Traumtour: Helm auf, Rhône runter

Ist das die perfekte Familienradtour? Auf der 650 Kilometer langen Via Rhôna von Genf bis ans Mittelmeer trifft französische Lebensart auf eine kinder- wie anhängerfreundliche Routenführung: meist flussab.

Bahnhof Via Rhôna

Zwei Frauen, zwei Zweijährige, zwei Räder und ein Zeitfenster von drei Wochen – was könnten wir anstellen? Boden­see-Königssee-Radweg? Zu viele Höhenmeter ohne Motor an den Bikes. Eine Alpenüberquerung bis zur Adria fällt deshalb ebenfalls flach. Aber radeln am Wasser wäre schön. Am besten: Fluss und Meer. Also recherchieren wir weiter – und entdecken den Rhône-Radweg »Via Rhôna«. Dieser führt auf rund 650 Kilometern vom Genfer See über Lyon, Avignon und Arles bis zur französischen Mittelmeerküste. Flussabwärts sollte das für uns mit Kind und Kegel zu meistern sein. Dennoch bleiben viele Fragen: Wie kommen wir zum Ausgangspunkt und wieder zurück? Wie viele Kilometer schaffen wir mit den Kids pro Tag? Und wie bringen wir all das Camping- und Kinderzeug inklusive Windeln in den 25-Liter-Packtaschen unter? In den letzten Tagen vor der Abreise überarbeiten wir noch zig Mal die Packliste. Kathrin und ihr Sohn David sparen sogar bei den kleinsten Dingen: kein Kamm, kein Spiegel, eine halbierte Zahnbürste. An Klamotten muss von der Badehose bis zur Daunenjacke jedoch alles mit, denn Anfang Mai ist es nördlich von Lyon noch recht frisch.

»Unser Rückenwind sind Pain au Chocolat und das Wissen, dass wir keine fixen Etappen schaffen müssen.«

Das Radabenteuer beginnt um 21 Uhr am Busbahnhof in München. Der Flixbus kutschiert uns über Nacht ohne Umsteigen nach Genf, so verlieren wir keinen Tag für die Anreise. Der Plan geht auf, denn die Kinder verschlafen die Fahrt und wir kommen pünktlich zum Sonnenaufgang in der Schweizer Metropole an. Die Morgensonne taucht den Himmel in rot-violettes Licht, als wir am Genfer See die Packtaschen an die Räder hängen. Durch die schmucken Genfer Vororte folgen wir der jungen Rhône nach Westen. Die Rhône erstreckt sich von ihrer Quelle im Wallis auf einer Gesamtlänge von 870 Kilometern durch die Schweiz und Frankreich bis in die Camargue, wo sie etwa 50 Kilometer westlich von Marseille ins Mittelmeer mündet. Die meist gut beschilderte »Via Rhôna« führt auf langen Strecken abseits des Autoverkehrs am Fluss entlang, dazwischen auf Nebenstraßen oder Radwegen im Hinterland. Auf einige­­n nicht ausgebauten Passagen und in den Städten müssen wir uns auf der Straße durch den Verkehr kämpfen.

Moderne Wegelagerei

Etwa 27 Kilometer hinter Genf passieren wir mitten im Wald unmerklich die Grenze nach Frankreich. Bei der ersten Boulangerie in Valleiry gönnen wir uns ein Pain au Chocolat, das fortan zum festen Speiseplan gehört. Diese Stärkung haben wir auch nötig, denn nahe Vulbens zwängt sich die Rhône durch das südliche Juragebirge, was sich in einigen Steigungen bemerkbar macht. Kathrin hat drei Packtaschen an ihrem Bike, mir bleibt eine Tasche plus der Anhänger mit den beiden Kids Nelion und David – Gesamt­gewicht über 50 Kilogramm. Bergauf habe ich das Gefühl, ein totes Pferd hinter mir her zu schleifen, weil sich das Gespann kaum vom Fleck bewegt. Auf einer duftenden Blumenwiese, eingerahmt von grünen Berghängen, lassen wir uns zum Mittagspicknick nieder. Mit vollem Bauch übermannt uns nun doch die Müdigkeit und wir be­schließen, dass 40 Kilometer und 380 Höhenmeter für den ersten Tag reichen. Vor dem alten Steingehöft Entremont bauen wir mit Erlaubnis der Bäuerin unsere Zelte auf. Die Kinder hüpfen im Heustadel herum und füttern die Pferde, bevor wir leckere Campingkocher-Pasta verspeisen und uns zufrieden in die Schlafsäcke kuscheln.

