Eine Transalp mit Tourenski

Was im Sommer mit dem Mountainbike so viel Spaß macht, könnte doch auch im Winter funktio­nieren: ein Alpencross, eine mehr­tägige ­Gepäcktour über den Alpenhauptkamm. Fünf Ski-verrückte Freunde haben es ausprobiert.

Ob unser Plan ein guter ist, werden wir in einer Woche wissen, sollten wir es zu unserem Ziel auf der Alpensüdseite schaffen: den berühmten Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten. Momentan ziehen wir über 100 Kilometer Luftlinie nördlich mit unseren Tourenski eine Spur hoch Richtung Gipfelkamm des Zahmen Kaisers.

Ein Ski-Alpencross. Die Idee hatte mich gleich fasziniert: »Wir gehen dahin, wo der beste Schnee ist«, hatte Pia verkündet – aktuell liegt auf der Südseite der Alpen nämlich deutlich mehr Schnee als bei uns in Bayern.

Pias Plan: direkt von Zuhause los, mit Ski und Aufstiegs­fellen, dem Hab und Gut im Rucksack. Wo immer es geht, auf eigene Faust durch abgelegene Täler und über verschneite Päss­e, ­ansonsten mit dem Lift durch Skigebiete. Und wo wir gar nicht weiterkommen, helfen Bus, Bahn oder Taxi.

Skitourengeher in der Spitzkehre
(c) Jens Klatt www.jensklatt.com Der »Zahme Kaiser« kann auch wild: Aufstieg am Steilkar Eggersgrinn.

Übernachten ­können wir am Berg in Hütten oder im Tal in Gästezimmern. ­Dauer der Tour vom Inntal in die Dolomiten: sieben Tage. Das klang nach Abenteuer!

Abenteuer tönen vorher und nachher immer besser als mitten­drin: Knappe 1100 Höhenmeter trennen uns von der Pyramidenspitze des Zahmen Kaisers. Um uns herum verschwinden Steilwände im Nebel, auch wenn man sie nicht sieht, man spürt ihre Aura.

»Die Steilwände verschwinden im Nebel. Auch wenn man sie nicht sieht, man spürt ihre Aura.«

Meine Beine brennen, meine Sinne arbeiten auf Hochtouren. Da ist er wieder, dieser Schritt aus der Komfortzone. Unbekanntes Terrain für meine Ski, mentales Neuland für den Kopf. Nicht dass es im Alpen­raum noch Terra incognita gäbe. Aber auf einer selbst geplanten Route über den Alpenhauptkamm, im Rucksack Lawinenschaufel und Schlafsack, und jetzt dieser dämliche Nebel – das ist Neuland für mich und ziemlich aufregend.

Ernsthaftigkeit liegt in der kalten Luft

Zumindest bin ich in bester Gesellschaft. Meine vier Begleiter verfügen über unzählige Stunden Berg- und Skierfahrung: Mel ist ausgebildete Bergführerin, Pia fuhr bei den Skiprofis der Freeride World Tour mit, auch Olli und Ingrid wohnen im Winter quasi auf ihren breiten Tiefschneeski.

Ein paar Stunden später sind meine Schweißperlen einem breiten Grinsen gewichen. Wir sitzen am Gipfel­kreuz der Pyramidenspitze, snacken, plaudern, witzeln und freuen uns über die wärmenden Sonnenstrahlen, die wir beim Aufstieg durch das steile Nordkar des Eggersgrinn nicht zu Gesicht bekommen haben. Nun betrachten wir die Miniaturwelt des Inntals aus knapp 2000 Metern Höhe und fühlen uns erhaben wie beim Blick vom Empire State Building, nachdem man es übers Treppenhaus erklommen hat. Wären wir nicht aus eigene­­r Kraft, sondern mit dem Skilift hier hochgekomme­­n, der Ausblick ins Tal wäre nicht derselbe.

Wie von Olli prognostiziert, haben sich die Wolken mit jedem Höhenmeter verzogen. Seine Erfahrung in den Bergen und seine Ausdauer bei der Recherche der Wetter- und Schneebedingungen sind Gold wert.

Lawinen, Kälte, Ausgesetztheit, die kurzen Tage – eine Bergtour im Winter birgt zweifelsohne mehr Gefahre­­n als im Sommer. Mein Spitzkehrentraining war nur der kleinste Teil der Vorbereitung, bei der Routen­planung hatte Olli penibel Hangneigungen und Exposition recherchiert. Die Alpen müffeln im Winter oft nach Après-Ski und Vergnügungspark, doch hier oben liegt eine gewisse Ernsthaftigkeit in der kalten Luft. Es riecht gut.

Der zweite Teil unseres Tagesprogramms ist nicht minder schweißtreibend, die 1200 Höhenmeter unserer Abfahrt ins einsame Kaisertal zur Hütte gestalten sich ruppig.

