Unsere wunderbare Welt

Zusammen mit Netflix hat der WWF eine Liebeserklärung an die Natur verfasst. »Our Planet« heißt die achtteilige Tierdoku­mentation, die sprachlos macht.

WWF-Vorstand Eberhard Brandes und die Macher von Silverback Films laden zum Blick hinter die Kulissen.

Wie viel Optimismus braucht man als Kopf einer Umweltschutzorganisation?

Eberhard Brandes
studierte Wirtschafts- und Organi­sations­wissenschaften in Hamburg. Nach einer Karriere in der freien Wirtschaft übernahm der passionierte Umweltschützer 2006 den Geschäfts­führenden Vorstand des World Wide Fund for Nature (WWF) Deutschland.

Glücklicherweise bin ich von Natur aus ein optimistischer Mensch. Das hilft bei den vielen Katastrophenmeldungen, die uns täglich erreichen. Aber es gibt auch viele positive Entwicklungen. Die Popu­lationszahlen von Tiger und Panda etwa steigen wieder. Und in den initiierten Gemeindeschutzgebieten – den sogenannten Conservancies, wo die Kommunen sämtliche Nutzungsrechte an der Natur besitzen und behalten – profitiere­­n die Menschen vor Ort und die Natur gleichermaßen von unserer Arbeit. Besonders motiviert mich, dass es für immer mehr Menschen selbstverständlich ist, die Natur und damit die eigene Lebensgrundlage zu achte­n und zu schützen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit von Netflix, Silverback Films und dem WWF?

Die Idee von »Our Planet« wurde gemeinsam von WWF und Silverback Films entwickelt. Unsere Rolle war es, das nötige wissenschaftliche Know-how zu organisieren, den Filmteams den Zugang zu oft sehr abgelegenen Regionen zu ermöglichen, und wir waren die treibende Kraft, wenn es darum ging, jenseits der Bilder, den Naturschutzgedanken einem weltweiten Publikum nahezubringen.

»Vier Jahre,
600 Mitarbeiter,
3500 Drehtage,

50 Länder – Our Planet ist auch für Netflix ein Megaprojekt.«

Welche Szenen haben Sie am meisten beeindruckt?

Besonders faszinierend empfand ich die in der afrikanischen Savanne, wo das Leben und Agieren von Rudeln und Herden verschiedenster Tierarten hautnah verfolgt wird. Und auch die spektakulären Aufnahmen der Blauwale. 

Wie aufwendig war die Umsetzung des Projektes?

Es war selbst für einen Branchenriesen wie Netflix ein Megaprojekt. Im Rahmen der vierjährigen Dreharbeiten waren 600 Mitarbeiter, ausgestattet mit der neuesten 4K-Technik und jeder Menge Drohnen, an 3 500 Dreh­tagen in über 50 Ländern unterwegs.

Darf man erfahren, was solch eine Unternehmung kostet?

Der WWF hat die Filmemacher beraten, aber nicht finanzier­­t. Die kompletten Kosten und das Risiko tragen die Produktionsfirma und letztlich Netflix. Von vergleich­baren Vorhaben weiß man aber, dass sicher ein zweistelliger Millionenbetrag nötig gewesen sein dürfte, um eine derart große Produktion zu stemmen.  

Geduld ist oberste Prämisse beim Tierfilm. Knapp dahinter: Reaktionsschnelligkeit.

Welche Regionen und Tiere in Deutschland hätten auch gut in die Serie gepasst?

In einem dicht besiedelten Industrieland wie Deutschland ist leider nicht mehr sehr viel unberührte Wildnis übriggeblieben, aber ein schönes Beispiel wäre die Rückkehr der nahezu verschwundenen Wildtiere. Manche von ihnen, wie der Wolf, erobern sich ihr altes Territorium allmählich von allein zurück. Bei anderen, wie dem Luchs, dem Wisent oder dem Waldrapp, sind Naturschutzorgani­sationen wie der WWF gefragt, um bei der Wieder­­an­siedelung nachzuhelfen. Ein faszinierender Prozess. 

Aktuell können nur Netflix-Abonnenten die Serie streamen. Sind andere Vertriebskanäle angedacht?

Man kann sich vorstellen, dass im Rahmen der Dreh­arbeiten sehr viel mehr Material produziert worden ist, als in den acht Folgen letztlich vorkommt. Dieses hoch­wertige Material wollen wir nutzen, um damit den Bogen von den faszinierenden Filmaufnahmen zur konkreten Naturschutzarbeit des WWF zu schlagen. Schwerpunktmäßig wird das über die diversen Social-Media-Kanäle ausgespielt. Thematische Schwerpunkte werden neben Wilderei und Klimawandel Themen wie Lebensmittel­verschwendung und Überfischung sein. 
Parallel zum Film ist ein Bildband beim Dumont-Verlag erschienen. Zudem informiert eine aufwendige Website über Hintergründe und zeigt Wege auf, was jeder Einzelne zum Erhalt des Planeten tun kann. In Deutschland wird der WWF darüber hinaus mit einer interaktiven Lesung unterwegs sein. Wir wollen eine Diskussio­­n darüber anstoßen, wie wir zu den Problemen die Lösungen finden und umsetzen können.

