Trekking: Kungsleden mit Kind

Kann man auch eine größere Trekkingtour mit einer Neunjährigen bewältigen? Martin Müller und seine Tochter Marie haben es ausprobiert …

Nach den Sommerferien ist vor den Sommerferien und jedes Mal stellt sich die Frage, wo es denn das nächste Mal hingehen könnte. Ein Jahr zuvor war ich mit meiner Tochter Marie kurz nach ihrem achten Geburtstag von Berlin bis nach Warnemünde geradelt. Dieses Mal vielleicht eine Wanderung?

Überzeugt von Bildern meiner Wanderung auf dem Skye Trail, will Marie jetzt auch eine Trekkingtour machen. Schon mal eine Frage weniger, dafür gab es gleich ein paar neue: Was für eine Tour ist für ein neunjähriges Mädchen realistisch? Wird es einem Kind nach ein paar Tagen nicht zu langweilig?

Auf nach Schweden

Die Wahl fällt auf den Kungsleden in Schweden. Dort kann man wild Zelten, gleichzeitig ist die Strecke nicht zu schwer. Ich rechne, dass wir im Durchschnitt 15 Kilometer am Tag schaffen sollten und wähle den Abschnitt von Abisko nach Vakkatovare. Etwa acht Wandertage plane ich für die 120 Kilometer ein. Mit ihren 24 Kilo Körpergewicht soll Marie nicht mehr als sechs bis sieben Kilo tragen.

Im August ist es dann soweit. Wir fliegen nach Kiruna und fahren mit dem Bus weiter zum Startpunkt nach Abisko. Nach ein paar letzten Nachrichten ins Mobilfunknetz, geht es bei regnerischem Wetter los. Trotz des Wetters genieße ich jeden Schritt, den wir zusammen machen. Bei Abiskojaure schlagen wir unser Zelt auf. In der angrenzenden Hütte dürfen wir Kochgelegenheit nutzen und unsere Sachen im Trockenraum zum Trocknen aufhängen.

Am nächsten Morgen starten wir mit trockenen Sachen und neuer Energie. Kurz nach dem Start beginnt ein unwegsamer Anstieg, der kein Ende nehmen will. Ich bin überrascht. Mit so einem anspruchsvollen Abschnitt hatte ich nicht gerechnet. Mir kommen Zweifel, ob es richtig war, diese Tour mit Marie zu laufen.

Ich höre nun öfter »Papa, wie lange geht denn das noch so hoch?« und etwas später kullern auch die ersten Tränen und ein »Papa, ich kann nicht mehr« geht über ihre Lippen. Aber Marie beißt sich durch – ich lobe und tröste. Und oute mich ihr gegenüber, dass meine 25 Kilo auf dem Rücken ebenfalls ganz schön anstrengend sind.

Ein kleiner Rucksack auf großer Wanderung.

Unterwegs treffen wir einen Wanderer, der uns erzählt, dass man die Etappe mit einem Boot abkürzen kann. So sparen wir uns etwa fünf bis sieben Kilometer – trotzdem sind wir am Abend fast 18 Kilometer gelaufen, die es teilweise in sich hatten.

Nach einer »Trek´N Eat«-Mahlzeit verschwinden wir in den Schlafsäcken. Ein schönes Gefühl. Auf Wunsch einer einzelnen Dame gibt es noch ein »Bibi und Tina«-Hörspiel, das ich im Vorfeld aufs Smartphone geladen hatte. Ansonsten haben wir den Alltag der Zivilisation und nahezu alles was dazu gehört, zu Hause gelassen. Netz hat man hier sowieso nicht und so hören wir nach dem Hörspiel zum Einschlafen nur noch das leise Rauschen des Wassers, an dem wir unser Zelt aufgeschlagen haben.

Genau in diesem stehen wir am nächsten Morgen und waschen uns vorbildlich. Bei etwa vier Grad Wassertemperatur eine kleine Überwindung, die aber auf jeden Fall wach macht. Marie ist eisern und lässt sich nicht abschrecken. Nach einem Frühstück aus einem Haferflocken Energieriegel und einer heißen Tasse Tee, geht es weiter. Das Wetter wird immer besser.

Während ich Ruhe und die Landschaft genießen will, möchte Marie lieber Lieder erraten, die wir uns gegenseitig vorsummen. Meine Motivation ist relativ begrenzt, aber ich bin dankbar und stolz, dass sie bisher alles so super geschafft hat und lasse mich auf das Gesumme ein.

Nasse Stiefel

Kurz bevor wir den höchsten Punkt unserer Tour überwinden, den 1150 Meter hohen Tjäktja-Pass, müssen wir noch einen Fluss überqueren. Steine zum drüberhüpfen sind rar und so kommt es, dass wir beide kurzfristig ins eisige Wasser treten. In Maries kleine Stiefel läuft das Wasser sofort rein. Auf der naheliegenden Tjäktjahütte, trocknen wir Socken und Stiefel notdürftig mit Papiertüchern. Dabei kommen wir mit dem Hüttenchef Stefan ins Gespräch. Stefan ist Deutscher, etwa 30 Jahre alt und lebt seit neun Jahren in Schweden. Er erzählt uns, dass er bis September auf der Hütte lebt – ganz ohne Strom, fließendes Wasser und Mobilfunknetz. Für ein neunjähriges Stadtmädchen sehr beeindruckend.

