ISPO 2021: Alle Jahre wieder – dieses Mal ganz anders

Als Anfang Februar 2021 die ISPO Munich, die größte Sportfachmesse der Welt, Hersteller und Marken wieder dazu aufrief, ihre neuesten Produkte zu präsentieren, öffnete sich den Besuchern zum ersten Mal nicht das Münchner Messegelände, sondern der Internetbrowser. Es sollte die erste rein digital ISPO werden – und keiner konnte sich im Vorfeld wirklich vorstellen, wie das ablaufen sollte. Die Messe machte Werbung mit einem fünftägigen Konferenzprogramm, außerdem würde es virtuelle Räume geben, in denen sich die Sportartikelmarken präsentieren und man als Fachbesucher die neuesten Sachen sieht. Etwas gewöhnungsbedürftig – so ganz ohne „Touch and Feel“ – aber wohl die beste Lösung in diesen ungewöhnlichen Zeiten, um nicht ganz auf das Gefühl verzichten müssen, am „Sportpuls“ der Zeit zu sein und frühzeitig die neuesten Trends zu entdecken.

Holger Rauner © Messe München

Für alle, die nicht zum Kreis der Marken, Händler und Handelsvertreter zählen, bot die ISPO Munich Online, wie die Messe dieses Jahr offiziell hieß, eine Reihe von abendlichen Streams – von Filmen der European Outdoor Film Tour (EOFT) und des Freeride Filmfestivals, Fitness-Sessions, unterschiedlichen Präsentationen zum Thema eSports oder den European Championships Munich 22 sowie ein paar interessante Gesprächsrunden, zum Beispiel mit Pyua und ABS zum Thema Nachhaltigkeit und Sicherheit.

Public Streams und der ISPO Cup

Eines der Highlights des öffentlichen Angebots für Endverbraucher war die “Hero of Sport Night” am ersten Abend, in deren Rahmen der ISPO Cup vergeben wurde. Diese Auszeichnung verleiht die ISPO seit nun bereits 50 Jahren jedes Jahr an außergewöhnliche Sportler. In der Vergangenheit waren das zum Beispiel bereits Pelé, Reinhold Messner, Ole Einar Björndalen, Ingemar Stenmark oder zuletzt Tegla Loroupe, die kenianische Langstreckenläuferin und Marathonweltrekordlerin.

Normalerweise ist die Verleihung des ISPO Cups mit einem exklusiven Abendevent auf dem Messegelände gekoppelt, von dem man als Außenstehender nicht viel mitbekommt. Dieses Jahr jedoch wurde live gestreamt und zum spanischen Ultratrail-Runner Kilian Jornet geschaltet. Mit seinen 33 Jahren könnte der glatt der jüngste ISPO Cup-Preisträger der Geschichte sein, was man allerdings noch einmal recherchieren müsste. Bekannt und bestätigt ist aber, dass Jornet dreimaliger Trailrunning- und viermaliger Skibergsteigweltmeister ist. Dazu kommen unzählige andere Lauferfolge. Seit einiger Zeit engagiert sich der sympathische Spanier, der mittlerweile in Norwegen wohnt, mit seiner Kilian Jornet Foundation auch für die Erhaltung der Berge und den Umweltschutz. Im Anschluss an die Preisverleihung kamen die Stream-Zuseher noch in den Genuss des Films „Inside Kilian“, der Einblicke in das Leben des Laufstars gibt und der – für alle, die es verpasst haben – auch auf Amazon Prime läuft.

Matti Bernitz Kilian Jornet | © Messe München

Für Jornets Stiftung konnte man dann während der ISPO auch am „Run for Good“ teilnehmen, einem virtuellen Community Run, der den Corona-bedingt ausgefallenen Night Run, der die letzten beiden Jahre im Münchner Olympiapark stattgefunden hatte, ersetzte. Im Rahmen dieses Laufs wurden zwischen dem 1. und 7. Februar Streckendistanzen von 5, 10 oder 21 Kilometer angeboten. Wer wollte, ließ sich tracken und verglich sich so mit den anderen Läufern. Eine Anmeldegebühr gab es nicht, dafür konnte man sich aber nach Lust und Laune mit einer Spende an die Kilian Jornet Foundation für den Schutz und Erhalt der natürlichen Berglandschaften engagieren. Wer das verpasst hat, kann dies jederzeit direkt über www.kilianjornetfoundation.org nachholen.

Business, Produkte und Online-Konferenz

Neben den Public Streams ging es bei der ISPO Munich Online natürlich vorwiegend ums Business. Damit auch Ihr auf dem Laufenden seid, was im passwortgeschützten „Fachbesucherbereich“ der Messe abging und welche Trends ab Herbst das Sagen haben, haben wir uns ein wenig für Euch umgesehen.

