Familien-Alpencross: Über alle Berge

Vreni Bauernschmitt und Julian Bückers sind im Sommer 2019 mit ihren drei Kindern Leo, Alma und Leander (damals 10, 5 und 1) von Garmisch-Partenkirchen nach Meran gewandert. Ein Gespräch über logistische Herausforderungen, die große Freiheit in den Bergen und die kleinen Dinge am Wegesrand.

Hand aufs Herz: Wäre ein Ferienpark nicht die angenehmere Urlaubsalternative gewesen?

Vreni: Julian und ich sind selbst Kinder der Berge. Solange unsere Kids ihre Eltern noch cool finden, wollen wir ihnen möglichst viel von unserer Begeisterung für die Natur mitgeben. Es wird sicher Zeiten geben, in denen Wandern schrecklich langweilig und uncool ist. Aber dann ist die Saat gesetzt und irgendwann erinnern sie sich wieder an all die Erlebnisse und finden hoffentlich auf den rechten Weg zurück. (lacht)

Julian: Noch folgen die Kinder uns wie treue Schafe. Spätestens in der Pubertät wird das anders aussehen. Aber ein Ferienpark?! Da will ich jetzt lieber noch nicht drüber nachdenken …

Wie kamt ihr auf die Idee, mit euren drei Kindern die Alpen zu überqueren?

Julian: Wir wollten in den Sommerferien eigentlich eine große Reise machen, aber viele kleine und größere Verpflichtungen haben unser Zeitfenster Stück für Stück eingeschränkt. Lust auf Berge haben wir eigentlich immer, der Alpencross war dann Vrenis Idee. Von Garmisch wollten wir über Tirol ins Passeiertal nach Meran wandern.

Julian Bückers

War das letztendlich eine bewusste Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit?

Julian: Fernweh spüren wir schon immer noch, aber am Ende stellt sich doch die Frage: Muss es eine Flugreise ans andere Ende der Welt sein? Für die Kinder sicher nicht! Für sie bedeutet das oft nur Strapazen und die Erlebnisse sind auch nicht besser als bei einem Urlaub »dahoam« – höchstens anders. 

Vreni: Der Julian wollte dann auch unbedingt mit dem Zug zum Startpunkt nach Garmisch fahren – wenn schon, denn schon.

Julian: Klar finde ich es gut, den Kindern zu zeigen, dass man auf das Auto verzichten kann. Aber mit dem Zug zu fahren, war auch schlicht praktischer für uns: Wenn du nur in eine Richtung läufst, musst du ja ohnehin irgendwie zurück zum Auto. Da konnten wir auch gleich mit der Bahn direkt zurück nach München fahren.

Aber erst mal musstet ihr planen. Hatten die Kinder ein Mitspracherecht?

Julian: Wir haben auf jeden Fall versucht, das Ganze zu unserem gemeinsamen Projekt zu machen. Wenn die Kleine­­n eingebunden werden, lassen sie sich viel leichter von der Begeisterung anstecken und ziehen von Anfang an voll mit. Alma und Leo durften zum Beispiel ihre Rucksäcke selber packen. Okay, ein paar Dinge sind dann auf sanften Druck der Eltern wieder rausgeflogen – aber sie haben auch verstanden, dass es keine Bauklötze braucht und ein kleines Stofftier reicht.

»Muss es eine Flugreise ans andere Ende der Welt sein?
Für die Kinder sicher nicht!«

Habt ihr die Route genau festgelegt oder seid ihr einfach drauflosgelaufen?

Julian: Wir haben schon geschaut, wie wir kindgerecht über den Alpenhauptkamm kommen, ohne in den Schnee beziehungsweise auf Gletscher zu müssen. Leo war immer ganz aufgeregt, wenn ich die Karten ausgepackt habe und wir haben zusammen geschaut, wo wir gehen könnten. Unterkünfte haben wir keine gebucht, um keinen Druck zu haben, irgendwo zu einem bestimmten Zeitpunkt ankommen zu müssen. Wir haben immer gesagt, wir laufen nur, solange es allen Spaß macht und wohin wir wollen. 

Und wo habt ihr dann übernachtet?

Vreni: Ich fand die Vorstellung total romantisch, mit der ganzen Bande auf Hütten zu übernachten. Bei genauerer Betrachtung sind Matratzenlager mit schnarchenden und furzenden Bettnachbarn aber gar nicht so romantisch. Und weil wir uns eben nicht festlegen wollten, haben wir zwei Zelte, Matten, Schlafsäcke und Verpflegung eingepackt. Am Ende waren die Nächte im Zelt auch viel schöner.

