Theo & das Meer

Jens Klatt
Camping-Roadtrip entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste: Mit flexibler Planung, Spontaneität und einem SUP im Gepäck kann man sogar in der Hochsaison den Massen entfliehen.

»Papa, was ist Urlaub?« ist eine dieser Fragen, die einen kurz stottern lassen. Wir wollen die deutsche Küste entlang, von West nach Ost. Wie erklärt man einem Zweieinhalbjährigen, dessen Tage bisher aus Schlafen, Essen und sonstigem Amüsement bestand, was Urlaub ist? Wir haben Badetücher dabei, Wanderstiefel, das große Familienzelt und zwei SUPs – was immer auch kommen mag, wir sind flexibel. Allerdings graut es mir ein wenig vor den nächsten zwei Wochen: Die deutsche Küste zur Hochsaison, sind wir verrückt? Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich mit Millionen von Badetouristen am Strand liegen, Handtuch an Handtuch – und langweile mich jetzt schon. Ich schaue Theo an, der aufgeregt mit Bagger und Kuschelhase bewaffnet auf seinem Kindersitz thront. »Urlaub ist, wenn wir ganz viel Zeit für dich haben.« Theo strahlt.

»Urlaub ist, wenn wir ganz viel Zeit für dich haben.« Theo strahlt.

Die ersten Tage steht die Westküste Ostfrieslands auf dem Program: Der Pilsumer Leuchtturm (ja, der von Otto!), Fischbrötchen und Eis am Stadthafen von Greetsiel (bis der Bauch schmerzt!), die Seehundstation in Norddeich (ohhhh, sind die süß!), langweilig wird’s eigentlich nicht. Jeden Tag einen kleines Ausflugsziel, dann irgendwo eine Pfütze im Watt suchen, abhängen und spielen. Zwischendurch geht der Papa mal seinem Bewegungsdrang nach, geht joggen mit dem Hund oder eine Runde paddeln mit dem SUP. Wir versuchen den Massen aus dem Weg zu gehen, und das klappt erstaunlich gut.

Mal da, mal weg

Für Theo ist es das erste Mal am Meer, es ist verwirrend für den Dreikäsehoch: Das Meer heißt Nordsee, mal ist es da und mal ist es weg, und wo sind eigentlich die Schnecke und der Buckelwal aus seinem Lieblingsbuch? Aber sobald wir zwei Quadratmeter Wasserloch im Watt finden, ist der Rest vergessen: rein, raus, rein, raus. Mehr Anlauf und wieder rein mit Arschbombe. Wäre unser Königspudel ein Mensch, könnte ich seine Gedanken lesen: »Was macht dieses Ferkel da im Schlamm?«

Als kleiner Höhepunkt der Woche steht ein Ausflug nach Baltrum an. Die autofreie Insel zwischen Norderney und Langeoog ist eine der sieben bewohnten Inseln inmitten des Ostfriesischen Wattenmeers und ist mit ihren fünf Kilometern Länge wie geschaffen für einen Tagesausflug. Auf der Überfahrt passieren wir eine Seehundkolonie, schläfrig und entspannt liegen die Faulpelze auf einer Sandbank und genießen die Morgensonne.

Auf der Insel riecht es nach Pferd, Theos Augen werden groß, als uns die erste Pferdekutsche entgegenkommt. Wir schlendern durchs Dorf und machen uns über einen Umweg auf zum hinteren Strandende, welcher als Hundestrand markiert ist. Dann die große Enttäuschung: Ganz viel Sand, und ganz viel Wasser. Theo will zurück an seine Schlammpfütze im Watt!


Jens Klatt – www.jensklattphoto.com

WAS MACHEN IN OSTFRIESLAND?

* Wattpfützenhüpfen in Ufernähe
* Leuchtturm in Pilsum und Campen
* Seehundaufzuchtstation und/oder Waloseum in Norddeich
* Hafen und Windmühlen in Greetsiel
* Besuch der Ostfriesischen Inseln
* Hafenrundfahrten in Emden


Ostsee wie früher

Nach einer Woche Ostfriesland wollen wir weiter. Da das Wetter weiter im Norden bescheiden ist und die Prognose für die ostdeutsche Ostsee am besten scheint, legen wir einen Autotag ein und setzen über. Nächster Stop: der Darß. Zwar fällt somit die komplette nordfriesische Küste aus dem Reiseplan, aber wer hätte gedacht, dass uns Ostfriesland eine ganze Woche in seinen Bann ziehen würde. Und außerdem: Urlaub ist, wenn man macht, was man will.

Die Ostsee ist eine alte Bekannte: Drei Wochen Campingurlaub an der Küste waren der Höhepunkt meiner früheren Sommerferien. Zelten in den Dünen, Strandburgen bauen, Volleyball spielen, grillen – Ortsnamen wie Prerow, Zingst und Zinnowitz sind bei mir unweigerlich mit einer guten Zeit verknüpft.