Gewinner, Gewinner, Gewinner

Kilian Jornet war nicht der einzige Gewinner auf der ISPO Munich Online. Auch wenn es dieses Jahr keine „echte“ Messe gab, vergab die ISPO wir gewohnt ihre ISPO Awards sowie den Startup-Preis ISPO Brandnew.

Bei den ISPO Awards 2021 suchten gleich fünf unterschiedliche Jurys die besten Produkte des Jahres aus über 250 Einreichungen heraus. Je eine Jurorengruppe kümmerte sich um die Kategorien „Snowsports“, „Outdoor“, „Running & Fitness“ und „Urban Life“, dazu kam noch eine separate Nachhaltigkeitsjury. Wegen der Pandemie fand die Beurteilung der Produkte ausnahmsweise räumlich getrennt statt. Über das Internet wurden dann Meinungen ausgetauscht und Bewertungen abgegeben.

In der Kategorie „Outdoor“ erhielt Haglöfs mit der Nordic Expedition Down Jacket die begehrte Auszeichnung „Product of the Year“. Dieses Produkt des Jahres wird übrigens von der Jury aus den gesammelten „Gold Award“-Gewinnern jeder Kategorie gewählt. Zu den Preisträger der Gold Awards zählten (unter anderem) das Drynamo Merino Eco von adidas Terrex x Megmeister, Helly Hansens Odin Infinity Insulated Jacket, Mammuts neuer (und weltweit erster) Kletter-Tracker Climbax, Salewas Ortles Couloir Boot, das Dachzelt Tepui Foothill von Thule und der Free Rider Rucksack von Ortovox. Zusätzlich erhielten Helly Hansen, Icebreaker und Zanier einen „Sustainabilty Achievement Award“, also den Preis für Nachhaltigkeit.

HAGLÖFS NORDIC EXPEDITION DOWN JACKET ©Haglöfs

Auch in der Kategorie „Snowsports“ wurden einige Produkte prämiert, die für uns Outdoorer sehr interessant sind. Neben zwei Skimodellen, die für ihre Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurden – der komplett zirkulär hergestellte und zu 100 % recycelbare Earlybird Chickadee sowie der fast komplett aus Bioressourcen konstruierte WNDR Alpine Vital 100 – gab es vor allem viel Neues für Skitourengeher und Freerider. Die Marke war übrigens als Interviewpartner zu Gast im neuen Globetrotter » Neue Horizonte « Podcast (Folge 2: Gamechanger)! Die junge deutsche Marke Advenate, die bei ihren Outdoor- und Skiklamotten viel Wert auf Nachhaltigkeit legt, erhielt mit ihrem MyOne-Outfit ebenso einen Gold Award wie Bollés neuer Helm namens Versatile, Deuters Mehrtages-Skitourenrucksack Freescape Pro, die Electra Goggle von Out Of aus Italien und der erste Klappski für die Piste, der Elan Voyager. Der Hauptgewinn – das Product of the Year – ging in dieser Kategorie an Ortovox mit dem ersten LVS-Gerät der Welt, das mit seinem Nutzer spricht: dem Diract Voice. Bekanntlicherweise ist bei der Suche nach Lawinenopfern vor allem die Übung ausschlaggebend, und da im Notfall in der Regel auch noch Schock und Stress dazukommen, könnte das „sprechende“ LVS die Suche tatsächlich einfacher und schneller machen. Mit dem 3 Finger Glove Pro und den 3L Deep Shell Bib Pants konnte Ortovox in der Snowsports-Kategorie übrigens noch zwei weitere Gold Awards abräumen. Und weil das anscheinend noch nicht genug war, verlieh die ISPO Open Innovation Community am Ende der Messe in einer öffentlichen Publikumswahl auch noch den Public Choice Award an das Diract Voice LVS. Sehr viel mehr geht nicht.

Matthias Robl ORTOVOX DIRACT VOICE ©ORTOVOX

Auch in den beiden übrigen Kategorien fanden wir noch ein paar interessante Produkte, auf die wir uns bald freuen: Eines von zwei Products of the Year bei „Running & Fitness“ wurde der nachhaltig produzierte Trailrunning-Schuh Cyclon von On Running. Auch mit einem Trailrunner, dem Agravic Ultra, konnte adidas Terrex einen Gold Award abräumen, außerdem für das Agravic Windweave Pro Insulation Jacket. In der Kategorie „Urban Life“ gewann die spanische Marke Ternua einen Gold Award mit der aus Bio-Baumwolle hergestellten Allwetterjacke Miquelon Jacket, die wir uns auch in Feld, Wald oder Bergen gut vorstellen können.