Womit wir beim Thema Packen wären. Bei vielen Familien reicht nicht mal das große Auto, wenn es in den Urlaub geht. Wie habt ihr eure Ausrüstungsliste zusammengestellt?

Julian: Wir haben am Anfang rausgelegt, was wir mit­nehmen wollten. Vreni und ich sind ja alte Hasen, was Gepäck­touren betrifft, trotzdem war am Ende des Rucksacks noch viel zu viel Zeug übrig. Also haben wir mindestens die Hälfte dagelassen. Übernachtungskram, Koche­­r & Co. tragen natürlich ziemlich auf, aber Klamotten braucht man am Ende viel weniger, als man denkt.

»Beim Probepacken war noch viel zu viel Zeug übrig – die Hälfte haben wir dann dagelassen.«

Kinder hocken doch ständig im Matsch …

Vreni: Sie stört es aber auch nicht, wenn sie mal ein paar Tage in dreckigen Klamotten rumlaufen. Kritisch wurde es nur einmal, als wir endlich den Aqua Dome in Längenfeld (Therme im Ötztal, Anm. d. Red.) erreicht hatten: Da war’s aber der Julian, der mit seiner einzigen »guten« Hose im Kuhfladen gesessen hat. Noch ein paar einigermaßen frische Sachen fürs Abendessen im Restaurant zu finden, war gar nicht so einfach. 

Mussten die Kinder ihr eigenes Päckchen tragen?

Julian: Leo hatte einen Rucksack mit seinen Klamotten drin und Alma einen mit einem leichten Schlafsack und einer kleinen Matte. Das hatte aber eher psychologische Gründe. Ein eigener Rucksack gibt den Kindern das Gefüh­­l, ein vollwertiger Tourenpartner zu sein – das motivier­­t natürlich. Das Hauptgepäck war in meinem große­­n und in Vrenis etwas kleinerem Rucksack. Ich hatte manchmal noch die Alma auf den Schultern und Vreni hatte Leander in einem Tragetuch vor der Brust.

Eine klassische Kinderkraxe war keine Option?

Vreni: Dann hätte ich ja keinen Rucksack mehr tragen können. Außerdem hat Leander es geliebt, sich bei Mama den ganzen Tag einzukuscheln. So hatten wir beide bei der Tour richtig viel Qualitytime – ein schöner Neben­effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte.

Wie viele Kilometer schafft man denn an einem Tag mit drei kleinen Kindern im Schlepptau beziehungsweise auf den Schultern?

Julian: Das kann man nicht sagen, die Bandbreite ist enorm und Kinder wahre Wundertüten. Genau deshalb waren wir ja mit dem Zelt unterwegs. Insgesamt bist du auf jeden Fall langsamer, aber wir hatten auch Tage mit 600 Höhenmetern rauf und 1000 runter. Das ist auch für viele Erwachsene richtig stramm. Wichtig ist, stets den Spaß und die Liebe zur Natur im Blick zu behalten. Kinder beeindruckt es nicht, wenn du die angegebene Gehzeit unterbietest oder wer weiß wie viele Gipfel an einem Tag abhakst. 

Vreni: Dafür begeistern sie sich für die kleinen Dinge am Wegesrand. Da kannst du schon mal zwei Stunden an einem Ameisenhügel verbringen – wenn du dann ständig auf die Uhr schaust, geht die Freude für alle schnell ver­loren. Alles in allem sind die Kids wahnsinnig gut gelaufen. Der Leo geht eigentlich schon wie ein Erwachsener und zieht die Alma mit. Obendrein hat Julian die Gabe, Geschichte­­n zu erfinden, die schon mal einige Stunden dauern und über jedes noch so große Motivationsloch hinweghelfen. Das hat er von seinem Vater geerbt, der hat diesen Trick schon bei seinen eigenen drei Buben angewendet. 

»Noch folgen uns die  Kinder wie treue Schafe. Spätestens in der Pubertät wird das anders sein.«

Julian Bückers

Sind grundsätzlich alle Kinder outdoortauglich oder hat es nur funktioniert, weil eure  Kids entsprechend »er­zogen« sind?