Am nächsten Tag führt die Via Rhôna mit einigen Steigungen abseits der Rhône durchs Hinterland, bis sie bei Seyssel das Ufer wieder erreicht. Hier überspannen gleich zwei eindrucksvolle Hängebrücken den Fluss. In den nächsten zwei Wochen überqueren wir noch zahllose weitere Male die Rhône, ihre Seitenarme und Kanäle auf zum Teil jahrhundertealten Brücken, die sich besonders für die Kinder zum Highlight der Route entwickeln. In Chanaz prägen weiter die Berge des südlichen Jura die Landschaft. Den Canal de Savières, der die Rhône mit dem Lac du Bourget verbindet, säumen mittelalterliche Steinhäuser. Auf einer Flussinsel suchen wir einen ruhigen Platz abseits des Wegs, wo wir wieder unsere Zelte auspacken.

Wegen der vielen Ungewissheiten sind wir ziemlich plan- und ziellos in Genf gestartet. Auch über die Rückreise habe­n wir uns kaum Gedanken gemacht. Wer weiß, wie weit wir kommen, bis Lyon, Avignon oder doch bis ans Meer? In den nächsten Tagen lassen wir uns treiben, ohne zu wisse­­n, wo wir abends landen. Wir zelten auf Waldlichtungen, Wiesen und zweimal direkt an einem See, steuern morgens eine Bäckerei mit Pain au Chocolat und Café au Lait an, radeln die erste Etappe, picknicken an einem Spielplatz oder genießen ein feines Mittagsmenü und fahren dann noch ein Stück, während die Kinder Siesta im Anhänger halten. Die Zwerge schmökern in ihren Büchern, spielen mit dem »Tatü­tata«-Polizeiauto und führen Drei-Wort-Unterhaltungen. In den Pausen wühlen sie mit ihren Schaufeln und Ein-Liter-Joghurteimern friedlich in irgendeinem Sandloch herum. Wir verbringen Tag und Nacht in der Natur, lassen uns von den Zikaden in den Schlaf singen und von den Vögeln wieder wach zwitschern – aktives Detox von Zivili­sation und Alltag.

Am Wegesrand der Via Rhôna
Sehenswert – jedes Dorf, jede Stadt
entlang der Route sind einen Abstecher
und eine Pause wert.

»Schnell gewöhnen wir uns an das süße Vagabundenleben, der Alltag ist ganz weit weg.«

Nächster Stopp Ferienwohnung

Auf der weiteren Route nach Lyon fahren wir durch ländliche Idylle und typisch französische Dörfer mit historischen Ortskernen. Ein Abstecher führt uns zu den Wasserfällen von Glandieu, die nahe Brégnier 60 Meter über moos­grüne Felswände in die Tiefe stürzen. Ab Lagnieu verändert sich die Landschaft merklich: Das Flusstal öffnet sich und wir lassen den Jura endgültig hinter uns. Durch den riesigen, weitgehend naturbelassenen Grand Parc Miribel Jonage pedalieren wir am sechsten Tag entspannt ins Zentrum von Lyon. Die Hauptstadt der Region Auvergne-Rhône-Alpes am Zusammenfluss von Rhône und Saône zählt mit ihrer 2000-jährigen Geschichte zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir drehen eine Runde durch die historische Altstadt, bewundern die Haus- und Kreuzfahrtboote auf der Rhône und freuen uns über eine Dusche und frisch gewaschene Wäsche: Airbnb macht’s möglich. Unsere Wohnung im dritten Stock verwandelt sich schnell in ein Lager, in dem wir sämtliches Equipment zum Trocknen ausbreiten und die erste Reifenpanne beheben.

