Traumtour Lofoten: Inselhopping am Polarkreis

Berge und Meer, Sonne und Regen – die Lofoten vereinen Gegensätze. Wer die Durchquerung der norwegischen Inselkette zu Fuß versucht, wird mit unglaublichen Landschaften belohnt.

»Wir wollten nördliche Landschaften, keine Hitze, wenig Menschen und noch weniger Mücken.«

Nach zwei Stunden ziehe ich zum ersten Mal die Stiefel aus und versuche, bei bewölktem Himmel, zehn Grad und orden­tlich Wind meine Socken und Sohlen auf einer Granit­platte am See zu trocknen. Vergebene Liebesmüh, wie ich bald merken werde, denn nasse Füße gehören auf diesem Trip zur Tagesordnung. Hinter uns liegt ein steiler, punktuell seilversicherter Pfad, der entlang der Rohre eines Wasser­kraftwerks eine Felsrampe zwischen zwei Seen hinaufführt. Was für ein Einstieg.

Vor uns liegt: »The Long Crossing«. Eine Tour quer durch die norwegische Inselgruppe der Lofoten. Die Lofoten befinden sich im Europäischen Nordmeer und werden durch den riesigen Vestfjord vom Festland getrennt. Bekannt sind die »Berge, die im Meer stehen« für ihr verhältnismäßig mildes Klima – dem Golfstrom sei Dank – und für ihre spektakuläre Landschaft. Sie wird dominiert von einer schroffen Gebirgskette, daneben findet man auf engstem Raum kleine Ebenen und einen schmalen Streifen Küste, Moore und Sandstrände, Fjorde, Seen und Wasserfälle.

Die Idee für diesen Trip kam uns bei einer Recherche im Internet. Wir, das sind Thomas und Julia auf erster gemeinsamer Tour. Wir wollten nördliche Landschaften, keine Hitze, wenig Menschen und noch weniger Mücken. In Blogs stolperten wir mehrfach über die Lofoten-Durchquerung und fanden schließlich eine umfangreiche Beschreibung, GPS-Track und nützliche Tipps. Und nun sind wir hier. Unser Startpunkt liegt bei Svolvær auf der Insel Austvågøy­­a im Nordosten der Lofoten. Nach zehn Tagen wollen wir Å auf Moskenesøya, der letzten großen Insel im Süden, erreichen. Der Weg ist klar, Zeit haben wir mehr als genug und ansonsten haben wir nichts geplant. Keine festen Etappen oder Unterkünfte geben den Takt vor. Mit unserem Zelt und dank des skandinavischen Jedermannsrechts sind wir komplett frei.

Lofotendurchquerung: Pause in norwegischer Schutzhütte

Auch am zweiten Tage bleiben die Füße nass – ohne Aussicht auf Besserung. Es gibt keinen eindeutigen Pfad. Wir orientieren uns mit GPS und Wegpunkten über mehrer­e Hügelketten und versuchen, einen einigermaßen trockenen Weg zu finden. Saftige Moosfelder, feuchte Marsch­landschaften und nasse Büsche – da hilft selbst kein Trekking­­­stiefel mit Gore-­Tex-Membran mehr. Das Wasser ist allgegenwärtig. Längst habe ich aufgehört, die Bäche, Wasser­fälle und Seen zu zählen, die wir passieren. Überall rauscht und plätschert es.

Gegen Mittag fängt es an zu regnen und wir freuen uns, als wir am späten Nachmittag Kvilebua erreichen, eine der wenigen öffentlich zugänglichen Schutzhütten auf den Lofote­­n. Gegen eine Spende kann man sich hier aufhalten und übernachten, es gibt Bänke um eine offene Feuerstelle und ein separates Klohäuschen mit Holzlager. Nach mehreren Stunden Regen finden wir das richtig gemütlich. Thoma­­s vollbringt ein Kunststück mit Taschenmesser, einer alten Kerze und Birkenspänen und bald lodert ein Feuer, an dem wir alles trocknen, was es nötig hat, und uns bei Kaffee und Kartoffelpüree aufwärmen. Kurz überlegen wir, hier das Lager für die Nacht aufzuschlagen, doch eigentlich haben wir noch Energie und das Regenradar verspricht ab 20 Uhr eine Regenpause. Und da zu dieser Jahreszeit auf den Lofoten die Sonne auch nachts am Himmel steht, brauchen wir noch nicht mal Stirnlampen.