Julian: Natürlich wissen unsere Kinder, wie es im Gebirge ist, trotzdem geht es jeden Tag aufs Neue darum, ihnen zu zeigen, wie schön, vielfältig, spannend und anders es in der Natur ist als daheim. Am Ende sind die Kinder Spiegel unserer selbst. Daher bin ich sicher: Wenn die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen, zieht jedes Kind auch draußen mit – sofern es körperlich gesund ist natürlich. Was gibt es denn Schöneres als solch einen gigantischen Abenteuerspielplatz? Oft sagen uns andere Eltern: »Mit unseren Kinder­­n könnten wir so etwas leider nicht machen, keine Chanc­e.« Das ist in meinen Augen dann die tückische sich selbst erfüllende Prophezeiung: Was du deinen Kindern und dir selbst gar nicht erst zutraust, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

In den Bergen lauern aber auch Gefahren.  Wie geht man als Eltern damit um?

Julian: In meinem Beruf als Bergführer geht es genau darum: alpine Gefahren rechtzeitig zu erkennen, sie entsprechend zu analysieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Das ist vergleichbar mit dem Straßenverkehr. Auch hier muss ein Gefahrenbewusstsein erst angelernt werden, da viele Unfälle nur vermieden werden können, wenn man vorausschauend denkt, handelt und die Risiken beim Namen nennen kann. Das muss man den Kindern in den Bergen genauso beibringen wie im Alltag. Bei jeder alpinen Unternehmung muss die Tour zur Gruppe passen und hier sind eben Kinder in der Regel das schwächste Glied. Umso wichtiger ist es, dass die Eltern in Sachen Gelände und eigener Kondition immer ausreichend Sicherheitsreserven haben. Wir haben den Weg so gewählt, dass er für uns jederzeit einschätzbar und machbar war. Wer weniger Erfahrung hat, sucht sich für seine Tour einfach eine leichtere Route raus.

Und im Zweifel dreht man um?

Vreni: Im Ötztal wollten wir eigentlich über das Felderjöchl, um zur Innerbergalm zu kommen. Dann schlug aber das Wetter um. Oben auf 2800 Metern hatte es frisch geschneit und die Passage wurde uns zu heikel. Also sind wir den ganzen Weg zurück und weiter unten im Tal zur Alm rüber­gequert. Das war ein amtlicher Umweg – allerdings ein unglaublich schöner und am Ende eine der tollsten Etappen der ganzen Reise. Die Kinder haben im Wald körbeweise Schwammerl gefunden, davon schwärmen sie heute noch. 

Gab es nicht ständig das klassische »Papa, Mama, wann sind wir endlich da«?

Vreni: Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, wie viel Strom Kinder haben. Für Alma war es sicher am schwerste­n. Mit ihren fünf Jahren ist sie sehr viel selbst gelaufen, da hat man schon gemerkt, dass irgendwann die Kraft zur Neige ging. In solchen Momenten hat sie viele Geschichten, Pausen und spielerische Momente gebraucht – da muss man als Eltern einfach kreativ werden. Oft hat Julian sie auch huckepack genommen. Wer seine Kinder in diesen Situationen gnadenlos antreibt, verdirbt ihnen schnell und nachhaltig den Spaß am Wandern.

Julian: Der Leo war uns eine Riesenhilfe. Er war wirklich die ganze Zeit super drauf und ist immer weit vorausgerannt und hat den Weg ausgekundschaftet. Gruppen­dynamik kennen wir Erwachsene ja auch, Kinder lassen sich von so einem Wirbelwind noch viel leichter mitreißen.

Und wenn gar nichts mehr hilft, wird ein großes Eis auf der nächsten Hütte in Aussicht gestellt?

Julian: Unser größter Trumpf war der Aqua Dome. Da haben sich die Kinder die ganze Zeit riesig drauf gefreut. Und natürlich haben wir von Anfang an alles rausgezaubert, was die Rucksäcke hergaben: Nüsse, Schokolade, UNO-Karten, ein Kuscheltier oder Pixi-Bücher. Und für unser eigenes Seelenheil war stets der Bialetti-Espressokocher griffbereit …

Nehmen Kinder Natur und Umgebung anders wahr als wir Erwachsenen?

Vreni: Ja, sie lassen den Blick viel weniger in die Ferne schweifen, haben dafür aber ein tolles Gespür für die kleine­­n Details: am Bergbach spielen, Blumen pflücken oder Schmetterlinge beobachten. Bei so etwas entwickeln sie eine unglaubliche Ausdauer und wenn du dich darauf einlässt, ist dieser Perspektivenwechsel auch für die Eltern total bereichernd. Nicht »höher, schneller, weiter«, sonder­n innehalten und den Moment genießen.

»Für uns hieß es nicht ›höher, schneller, weiter‹, sondern inne­halten und den Moment genießen.«

Julian Bückers

Habt ihr euch mit euren drei Kindern überall willkommen gefühlt?