Mit Biene Maja und Benjamin Blümchen im Lift

Das ist der große Nachteil unserer Tourenplanung, wir sind ja von Norden nach Süden unterwegs: Die Abfahrten sind also südseitig. Da der Schnee in dieser Exposition durch die hohe Sonneneinstrahlung tagsüber antaut und nachts wieder gefriert, verdient er leider nur selten das Prädikat Pulverschnee. Stattdessen lauern Eisplatten und Harschdeckel. Und so fühlt sich die Fahrt nicht an wie mit einem vollgefederten Mountainbike im Bikepark, sondern wie mit dem Kinderfahrrad und platten Reifen eine Wendeltreppe hinab. Der 14 Kilo schwere Rucksack macht es nicht besser, ich wünsche mir Feuerlöscher für meine glühenden Oberschenkel.

Routenplanung mit Karte beim Skifahren

»Abenteuer tönen ­vorher und nachher immer besser als mittendrin.«

Am zweiten Tag wiederholt sich das Programm am Wilden Kaiser: Aufstieg von Norden durch die Rote-Rinn-Scharte, Abfahrt gen Süden nach Ellmau. Tag 3 bringt einen Bruch: Wir durchqueren Tirols größtes Skigebiet, die Skiwelt um Kitzbühel. Mit 288 Pistenkilometern und 80 bewirtschafteten Hütten eine riesige­­s Netz verbauter Natur, allerdings mit einem nicht wegzudiskutierenden Vorteil: präparierten Pisten. Unsere Ober­schenkel danken es. Nach zwei Tagen Einsamkeit könnten die Kontraste nicht größer sein: Es ist Faschingszeit, wir treffen Biene Maja und Benjamin Blümchen im Lift. Oben posieren Leute in Glitzer­jacken vor dem Gipfelpanorama, unten lärmt das Partyvolk beim Après-Ski.


Gepäcktour mit Ski

Ein kompletter Alpencross auf Ski ist sicher nichts für Einsteiger. Aber man kann sich herantasten: einfach mal ein Ski-Wochenende mit einer Strecke von A nach B mit Übernachtung(en) unterwegs planen. Die Kombinationen von Tourenski und öffentlichen Verkehrsmitteln ist ideal, aber auch Pistenfahrer können Skigebiete kombinieren. Bitte beachten: Wem die alpine Erfahrung fehlt, sollte einen Bergführer engagieren. Eine Herausforderung bleibt der Transport des kompletten Gepäcks im Rucksack. Nachfolgend einige Infos zur beschriebenen Tour.

Alpencross von Norden nach Süden
Tag 1 und 2 über Zahmer und Wilder Kaiser (Biwak in der Berghütte im Kaisertal). Tag 3 auf präparierten Pisten durchs Riesenskigebiet »Skiwelt Kitzbüheler Alpen« nach Mittersill, dann mit dem Zug zur »Weißsee Gletscherwelt«. Tag 4 am Großglockner vorbei ins Skigebiet Kals, dort per Lift nach Matrei. Tag 5 per Bus hoch ins Virgental und dann per Skitour nach St. Jakob im Defereggental. Tag 6 hoch ins Skigebiet, südseitig abfahren und weiter mit dem Bus nach Sexten. Tag 7 dann die Abschluss-Skitour hoch zur Dreizinnenhütte.

Ausrüstung
Das Zauberwort: Minimalismus! Neben Freeride-lastigen Tourenski und Aufstiegsfellen unabdingbar sind Schaufel, Sonde und LVS. Für die Aufstiege leichte Bekleidung, wärmer planen für die Abfahrten. Müsliriegel und Snacks für unterwegs, warme Mahlzeiten in den Unterkünften.

Schneebedingungen und Wetter
Damit steht und fällt die Tour. Allabendlich Vorhersagen checken, gegebenenfalls Pausentage einplanen. Bei schlechten Sichtverhältnissen sind einige der Skitouren-Etappen nicht möglich. Achtung: Die Tage im Winter sind kurz, zeitliche Spielräume berücksichtigen.

Übernachtungen
Hütten in der Hauptsaison unbedingt vorbuchen.


Whiteout: Wagen oder nicht?

Wir hingegen sind im Flugmodus: mit einem Lift hoch, die Piste runterzischen, zur nächsten Gondel, hoch auf den Gipfel, dann weiter Richtung Süden über einen Ziehweg. Ich bin längst verloren im Wirrwarr der Liftmasten und ­Pisten, folge den anderen blindlings. Absurd: Wir nutzen die Infrastruktur des Skigebiets, aber eigentlich nur, um es schnell am anderen Ende zu verlassen. Denn schon wieder plagt uns die Uhr, da wir den Nachmittagszug nach Uttendorf erreichen müssen, um die letzt­e Gondel hoch zur nächsten Unterkunft zu schaffen. Wollten wir heute nicht einen »ruhigen Tag« machen?

