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Viva México!

Ein Abenteuer zwischen Tradition und Moderne


Ein Abenteuerbericht aus der Globetrotter-Community
– von Caroline Zwetsloot und Sven Sperber

KAPITEL 1

Baja California

das etwas andere Mexiko

Seit zwei Wochen erkunden wir die Halbinsel Baja California, die sich im Nordwesten Mexikos zwischen dem Pazifik und dem Golf von Kalifornien erstreckt. Diese Region, geprägt von endlosen Wüstenlandschaften, rauen Gebirgsketten und abgeschiedenen Stränden, fasziniert uns durch ihre wilde Schönheit und ihre reiche Tierwelt. Jedes Jahr ziehen Grauwale an die Küste, und die Vielfalt an Outdoor-Abenteuern wie Surfen, Tauchen und Offroad-Touren lockt Reisende aus aller Welt an. Schon oft hatten wir von dieser einzigartigen Mischung aus rauer Natur und mexikanischer Gastfreundschaft gehört – nun erleben wir sie selbst.

Heute führt uns der Weg zu einem entlegenen Ort, erreichbar nur mit Allradantrieb. Nachdem wir unsere Vorräte aufgestockt haben, lässt Sven Luft aus den Reifen, um die 30 Kilometer lange Schotterpiste zu meistern, die sich serpentinenartig durch die Berge schlängelt. Die Landschaft ist überwältigend: raue Felsen, grüne Hänge und schließlich, nach anderthalb Stunden Fahrt, erreichen wir Agua Verde, eine kleine Halbinsel am Golf von Kalifornien. Zu unserer Rechten schaukeln Segelboote sanft in einer geschützten Bucht, während sich links das offene Meer ausbreitet. Hier schlagen wir unser Lager auf und bleiben für eine Woche.

Agua Verde – Baja California

Die Tage vergehen in einem herrlichen Rhythmus: Wir backen Erdbeerkuchen, erkunden die Wanderwege, joggen zur nächsten Bucht, schwimmen im klaren Wasser und nutzen das Stand-up-Paddle-Board unseres Nachbarn Thomas. Angeln wird schnell zum täglichen Ritual, ebenso wie das Genießen der ruhigen Atmosphäre. Von unserem Platz beobachten wir ab und an andere Reisende, die sich mühsam den steilen Aufstieg zurückwagen, eine Herausforderung, die ohne Allradantrieb kaum zu bewältigen ist. Die meiste Zeit aber lassen wir einfach die Seele baumeln.

Unsere kanadischen Nachbarn, Eric und Karolynn, laden uns zu einer Bootsfahrt ein. Zwar bleibt die Angel an diesem Tag leer, aber der Anblick eines aus dem Wasser springenden Rochens entschädigt uns. Am nächsten Morgen geht Sven mit Eric und Thomas erneut angeln – dieses Mal kehren sie nach fünf Stunden voller Geschichten und mit neun Fischen zurück. Abends feiern wir ein gemeinsames Mahl, während die untergehende Sonne den Himmel in glühendes Rot taucht.

Erfolgreicher Fischfang mit Thomas (erstes Bild, links) und Eric (erstes Bild, rechts).

Nach einer Woche in dieser idyllischen Abgeschiedenheit neigen sich unsere Wasservorräte dem Ende zu, und es wird Zeit, weiterzuziehen. Es tat gut an diesem besonderen Ort zu verweilen, Gleichgesinnte zu treffen und eine digitale Auszeit zu genießen – kein Empfang, egal wohin wir wanderten. Bevor wir aufbrechen, bedanken wir uns bei José, dem einheimischen Bewohner der Bucht, und geben ihm ein Trinkgeld. Mit unserem Allrad-Bus, den wir „Moose“ nennen, meistern wir die Schlüsselstelle mühelos und nehmen Abschied von diesem unvergesslichen Ort.