Mit der Tut-Tut durch die Doux-Schlucht

Nach einer Nacht mit festem Dach über dem Kopf haben wir jedoch genug vom Stadttrubel und wir schwingen uns wieder auf die Räder. Nun zieht Kathrin den Kinderanhänger und ich darf drei Packtaschen auf dem Gepäckträger jonglieren. Anfangs stresst der heftige Verkehr bei der Stadtausfahrt, bis wir bei Vernaison kurzzeitig auf einem holprigen Singletrail entlang des Rhône-Kanals landen. Dunkle Gewitterwolken türmen sich auf und ein strammer Nordwind schiebt uns an, sodass wir bis Vienne ordentlich in die Pedale treten. Die nächste Zeltnacht verbringen wir (mit Erlaubnis des Bauern) zwischen Obstbaumwiesen, Fenche­­l- und Selleriefeldern nahe Condrieu. Die Region ist bekannt für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse, darunter auch Wein, Käse und Oliven. Nach einem Spaziergang durch die lieblichen Flussauen im Schutzgebiet Île du Beurre verhilft uns der Mistral am folgenden Tag zu einem neuen Strecken­rekord. Der Rückenwind schiebt uns über 64 ­Kilometer weit bis nach Tournon-sur-Rhône. Mehr als ein Drittel der gesamten Distanz der Via Rhôna liegt inzwischen hinter uns – wenn wir so weitermachen, schaffen wir es bis ans Meer. In Tournon-sur-Rhône beglücken wir uns selbst mit einem ganz besonderen Muttertagsgeschenk: einer ­
Fahrt mit dem Train de l’Ardèche. Eine halbe Stunde lang tuckert die historische Dampflokomotive mit lautem Pfeifen und Zischen durch die wilde Schlucht von Doux. Dann wird die Lok per Hand auf einer Drehscheibe wieder in die Gegen­richtung gewendet – Kinder und Eltern sind begeistert.

Pause auf der Via Rhôna

Wir lassen das lebhafte Städtchen hinter uns und orientieren uns weiter in Richtung Süden. Bei Meysse ist es ­abrupt vorbei mit der Idylle: Der Radweg führt direkt am vielfach gesicherten Zaun des Kernkraftwerks Cruas entlang. Wunderwerk der Technik oder Untergang der Menschheit? Beim Betrachten der gigantischen Kühltürme aus nächster Nähe sind wir uns nicht so ganz sicher. In Roche­maure mit seiner Burgruine hoch oben auf einem Felssporn zeigt sich Frankreich wieder wie aus dem Bilderbuch. Hier überspannt die 1858 erbaute Passerelle Himalayenne die Rhône. Diese spektakuläre Hängebrücke wurde erst im Zuge des Ausbaus der Via Rhôna wieder in Betrieb ge­nommen. Montélimar lassen wir links liegen, denn die einzige Attraktion, die uns in den Stadtverkehr locken könnte – das Nougat-Museum – hat geschlossen. Stattdessen nehme­n wir uns Zeit, um durch die malerischen Gassen von Viviers zu flanieren.

»Die Vielfalt des Reiselands Frankreich verblüfft uns ein ums andere Mal.«

Am zwölften Tag erreichen wir Avignon, die »Stadt der Päpste« am östlichen Ufer der Rhône. Auf dem Chemin des Canaux radeln wir entlang alter Wasserkanäle durchs Grüne ins historische Zentrum. Durch enge Gassen, über Kopfsteinpflaster und steile Rampen kämpfen wir uns bis zum gotischen Papstpalast (14. Jh.) und zur Kathedrale vor und schnaufen dann sogar noch ganz hinauf bis in den Stadtpark Rocher des Doms. Dort genießen die Kinder den großen Spielplatz und wir die grandiose Aussicht auf die mächtigen Stadtmauern und die berühmte Pont d’Avignon. Ein Passagierboot schippert uns zur Île de la Barthelasse hinüber, einer der größten Flussinseln Europas. Zwischen Feldern und Farmen finden wir in unmittelbarer Stadtnähe einen ruhigen Platz für die Nacht.

Flamingos wie in Afrika

Nur 57 Radkilometer trennen Avignon und Arles, dazwischen die typische Macchia-Landschaft der Provence, mit duftenden Kräutern, Weinfeldern, Olivenhainen und Lavendelfeldern. Die Daunenjacken sind in den Packtaschen schon längst weit nach unten gewandert, denn es wird jeden Tag wärmer. Die römisch geprägte Altstadt von Arles fliegt fast an uns vorbei. Wir navigieren durch die Sträßchen bis zum 2000 Jahre alten Amphitheater, genießen ein Haute-Cuisine-Menü und verabschieden uns wieder von der Stadt.

