Stefan Glowacz: Klettern für den Augenblick

Vom Posterboy der Sportkletterer zum Elder Statesman des Expeditionsbergsteigens: Stefan Glowacz prägt seit 30 Jahren die Kletter­ szene – und jagt noch immer Kindheitsträume.

Stefan, du bist der wohl bekannteste deutsche Kletterer. Zunächst als erster Wettkampfprofi überhaupt, später mit sehr ungewöhnlichen Expeditionen. Zahlreiche Erstbegehungen, ikonische Fotos, epische Filme. Wie ging das alles los?

Stefan Glowacz: Mit 17 hab ich eine Lehre als Werkzeug­macher gemacht, aber eigentlich hat mich nur das Klettern interessiert. Ich war total fanatisch. Nach der Arbeit ging’s bei jedem Wetter in den Klettergarten. Zusätzlich habe ich mir einen Klimmzugbalken an die Decke geschraubt und trainiert. Am Ende der Lehre habe ich noch eine Brotzeit ausgegeben – und weg war ich, drei Monate zum Klettern nach Amerika.

Der Ruf der großen Freiheit?
Genau. Damals, 1984, war Reisen in den USA wahnsinnig teuer, vor allem wegen der Olympischen Spiele in Los Angeles. Nach einem Monat waren wir pleite. Die rest­liche Zeit haben wir irgendwie überbrückt und zum Bei­spiel mit Tupperschüsseln die »All you can eat«­Buffets der Fast­Food­Restaurants geplündert. Dann musste ich wieder zurück an die Werkbank.

Kletterprofis gab es praktisch keine, wie ist dir der Sprung gelungen?
Mit ganz viel Glück. Irgendwann tauchte Hans-­Martin Götz auf. Der hat damals Patagonia in Deutschland ver­trieben und wollte mit mir eine Firma gründen. Er hat mir seinen Kombi gegeben, ich fuhr als Außendienstler rum. Dann kam der Fotograf Uli Wiesmeier ins Spiel, den ich vom Klettern im Oberreintal kannte. Uli jobbte als Zimmermann, war aber nebenher schon mit Multivisions­vorträgen unterwegs. Wir haben dann unsere Karrieren zusammen gestartet – ich bin geklettert und er hat die Bilder gemacht.

Uli Wiesmeier Ikone der Kletterfotografie: Stefan baumelt free solo in Australien für die Kamera von Uli Wiesmeier.

Mit diesem Konzept – ein Sportler und ein Fotograf ziehen gemeinsam los – wart ihr Pioniere in Sachen Vermarktung …
Uli war eindeutig der Geschäftstüchtigere, ich hatte nur Klettern im Kopf. Er hatte die Idee zum Bildband »Rocks around the World«, der uns später beide bekannt machte. Uli hat mich auch überredet, 1985 beim ersten großen Kletterwettkampf überhaupt mitzumachen, das war so eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft, die besten Kletterer waren da. Wir sind mit meinem alten VW­Bus nach Italien gefahren – und ich, der No­-Name aus Bayern, habe tat­sächlich gewonnen. Das hat alle überrascht, auch mich. Von da ging es von null auf hundert. Ob ich wollte oder nicht, ich wurde der Frontmann einer neuen Kletter­ generation. Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, von meiner Leidenschaft zu leben. Wir fuhren von Wettkampf zu Wett­ kampf und hatten eine super Zeit.

STEFAN GLOWACZ ist aufgewachsen bei Garmisch-Partenkirchen und einer der erfolgreichsten deutschen Kletterer. Als noch intensiver als seine Kletterexpeditionen bezeichnet er die Zeit, in der er Vater von Drillingen wurde. Inzwischen sind seine Kinder erwachsen. Stefan ist in zweiter Ehe mit Tanja Valérien verheiratet, der Tochter von TV-Sportlegende Harry Valérien, und wohnt am Starnberger See.

Haben die Wettkämpfe das Klettern verändert?
Definitiv. Die künstlichen Wettkampfwände waren die Vorreiter für die heutigen Kletterhallen, die ja viele Leute begeistern und zum Sport bringen. Und das Klettern selbst bekam eine völlig neue Spielart.

