Frankreich auf dem Wasser

Eine Familien-Tour-de-France der Extraklasse mit Glamping, Flussabenteuer und der vermeintlich perfekten Welle zum Finale.

Sauerstoff, wo bist du? Wie in einer hochtourigen Waschtrommel aus Wasser, Luft und aufgewirbeltem Sand werde ich Richtung Strand gespül­t. Hell, dunkel, hell, dunkel. Einzig das Zupfen am Fußgelenk, das per Leine mit dem Surfbrett verbunden ist, lässt Rückschlüss­­e auf meine Position zu. Sicher ist aktuell nur eines: Diese Welle war definitiv eine Nummer zu groß für mich Surf­anfänger an Tag vier. Doch langsam und der Reihe nach …

Es ist wohl in vielen Familien das gleiche Dilemma bei der Planung der Sommerferien: Wir wollen ans Meer, fordern die einen. Bloß nicht, ab in die Berge, schallt es aus der anderen Ecke. Nur in einem sind wir uns diesmal einig: Egal ob Meer oder Berge, Hauptsache Frankreich lautet das gemeinsame Credo. Jetzt muss nur noch ein guter Kompromiss her. Und der geht so: Erst fahren wir in die Cevennen, den südöstlichen Ausläufer des Zentralmassivs, und dann weiter an die Atlantikküste. Um die dort von der Berg­fraktion befürchtete »bewegungsarme Phase am Meer« zu umgehe­­n, kommt zudem die Idee auf, einen Surfkurs zu belegen. Schließlich gilt die Küste zwischen Biarritz und La Rochelle als Wellenreiter-Eldorado für Einsteige­­r wie Profis. 

Fehlt noch ein finaler Baustein: die Unterkünfte. Nach etwas Google-hin-Google-her entdecke­­n wir eine Variante, die ganz nach unserem Geschmack ist: die Campingplätze von Huttopia, mit voll ausgestatteten Safarizelten in den unter­schiedlichsten Größen und Formen. Diese Glamping-Unter­künfte vereinen das Beste aus zwei Welten: Akustisch wie klimatisch ist man eins mit der Natur, genießt dabei aber den Komfort einer voll ausgestatteten Ferien­wohnung, Dusche und Toilette inklusive. So wird etwa das nächtliche Pipi nicht zur Nachtwanderung über den Campingplatz. Auch Nachhaltigkeit wird bei Huttopia großgeschrieben. Das Gesamt­konzept der mittler­weile 42 über ganz Frankreich verteilten Plätze verfolgt viele nachahmenswerte An­sätze. So gibt es für den »Digita­­l Detox« ganz bewusst kein WLAN in den Unte­rkünften. Auch die beim Bau verwendeten Materialie­­n sind natürlichen Ursprungs und aus der Region, Holz statt Beton heißt hier die Devise. Und statt eines großen Restaurants gibt es oft einen schlanken »Foodtruck«, an dem man sich in gemütlicher Runde trifft und sehr gut speisen kann. Doch das Allerschönste an dem Konzept ist der Platz, den man hat. Die Parzellen sind großzügig bemessen und zwischen den Safarizelten etwa ist der Abstand so groß, dass es kein Ohropax braucht, wenn der Nachbar­glamper zugleich ein Schnarchbär ist.

Easy living in der Schlucht

Erstes Etappenziel sind die Schluchten des Tarn in den Cevenne­n. Sie liegen seit jeher im Schatten der deutlich populäreren »Gorges du Ardèche« etwas weiter nordöstlich, stehen dieser in Sachen Naturerlebnis aber nicht nach. Ganz im Gegenteil. Bis zu 500 Meter tief hat sich der Tarn in den Kalkstein der Cevennen gefressen und bei dieser überdimensionalen Laub­säge­­­arbeit eine am besten mit dem Paddel erlebbare Flusslandschaft hinterlassen, die Geist wie Körper gleichermaßen fordert. 