Ab Arles haben wir die Wahl zwischen zwei Routen: Die längere Variante der Via Rhôna (117 km) verläuft nach Westen bis zur Hafenstadt Sète, die zweite weiter entlang der Rhône nach Süden zum Plage Napoléon (51 km). Wir spüren die Anziehungskraft des Meeres und entscheiden uns für den Plage Napoléon. An der Stadtausfahrt von Arles passieren wir die hölzerne Klappbrücke Pont Van Gogh, die dank der Gemälde von Vincent van Gogh Berühmtheit erlangte. Dann verläuft der Radweg immer geradeaus zwischen der Rhône und einem Kanal nach Süden. Bei Mas-Thibert halten wir auf den Stegen im Sumpfgebiet von Vigueirat erfolglos nach Flamingos Ausschau. Dafür beobachten wir Schildkröten, Störche und einige Camargue-Pferde. Mit der Fähre setzen wir ein Stück weiter südlich nach Salin-de-Giraud über. Aber auch auf den rosa schimmernden Salinenfeldern lassen sich keine Flamingos blicken. Inzwischen liegt schon der Duft des Meeres in der Luft, doch der schnurgerade Radweg durch die weite Küstenlandschaft zieht sich gefühlt immer mehr in die Länge.

Mediterrane Flora und Fauna
Je näher wir dem Mittelmeer kommen,
desto mediter­raner Flora und Fauna.
Dazu passend: Flamingos.

Ein strammer Gegenwind und die Zankereien der Kinder um das »Tatütata« lassen uns noch 40 Kilometer vor dem Plage Napoléon zweifeln, ob wir unser Ziel je er­reichen. Im Örtchen Port-Saint-Louis-du-Rhône füllen wir alle Wasserflaschen auf und nehmen die letzten fünf Kilometer in Angriff. Links und rechts der Straße schweift der Blick über Lagunen und Sümpfe. Gerade als wir die Hoffnung aufgegeben haben, stehen sie auf einmal wie grazile Fabelwesen im Wasser: Flamingos! Freudequiekend klatschen die Kinder in die Hände. Eine halbe Stunde später enden die Straße und die Via Rhôna im Sand. Am weiten Plage Napoléon mündet die Rhône ins Mittelmeer. Jubelnd fallen wir uns in die Arme, streifen die verschwitzten Radklamotten ab und rennen in die kühlen Wogen. Mitten auf dem Strand schlagen wir unser­e Zelte auf und lassen uns vom Meeresrauschen in den Schlaf wiegen.

720 Kilometer (mit allen Abstechern) in 15 Tagen, doch die größte Herausforderung folgt zum Schluss. Nach einigen Badetagen in den türkisblauen Buchten westlich und östlich von Marseille nehmen erst David und Kathrin, wenig später auch wir den TGV von Marseille nach Colmar im Elsass. Drei Minuten Ausstiegszeit müssen reichen, um Fahrrad, Kind, zusammengefalteten Anhänger und Packtaschen über die Stufen aus dem Zug zu hieven. »David weg?« fragt Nelio ­n traurig und zeigt auf den leeren Sitzplatz neben sich, als wir allein von Colmar nach Freiburg radeln, von wo uns der Fernbus zurück nach München bringt. Der Anhänger ist Nelions kleine Heimat geworden, in die er sich gerne zurück­zieht. Und David? Der sagt zuhause »Merci« und nennt ab jetzt jeden Fluss »Rhône«.


Das nehm ich mit:

Ausrüstung für deine nächste Fahrradtour


Karte Via Rhôna

Via Rhôna mit Kind

Mit Kleinkindern Tagesetappen von maximal 50 Kilometern planen. Bis Mai und ab September ist es weniger heiß. Mittagspausen am besten an Spielplätzen oder Badestellen einlegen. Warnwesten und Fähnchen für die Abschnitte auf verkehrsreichen Straßen mitnehmen.

Entlang der Route gibt es familienfreundliche Unterkünfte (z. B. Vallée Bleue, www.valleebleue.org) und frei zugängliche Servicestellen mit Werkzeug, Luft und Schließfächern für Räder.

Trinkwasser findet man an »Points d’Eau« – immer auffüllen, um Durststrecken zu vermeiden!

In Frankreich gilt eine Helmpflicht für Kinder (auch im Radanhänger).

An-/Abreise: Für die Fernbus-Fahrt (etwa ab/bis Genf oder Lyon) muss das Fahrrad angemeldet und ein Kindersitz oder eine Sitzerhöhung mitgenommen werden. Im TGV gibt es nur begrenzte Fahrradplätze (Buchung notwendig, www.sncf.com/fr/offres-voyageurs/voyager-en-toute-situation/velo-a-bord), ansonsten muss das Bike zerlegt und in einer Fahrradtasche transportiert werden. Im TER fährt das Rad kostenlos mit (außer zu den Stoßzeiten).

Text: Astrid Därr