Das Herzstück der Baja California liegt tief im Süden der Halbinsel, wo sich unberührte, weiße Sandstrände an das türkisfarbene Meer schmiegen und die Natur sich von ihrer wildromantischen Seite zeigt. Hier ist die Baja ein Paradies für alle, die das Leben draußen lieben. Das Rauschen der Wellen, der funkelnde Sternenhimmel und die majestätischen Grauwale, die jedes Jahr aus Alaska zurückkehren und bis nach an die Strände herankommen, prägen unsere Tage. Die Sea of Cortez – bekannt als „Aquarium der Welt“ – ist nicht nur die Heimat dieser sanften Riesen, sondern auch zahlreicher anderer Meeresbewohner.

In La Ventana sichten wir einige Teufelsrochen.

Für Sven sind die Wale und Mobulas, die eleganten Teufelsrochen, ein besonderes Highlight. Mit ihrer rhythmischen Bewegung ziehen sie anmutig durch das Wasser und erzeugen eine hypnotische Atmosphäre, besonders wenn Hunderte von ihnen im Morgengrauen aus dem Wasser springen. Ausgerüstet mit Speer und Taucherbrille taucht Sven täglich in die glasklare, türkisblaue Unterwasserwelt der Baja ein – eine Welt voller Leben und magischer Stille. Die Gesänge der Wale, tief und melancholisch, dringen durch das Wasser. Es ist, als ob die Baja ihn einlädt, Teil dieser majestätischen Natur zu sein, die noch immer unberührt und wild ist.

Sven beim Speerangeln.

Am Abend knistert das Lagerfeuer, und der Duft von frisch gefangenem Fisch erfüllt die Luft. Jeder Bissen ist ein Genuss und erinnert an die Abenteuer des Tages. Unter dem Sternenhimmel schwelgen wir in der Schönheit und Wildheit der Baja California. Für uns ist die südliche Baja mehr als nur ein Reiseziel – sie ist ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Wo die Natur in ihrer reinsten Form erlebt werden kann und die Freiheit des Campens sich mit der Magie des Meeres vereint. Aus einem „Wir schauen mal, wie lange wir bleiben“ wurden schließlich zwei Monate. Zwei Monate voller unvergesslicher Momente, neuer Freundschaften und atemberaubender Unterwasserwelten. Doch unser Traum, bis nach Feuerland zu reisen, treibt uns weiter, und so verabschieden wir uns von der leuchtenden Küste von La Paz, als die Fähre uns mitsamt unserem Bus durch die Nacht ins „echte“ Mexiko bringt.

LKW-Fähre Richtung Mazatlan – Mexiko.

KAPITEL 2

Mexiko

Vulkane, Tradition und viele unbefestigte Straßen

Die ersten Kilometer in Mexiko legen wir zusammen mit unseren französischen Freunden Joana und Eric zurück, die ebenfalls in einem VW T3 unterwegs sind. Es beruhigt uns, sie in unserer Nähe zu wissen, als wir uns durch das geschäftige Treiben von Mazatlán bewegen – einer lebendigen Stadt mit rund 500.000 Einwohnern im Bundesstaat Sinaloa. Nach kurzem Aufenthalt fahren wir gleich weiter Richtung Osten, denn eine lange Strecke liegt vor uns. Wegen der zahlreichen Geschichten über fragwürdige „Checkpoints“ entscheiden wir uns für die Mautstraßen. Die Erzählungen reichen von schwarz gekleideten Männern, die ganze Busse durchsuchen, bis hin zu freundlichen Uniformierten, die einfach durchwinken. In Sinaloa herrscht eines der mächtigsten Kartelle der Welt. Das Sinaloa-Kartell wurde einst angeführt von „El Chapo“. Nach dessen Festnahme übernahm sein Sohn Teile des Kartells und führte unter anderem den Handel mit Fentanyl fort, bis auch er in Mexiko-Stadt festgenommen wurde. Als Touristen bekommen wir von der Kartell-Kultur meist nichts mit, dennoch ist für uns klar: Wir fahren weder nachts, noch halten wir an, wenn uns etwas seltsam vorkommt.

