Zwei Ultraläufer im Interview: »Einen Fuß vor den anderen!«

Um sich von den Qualitäten des neuen Cloudultra zu überzeugen, haben On und Globetrotter die Longdistance-Profis Meike Schultheiss und René Claußnitzer zu einem zweitägigen Laufcamp ins Elbsandstein geladen. Dass es zuvor 20 Zentimeter geschneit hatte, tat der Freude darüber keinen Abbruch. Im Anschluss haben wir die zwei ins Warme geholt und zum Interview gebeten.

Wann seid ihr eure ersten »Ultras« gelaufen?

Meike: Im August 2019. Halbmarathon und Marathon hatte ich zuvor schon »gefinisht«, dann musste mehr her. 56 Kilometer. Neue Grenzen austesten. Das alles hat sich natürlich entwickelt, keiner läuft aus dem Stand solche Distanzen. Ich habe das immer mehr gesteigert und gedacht: wenn du Marathon laufen kannst, dann geht da auch mehr. Wenn du 56 Kilometer laufen kannst, dann schaffst du auch 80 … wenn du 80 laufen kannst, dann gehen auch 110 … Und genauso war es. Demnächst folgt dann der 100-Meiler. Für viele ist dieser Grenzgang nicht nachvollziehbar, für mich ist er ein Lebenselixier.
René: Ich auch 2019. Nach dem dritten Marathon war mir klar, dass ich solche Distanzen nicht mehr auf der Straße laufen will – zu monoton. Egal welche Stadt, alles sieht gleich aus.

WAS IST EIN ULTRALAUF?
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Der Zusatz Ultra bezeichnet Distanzen beim Laufen jenseits der durch den Marathon definierten 42,195 Kilometer. Gängige Distanzen sind 50 Kilometer und 50 Meilen (rund 80,5 Kilometer), 100 Kilometer und 100 Meilen (rund 161 Kilometer). Auch über die Zeit definierte Läufe (6 Stunden, 12 Stunden, 24-Stunden) gelten als Ultras. Als der längste Ultralauf der Welt gilt das »Self-Transcendence 3100 Mile Race«, welches jährlich in New York ausgetragen wird. Der Streckenrekord über die 4989 Kilometer liegt bei 40 Tagen und etwas über 9 Stunden. In den vergangenen Jahren sind vor allem Ultratrails (auch als Trail-Ultras oder Berg-Ultras bezeichnet) beliebt. Ihre Strecken führen durch die Natur und meist über schmale Pfade.

Woher kommt die Motivation?

Meike: Mittlerweile fühle ich mich wirklich nur ausgelastet bei längeren Distanzen. Es ist für mich einfach eine Art Therapie, bei der ich meinen Akku aufladen kann und meinen Kopf frei bekomme.
René: Ich gehe raus, atme ein und weiß mit dem ersten Schritt, dass der Tag perfekt ist, um einen Fuß vor den anderen zu setzen – je länger, desto besser.

Der Ultraläufer Ray Zahab sagte einmal, dass Ultrarunning »zu 90 Prozent mental ist und der Rest im Kopf stattfindet«. Stimmt ihr zu?

Meike: Der Kopf ist so unfassbar wichtig … daher ist es für mich immer sehr hilfreich, die richtigen Menschen an meiner Seite zu haben, die mich ablenken, so dass der Körper automatisch mitzieht. Kopf zuerst, der Rest wird folgen – genau so ist es.
René: Einen Ultra läuft man mehr mit dem Kopf als mit den Beinen. Du weißt morgens am Start nicht, wie es dir mittags geht, aber dein Kopf entscheidet darüber, wie weit dich deine Füße tragen. Dass es hart wird, dessen bin ich mir stets bewusst, jedoch steht mein Geist immer über dem Körper.

Ist es wichtig, an Wettkämpfen teilzunehmen?

René: Ich laufe Ultras weniger, um mich mit anderen zu messen. Vielmehr genieße ich es, scheinbar unmögliche Distanzen in unmöglichen Regionen mit professionellem Support laufen zu können.

Was sind die herausforderndsten Momente bei einem Ultra?

Meike: Jeder Ultra ist anders. Mal fällt es mir total leicht, zu wissen, wieviele Kilometer vor mir liegen, mal zähle ich jeden Meter. Nicht selten kommt es vor, dass ich dann schon weit vor der Ziellinie in Euphorie gerate, weil man versteht, was die letzten Stunden passiert ist. Dann bekomme ich Gänsehaut.
René: Der Abend vor dem Lauf. Du hinterfragst dich immer wieder: habe ich genug trainiert, bin ich fit genug? Obwohl man die Antworten kennt, stellt man sie in Frage.