»Das goldene Licht macht uns sprachlos. Es ist 22 Uhr und die Sonne scheint noch immer.«

Männer, die auf Schafe starren

Es geht relativ flach über weitere Hügelketten, am Ende des Tages werden trotzdem 1400 Höhenmeter auf unseren Uhre­­n stehen. Doch die Mühe zahlt sich aus. Auf einer Anhöhe angekommen, haben wir plötzlich Blick auf die Ausläufer der Insel Vestvågøya sowie die südlichen Inseln der Inselkette. All das werden wir noch erlaufen. Doch was uns vor allem sprachlos macht, ist das goldene Licht. Wir genießen die Magie des Moments und wandern dann fröhlich weiter. Es ist 22 Uhr und die Sonne scheint noch immer. Am nächsten Tag ändert sich die Landschaft. Wir kommen ans Meer. Nach einem Stopp im Örtchen Leknes, wo wir unsere Vorräte auffüllen, geht es mit dem Bus bis nach Napp. Der Transfer ist notwendig, denn der Tunnel zwischen den Inseln Vestvågøya und Flakstadøya ist für Fußgängerinnen und Fußgänger gesperrt. Von Napp laufen wir entlang der Ost­küste nach Süden. Thomas fühlt sich versetzt in die dampfenden Regenwälder von »Jurassic Park«. Alles ist feucht und grün und zwischen den großen Farnen und rundgeschliffenen Granitrücken könnte jetzt eigentlich auch ein Dinosaurier hervorschauen.

Eine tierische Begegnung bekommen wir trotzdem. Auf der Suche nach einem trockenen Zeltplatz entscheiden wir uns für eine sandige Stelle unterhalb einer überhängenden 25 Meter hohen Felswand, direkt neben einem kleinen See. Doch der Schlafplatz ist beliebt. Kaum haben wir das Zelt aufgebaut und die Rucksäcke verstaut, taucht eine Gruppe Schafe auf und starrt uns irritiert an. Vielleicht hätten wir es ob der unzähligen getrockneten Kötel, die wir zuvor ­weggeschoben haben, ahnen können – wir stehen mitten im Schlafzimmer der Herde. Aber es ist der einzige trocken­e Platz im Umkreis. Unterstützt von heftigem Armwedeln gewinnt Thomas das Wettstarren und die Tiere ziehen ab. Irgendwann im Laufe der Nacht müssen sie jedoch wiedergekommen sein, denn am nächsten Morgen finden wir frische Spuren neben dem Zelt.

Nach drei Nächten sind wir eingespielt, die Handgriffe und Abläufe beim Rucksackpacken, Kaffeekochen und Zelt­abbau sitzen. Ansonsten fühlen wir uns am nächsten Morgen wie in einem anderen Film. Keine Wolke ist am Himmel und während der Weg uns entlang der Küste über Granitplatten und Balkone weiter nach Süden führt, kommen wir in der Sonne ordentlich ins Schwitzen. Ich lerne: Bei schönem Wetter macht man keine Strecke, bei schönem Wetter macht man Pause – und trocknet Sachen. Immer wieder lassen wir uns auf den warmen Granitplatten nieder, breiten unsere Sachen aus, genießen die Sonne auf der Haut und die Aussicht aufs Meer. Die Zeit vergeht schnell und beim Blick auf die Granitwände spinnen wir neue Reise­pläne. Vielleicht mal zum Klettern zurückkommen?

Typisch Lofoten: Blick auf Buchten und Kabeljau auf Holzgestellen

Trotz all der Pausen haben wir knapp 20 Kilometer und 1000 Höhen­meter auf den Uhren stehen, als wir unser Zelt an der östlichen Südspitze von Flakstadøya aufschlagen. Es folgt der urbanste Tag unserer Tour. Entlang einer wenig befahrenen Straße laufen wir nach Ramberg, wo wir erneut unsere Vorräte auffüllen. Über eine Brücke geht es
weiter nach Fredvang, den nördlichsten Ort auf der Insel Moskenesøy­­a, wo wir uns eine Nacht und eine warme Dusch­­e auf dem Campingplatz gönnen. Regelmäßig kommt man auf der Tour an Orten mit kleinen Supermärkten vorbei, weshalb wir nie Vorräte für mehr als drei Tage mit uns tragen. Auch Wasser kann man buchstäblich an jeder Ecke auffüllen, sodass auch das nicht groß ins Gewicht fällt.