Die grüne, bergige Landschaft fällt uns sofort ins Auge und wird zu unserem ständigen Begleiter. Doch die Hitze ist überwältigend, und während unser treuer Begleiter Moose sich tapfer schlägt, geraten auch wir ganz schön ins Schwitzen. Nach etwa 300 Kilometern erreichen wir das wunderschöne Dorf Jala. Eine gepflasterte Straße führt durch die engen Gassen, in denen die Bewohner uns freundlich zuwinken. Unser Ziel ist zum Greifen nah, doch eine letzte Herausforderung steht bevor: Eine 30-minütige Fahrt auf eine Bergspitze, um in einem Vulkankrater auf etwa 2.000 Metern Höhe zu übernachten. Es wird spät, als wir schließlich den Gipfel erreichen. Die Sonne ist gerade untergegangen, und wir sammeln Holz für ein kleines Lagerfeuer.

Wir schlagen unser Lager auf und beobachten den Sternenhimmel.

Im Dunkeln erklärt Eric Caro die Grundtechniken der Nachtfotografie, und sie versucht sich gleich in der Praxis. Begeistert von der Aussicht und dem Sternenhimmel beschließen wir, noch eine weitere Nacht zu bleiben. Am nächsten Tag unternehmen wir eine Wanderung rund um die Vulkanlandschaft, wo wir auf Einheimische treffen – manche zu Pferd, andere zu Fuß. Die Aussicht ist atemberaubend – Vulkane so weit das Auge reicht. Der Vulkan, auf dem wir stehen, ist angeblich alle 100 Jahre aktiv, zuletzt 1870. Die letzte Nacht unter dem sternenklaren Himmel genießen wir in vollen Zügen, bevor wir uns am Morgen auf die Hitze der tiefer liegenden Lagen vorbereiten.

Sonnenuntergang und einige Begegnungen mit Einheimischen.

Tequila

Von unserem schönen Platz aus geht es weiter in die Stadt Tequila! Dieses Mal fahren wir ohne Mautstraßen und durchqueren ein Dorf nach dem anderen, was uns zwar langsamer, aber auch die atemberaubende Aussicht auf unzählige Agavenfelder genießen lässt. Sobald wir die höheren Lagen verlassen, spüren wir wie erwartet sofort die zunehmende Hitze. 

Wir machen uns auf den Weg nach Tequila.

In Tequila angekommen verschaffen wir uns erstmal einen Überblick. Es ist noch Mittag, doch die Atmosphäre erinnert an einen feucht-fröhlichen Ferienort. Überall wird Tequila ausgeschenkt, und die Straßen sind gefüllt mit Menschen, die bei Musik und Getränken feiern. Doch die Stadt hat ihren eigenen Charme, der uns in seinen Bann zieht. Dank einer Empfehlung buchen wir eine Übernachtung bei José, einem Tequila-Hersteller in fünfter Generation, der uns die Geheimnisse des berühmten Getränks näherbringen wird. Zu unserer Freude sind auch Eric und Joana dabei, die vor fünf Jahren eine ähnliche Tour gemacht haben. José, ehemaliger Bürgermeister von Tequila, zeigt uns sein 200 Hektar großes Anwesen mit Blick auf den Tequila-Vulkan. Die Agaven, die für die Tequila-Herstellung verwendet werden, brauchen neun Jahre, um zu reifen und das Land versorgt sie durch den Sommerregen der Regenzeit. Wenn die Agaven bereit sind werden ihre scharfen Blätter abgeschlagen, bis nur noch das Herz – die sogenannte Piña– übrig bleibt. Danach beginnt der eigentliche Destillationsprozess. José erklärt uns jede Phase und lädt uns dann zu einer Verkostung ein.