18 Kilometer – der Tag, an dem wir den Pass überqueren, wird unser längster. Und die folgende Nacht sehr kalt. Während mein Schlafsack an die Grenze seiner Komforttemperatur kommt, hat es Marie kuschelig war, wie sie mir stolz berichtet. Wenigstens das nehme ich beruhigend und etwas neidisch zur Kenntnis.

Mittlerweile sind wir beide super eingespielt und kommen im Tagesverlauf immer in einen gewissen Flow beim Laufen. Trotzdem wünscht sich Marie eine ausgiebige Mittagspause. Auf ihren Wunsch packe ich sogar den Kocher aus und es gibt zur Stärkung eine Suppe. Als wir später eine Samensiedlung durchqueren, treffen wir leider keinen einzigen Bewohner an. Marie ist enttäuscht, aber gleichzeitig ist es etwas unheimlich und spannend mitten in einem Dorf der Ureinwohner Lapplands zu stehen und keine Menschenseele zu treffen.

Ich bin immer wieder erstaunt, was für Energie in einem so kleinen Menschen stecken kann. Während ich am Abend unser Zelt aufbaue und alles für die Nacht und das Abendessen zurecht mache, spielt Marie Pferd und rennt dabei im weiteren Umkreis um das Zelt, als wäre sie noch nicht genug gelaufen.

Im weiteren Verlauf unserer Tour treffen wir immer mal wieder auf Anna. Die 30-jährige Schwedin, die alleine mit ihrer Hündin Dora unterwegs. Marie ist ganz begeistert und will wissen, wo Dora denn nachts schläft. Anna erzählt uns, dass sie Dora immer mit in den Schlafsack nimmt und es dort ganz schön eng wird.

Wir laufen schließlich weiter Richtung Singi, wo sich der Weg teilt und es in Richtung Vakkatovare merklich ruhiger wird. Die Lage der Kaitumjaure Station gefällt uns von allen bisher gesehenen Stationen am besten. Neben dem grandiosen Wetter haben wir dort eine wunderschöne Aussicht.

Kleiner Zwischenfall mit Hubschrauber

Als sich allerdings der Hubschrauber mit dem Nachschub für die Hütte nährt, fliegt er leider den Landeplatz aus der falschen Richtung an. Während Marie und ich uns die Landung anschauen, kommt eine Mitarbeiterin der Hütte aufgelöst auf uns zu und erklärt, dass unser Zelt gerade zerstört wurde, da der Pilot dummerweise über die Zeltsplätze angeflogen ist.

Tatsächlich steht unser Zelt nicht mehr an seinem Platz, sondern liegt zusammengefallen in einem Abhang. Die Leute, die das mitkommen haben, helfen uns, unsere Sachen wieder einzusammeln. Glücklicherweise ist das Zelt nicht kaputt und wir haben auch alles andere wiedergefunden. Hätte ich das Vorzelt nicht offen gelassen, hätte es vermutlich auch dem starken Wind der Rotorblätter getrotzt.

Nach diesem Schreck gönnen wir uns noch zwei Saunagänge. Nicht nur für Marie ist es eine neue Erfahrung, in einer Sauna ohne Strom zu sitzen. Mit den übrigen Schweden und einem Belgier kommen wir dort schnell ins Gespräch. Der Schwede Markus pendelt regelmäßig zwischen Stockholm und Kiruna. Er gibt uns Tipps, was wir vor unserem Abflug noch in Kiruna tun sollen. Er bietet uns dort sogar sein Auto an, obwohl wir ihn noch nicht einmal eine Stunde kennen.

Bevor wir die Station verlassen, fragt mich noch eine ältere Wanderin, ob sie Marie etwas schenken darf. Lorie ist Amerikanerin, aber seit Ewigkeiten mit ihrem Mann Philipp, einem Schweizer, verheiratet. Sie ist knapp 70 Jahre alt und vermutlich Maries größter Fan auf dem Kungsleden. Marie freut sich über eine Tüte mit ein paar Leckereien und über eine kleine Portion wasserlöslichen Kakao – was für ein Luxus!

Die Lobeshymnen, die Lorie Marie noch mit auf den Weg gibt, sind natürlich Balsam für die kleine Seele. Auch wenn jeder sein eigenes Tempo geht, treffen wir viele Menschen mehrfach. Dadurch ist Marie schon vielen bekannt.

Als jüngste Wanderin weit und breit, genießt Marie einen gewissen Prominentenstatus.