Nur Leichtes Gepäck

Der wahre Grund, warum wir trotz Zelt, Schlafsäcken, Kocher und Klamotten für nasses und kühles Wetter mit zwei 40-Liter-Rucksäcken auskommen, die jeweils kaum mehr als acht Kilo auf die Waage bringen, ist jedoch ein anderer. Monate im Voraus hat Thomas begonnen, die Packliste zu schreiben, und unser Gepäck optimiert. In meinem Münchener Wohnzimmer habe ich noch Witze gemacht, als ich meine T-Shirts im wahrsten Sinne des Wortes gegeneinander abgewogen habe und mir Freunde eine Isomatte ausgeliehen haben, nur weil die 200 Gramm leichter ist. Bei allen Herausforderungen hier vor Ort: Schwer schleppen wir nicht – und das weiß ich sehr zu schätzen.

»Bei den Dimensionen fühlen wir uns winzig klein und allein – und ­können uns kaum losreißen.«

An Tag sieben wenden wir alles an, was wir an den Vortagen gelernt haben. Als wir in unserem Zelt am Ufer des Selfjorden aufwachen, regnet es. Und zwar durchgängig und stark. Also kuscheln wir uns noch mal in die Schlaf­säcke und warten ab. Als es um elf Uhr endlich ein bisschen wenige­­r regnet, geben wir uns einen Ruck. In einer konzertierten Aktion packen wir alles zusammen und wandern los. Wobei »wandern« es nicht wirklich trifft. Im Schnecken­tempo suchen wir uns bei Wind und Regen unseren Weg in Schlangenlinien durch den Birkenwald. Wir stochern mit den Wanderstöcken in Pfützen und Matsch, um tragende Stellen zu finden, springen oder balancieren auf nassen Baumstämmen über angeschwollene Wasserläufe und steigen von Stein zu Stein entlang eines Baches, der eigentlich unser Weg ist. Aber wir haben uns das hier ausgesucht und im Rucksack finden sich ein dichtes Zelt, warme Schlafsäcke und trockene Socken.

Vier Stunden später stehen wir auf der anderen Seite des Passes an einem See und müssen uns entscheiden. Nach links, über den nächsten Pass nach Kjerkfjorden, von wo aus eine Fähre zu unserem nächsten Etappenstart fährt? Oder nach rechts, zum Strand Horseidvika. Wir wählen den Strand. Wir hoffen auf dem Sand einen zumindest von unten nicht zu nassen Schlafplatz zu finden und schlagen hinter einer kleinen Düne das Zelt auf. Schnell merken wir, dass es den erwarteten Windschatten nicht gibt. Vom Meer und den umliegenden Granitwänden herunter pfeifen uns die Böen um die Ohren. Wir graben Treibholz aus dem Sand, um das Zelt zu verankern, und legen uns schließlich ohne Abendessen in die Schlafsäcke. An Kochen ist bei dem Sturm nicht zu denken. Ebenso wenig an Schlafen, so laut und heftig rüttelt es an den Zeltwänden.

Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, habe­­n sich Sandwälle rund um das Zelt gebildet, doch der Wind hat abgeflaut und es nieselt nur noch ab und an. Wir essen Spaghetti bolognese zum Frühstück und realisieren langsam, an was für einem Ort wir hier gelandet sind. Horseidvik­­a erstreckt sich fast einen Kilometer vom Meer ins Landesinnere. Im hinteren Teil eine kleine Dünenlandschaft, in Richtung Wasserkante flacher Strand. Im Norden und Süden ragen glänzende Granitwände in die Höhe, am östlichen Ende begrenzt ein grüner Pass die Aussicht. Bei den Dimensionen fühlen wir uns winzig klein und allein – und können uns kaum losreißen.