Tequila Blanco/Silver

  • Tequila Reposado (6 Monate in Eichenfässern)
  • Tequila Añejo (1 Jahr in Eichenfässern)
  • Tequila Extra Añejo (10 Jahre in Eichenfässern)

Er zeigt uns zudem, wie man als Laie einen guten Tequila erkennt. Man hält das Glas auf Augenhöhe, um zu sehen, ob der Tequila klar ist. Die zweite Methode ist, das Glas zu schwenken und die Oberfläche zu betrachten. Ein echtes Zeichen für Qualität ist eine unsichtbare Schicht, die wie eine Kontaktlinse auf der Flüssigkeit schwebt. Schließlich verreiben wir einige Tropfen Tequila Blanco in den Händen: Ein guter Tequila hinterlässt den Duft frischer Agave.

Wir lernen die wichtigsten Dinge über Tequila.

Nach der Verkostung aller Sorten – vom klaren Blanco bis zum reichhaltigen Añejo – ist es Zeit für den Höhepunkt des Abends: Wir mixen unseren eigenen Cantarito, einen beliebten Cocktail aus der Region. Mit Limetten, Orangen, Grapefruits, Tequila und einer Prise Salz entsteht ein sprudelnder Drink im traditionellen Tonkrug, der perfekt zur warmen Abendstimmung passt.

Rezept für ein Glas Cantarito:

  1. Eiswürfel
  2. Saft einer halben Grapefruit
  3. Saft einer halben Orange
  4. Saft einer halben Zitrone
  5. Saft einer halben Limette
  6. ein Shot Tequila Blanco
  7. den Rand mit Chili und Salz bestreuen
  8. mit Soda (ideal Grapefruit-Soda) toppen und mit einer Grapefruit garnieren

Während wir die laue Abendluft genießen, erzählt uns José von seinem Leben, den Herausforderungen als Unternehmer und seinem Wunsch, das Geschäft an seine Töchter weiterzugeben. Da in Mexiko traditionell Männer Unternehmen führen, ist dies ein schwieriges Unterfangen. Wir stoßen an, lachen und lassen den Abend in gemütlicher Runde ausklingen, während das Dorf langsam in die Stille der Nacht eintaucht.

Nevado Colima – unser erster 4.000er

Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel machen wir einen Zwischenstopp in Villa Corona auf 1.350 Metern Höhe. Hier, auf einem etwas in die Jahre gekommenen Campingplatz mit nostalgischen Pools und Wasserrutschen, verbringen wir eine Nacht und nutzen das WLAN für ein paar anstehende Aufgaben. Die nächste Nacht verbringen wir in Ciudad Guzmán auf 1.500 Metern und akklimatisieren uns weiter, bevor es dann richtig in die Höhe geht. Die Landschaft hier ist überwältigend: Kilometer um Kilometer breiten sich landwirtschaftlich genutzte Flächen aus, die das Bild im Westen Mexikos prägen. Für die Nacht parken wir in einer ruhigen Seitenstraße gegenüber eines schicken Restaurants und hoffen, dass wir uns gut an die Höhe gewöhnen, denn am nächsten Tag erwartet uns der Aufstieg auf 3.670 Meter.

Gesagt, getan. Am Morgen machen wir uns auf den Weg zum Nevado de Colima, einem imposanten, über 4.000 Meter hohen, inaktiven Vulkan. Die Strecke dorthin hat es in sich: 1,5 Stunden lang kämpfen wir uns mit Moose, unserem treuen Begleiter, über 18 Kilometer hinweg und steigen mehr als 2.000 Höhenmeter auf. Moose schnauft und ächzt gelegentlich, und wir müssen einige steile Abschnitte mit ihm bewältigen, aber am Ende meistert er die Schotterstraße tapfer, und wir erreichen unser Camp mit Blick auf unser morgiges Ziel. Den Nachmittag verbringen wir damit, uns auf die bevorstehende Wanderung vorzubereiten, uns auszuruhen und unserem Körper Zeit zur Anpassung an die Höhe zu geben. Der Vulkan ragt bedrohlich im Hintergrund auf und sieht atemberaubend, aber auch einschüchternd steil, aus.

Herausforderung vor unserem ersten 4.000er: Die Hinfahrt.