Sind weitere Filmprojekte geplant? Fast meint man ja, dass »Unser Planet« kaum noch zu toppen sei.

Die Doku ist zweifelslos ein Meilenstein des Naturfilms. Auch wenn aktuell kein Projekt dieser Größenordnung in Sicht ist, gibt es immer mehr Initiativen und inno­vative Film­ideen, die auf den Artenschutz einzahlen. Wir brauchen mehr davon, um die Bedeutung des kommenden Jahres für den Erhalt der Artenvielfalt hervorzuheben. 2020 stehen eine Reihe internationaler Umweltgipfel an. Hier gilt es, sich auf einen »Global New Deal for People and Nature« zu einige­­n, um den Verlust an Biodiversität zu stoppen.

Und es wurde während der Dreharbeiten wirklich niemand von einem Tier gefressen?

Mir ist nichts zu Ohren gekommen. Menschen stehen nicht wirklich auf dem Speisezettel von Haien, Bären oder Tigern. Wilde Tiere fressen nur in Ausnahmefällen Menschen und wenn sie attackieren, haben die Opfer sich meist fahrlässig verhalten. Von daher habe ich mir um die extre­m professionellen Teams keine Sorgen gemacht. Weit gefährlicher dürften die teilweise halsbrecherischen Kamera­perspektiven gewesen sein, Gott sei Dank ist auch da alles gut gegangen.   

»Jeder Deutsche isst aktuell 60 Kilo Fleisch pro Jahr – das ist zu viel.«

Was kann ein Film zum Umweltschutz beitragen?

Wir schützen nur, was wir kennen und im besten Falle lieben. Gemeinsam mit Netflix ist es unser Ziel, den Zuschauer­­n ein Gefühl für die Schönheit und die Zerbrechlichkeit unseres Planeten zu vermitteln. Dies ist ein wichtiger Schritt. Aufgabe des WWF ist es, dafür zu sorge­n, dass auf das gewachsene Bewusstsein ein Umdenken und tatsächliche Verhaltensänderungen folgen. Unser derzeitiger Lebensstil ist wie Kettenrauchen und Komasaufen auf Kosten unserer Natur. Wir wissen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann– und je eher wir selbst etwas daran ändern, desto besser.     

Der vielzitierte ökologische Fußabdruck ist bei vielreisenden Globetrottern vermutlich nicht der kleinste. Wie kann ich ihn verkleinern? 

Das geht einfach, um nur einige Beispiele zu nennen: Verreist länger und dafür nicht so oft. Steigt bei Kurztrips auf die Bahn oder noch besser auf das Fahrrad um. Entdeckt die Natur vor eurer Haustür. Reduziert euren Fleischkonsum um mindestens 70 Prozent – und überlegt, wann ihr was essen wollt, auch um die Lebensmittelabfälle zu verhindern.

Fisch und Platz sei Dank! In den ungarischen Donau-Auen wächst der Bestand der Silberreiher stetig.

Was bringen Kompensationszahlungen via Atmosfair und Co. für Urlaubs- und Geschäftsreisen?

Der Grundsatz muss lauten: Vermeiden, verringern und erst dann kompensieren. In dieser Reihenfolge. Aber auch die WWF-Kollegen fahren nicht im Schlauchboot zu inter­nationalen Konferenzen. Es macht Sinn, für Flüge, die sich nicht vermeiden lassen, Ausgleichszahlungen zu leisten – das darf aber nicht dazu führen, dass man sich freikauft und weiterhin ungebremst um die Welt jettet. 

Wäre nicht der Verzicht auf »echtes« Fleisch ein Schritt in die richtige Richtung? Immerhin kommt ja aktuell mehr und mehr Fleischersatz auf den Markt. Selbst bei McDonalds gibt es einen veganen Burger.

Das ist doch eine gute Entwicklung, aber auch diese Produkte müssen Nachhaltigkeitsstandards genügen. Grundsätzlich sind ein bewussterer Umgang und eine Wertschätzung von Lebensmitteln dringend geboten. Aktuel­l isst jeder Deutsche im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das ist eindeutig zu viel und ungesund. Vor allem, weil ein Großteil davon unter katastrophalen Bedingungen auf Kosten des Tierwohls und zu Lasten der Natur – Stichwort Soja – produzier­­t wird. Die Abholzung der lateinamerikanischen Regenwälder geht genauso mit auf das Konto unsere­s exzessiven Fleischkonsums wie die überaus besorgniserregende Nitratbelastung unseres Grundwassers. 