Michael Neumann

Jetzt allerdings, Ende August, ist der Wasserstand saisonbedingt am unteren Limi­t, so dass uns keine nennenswerten Wildwasser­schwierig­­­keiten erwarten. Drei Tage lang spielen wir Robinson auf dem Wasser. Während sich an den Ein- und Aus­stiegen jede Menge Touristen in ihren unzerstörbaren Leihkanus tummeln, haben wir tief in der Schlucht viele Ecken für uns und können ungestörte Badepausen bei 32 Grad im Schatten zelebrieren. Hier geht es definitiv nicht ums Ankommen, sondern ums Ausdehnen wunderbarer Tage auf dem Wasser, wo die eigentlich nahe Zivili­sation wieder einmal unendlich fern erscheint.

Jeweils einmal am Tag geht es für zwei bis drei ­Stunden ins Wasser. Länger hält ein Nichtsurfer auch kaum durch, egal wie fit und sportlich er ist.

Dieses Laisser-faire setzt sich auch auf dem Huttopia-Campingplatz fort. Der kleine Pool sorgt für das letzte Quäntchen Bettschwere bei unseren Kinder­­n und die zentrale Plaza, auf der sich abends der halbe Campingplatz zwanglos versammelt, für Völker­verständigung. 

Wem es unten in der Schlucht zu eng wird oder wer nach dem Paddeln auch die unteren Extremitäten mal durch­bewegen will, der macht eine Fahrradtour auf und über das karge und unendlich scheinende Cevennen-Plateau. Hier oben treffe­­n mediterran­e und montane Landschaftstypen aufeinander und nur wenige Bäume verstellen den Blick auf den Horizont. 2011 hat die UNESCO gut 3023 Quadratkilometer der Cevennen zum Welterbe der Menschheit erklärt. Ausschlaggebend für die Anerkennung war, dass hier die Wanderschäferei noch wie vor Ur-Zeiten ausgeübt wird.

Zelten unter Pinien

Nach einer Woche Faulenzerei (andere nennen es Paddel­­n) zieht es uns schließlich weiter Richtung Atlantik­küste. Das salzige Meer ruft. Großteils über National­straßen tuckern wir gen Nord­westen, und einma­­l mehr staunen wir darüber, welch­e landschaftlichen wie kulturellen Schönheiten unser­e westlichen Nachbarn auch in Regionen bereit­halten, denen kein Reise­führer gewidmet ist.

Angekommen in Lacanau, beziehen wir den teilweise autofreien Huttopia-Platz am Lac de Carcans. Der See lässt sich zu Fuß erreichen und lädt besonders bei Sonnenaufgang zum Bade. Das Meer liegt ungefähr fünf Kilometer entfernt. Doch egal ob fünf Kilometer oder fünfzig Meter, durch die in der Region allgegenwärtige Düne zwischen Atlantik und dem Landes­inneren sieht man selbiges ohnehin nur, wenn man auf die Düne erklommen hat. Zu dieser kommt man wiederum am besten per Fahrrad auf einem wunderschönen Radweg, der sich von unserem Campingplatz bis zum Meer durch die hügelige Botanik schlängelt – und natürlich beliebig in alle Richtungen verlängert werden kann.

Mit fachgerechter Anleitung können auch Surfanfänger am Atlantik nach wenigen Tagen kleine Wellen reiten.

Noch vor der Düne liegt auch das Camp der deutschen Wellenreitschule von Summersurf. In der Regel offeriert Summersurf erstaunlich preisgünstige Komplett­pakete mit Unterkunft, Essen, Materialverleih und professioneller Anleitung in gleichstarken Gruppe­n. Wir haben jedoch nur Material und An­leitun­­g gebucht. Lehrerin Marie empfängt uns mit der wohl alle­n Surfern gegebenen Gelassenheit. Ein »Oh Gott, zwei alte Knacker und drei Racker zwischen siebe­­n und zwölf ohne jegliche Surferfahrung« können wir ihrem Gesichtsausdruck jedenfalls nicht entnehmen. Schnell sind die Surfbretter verteilt und die engen Neopren­anzüge angewurschtelt. Erfreut stell­e ich fest, was vier Millimeter dicker Neopren und eine etwas zu knappe Größe aus meinem Bürokörper machen. Der erste Schritt auf dem Weg zum neuen Kelly Slater ist somit gemacht. 