Tagsüber ist es hier oben frisch, aber nicht unangenehm kalt. Abends gönnen wir uns dennoch ein wenig Wärme aus der Standheizung. Die Nacht verläuft allerdings nicht ganz so ruhig, wie wir es erwartet haben. Ein junger Hund, der in der Nähe unseres Camps auftaucht, bellt stundenlang in die Dunkelheit. Ob er etwas jagt oder selbst Angst hat, können wir nicht sagen. Am Morgen geben wir ihm ein paar Leckerchen und Wasser – die Snacks hatten wir noch von Baja California, wo wir beinahe einen Straßenhund adoptiert hätten.

Nun ist der Moment gekommen: Vor uns liegt der Aufstieg. Die Strecke ist kurz, nur 2,3 Kilometer, doch das Gelände ist steil. Der Weg führt uns über ein steiles Geröllfeld, und schon die ersten 1,5 Kilometer haben es in sich. Atemlos kämpfen wir uns nach oben, Schritt für Schritt durch das lose Geröll. Die erste Plattform auf 4.000 Metern erreichen wir mit laut klopfenden Herzen und realisieren, dass wir zum ersten Mal die 4.000-Meter-Marke überschritten haben! Doch die Freude verfliegt rasch, denn es liegt ein weiteres Geröllfeld vor uns, dieses Mal mit kleinen Kletterpassagen. Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichen wir schließlich erschöpft das Gipfelkreuz und genießen den Blick auf den aktiven Vulkan Colima, auch „Fuego“ genannt, der neben uns aufragt. Die Sicht ist diesig, aber die Kulisse dennoch spektakulär.

Nevada Colima Vulkan – wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus.

Nach einer kurzen Pause treten wir den Abstieg an und entscheiden uns für eine längere, aber weniger steile Route zurück. Kaum angekommen, werden wir freudig von unserem vierbeinigen Freund begrüßt, der inzwischen zu unserem Camp-Wächter geworden ist. Was ihn hier in der Abgeschiedenheit hält, bleibt sein Geheimnis. In den letzten Tagen begleiten uns ständig leichte Kopfschmerzen, eine Herausforderung, die die Höhe mit sich bringt. Nach der anstrengenden Wanderung werden Svens Kopfschmerzen so intensiv, dass wir beschließen, zurück in die Stadt zu fahren und dort die Nacht zu verbringen. Schon auf dem Weg dorthin scheint das Schmerzmittel zu wirken, und wir atmen erleichtert auf, während wir uns langsam in niedrigere Höhen begeben.

Paricutín Vulkan

Kaum haben wir die Hauptstraße verlassen, führt uns das Navi durch drei kleine Dörfer auf 2.600 Höhenmeter. Umrahmt von Vulkanen wirken sie wie ausgestorben, dennoch sehen wir hier und da ein paar Menschen in traditioneller Kleidung. Die Straßen werden immer schlechter und für wenige Kilometer brauchen wir endlos lang. Kurz nachdem wir uns nochmal den Stellplatz durchgelesen haben und Caro laut vorliest, dass wir bis zum Schild auf der Hauptstraße bleiben müssen und nicht dem Navi folgen sollen, ist das Gesagte bereits vergessen und wir finden uns auf einer unbefestigten Straße inmitten von Avocadobäumen wieder. Wir sind solche Idioten, denken wir laut, denn der Weg erfordert an manchen Stellen den G-Gang und irgendwann müssen wir resigniert umdrehen, da die Straße ins Nichts führt. Mehr noch, wir befinden uns in einer der gefährlichsten Staaten Mexikos, Michoacán, welcher für Kartelle bekannt ist, die auch im Avocado-Handel ihre Finger im Spiel haben. Also nichts wie weg hier, alles wieder zurückfahren und – wie vorher geplant – den Straßenschildern folgen. Nach 6 Stunden sind wir endlich angekommen und sehen bereits, warum wir eigentlich hier sind.