Julian: Im Großen und Ganzen schon. Einmal kamen wir  bei fiesem Regenwetter auf eine Hütte im Ötztal und die Wirtin hat uns angeblafft, wie wir bei so einem Wetter die armen Kinder rausjagen könnten. Dabei waren alle drei bester Laune und haben sich nur auf einen heißen Kakao gefreut. Und in der Leutasch zwischen Ehrwald und Scharnitz wurden wir von einem Jäger verjagt. Es war schon acht Uhr am Abend, die Zelte standen und wir hatte­­n gerade die Kinder bettfertig gemacht, als plötzlich diese grimmige Gestalt daherkam und meinte, wir sollten schleunigst das Weite suchen. Da war die Stimmung natürlich im Keller. Wieder alles einpacken und überlegen, wo wir uns verkriechen könnten. Dann kam der Regen und bei den Kids die Müdigkeit. Keine schöne Situation, aber auch das haben wir überstanden.

Vreni: Aber auch das Gegenteil haben wir erlebt. Auf der Innerbergalm im Ötztal hatten wir ein ganzes Lager für uns, das war göttlich. Die Wirtsleute waren wahnsinnig nett. Der perfekte Ort, um das Gewitter auszusitzen.

Ihr hattet also auch einige Schlechtwettertage. War das schwierig mit den Kindern?

Julian: Mit Regenhosen, Regenjacken und einer warmen Daune war das kein Problem. Unsere Devise war, dass wir nur laufen, wenn alle Lust haben. An drei Tagen sind wir keinen Meter gegangen – ein Mal wegen schlechten Wetters und zwei Mal, um die Akkus aufzuladen beziehungsweise uns wieder trockenzulegen. Wenn du ein kleine­­s Kind in der Trage dabeihast, musst du natürlich schauen, dass es nicht auskühlt. Während du schwitzend die Berge erklimmst, hockt es passiv da und ist dem Wind ausgesetzt. Aber im Tragetuch war die Mama für den Leander immer eine gute Heizung.

Was passiert im Gebirge, wenn die Tagestouristen abgezogen sind?

Julian: Du siehst plötzlich ganz viele Tiere: Gämsen, Murmel­tiere, Dohlen, Salamander … Die haben den Touristen-­Rhythmus komplett verinnerlicht und kommen raus, ­sobald die Luft rein ist. Das war für die Kinder immer wieder aufs Neue ein Highlight. Und einmal sind ein paar Kühe von einer Alm abgehauen. Der Leo war stolz wie Oskar, dass er dem Almerer sagen konnte, wo er seine Tiere wiederfindet. 

24/7 mit Mama und Papa – wer ist da zuerst genervt?

Julian: Uns hat dieser Trip als Familie noch mehr zusammengeschweißt. Das Gefühl, gemeinsam etwas Großes geschafft zu haben, ist einfach toll. Klar haben sich Leo und Alma manchmal in die Haare bekommen, aber das passiert zu Hause ja auch. 

Vreni: Die elterliche Zweisamkeit kommt bei getrennten Zelten natürlich etwas kurz. Aber wir haben ja schon drei Kinder … (lacht)

Würdet ihr die Tour so noch mal machen?

Julian: Wir alle hatten großen Spaß und eine gute Zeit zusammen. Also klar, warum nicht?

Vreni: Kurz nachdem wir wieder in München waren, sind wir mit der U-Bahn gefahren, da hat die Alma gesagt: »Ich gehe nie mehr über die Alpen!« Meine Antwort war: »Musst du auch nicht. Einmal reicht.« Ich glaube, das hat sie inzwischen aber wieder vergessen. Noch immer er­zählen alle drei mit leuchtenden Augen von den Abenteuern, die sie bei unserem Alpencross erlebt haben. Ganz so viel haben wir bei unserer Urlaubsplanung scheinbar nicht falsch gemacht.

Julian Bückers

»Das Gefühl, gemeinsam als Familie etwas Großes geschafft zu haben, ist einfach toll.«

Julian Bückers (33)
Fotograf, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und Papa. Hat nach dem Studium den Weg an den Schreibtisch stets knapp verpasst und freut sich über jeden Tag im Gebirge und bei der Familie.
Vreni Bauernschmitt (39) 
Die Münchnerin ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und gelernte Fotografin. Seit 2005 arbeitet sie beim Bayerischen Rundfunk in der Abteilung Kamera. Vreni fährt Ski, klettert und lernt gerade Gleitschirmfliegen.

Text: Philip Baues
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