Das sorgte aber auch für Diskussionen in der Szene. Hier die Wettkämpfer mit dir als Aus­hängeschild, dort die Rotpunkt­-Szene um die legendäre Lichtgestalt Wolfgang Güllich.
Wettkampf war nicht so Wolfgangs Ding. Er war der Ini­ tiator des modernen Sportkletterns, extrem innovativ und sehr analytisch. Der Erste, der wirklich systematisch trai­niert und so neue Schwierigkeitsgrade erschlossen hat. Allerdings war er kein begnadeter On­-Sight­-Kletterer, konnte also nicht gut gleich im ersten Versuch schwer klettern. Darauf kommt es im Wettkampf aber an.

Als dann das Buch von Uli Wiesmeier erschien, das dich fotogen in den Mittelpunkt stellte, wurde vom »Posterboy« Stefan gesprochen – plötzlich gab es zwei Lager …
Oh je, da wurde viel hineininterpretiert. Wolfgang galt als der pure Kletterer, der im Straßengraben übernachtet. Tatsächlich musste er sich aber nie Geldsorgen machen und hatte auch Sponsoren. Ich wurde von manchen in die Schublade gesteckt, dass ich das Klettern kommerzialisiert hätte. Vor allem wollte ich nicht zurück an die Werkbank. Da habe ich auch mal für einen Sponsor eine Show gemacht und bin in der Stadt eine Fassade hochgeklettert.

»Die Lust am Abenteuer war schon immer da. Das Klettern wurde mein Vehikel, um aufzubrechen.«

Später bist du mit Kurt Albert, dem kongenialen Kletterpartner von Wolfgang Güllich, häufig auf Expedition gegangen. Wart ihr eigentlich gar nicht so verschieden?
Die Philosophie war grundsätzlich gleich. Wäre Wolfgang nicht so früh gestorben, er wäre sicher mit auf unsere Expeditionen gekommen. (Wolfgang Güllich starb 1992 bei einem Autounfall, die Red.)

Haben diese Kommerz­-Debatten nicht genervt?
Immer wieder mal, aber dafür war viel Musik in der Szene. Das fehlt mir heutzutage. Es gibt tolle Kletterer, aber kaum einer diskutiert die Entwicklung. Wer schreibt denn noch kontroverse Artikel? Vorträge, bei denen das eine Rolle spielt, halten die Huberbuam und ich. Früher hatte die Szene mehr charismatische Typen, die auch was sagen wollten. Ohne Kontroversen verarmt der Sport.

Klaus Fengler Wie kleine Boote in einem Ozean aus Fels: Stefans Seilschaftin einer Wand auf Baffin Island.

Vielleicht kommt der Bergsport ja inzwischen ganz gut ohne ständige Diskussionen aus?
Das glaube ich nicht. Mal ein Beispiel: Unser Sport basiert auf der Ehrlichkeit der Protagonisten. Wenn Adam Ondra in den Wald geht und sagt, er hat dort eine 9c geklettert, dann glaubt ihm das jeder. Er kann also eine neue Dimen­sion eröffnen, ohne dass ein Schiedsrichter oder Funktio­när dabei sein und es bezeugen muss. Diese Philosophie ist ein sehr wertvoller Bestandteil des Kletterns. Aber da­mit das alles weiter glaubwürdig bleibt, sind Debatten notwendig. Auseinandersetzungen haben das Klettern immer wieder ein Stück weitergebracht. Wenn man nicht mehr öffentlich diskutiert, nehmen Unehrlichkeiten zu.

Gilt das auch für die jüngsten Diskussionen um Ueli Stecks Solobesteigung der Annapurna­-Südwand?
Dazu erlaube ich mir kein Urteil, weil ich in dieser Höhenbergsteiger­-Szene nicht drin bin. Ueli Steck hat dort ein neues alpines Kapitel eröffnet – aber keinen Beweis, dass er wirklich bis zum Gipfel gekommen ist. Natürlich ist dann eine Diskussion erlaubt. Jeder, der vom Klettern lebt und in der ersten Reihe steht, muss sich dem stellen. Es geht um die Ethik, und die geht einfach von der Spitze aus. Wenn du einen Meilenstein planst, sollte er auch dokumentiert werden, finde ich.