Ein Kirchturm ragt aus einem Lavafeld heraus, denn das Dorf, das hier einst gestanden hatte, wurde von einem Vulkanausbruch fast gänzlich zerstört. Da es aber eine langsame Prozedur war, konnte der Ort rechtzeitig evakuiert werden, sodass es keine Opfer gab. In diesem Gebiet soll es bis zu 900 monogenetische Schlackenkegel (nur einmal ausbrechende Vulkane) geben.

Paricutín Vulkan – ein Kirchturm im Lavafeld.

Der Paricutín Vulkan gehört auch dazu und ist 1942 mit einem „Plopp“ inmitten eines Maisfeldes entstanden. Innerhalb von 10 Jahren ist er dann auf über 400 Meter angestiegen und beendete somit seine aktive Phase. Insgesamt liegt er 2.800 Meter über dem Meeresspiegel, wir schlafen also wieder in einer herrlich kühlen Umgebung. Durchschnittlich soll in diesem Gebiet alle 1.000 Jahre mit zwei solcher Einmal-Ausbrüche gerechnet werden.

Wir parken und schlafen auch direkt mit Sicht auf den rausragenden Kirchturm. Am Abend schauen wir uns die Kirche genauer an. Es ist wirklich faszinierend und kaum in Worte zu fassen. Vieles der Kirche wurde natürlich zerstört und wir stehen quasi fast unter dem Dach. Das Meiste ist also unterhalb des Lavafeldes verdeckt. Es lässt sich nur erahnen, wie hoch die Kirche einst war. Wir genießen den Sonnenuntergang in spektakulärer Kulisse.

Der besagte Sonnenuntergang beim Vulkan Paricutín.

Uruapan

Nach nur einer Stunde Fahrtzeit kommen wir in Uruapan an, eine der ältesten Städte Mexikos. Eine mexikanische Familie hat uns gestern empfohlen hierherzukommen, da zu Ostern alle in der Nähe liegenden indigenen Völker für zwei Wochen ihre Handwerks-Schätze auf einem riesigen Markt verkaufen. Das trifft sich gut, denn wir haben heute ohnehin keine Lust, eine weite Strecke zu fahren.

Wir tauchen immer weiter ein in eine wunderschöne grüne Berglandschaft und passieren eine Avocado-Farm nach der anderen, denn die Gegend rund um Uruapan ist wegen der ausreichenden Regenfälle und der fruchtbaren Böden immer schon landwirtschaftlich geprägt gewesen. Daher wahrscheinlich auch der Name Uruapan, welcher übersetzt „Ort, wo die Bäume immer Früchte tragen“ bedeutet. Und in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat sich die Stadt zum wichtigsten Zentrum des Avocado-Anbaus in Mexiko (und somit weltweit) entwickelt. Uruapan liegt außerdem umgeben von den bis zu 3.800 Meter hohen Bergen auf einer Höhe von etwa 1.650m.

Wir buchen uns für zwei Nächte auf einen wenig aussagekräftigen Parkplatz vor einem Hotel ein, bei dem wir jedoch die Hotelanlage inklusive Pool nutzen dürfen. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und entspannen erstmal ein bisschen im Liegestuhl. Es ist komisch die einzigen Ausländer in einem Hotel zu sein, denn hier machen lediglich Mexikaner Urlaub und mit unserem gebrochenen Spanisch verstehen wir – wie so oft – leider nur einen Bruchteil der freundlichen Unterhaltungen.

Am Abend nehmen wir uns ein Taxi und fahren in die 10km entfernte Stadtmitte. Und wie bereits angekündigt, sind wir umgeben von unzähligen kleinen Ständen mit wunderschönen handgefertigten Sachen. Manchmal erwischen wir uns dabei, dass wir denken „also das ist jetzt aber nicht handgefertigt“ und dann sehen wir just in diesem Moment jemanden hinterm Stand sitzen, der daran arbeitet. Am liebsten würde vor allem ich alles Mögliche einkaufen, doch leider haben wir keinen Platz für neue Sachen und es reicht gerade einmal für einen kleinen handbemalten Blumentopf mit einer Pflanze . Nachdem wir fast verzweifeln bei der Suche nach einem kleinen schönen Restaurant – es ist entweder alles zu, oder wir sind in den falschen Straßen unterwegs (die Stadt ist riesiger als gedacht und eigentlich für die Bar- und Restaurant Szene bekannt) – finden wir doch noch einen netten Tacostand und schlagen uns die Bäuche voll, bevor es mit dem Taxi wieder zurück zu Moose geht.