Als wir in Teusajaure ankommen, können wir den See wahlweise mit Ruder- oder Motorboot überqueren. An einem Ufer ist ein Ruderboot festgemacht, während sich am anderen Ufer zwei Ruderboote befinden. Die Vorschrift ist, dass wenn man mit einem Ruderboot ans andere Ufer fährt, dort eines der beiden anderen Boote anbinden und zurückschleppen muss. Danach kann man erst bei der dritten Überfahrt am anderen Ufer fest machen.

Natürlich sind an unserem Ufer nicht zwei Boote, sondern nur das Eine. Das Wetter hat mittlerweile wieder gedreht und es ist dazu sehr windig. Drei Mal den See zu überqueren, stelle ich mir mit Marie sehr anstrengend und zeitaufwendig vor, zumal es schon relativ spät ist und wir noch einige Kilometer vor uns haben. Wir nehmen das Motorboot und lassen uns für umgerechnet 25 Euro übersetzen.

Wiedersehen mit Anna und Markus

Auf der anderen Seite treffen wir Anna wieder und auch Markus und seine beiden Begleiter. Anna, die auf ihrer Trekkingtour keine motorisierten Hilfsmittel benutzen darf (sie möchte sich das »Lila Band« erwandern), war alleine bei starkem Wind mit dem Ruderboot übergesetzt, musste dann eines der beiden Boote zurückschleppen und hatte letztlich Glück, dass ihr die drei Jungs bei der dritten Überfahrt geholfen haben. Trotzdem sind ihre Hände offen, da sie sich unzählige Blasen beim Rudern geholt hat. Insgesamt war sie etwa drei Stunden damit beschäftigt.

Der Himmel zieht immer mehr zu, es beginnt leicht zu regnen – windig ist es schon den halben Tag. Alles in allem nicht besonders gemütlich. Marie gerät an einen Tiefpunkt und ich versuche sie zu motivieren. Wirklich frisch bin ich allerdings auch nicht mehr. Um ihr das Weiterlaufen zu erleichtern, schnalle ich mir ihren Rucksack mit Spanngurten vor die Brust. Nun habe ich zusätzlich sechs Kilo zu tragen, dafür kann der Trekkingnachwuchs relativ leichtfüßig weiter kraxeln.

Schließlich kommen wir an einen breiten Fluss, den wir überqueren müssen. Dort treffen wir Markus wieder. Die Jungs sind bereits am anderen Ufer und raten mir, den Fluss Barfuß zu durchqueren. Also werfe ich meine Stiefel über den Fluss, nehme Marie Huckepack und stapfe durchs eiskalte Wasser. Dann wieder zurück, Rucksack holen und ein drittes Kneippfußbad ans andere Ufer.

Kurze Zeit später finden wir einen schönen Zeltplatz. Die Jungs wollen noch ein paar Kilometer machen. Wir sehen sie am Horizont allmählich kleiner werden und schließlich verschwinden. Das Wetter ist mittlerweile ekelig geworden. Wir sind froh, als wir endlich im Zelt sitzen. Der vorletzte Tag hat sich wirklich hingezogen und nach einem letzten Chicken Curry aus der Tüte und einem Hörspiel schlafen wir schnell ein.

Und schon neigt sich die Wanderung dem Ende zu.

Unsere letzte Etappe startet wettertechnisch wie die Vorletzte aufgehört hat. So kurz vorm Ziel lassen wir uns davon aber nicht beeindrucken. In einem Moment der Unachtsamkeit stolpert Marie und fällt unglücklich auf einen Stein. Sie fängt an zu weinen und ich sehe ein Loch am Knie ihrer Regenhose. Nach einem kurzen Schreckmoment dann aber Erleichterung, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hat. Auf Wunsch machen wir eine sehr ausgiebige Mittagspause mit warmer Tomatensuppe. Dann geht’s im Finale nochmal steil und relativ unwegsam nach Vakkotavare hinunter. Gegen 16 Uhr laufen wir ins Ziel ein und haben unsere Kungsleden-Tour gerockt.

Zur Freude von Marie sind Lorie und Philipp auch auf der Hütte. So ist sie beschäftigt und ich suche am Seeufer in Nähe der Hütte eine geeignete Stelle, um das Zelt aufzustellen. Am Morgen geht’s dann mit dem Bus nach Gällivare und weiter mit dem Zug bis Kiruna. Der Abschied von Maries neuer Freundin Lorie fällt ihr sichtlich schwer.

In Kiruna genießen wir unsere erste Dusche mit fließendem Wasser und einen ausgiebigen Saunagang. Wie abgesprochen kontaktieren wir Markus und verabreden uns zum Abendessen. Er bietet mir zum wiederholten Male sein Auto für den nächsten Tag an, damit wir nach Jukkasjärvi fahren können, um ein Samenmuseum und das Gelände des Ice Hotels besuchen zu können. Wir nehmen schließlich an und bedanken und mit ein paar Sixpacks Bier für sein Vertrauen. Was für ein Abschluss.

Text: Martin Müller
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