»Ich suche nach besonderen Augenblicken. Je mehr du leidest, umso intensiver die Erlebnisse.«

Wurdest du auch mal zu Recht gerügt?
Allerdings. Als ich »Kanal im Rücken« im Altmühltal ge­klettert bin, damals die schwerste Tour in Deutschland. Erst steigst du einen leichten Riss hoch, dann beginnt der schwere Teil. Nach dem leichten Stück war es aber zu feucht zum Weiterklettern. Ich kletterte den Riss wieder ab, ohne die Sicherungskette zu belasten. Am nächsten Morgen bin ich wiedergekommen und konnte die Route klettern. Zuvor hatte man solche Kaliber über Monate einstudiert, aber mir war »Kanal im Rücken« nun an einem Tag gelungen – sagte ich. Daraufhin machte mich Wolf­gang Güllich rund, öffentlich auf dem Flur der Szenemesse ISPO, eine ganze Traube Leute lief zusammen. Ich hätte zwei Tage gebraucht, nicht einen! Ich erklärte, dass ich am Vortag nur das leichte Gelände hoch wäre und nichts im schweren Teil probiert hätte. Egal!, beharrte Wolfgang. Im Endeffekt hatte er recht. Es schmälert nicht die Leistung, aber die Diskussion war wichtig.

Nach einigen Jahren und vielen Titeln hast du die Wettkämpfe hinter dir gelassen und dich ziemlich krassen alpinen Unternehmen und Expeditionen zugewandt. Warum?
Die Lust am Abenteuer war schon immer da, seit meiner Kindheit. Ich hatte immer eine Sehnsucht nach Kanada – so mit dem Wasserflugzeug absetzen lassen und in einer Blockhütte überwintern. Als Jugendlicher habe ich mit Freunden Expedition gespielt: von Garmisch über die Not­karspitze bis zum Plansee. Wir waren eine Woche unter­wegs, sind allerdings nur bis Schloss Linderhof gekom­men, weil es gewittert hat und wir Schiss kriegten.

Das Klettern wurde mein Vehikel, um wieder in diese Abenteuerwelt aufzubrechen. 1992 habe ich mit Wolfgang Müller das erste Projekt im Wilden Kaiser gestartet. Es war wie ein Zeichen, auf das ich gewartet hatte. Wir standen vor diesem unberührten Pfeiler. Alle meinten, er sei unbe­zwingbar. Als wir loslegten, wurde mir klar, dass ich genau das machen wollte. »Kaisers neue Kleider« war dann für lange Zeit die schwerste Mehrseillängentour der Welt.

Dein Schlüsselerlebnis?
Absolut. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich eigene Ziele definieren und verwirklichen. Ich hatte aber Angst, dass meine Sponsoren abspringen würden. Doch die sagten alle, es seien tolle Sachen, die ich da mache. So konnte ich das Abenteuer mit dem Hochleistungsaspekt verbinden.

»Wir brechen vom letzten Zivilisationspunkt aus eigener Kraft auf.«

Bei deiner ersten großen Expedition in Kanada habt ihr gleich mal richtig gelitten – und trotz­ dem hat es dich gepackt?
Mein letzter Film heißt ja »Jäger des Augenblicks«. Das bringt mein Leben auf den Punkt. Ich suche nach beson­deren Augenblicken. Und je mehr du leiden musst, umso intensiver sind die Erlebnisse.

Wir haben damals eine Woche lang unsere Boote den Macmillan River hochgezogen, sind dann 100 Kilometer den South Nahanni runtergepaddelt, am Glacier Lake übergesetzt, ins Basislager aufgestiegen, haben eine Erst­begehung gemacht und sind dann wieder eine Woche rausgepaddelt. Das Essen ging aus. Es hat ständig gereg­net. Einer hat sein Moskitonetz verloren. Irgendwann standen wir bis zu den Oberschenkeln im Schlamm bei strömendem Regen in einem Wald und haben versucht, unser Zelt aufzubauen. Was für ein Mist! Aber ich stand in der Landschaft meiner Träume und konnte das alles durchs Klettern erleben. Das war ein unglaubliches Privi­leg und ein guter Plan für die Zukunft.

Du absolvierst deine Expeditionen »by fair means«. Wer definiert, was fair ist?
Wir wollen aus eigener Kraft vom letzten Zivilisationspunkt eine Erstbegehung machen und auch wieder so zurückkehren. Unser Startpunkt ist dort, wo der öffentliche Verkehr endet. Andere sagen vielleicht: Ganz fair ist es nur, wenn man hier zu Hause mit dem Fahrrad losfährt und über die Nordsee nach Baffin Island paddelt. Jeder kann selbst entscheiden, das finde ich faszinierend am Bergsteigen. Du musst nur am Ende ehrlich erzählen, wie du es gemacht hast.

»Die großen Gipfel sind gemacht, jetzt kommt es auf die Kreativität an — und wie ich die Berge besteige.«

Klaus Fengler Take the long way: mit Robert Japser übers gefrorene Meerzur nächsten Wand in Baffin Island.