Wer alle Gold Winner, Products of the Year und auch regulären Gewinner in allen Kategorien näher begutachten möchte, finde alle Details zu den ISPO Awards 2021 unter https://www.ispo.com/awards/ispo-award.

Neben den bereits etablierten Firmen haben auch junge Startups die Möglichkeit, auf der ISPO etwas zu gewinnen. Dafür gibt es seit dem Jahr 2000 den ISPO Brandnew Award. Um dem Erfindergeist und den häufig unkonventionellen Ideen der Startup-Szene Raum zu geben, entschied sich die Jury dieses Jahr, nicht nach vorab festgelegten Kategorien zu werten. So decken die zehn Gewinner des Wettbewerbs dann auch die verschiedensten Disziplinen und Konzepte ab – von Wintersport über Fitness und Yoga bis hin zu Wassersport, von Accessoires über Bekleidung und Hartware bis hin zur Softwarelösung. Fast alle hatten aber gemeinsam, dass Nachhaltigkeit und Klimaneutralität beim Produkt und der gesamten Firmenphilosophie eine große Rolle spielen.

Für uns Outdoorer sind im Kreise der Brandnew-Gewinner vor allem die italienische Bekleidungsfirma Agogic, die Winteraufstiegshilfe Crampow von Auftriib aus der Schweiz, die ökologische-funktionelle Skitourenkleidung von Ayaq (ebenfalls Schweiz), das Rucksacktragesystem Maporto aus Polen und die Frauen-Fahrradbekleidung von Veloine aus Deutschland interessant. Erwähnenswert sei auch der UV-Bodyguard von Ajuma aus Deutschland, ein UV-Messgerät, das an einem Armband getragen oder am Rucksack befestigt werden kann und vor UV-Strahlung warnt, wenn man draußen unterwegs ist. Der Brandnew Overall Award ging am Ende an ein deutsches Startup: West Kiteboarding überzeugte die Jury mit einer magnetischen Sicherheitsbindung, die Performance und Sicherheit beim Kiten radikal verbessern soll.

Alle Details zu ISPO Brandnew 2021 gibt es unter https://www.ispo.com/ispo-brandnew/2021/winner.

Holger Rauner West Kiteboarding | © Messe München

Konferenz: Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und umweltverträgliches Wirtschaften

Wer in Zukunft zu den Gewinnern gehören möchte, der war sicherlich mit dem von der ISPO angebotenen Konferenzprogramm gut beraten, das an jedem der fünf Veranstaltungstage einem anderen aktuellen Thema gewidmet war: Von Innovation über Digitalisierung und Gesundheit bis hin zu Nachhaltigkeit. Dazu kam das Runner’s World Symposium zum Thema Laufsport.

Ganz vorne dabei – und immer wieder themenübergreifend – war das Thema Nachhaltigkeit. Seinen Höhepunkt fand dies am letzten Tag der ISPO, der im Programm als „Friday for Good“ angekündigt wurde. Neben Greenroomvoice, einer Anlaufplattform für Marken um Konsumenten, um einen genauen Überblick über den ökologischen Fußabdruck von Marken und Produkten zu erhalten, der Initiative MyClimate, der European Outdoor Conservation Alliance (EOCA), POW Europe oder Re:Down kamen auch mehrere Marken zu Wort, die sich seit langem oder besonders erfolgreich mit Nachhaltigkeit, Umweltschutz und zirkulärer Wirtschaft beschäftigen. Auch hier verweisen wir auf unseren neuen Globetrotter Nachhaltigkeitspodcast » Neue Horizonte « mit Folge 1: “Kreislaufwirtschaft in der Outdoorbranche.” In einer Diskussionsrunde zum Thema „Warum sollte körperliche Aktivität Teil der Nachhaltigkeitsagenda sein?” sprach neben Trailrunner und ISPO Cup-Preisträger Kilian Jornet zum Beispiel auch die Nachhaltigkeits-Managerin von Fjällräven, Christiane Dolva Törnberg. „Wer sich in der Natur bewegt, entwickelt auch das Bedürfnis, sie zu schützen,“ waren sich die Teilnehmer der Gesprächsrunde einig. „Wir veranstalten überall auf der Welt Outdoor-Events, um die Menschen rauszubringen“, ergänzte Törnberg und wies darauf hin, dass man erst dann, wenn man sich in der Natur aufhält, auch verstehen kann, was nötig ist, um sie zu schützen. Fjällräven veranstaltet bereits seit 2005 den Langstreckenwander-Event Fjällräven Classic. Ursprünglich in Schwedisch Lappland oberhalb des Polarkreises ausgetragen, ist die Veranstaltung mittlerweile gewachsen und wird auch in Dänemark, den USA, Korea, Deutschland und England organisiert – in Zeiten von Corona digital als „Classic TV“. Insofern ist Fjällräven bereits seit vielen Jahren Profi in Sachen Outdoor Community Events. Dass die schwedische Outdoormarke ihre Verbundenheit mit der Natur auch bei der Entwicklung ihrer Produkte mit einbringt, ist dabei selbstverständlich.