Wir statten der Markthalle einen kleinen Besuch ab.

Den nächsten Tag nutzen wir mit ein paar organisatorischen Dingen und bestellen ein paar Kleinigkeiten über Amazon nach Puebla, was sich allerdings als weitaus schwieriger gestaltet als gedacht. Die digitale Welt ist für uns einfach nicht gemacht. Des Weiteren bearbeitet Sven nochmal den Bus und schleift einige mitgenommene Stellen ab, welche er anschließend neu lackiert.

Bevor es wieder hoch Richtung Norden geht, wollen wir uns noch den kleinen aber besonderen Nationalpark Barranca del Cupatitzio am Rande der Stadt anschauen. Und wir werden nicht enttäuscht. Hier entspringen mehrere Quellen, die die Stadt mit Wasser versorgen. Ein Grund für den Boom des Avocado-Geschäfts in der Gegend. Wohin wir auch schauen, überall fließt kristallklares Wasser und sorgt für die schönsten und unterschiedlichsten Grüntöne.

Nationalpark Barranca del Cupatitzio

Am Ursprung einer Quelle tummeln sich ca. 50 Frauen mit tollen, bunten Trachten. Jeder dieser Frauen hat einen ebenso bunten und individuell gestalteten Tonkrug, der dort mit Wasser gefüllt wird. Ein Fotograf, der augenscheinlich unsere fragwürdigen Blicke einfängt, erklärt uns, dass jedes Jahr am Ostersonntag die Königin des jeweiligen Stadtteils (es nehmen insgesamt acht Stadtteile teil) alle Tonkrüge ihrer Gemeinschaft mit Wasser befüllt. Dieses Wasser wird dann, in Form einer Strassenparade, auf dem Kopf zum historischen Zentrum der Stadt, bis zum Tempel der unbefleckten Empfängnis gebracht, um es zu segnen. Es ist ein Ritual, das Mutter Natur angeboten wird, damit es der Bevölkerung nicht an Wasser fehlt und welches jedes Jahr an Ostern (Semana Santa) abgehalten wird.

Wir schauen den Frauen beim Befüllen noch eine Weile zu und beschließen zurück zum Auto zukehren und uns noch was beim Café nebenan für die bevorstehende Fahrt mitzunehmen. Während wir auf unsere Bestellung warten, werden wir von den verschiedensten Menschen angesprochen. Je länger wir dort stehen, desto mehr wird uns klar, dass die zuvor erwähnte Parade genau durch diese Straße führt. Nachdem uns gesagt wird, dass wir das Auto jetzt ganz sicher nicht mehr bewegen können, setzen wir uns mit unseren bestellten Paninis und dem Chai Tee an den Straßenrand und sind froh, dass wir gezwungen wurden, nicht weiterzufahren.

Die Parade dauert ca. eine Stunde und ist wirklich besonders mit anzusehen. Pro Stadtteil spielt auch immer eine Band. Eine Anführerin ist jeweils die Königin. Tanzend nach rechts und links laufen sie die Straße im Rhythmus der Musik herunter, um zur Kirche zu gelangen. Neben der bunten und individuellen Tracht der Wasserträgerinnnen gibt es noch ein weiteres sehr wichtiges Element, den Tonkrug, der nach der Kreativität jedes Viertels dekoriert ist. Der Tradition gemäß trägt er Blumen, Früchte, Süßigkeiten, Schnapsflaschen und Kunsthandwerk.