Am nächsten Morgen sind Eile und Hektik des Vortags vergessen. Wir sitzen im Berghotel Rudolfshütte in der Gletscherwelt Weißsee auf 2315 Metern, blicken aus dem Fenster und sehen: nichts! Gleißende Helligkeit oben, unten, rechts, links. Ab und an kamikazt eine Schneeflocke ans Fenster und schmilzt. Das Wetterphänomen »Whiteout« (übersetzt: Sicht = null), grätscht uns in die Planung. Die Konturen des Schnees verschmelzen mit dem Nebel, der Horizon­­t verschwindet im Nirgendw­­o, Orientierung ist fast unmöglich. Die denkbar schlechtesten Bedingungen für unsere heutige Querung aus dem Skigebiet. Absolute Sicherheit gibt es in den Bergen nie, es gilt, die Gefahren objektiv einzuschätzen. Also: das Gelände der Querung: sehr einfach. Die Gefahr des Verirrens dank GPS, analoger Karte und gefügigem Gelände: gering. Es liegen keine Steilcliffs auf unserer Route, auch das Gefälle ist moderat. Wir warten noch einige Zeit und entscheiden dann, uns draußen mal umzusehen.

Als gegen Mittag kurze Auflockerungen die Sicht verbessern, verlassen wir das Skigebiet auf der geplanten Route. Sobald wir etwas abgefahren sind, sollte die Sicht besser werden. Falls sich die Lage verschlechtert, können wir dank unserer Felle auch umkehren. Ich doppelchecke den Ladestand der Batterie­n von GPS und im Lawinenpieps. Sicher ist sicher.

»Bluebird! Das Zauberwort der ­Tiefschneefahrer bedeutet: ­Neuschnee UND blauer Himmel!«

Aufgereiht wie die Lemminge schieben wir uns in kurzen Schritten talabwärts. Um uns herum nichts als surreale Leere. Feuchte Kälte wabert durch die Luft. Wir schmeißen Schneebälle vor uns, um durch die Einschlagslöcher wenigstens im nahen Umfeld ein wenig Konturen auszumachen und die Struktur des Umfelds zu lesen. Die geplante Extra-Skitour über die Steilwand der Granatspitze haben wir natürlich gestrichen, worüber mein­e Oberschenkel gar nicht unglücklich sind.

Als wir eine gefühlte Ewigkeit später endlich freie Sicht haben, ist es spät geworden – und obendrein recht warm. Wir müssen nur noch ein paar Kilometer das flache Dorfertal rausqueren, um zum Lift des nächsten Skigebiets zu gelangen. Die Hänge zu unserer linken Seite sind mittlerweile nass und schwer, die Lawinengefahr dort ist gestiegen.

Wieder gehen wir auf Numme­­r sicher und halten uns so weit wie möglich an der anderen Talseite, wo allerdings der Weg deutlich schwieriger ist. Zudem müssen wir ziemlich Gas geben, um den Lift in Kals noch pünktlich zu erreichen. In der Planung war dieser Tag mit dem Etikett »entspannt« versehen. Aber was sind schon Pläne?

Bluebird – Zauberwort der Tiefschneefahrer

»Heute wird ein langer Tag, nicht trödeln!« Olli hat seine Felle schon drauf, ich hantiere noch mit den klebrigen Mistdingern. Es ist Tag fünf unserer Reise, nach den Schneeschauern des Vorabends hat es aufgeklart. Keine Wolke versperrt den Blick nach oben: Bluebird! Dieses Zauberwort der Tiefschneefahrer bedeutet: Neuschnee UND blauer Himmel!

Meine Finger brennen in der kalten Luft, ich kann meinen Atem sehen. Heute ziehen wir durch die Abgeschiedenheit der Osttiroler Berge vom Virgental hinüber ins Defereggental. Der Neuschnee ist weich und fluffig, das Treten der Spur im unberührten Gelände anstrengend. Bei jedem Schritt versinkt der Vorderste bis zu den Knien im Schnee, die Hintermänner haben es einfacher. Wie bei der Tour de France wechseln wir alle paar Minuten: Der Erste lässt sich zurückfallen, der Zweite übernimmt. Teamwork. Der Anstieg im weiten Tal ist entspannt. Die Natur schimmert weiß und blau in allen Facetten, es ist mucksmäuschenstill in der riesigen Schneearena. Ich inhaliere den Winter. Pures Glück.

Zwei Tage liegen noch vor uns. Vielleicht mit schlechter Sicht, vielleicht mit ruppigen Abfahrten – und ziemlich sicher mit ordentlich Muskelkater. »Wir gehen dahin, wo der Schnee ist«, hatte Pia gesagt. Diesbezüglich scheinen wir hier wohl richtig zu sein. Es ist mittlerweile ohnehin egal, ob und wann wir wo ankommen, denn für mich steht jetzt schon fest: Unser Plan ist ein guter!


DAS NEHM ICH MIT

Alles für deine nächste Skitour

MICHAEL NEUMANN
Egal ob Schneeschuh im Harz oder Tiefschnee in Hokkaido – der GM-Chef­redakteur liebt Winter in jeder Form.

Text: Jens Klatt
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