Take-Off und Abflug

Abgesehen von ein paar hinterlistigen Petermännchen – ein Fisch mit Giftstachel, auch Kreuzotter der Meere genann­t –, ist die Atlantikküste vor Lacanau das ideale Revier für Surfanfänger. Keine scharfen Koralle­­n, kein­e gefährlichen Unter­strömungen. Und die Sandbänke, an denen sich die Dünung bricht, sind erfreulich weich, wenn man mal wieder Brett und Körpe­­r nicht wirklich in Einklan­g hat bringen können und einen kapitalen Abflug macht.

Michael Neumann

Bevor es erstmals aufs Wasser geht, üben wir den alles entscheidenden Surfmove – zumindest für uns Rookie­s. Beim »Take-off« geht es darum, aus der liegenden Positio­­n möglichst schnell auf die Füße zu kommen und sich perfekt auf dem Brett zu positionieren. Marie macht es vor: Eben noch gemütlich liegend beim Trocken­kraulen, steht sie im Nullkomma­nix aufrecht auf dem Brett. Der Vorteil dieses Moves: Man kann ihn perfekt an Land trainieren. Der Nachteil: Auf dem Wasser ist er umso schwieriger. Mal greifen die Hände neben das Brett, mal kommt man zu kopf- oder hecklastig zu stehen, mal verheddert man sich mit den Füßen in der Leine und meist ist die Welle eh schon über einen hinweggerauscht, bevor man sich sortiert hat. Auch glaubt man gar nicht, was so ein Trockentraining für einen Muskelkater verur­sachen kann. Der kommt gleich hinter dem, der durchs Raus­paddeln verur­sacht wird. Auch das sieht von außen so einfach aus, ist aber eine ganz und gar ungewohnte Belastung, bei der man schnell aus der Puste kommt – was in der Wellengischt natürlich ziemlich suboptimal ist. Vielleicht sollten wir morgen am Campingplatzsee mal eine Rund­e Armpaddeln üben? 

Die perfekte Welle

Ein weiteres Problem für Surfanfänger ist die Orien­tierung auf dem Wasser. Was vom Strand so einfach aussieht, ist aus maximal einem halben Meter Höhe, wenn man auf dem Surfbrett sitzt, eine gänzlich an­­dere Aufgabenstellung. Ohne Erfahrung ist es meist ver­­­­­­­damm­­t schwierig, die Dünung einzuschätzen und immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. So rollen die Wellen meist in Gruppen von sieben an und brechen je nach Höhe an den unterschiedlichsten Stelle­­n. Auch hier kommt Surflehrerin Marie ins Spiel. Sie steht nämlich an besagtem Strand und dirigiert uns wie ein Einweiser am Flughafen mit Handzeichen dorthi­­n, wo die Chance am größten ist, eine gute Well­e zu erwischen.

Das Wetter präsentiert sich südfranzösisch: 
32 Grad und keine Wolke am Himmel – perfekt für Wassersport.

Doch entgegen aller Skepsis, ob wir es denn in den vier Tagen überhaupt schaffen, eine Welle aufrecht zu surfe­n, platzt nach und nach der Knoten. Die Kinder reite­n schon am ersten Tag eine grüne Welle. Muss am niedrigen Schwerpunkt liegen. Meine Frau steht an Tag zwei. Doch die war früher mal Turnerin. Aber ich werde es auch noch schaffen, jede Wette. Da vorne, die nächste Welle, die sieht gut aus. Ein bisschen groß vielleicht, aber wird schon gutgehen …

Text: Michael Neumann
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