Was sagst du zu der These, dass es auf dem Planeten nichts mehr gibt, was nicht schon gemacht wurde?Die großen Gipfel sind zwar gemacht, aber jetzt kommt es auf die Kreativität an – und wie ich die Berge besteige. Also: Wie reise ich an, welche Route wähle ich und auf welche Hilfsmittel verzichte ich. Ich finde es schön, dass jede Generation das Berg­steigen für sich interpretiert. Dadurch wird es unglaublich far­big und dynamisch. Es hört eben nicht auf, nur weil es keine neuen Berge mehr zu besteigen gibt.

Um zu deinen Kletterzielen zu kommen, bist du mit Kites gesegelt, über Wildflüsse und das Meer gepaddelt, durch den Dschungel marschiert. Was war das Schwierigste?
Alles, was mit dem Kajak zu tun hat. Wir haben am Eibsee jeden Tag die Eskimorolle trainiert, die allerdings auf Baffin Island auch mal nicht funktioniert hat. Da bin ich fast ertrunken. Und im Wildwasser setzt eine Dynamik ein, die du nur bedingt beeinflussen kannst. Du kannst dann nicht einfach aus­steigen, wenn es dir reicht. Beim Klettern bekommst du ein Seil, aber im Kajak hast du ein Problem, wenn du zum Beispiel das Kehrwasser nicht kriegst.

Für die letzte Tour nach Baffin Island hast du sogar einen speziellen Schlitten entwickelt?
In der Entwicklung steckt der Erfahrungsschatz meiner vorherigen Expeditionen. Vor allem die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, waren wichtig. Den Schlitten konnten wir auch als Wagen, Floß und Portaledge (Schlafplattform in der Steilwand, die Red.) benutzen, so waren wir auf alles vorbereitet. Die Entwicklung hat 60 000 Euro gekos­tet, für mich sehr viel Geld. Aber BMW und Red Bull waren begeistert, wir haben gleich einen Carbonspezialisten zur Verfügung gestellt bekommen.

Klaus Fengler Erst Idol, dann Freund und Expeditionspartner: Kurt Albert (links) war oft mit Stefan unterwegs.

Dank deinen Erfahrungen bauen deine Sponsoren auch bessere Ausrüstung?
Ich arbeite zum Beispiel seit 20 Jahren mit Gore zusam­men. Die ersten Gore­Tex­Jacken waren noch Rüstungen. Da ist unheimlich viel passiert. Neben der Kletteraus­rüstung ist die oberste Bekleidungsschicht die wichtigste sicherheitsrelevante Ausrüstung. Uns hat es in Patagonien mal das Zelt zerrissen und alles, was uns noch schützte, war die Jacke. Besonders für Schnitte oder Verstärkungen bringe ich Ideen ein. Die reine Technologie entsteht im Labor, aber wir Athleten testen die Teile unter Natur­ bedingungen, bevor sie in die Läden kommen.

Auch mit Marmot hast du eine lange Beziehung?
Ewig. Das fing vor etwa 15 Jahren an, als Andy Schimeck neu als Marmot­Chef antrat. Ich hatte mich gerade von Jack Wolfskin getrennt, weil die lieber in Fußballstadien werben wollten. Mit Andy, der selbst Bergführer und ein Abenteuerfreak ist, habe ich das perfekte Verhältnis. Wenn er mal am Budget sparen muss, reden wir offen darüber und finden Lösungen. Das ist das Schöne an der Out­door-­Branche, es gibt noch viele wirkliche Persönlich­keiten. Andere Firmen versuchen dagegen nur, mit sehr viel Geld ein Image zu kreieren.

Sponsoren werden auch mal kritisch beäugt, besonders Red Bull …
Bei Red Bull war ich einer der allerersten Athleten. Ich hab mit Dietrich Mateschitz die Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt und bis heute keinen schriftlichen Vertrag. Das hat mich damals wahnsinnig beeindruckt. Von Dietrich Mateschitz habe ich gelernt, was ein mündi­ger Athlet ist, der sich selbst überlegt, wie er seinen Part­nern was zurückgeben kann. Mit Sponsoren nur aus der Outdoor­-Branche hätte ich 80 Prozent meiner Expeditio­nen nie machen können. Klettern ist wirklich kein Sport, bei dem man reich wird, ich kenne keinen Kletterer, der sechsstellig verdient. Bei Red Bull habe ich inzwischen auch eine Art Mentorenrolle und werde gefragt, welche neuen, jungen Kletterer man unterstützen sollte.