MEHR ZUM CLOUDULTRA VON ON
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Ab dem 10. Februar 2021 gibt’s den neuen Shooting-Star am Trailrunning-Himmel europaweit zwei Wochen lang exklusiv bei Globetrotter. Wer mehr über die innovative Schweizer Marke erfahren möchte, surft zum Firmenportrait aus dem Globetrotter Magazin.

Wie macht ihr weiter, wenn der Körper Nein sagt?

Meike: Mein Körper hat schon oft Nein gesagt. Sobald man Schmerzen hat und sich auf diese konzentriert, ist es vorbei. Daher laufe ich diese Ultradistanzen nie alleine, sondern immer mindestens mit einer Freundin oder in einer kleineren Gruppe. So kann man sich immer gegenseitig aus verschiedenen Tiefs rausholen und sich ablenken.
René: Ich suche mir eine Imagination, die mich auf meinem Lauf begleitet – etwa eine Hand, die mich über den Trail trägt. Und ich freue mich über die kleinen Dinge: die ersten Sonnenstrahlen am Gipfel, den glucksende Bach oder einfach nur darüber, wie es ist, in dieser Wahnsinnsnatur frei zu sein.

Könnt ihr das Gefühl des Zieleinlaufs in Worte fassen?

Meike: Puh, schwierig … da prasseln soviele Eindrücke auf einen ein. Gerade bei Rennen, die vielleicht nicht so ideal laufen, ist das Finish ein krasses Gefühl. Eigentlich heule ich immer, weil das wirklich Wahnsinnsleistungen sind, die man da abrufen muss. Dieses Gefühl, dieser Stolz auf den eigenen Körper, hält noch Tage an.
René: Ich lache, ich schmunzle, ich weine, ich habe das tiefste Gefühl von Glück, von purer, innerer Freude.

Was habt ihr über die Grenzen eures Körpers und eures Geistes gelernt?

Meike: Für mich persönlich ist Ultralaufen eine Lebenseinstellung. Es gibt viele Menschen, die zeigen mir einen Vogel, insbesondere mein näheres Umfeld. Aber für mich ist es ein Lebensgefühl, meine Grenzen auszuloten. Die habe ich bisher noch nicht erreicht. Jeder Lauf hat mich mental stärker gemacht und mir mehr Selbstbewusstsein gegeben. Mein Leben ist nicht immer perfekt gelaufen, doch der Ultralauf hat mich gelehrt, stark und selbstbewusst zu sein und selbst in schwierigen Zeiten zu wissen: du schaffst das!
René: Es gibt keine Grenzen, die man nicht überwinden kann. Eine Grenze, die ich heute kenne, ist morgen ein Trainingsanreiz und nächste Woche überwunden.

Kann jeder Ultras laufen?

Meike: Jeder Kilometer, den man mehr läuft als am Vortag, ist ein wichtiger. Wer Halbmarathon laufen kann, kann auch 30 Kilometer laufen. Wer Marathon laufen kann, kann auch kürzere Ultras machen. Der Kopf ist hier ein entscheidender Faktor. Wer will, der kann!

Seid ihr laufsüchtig?

Meike: Definitiv bin ich süchtig, aber in einer gesunden Form. Ich kenne viele, die es nicht schaffen mal ein, zwei Tage Pause zu machen. Ich habe gelernt, dass gerade diese Tage sehr wichtig sind.
René: Ich bin süchtig. Süchtig nach endlosen Trails, süchtig nach Tagen, die nie enden sollten.

Zwei Tage Trailrunning im Elbsandstein – unter erschwerten Bedingungen.

Meike Schultheiss (39) lebt und läuft in und im Gummersbach und arbeitet als Fitnesstrainerin. Ihre Passion gilt dem Trailrunning und dort besonders dem Absolvieren von Ultradistanzen. 
https://www.instagram.com/meike.on.trails/

René Claußnitzer (30) aus Dresden war früher Langläufer im klassischen Sinn: mit Skiern und Stöcken. Mittlerweile geht er bei allen möglichen wie unmöglichen Rennen – etwa einem Abwärtslauf auf der berüchtigten Streif in Kitzbühel – an den Start. 
https://www.instagram.com/master_goodvibe/

Text: Michael Neumann
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