht so hart, hatte ich gesagt, ist schließlich nur Mittelgebirge und gleichzeitig könnten wir dabei prima diese neuen Bikepacking-Taschen ausprobieren. Die zwei jungen Väter hatten jeweils zu Hause freibekommen und zugesagt – perfekt.

Die Idee vom Bikepacking stammt aus den USA, wo Radler für sogannte Overnighter einfach Schlafsack und Isomatte zunächst unter den Lenker geschnallt hatten. So bleibt das Rad trotz Gepäck einigermaßen geländetauglich. Auch mich hatte an Radtouren bislang immer gestört, dass von der eigentlichen Agilität eines Fahrrads nichts übrig bleibt, wenn man es wie einen Packesel behängt. Klassische Seitentaschen an Gepäckträger und Gabel würde man sich auf jedem Singletrail ohnehin nach wenigen Metern abreißen. Beim Bikepacking versucht man zum einen, mit minimaler Ausrüstung auszukommen, und zum anderen, das Gewicht so nah wie möglich am Rad zu befestigen. Eine Packrolle unter dem Lenker nimmt Schlafsack und Matte auf, schwerere Sachen wie Kocher, Geschirr und Proviant kommen ins Rahmendreieck und in die Tasche hinter dem Sattel. Noch ein Vorteil: Anders als beim klassischen Alpencross mit Rucksack bleibt der Rücken frei. Durch den knappen Stauraum ist das Gepäck begrenzt. In der Gruppe teilen wir uns einen Kocher, ein Tarp und den Wassertransport. Außer zusätzlichen Regen- und Isojacken nehmen wir kaum etwas mit – die Radklamotten haben wir ohnehin immer an. Es ist Anfang September und der Sommer gibt noch mal Gas. Es ist heiß und sonnig als wir in Obernai, einem 10 000-Seelen-Ort mit typisch elsässischen Häusern aus Fachwerk und rotem Sandstein, aufbrechen. Die ersten zwei Tage verbringen wir praktisch im Wald und arbeiten uns auf Forstwegen und Trails in Richtung Süden. Nur wenn unser GPS-Track mal Touristenziele wie das Wallfahrtskloster auf dem Mont-Sainte-Odile oder das Château du Haut-Koenigsbourg streift, treffen wir auf Menschen. Kurz darauf verschluckt uns aber immer wieder das tiefe Grün. »Schöne Tour«, merkt Alex irgendwann an, »aber von den Vogesen sieht man ja nicht so viel.«

Jeden Nachmittag bunkern wir im letzten Ort noch Wasser zum Kochen, ergänzen unseren Proviant für die Nacht und suchen uns auf den folgenden Kilometern eine ruhige Lichtung für unser Tarp. Wir kommen kurz vor Einbruch der Dunkelheit an und hauen mit dem Sonnenaufgang wieder ab. Nichts verrät, dass wir dort waren.

ÜBER DER BAUMGRENZE

Die Vogesen liegen parallel zum Schwarzwald – nur auf der französischen Seite des Rheins – und trennen das Elsass vom restlichen Frankreich. Unsere Route der »Traver- sée du Massif Vosgien« (TMV) folgt immer mehr oder weniger der Linie des Hauptkamms. Weil wir nicht genug Zeit für die kompletten 400 Kilometer von Wissembourg im Norden bis zum Grand Ballon im Süden haben, sind wir auf der Hälfte eingestiegen. Von unserem Startpunkt in Obernai sind es noch gut 200 Kilometer bis zu unserem Ziel Grand Ballon, dem höchsten Gipfel der Vogesen.

Heute an Tag drei sind wir schon im Bereich der Hochvogesen unterwegs. Hier im Süden oberhalb des Munstertals reichen die Berge über die Baumgrenze und wir bekommen endlich mehr von der Umgebung zu sehen. In Ortschaften wie Soultzeren und Metzeral scheint die Zeit stillzustehen, kleine Stauseen glitzern in der Sonne und immer kreuzen wir »Route des Crêtes«. Die Kammstraße, die ursprünglich im Ersten Weltkrieg als Verteidigungslinie gegen die Deutschen gebaut wurde, ist heute eine beliebte Aussichtsroute.

VORSPEISE MUNSTERKÄSE

Als wir das Camp aufschlagen, ist die Stimmung trotz der anstrengenden letzten Meter mit Zusatzgewicht wieder gelöst. Schon mittags hatten wir an einem Marktstand mit regionalen Produkten einen Munsterkäse gekauft, der uns jetzt über den ersten Hunger hilft, ehe die Nudeln endlich kochen. Der Weichkäse ist eine Spezialität der Region und je nach Reifegrad kräftig in Geschmack und Geruch. Perfekt wäre dazu jetzt noch ein Tropfen elsässischen Gewürztraminers. Aber das Extragewicht konnten wir dann doch nicht mehr unterbringen. Immerhin hat Marius noch einen Flachmann Selbstgebrannten ins Gepäck geschmuggelt.

20 KILOMETER BERGAB

Die letzte Nacht wird ungemütlich. Der Herbst kommt. Oben am Vogesenkamm zerrt der Wind am ungeschützten Tarp. Wolken ziehen über die Graskuppen und kleine Schauer sorgen dafür, dass wir früh aufwachen. Ein schnelles Frühstück im Stirnlampenlicht. Unsere letzte Wasserration reicht noch für etwas Müsli mit Milchpulver und eine Tasse Tee. Ist aber egal, erkläre ich, im Tal werden wir uns einfach eine Boulangerie suchen.

Die letzte Etappe ist gemütliches Ausrollen. Wir folgen der Kammstraße ein paar wenige Kilometer hinauf zum Col du Grand Ballon, auf dem Asphalt stehen noch die Fahrernamen der Tour de France 2014. Von hier kann man bis ins Berner Oberland schauen, hatte ich angekündigt – heute versperren Wolken die Sicht. Nach einem Gipfelfoto geht es im Sturzflug ins Tal. Die 20 Kilometer lange Abfahrt entschädigt für alle Anstiege der vergangenen Tage. In Bollwiller nehmen wir die Regionalbahn zurück und finden vorher noch eine Boulangerie – endlich ein Versprechen, das ich halten kann.

Julian Rohn Gegen den Hungerast: Tourte de la Vallée.


Text: Julian Rohn