Pause im Klatrekafeen in Henningsvær

Ein ähnliches Gefühl beschleicht uns wenige Stunden später, als wir am Steg von Forsfjorden der Fähre hinterher­schauen, die uns auf ihrem Weg von Kjerkfjorden nach Reine hier auf unseren Wunsch rausgelassen hat. Eben noch unter lauter Menschen, sind wir auf einmal wieder zu zweit, mitten im Nirgendwo, im Ohr die Worte vom Kapitän, der für den nächsten Tag Sonnenschein prognostiziert. Als wir am Abend campieren, lösen sich tatsächlich die Wolken auf und geben den Blick frei auf den Hermannsdals­tinden, mit 1029 Metern der höchste Berg der Lofoten.

Die letzte Etappe startet in Å und ist, wie soll es anders sein: eine nasse Angelegenheit. Tagesziel ist der Strand Stokkvika, das offizielle Ende der Durchquerung. Wir wandern am Südufer des Sees Ågvatnet nach Westen, doch je näher wir der grünen Wand kommen, über die uns der Pass nach Stokkvika führen soll, desto zögerlicher werden wir. Da sollen wir wirklich hoch? Wir beobachten, wie sich ein Wanderer im Schneckentempo den glitschigen Pfad hinunter quält und entscheiden, dass man manche Pässe vielleicht nicht bei Regen überqueren sollte. Wir machen Pause auf der Veranda einer Hütte am See, sinnieren, wie es wohl wäre, wenn das Hüttchen uns gehören würde, und laufen wieder zurück nach Å.

Am nächsten Tag steigen wir in den Bus zurück zum Ausgangspunkt. Während draußen die immer noch ­beeindruckende Landschaft vorbeizieht, lasse ich die Tour in mir nachklingen. Was haben wir eigentlich gemacht außer gehen, essen, Schlafplatz finden? Nichts – und genau darin lag ein großer Teil des Zaubers.

Lofotendurchquerung Karte

Das nehm ich mit:

Alles für dein nächstes Trekkingtour

Einmal auf die Lofoten bitte!

Wetter und Klima Auch im Sommer wechseln Sonne und Regen gerne mal stündlich. Der Juni ist statistisch am trockensten. Juli und August mit ca. 13 Grad im Schnitt am wärmsten. Yr.no hat die besten Vorhersagen, trotzdem ist eine langfristige Planung schwierig. Das Regenradar hilft, trockene Phasen abzuschätzen. Im Juni und Juli geht die Sonne nicht unter, man hat so keinen Zeitstress.

Ausrüstung Die Berge sind nicht hoch – Gelände und Wetter aber alpin. Entsprechend sollte die ­Kleidung ausfallen. Wer vor Ort etwas vermisst: In Svolvær gibt es gut ausgestattete Geschäfte.

Bezahlen Norwegen hat das Bargeld fast ­abgeschafft – fast überall kann man, oft muss man mit Karte bezahlen. Die Fährleute in ­Kirkefjord akzeptierten allerdings nur Bargeld.

Hinkommen Die nächsten Flughäfen sind Narvik oder Bodø. Beide Orte lassen sich aber auch gut per Zug erreichen. Und zwar von Oslo über Trondheim nach Bodø (www.vy.no) und dann mit der Fähre auf die Lofoten. Oder mit dem Nachtzug durch Schweden von Stockholm nach Narvik (www.sj.se) und von dort mit dem Expressbus auf die Inselgruppe. Wer Zeit mitbringt, kann auch mit dem eigenen Auto anreisen – aber von Hamburg sind es deutlich über 2000 km und davon wenig Autobahn. Für alle Vanlifer, die Einsamkeit suchen: Auf den kleinen Lofoten steht man fast nirgendwo allein.

Rumkommen Auch ohne Auto kann man die ­Lofoten gut erkunden – es sind aber etwas Geduld und ­Planung notwendig. Auf www.reisnordland.com findet ihr alle Bus- und Fährverbindungen auf einen Blick (Tipp: Travel Pass Nordland, mit dem man 7 Tage lang Busse und Fähren nutzen kann). In der App spart man noch ein paar Kronen beim ­Ticketkauf. Vom Flughafen kommt man auch mit dem Flug­hafenbus (www.flybussen.no) zu allen größeren Orten auf den Lofoten.

Unterkunft Als Basecamp eignet sich das Wanderheim in Kabelvåg: gutes Frühstück, große Gemeinschaftsküche und auch Gepäck kann man dort deponieren. Traditioneller geht es in einer der unzähligen Rorbuer (ehemalige Fischerhütten) zu.

Text: Julia von Bartenwerffer