Making of »Our Planet«

»Our Planet« ist die beste Tierdokumentation unsere Zeit.

Wir haben die Macher von Silverback Films um einen Blick hinter die Kulissen gebeten>>

Braucht es eine Art Weltregierung für Umwelt­themen, die auch unbequeme Gesetze zum Wohle aller übergeordnet erlassen kann?

Ich hoffe nicht, die Problemstellungen sind häufig zu komplex, um sie zentral zu lösen. Wir brauchen vor allem eine andere Prioritätensetzung. Bislang steht fast alles unter dem Primat der Ökonomie. Es ist aber völlig klar, dass unser System irgendwann kollabieren wird, wenn wir nicht umsteuern. Wir brauchen eine Neudefinition von Wohlstand. Die Grundlage unseres Lebens ist die Natur, ohne sie ist alles nichts. Ich bin kein Freund von Vorschriften, aber letztlich werden wir in vielen Bereichen um Verbote wohl nicht herumkommen, aber oft gibt es intelli­gentere Möglichkeiten. Wir müssen unter anderem Schluss mache­­n mit umweltzerstörenden Subventionen – und stattdessen Anreiz­­e schaffen für nachhaltige Lösungen. 
Und jetzt mal ganz ehrlich: Wir haben doch alle Informationen! Es geht eigentlich nur noch um die Umsetzung der eigenen Erkenntnisse.

Wenn Sie das Rad der Zeit bis zur Gründung des WWF 50 Jahre zurückdrehen könnten, welche Weiche hätte man damals besser anders gestellt?

Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Aber wenn ich einen Punkt herausgreifen soll, würde ich sagen, man hätte sich bei der Energieversorgung den immens teuren atomaren Irrweg ersparen sollen und viel früher auf erneuer­bare Quellen und eine dezentrale Versorgung setze­­n sollen. Dann wären wir heute um einiges weiter.  

In diesem Globetrotter Magazin erscheint auch eine Reisegeschichte, die dem WWF gefallen dürfte: mit Elektroauto und E-Bike, gespeist aus 100 Prozent regenerativem Strom, einmal rund um Island. Wie steht der WWF zur Elektromobilität?

Elektromobilität ist ein wichtiger Baustein der Verkehrswende. Wir sollten jetzt endlich konsequent handeln und Elektromobilität mit aus erneuerbaren Energien erzeugtem Strom schnell ausbauen. Aber sie allein löst nicht alle unsere Probleme. Die Mobilität der Zukunft wird ein Mix aus unterschiedlichen Verkehrsmitteln und digitalen Ange­boten sein. 

»Wir wollen den Zuschauern ein Gefühl für die Schönheit und die Zerbrechlichkeit unseres Planeten vermitteln.«

Ist die Umweltpolitik eines Donald Trump eigentlich in irgendeiner Form nachvollziehbar?

Aus der Sicht eines 73-jährigen Milliardärs vielleicht; aus der Sicht einer 20-jährigen Studentin wohl kaum. Trumps Umweltpolitik ist schlicht verantwortungslos. Die weltweiten Fridays-for-future-Proteste führen uns das aktuell eindrucksvoll vor Augen. 

Angenommen, ich will mehr für die Umwelt tun als Müll reduzieren und trennen. Wie gehe ich vor?  

Jeder kann Umweltschützer sein. Jeder kann  Positives bewirken, im Alltag und im Beruf.  Natürlich kann man eine entsprechende Ausbildung wählen und sich dann bei einer Umweltorganisation bewerben. Aber auch ein Banker kann in seinem Job viel erreichen, wenn er zum Beispiel dafür sorgt, dass umweltzerstörerische und wenig nachhaltige Projekte eben nicht mit Kredite­­n seiner Bank gefördert werden und stattdessen innovative Lösungen finanziert werden. 

Warum überhaupt belasten wir die Natur – und sägen damit am sprichwörtlichen Ast, auf dem wir sitzen? 

Kein Frosch trinkt den Teich aus, in dem er lebt – leider hat die Menschheit dieses einfache Prinzip noch immer nicht begriffen. Es fehlt uns manchmal die langfristige Perspektive und die Umsetzung von Erkenntnis in konkrete­­s Handeln.

Szenen von erhabener Schönheit sind das Markenzeichen von »Our Planet«: Ein Sardellenschwarm im Pazifik.  

Zum Schluss: Wohin reist ein WWF-Vorstand, wenn er privat Urlaub macht?

Oft an die Ostsee oder in die Berge. Aber ich liebe es auch, die faszinierende Weite und Naturvielfalt Afrikas zu erkunden. Das sind Lebenshöhepunkte für mich, und die Emissionen des Flugs kompensiere ich dafür gern.  

Text: Michael Neumann (Interview)
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