Tree Kånken von Fjällräven

Nachhaltigkeit und Fjällräven

Fjällräven war nicht nur auf der ISPO Munich Online, um über Nachhaltigkeit zu diskutieren, sondern auch um entsprechend nachhaltig produzierte Produkte zu präsentieren. Ganz vorne dabei ist die nächste Version des Dauerbrenners Kånken: Mit dem neuen Tree Kånken hat das Entwicklungsteam der Marke neue Wege beschritten, um Alternativen zu fossilen Rohstoffen zu erforschen. Das Ergebnis ist ein neuer Rucksack aus schwedischem Holz von Bäumen, die in der Nähe von Fjällrävens schwedischer Heimatstadt Övik wachsen. Das Holz wird zu einem nachhaltigen Zellulosegarn verarbeitet, das dann zu einem rein biobasierten Stoff gewebt wird.

Ab der kommenden Herbst- und Wintersaison verspricht Fjällräven auch, dass in jedem Pullover ausschließlich Wolle verwendet wird, die rückverfolgbar sowie recycelt ist oder dem Tierschutz entsprechend gewonnen wurde. Damit stellt die Marke die höchsten Standards für den Schutz und das Wohlbefinden der Tiere bei der Wollproduktion für ihre Pullover sicher. Darüber hinaus findet Fjällräven neue Verwendungsmöglichkeiten für seine wiedergewonnene, schwedische Wolle. Sehr gute Beispiele für den Einsatz von Wolle sind zum Beispiel die neue Keb Wool Padded Jacket und der neue Övik Knit Cardigan.

Recycling wird bei Fjällräven auch bei der neuen Expedition X-Lätt Jacket für nächsten Winter groß geschrieben. Nach der erfolgreichen Einführung der 1974 Expedition Serie im Jahr 2020 bringt das neueste Modell noch mehr Vielseitigkeit und Funktionalität in die Produktfamilie. Die nun auch leichteste Jacke der Expedition Serie besteht aus 100 % recyceltem Polyamid und ist mit 80 % recyceltem Polyester gefüllt.

Holger Rauner © Messe München

Wie war die Online-ISPO – und wie geht es weiter?

Soweit ein kleiner Überblick über das, was auf der ISPO Munich Online letzte Woche passiert ist. Wer jetzt noch gerne ein paar Zahlen hören möchte: Es gab auf der Messe 545 Austeller. 31.574 Fachbesucher aus 110 Ländern nahmen das zweigeteilte Angebot mit digitaler Expo Area und ergänzendem Konferenzprogramm mit mehr als 150 Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops wahr. Die öffentlichen Public Streams – übrigens auf dem YouTube-Kanal der ISPO auch jetzt noch zu sehen – wurden von mehr als 22.000 Personen genutzt. 

Und unser Fazit? Es ist ungewohnt, sich per Browser „durch eine Messe“ zu bewegen. Neben der Wahrung der derzeit nötigen Distanz war der größte Vorteil sicherlich das Konferenzprogramm, das man ganz in Ruhe und im Zweifelsfall in Jogginganzug und Flipflops verfolgen konnte. Aber nichts geht über das persönliche Erleben und Ausprobieren von Produkten an einem echten Messestand, echte Gespräche, eine entspannte Tasse Kaffee mit Freunden und Kollegen oder die unzähligen Schritte, die man jeden Tag auf dem Messegelände zurücklegt. Eine virtuelle Messe ist sicherlich möglich, aber das Erlebnis vor Ort kann sie nicht ersetzen… In diesem Sinne: Bleibt gesund und freut Euch auf die tollen neuen Produkte, die es ab Herbst geben wird. Und davor sehen wir uns vielleicht auf der Outdoor by ISPO, die sowohl „in echt“ als auch digital Anfang Juli stattfinden wird.

Holger Rauner Copyright Messe München

Wolfgang Greiner

8. Februar 2021

Text: Wolfgang Greiner | Frederieke Krippeit
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