Dann die Ernüchterung gleich am ersten Abend: Der Campingplatz in Prerow ist schrecklich! Zwar liegt er in genialer Lage, inmitten des Kiefernwaldes, mit einem riesig breiten Sandstrand, wirklich traumhaft! Das ganze Areal hat allerdings gefühlt die Größe des Frankfurter Flughafens, obendrein gibt es Animationen für Kinder, eine Bimmelbahn, und eine Abendshow. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich hier in den letzten 30 Jahren einiges verändert hat.

Wir beziehen unseren Stellplatz, verpacken Theo in der Trage und marschieren gen Nordwesten in den Darßwald. In den Dünen des Nationalparks kann man ab Anfang September brunftige Hirsche beobachten, leider sind wir dafür zu früh. Keine 500 Meter hinter dem Campingplatz wird es zunehmend ruhiger, schnell ist die Hektik der Urlauber hinter sich gelassen. Dennoch, am nächsten Tag fahren wir weiter. Nächster Halt: Rügen.


Jens Klatt – www.jensklattphoto.com

WAS MACHEN AN DER OSTSEE?

* Auf den Spuren der Dünenhirsche im Darßer Wald
* Unterwasserwelt entdecken im Ozeaneum in Stralsund
* Dinosaurierland Rügen in Glowe
* Kap Arkona
* Wanderung durch den Buchenwald im Nationalpark Jasmund zu den Kreidefelsen
* Baumwipfelpfad in Binz


Ende Gelände

Wir sitzen am Strand, es ist wenig los. Theo manövriert schon seit einer halben Stunde ein paar Steine und ein Hölzchen über den Sandhaufen, dem ich ihm aufgeschüttet habe, und brabbelt ohne Unterlass: Die Seebrise verstreut Worte wie Bagger, Müllabfuhr, Walze und Feuerwehr übers Meer, Theo bekommt gar nicht mit, dass ich ihm nicht zuhöre. Meine Gedanken flattern hinterher, es fühlt sich an wie Urlaub. Soll ich eigentlich nochmal ne Runde paddeln gehen?

»Papa, Papa, Teflofon!« Theo reicht mir ein Stück Baumrinde und fügt hinzu: »Das ist Sam, der Feuerwehrmann.« Ich rede kurz mit Sam, sage ihm, dass Theo leider den Brand nicht löschen kann, da er im Urlaub ist, aber gern wieder zur Verfügung steht, sobald wir wieder zu Hause sind. Ich gebe Theo das »Teflofon« zurück – um es keine 10 Sekunden später zurückzubekommen: »Papa, es ist Bob der Baumeister!«

»Papa, können wir den Urlaub eigentlich mit nach Hause nehmen?«

Wir sind im hintersten Eck Rügens angelangt, in Dranske. Die letzten zehn Tage waren wir an keinem Ort länger als eine Nacht. Das befreit den Geist, ist aber auch anstrengend. Jetzt bleiben wir einfach hier, denn ohne zu suchen, wurden wir fündig: ein unaufgeregter Campingplatz, ein Strand mit wenig Menschen, keine Dauercamper, die meckern, das Mittagsruhe sei. Ich krame das Zelt aus dem Auto und baue es auf. Wir bleiben hier!

Somit verpassen wir zwar den Rest unserer eigentlichen Reiseroute gen Osten, aber wir erkunden Rügen und sind damit gut beschäftigt: Wir hören Feuerwehrmann Sams Geschichten, erkunden den Buchenwald um die Kreidefelsen, schweben über den Ästen am Baumwipfelpfad in Binz, genießen Sonnenuntergänge am Strand und bauen Sandburgen. Theo ist sichtlich zufrieden: »Papa, können wir den Urlaub eigentlich mit nach Hause nehmen?«



WENIGER IST MEHR – 5 TIPPS FÜRS REISEN MIT KLEINKINDERN

1. Die Kleinen brauchen nicht viel: eine Pfütze im Watt, ein paar Stöckchen zum basteln, die Rutsche am Campingplatz. Selten sind es die großen Touristenattraktionen, die Kinder glücklich machen.

2. Weniger vornehmen: Aktiveltern neigen dazu, immer aktiv sein zu wollen. Das ist gut und wichtig, aber gepflegtes Abhängen inklusive Langeweile ist wesentlich aktivierender für Körper und Geist als man denkt.

3. Muss es immer erste Reihe sein? Kleine Campingplätze im Hinterland sind günstiger und ruhiger.

4. Antizyklisch unternehmen: Die meisten Kinder sind ohnehin Frühaufsteher. Also am besten gleich vormittags die erste Unternehmung starten, wo andere Urlauber noch am Frühstückstisch sitzen – und so den Massen aus dem Weg gehen.

5. Hörbücher mitnehmen: So wird keine Minute der Autofahrt langweilig.

Text: Jens Klatt
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