Die Straßenparade in Uruapan mit selbstgeschmückten Wasser-Tonkrügen.

Hierve El Agua

Nach einer erholsamen Woche in Oaxaca, in der wir endlich einmal tief durchatmen konnten, sind wir wieder bereit für neue Abenteuer. Die Tage hier vergingen angenehm ruhig – eine willkommene Pause, um den Kopf freizubekommen und die Seele baumeln zu lassen. Auf einem malerischen Campingplatz, umgeben von der Schönheit der Natur, haben wir uns eine Auszeit gegönnt, um nicht nur uns, sondern auch unser treues Auto auf Vordermann zu bringen. Unsere lang erwarteten Ersatzteile, die in Puebla angekommen waren, haben wir eingebaut, das Fahrzeug gründlich gereinigt und uns die Zeit genommen, einfach die Einfachheit des Lebens unter freiem Himmel zu genießen. Gut gestärkt und mit neuem Schwung machen wir uns nun auf den Weg, bereit für das nächste Kapitel unserer Reise. Nachdem wir alles zusammengepackt und uns von der deutschen Camping-Front verabschiedet haben, steht uns eine eineinhalb-stündige Fahrt bevor. Dabei fällt uns zum ersten Mal auf, wie viele Destillerien sich hier angesiedelt haben. Wahrscheinlich haben wir da keinen Blick für, weil wir kaum Agaven Felder sehen. Dennoch wird die Mezcal-Herstellung hier sehr groß geschrieben.

Auf dem Weg befahren wir enge Gassen eines kleinen Dorfes. Kurz vor unserem Ziel werden wir auf die arbeitenden Pferde aufmerksam, die einen Mühlenstein im Kreis hinter sich herziehen. Hier leisten wohl die Tiere bei der Verarbeitung der Agaven-Herzen harte Arbeit. Der Mühlenstein malt die vorher gekochten Agaven-Herzen und gewinnt dadurch die Flüssigkeit, die danach – wie beim Tequila – weiterverarbeitet werden kann. Wir erreichen Hierve el Agua (zu deutsch “kochendes Wasser”) und schauen uns erstmal um. Es ist gut besucht und wir treffen auf viele europäische Touristen unseren Alters. Versteinerte Kalk-Wasserfälle schmücken die Landschaft inmitten von unzähligen blaufarbigen Bergformationen. 

Caro vor dem Kalk-Wasserfall.

Die Kaskaden bilden zwei Felsen oder Klippen, die sich zwischen fünfzig und neunzig Metern aus demdarunter liegenden Tal erheben und von denen sich fast weiße Felsformationen erstrecken, die wie Wasserfälle aussehen. Diese Formationen werden von Süßwasserquellen gebildet, deren Wasser mit Kalziumkarbonat und anderen Mineralien übersättigt ist. Wenn das Wasser über die Klippen rieselt, lagern sich die überschüssigen Mineralien ab, ähnlich wie sich Stalaktiten in Höhlen bilden. Eine der Klippen – die „cascada chica“ (zu deutsch: kleiner Wasserfall) – enthält zwei große künstliche Schwimmbecken, sowie eine Reihe kleinerer natürlicher Becken. Eines der künstlichen Becken befindet sich ganz in der Nähe des Klippenrandes. 

Während einige in ebendiesen Pools Erfrischung finden, verbringen wir die Zeit damit das Menschentreiben zu beobachten und gehen früh ins Bett. Denn weswegen wir eigentlich hier sind: der atemberaubende Ausblick beim Sonnenaufgang. Um viertel vor sechs gehen wir also wieder Richtung der Pools und es ist wirklich kaum in Worte zu fassen. Sowohl mit bloßem Auge als auch durch unsere Kamera sieht alles surreal aus, fast wie auf einem gemalten Bild. Aber seht selbst.

Himmlischer Sonnenaufgang bei Hierve el Aqua.

Für mehr Infos zur Weltreise, schaut auf dem Instagram-Kanal Expeditionsynchro vorbei!

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