PROFI DER VERTIKALEN: STEFAN GLOWACZ


Der Wettkampfkletterer
Als Sieger des ersten internationalen Kletterwettkampfes 1985 beginnt Stefan seine Karriere. Er gewinnt dreimal den Rockmaster (Wimbledon des Kletterns) und beendet 1992 seine Wett-kampfaufbahnals Vizeweltmeister.

Der Expeditionist
Ab Mitte der 1990er-Jahre nutzt er verschiedenste Disziplinen, um sich seinen Kletterzielen zu nähern. Der erste große Trip geht 1995 nach Kanada (Schlauchkanadier), es folgen Trips nach Ostgrönland (Seekajak), in die Antarktis (Segelboot), nach Patagonien (Ski und Pulka), Venezuela (zu Fuß und mit Faltkanadiern) undBaffin Island (Ski, Pulka, Kites und mitselbst konstruierten Carbonschlitten).

Der Schwierigkeitskletterer
Mit »Kaisers neue Kleider« (X+) eröffnet er 1994 die damals schwerste Mehrseillängentour der Welt. Auch im Laufe der Jahre gelingen ihm immer wieder schwerste Erstbegehungen wie 2004 »Letzte Ausfahrt Titlis« (X–) und die Route »Into the Light« (8b+) im Jahr 2013.

Der Unternehmer
Stefan hält Motivations-vorträge für Unternehmen (u. a. sprach er auch vor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft). 1996 gründete er seine eigene Kletter- marke »Red Chili«.
Mit vielen seiner Sponsoren (wie Gore, Red Bull, Marmot, Lowa, Suunto) arbeitet er seit Jahrzehnten zusammen.
Seit 2014 ist Stefan auch Herausgeber des Bergmagazins »Allmountain«.

Stefan Glowacz (52) kann nicht nur Expedition, zwischendurch pflegt der Profi auch seine alte Leidenschaft fürklassische Trips mit Sportklettern und Camping in Europa.

Was sagst du zu der verbreiteten Kritik an Red Bull, wonach die gesponserten Sportler sehr hohe Risiken eingehen?
Ich kann sagen, was ich wahrnehme. Red Bull sieht uns Sportler als Experten. Wir schlagen Projekte vor, die sie dann unterstützen. Niemand muss Kopf und Kragen ris­kieren. Manche meiner Ideen wurden sogar abgelehnt. Auch ein Rückzug kann interessant sein, das macht den Sportler eher sympathisch, da wird nicht der Vertrag ge­kündigt. Das Problem liegt in sehr extremen Sportarten wie Wingsuitfliegen – da liegt die Leistungssteigerung nur noch in der Erhöhung des Risikos. Wingsuitpiloten fliegen mittlerweile über Plateaus, wo sie mit ihrem Bauch die Grasnarbe berühren. Diese Dynamik entsteht aber durch die Natur der Sportart selber, nicht durch die Sponsoren.

Bei Red Chili bist du dein eigener Sponsor?
Da bin ich kein gesponserter Kletterer, sondern Unterneh­mer. Die Firma habe ich vor 20 Jahren mit Uwe Hofstädter gegründet. Ich bin der Visionär, der die Ideen herein­ bringt, und Uwe ist der Mann fürs Tagesgeschäft. Wir wa­ren überzeugt, dass wir bessere Kletterschuhe hinkriegen als alle anderen. Daher auch unser Slogan »Nur ein Klet­terer weiß, was ein Kletterer braucht«.

Was rätst du – als Unternehmer und als Bergprofi – jungen Sportlern, die Sponsoren suchen?
Seid professionell und denkt mit. Unternehmer haben eine Erwartungshaltung. Gesponserte Athleten sind wichtig, weil man sieht, was die Produkte taugen. Der Athlet sollte sagen: Ich mache diese Expedition und brauche jenes Bud­get. Dafür vermarkte ich mich selber, dokumentiere die Tour auf Facebook, stelle Bilder zur Verfügung und schaue, dass Berichte veröffentlicht werden.

Stephan Glocker Stefan im Interview mit GM-Redakteur Julian Rohn. Danach ging’s wieder in den Trainingskeller.

Unter deinen Wegbegleitern sticht Kurt Albert heraus. Er hat immer gemahnt, dass man nie nur einem Sicherungspunkt vertrauen soll …
Ich hänge mich nur in absoluten Ausnahmen an nur einen Haken, sein Satz spukt immer im Kopf. Vor allem, weil Kurt genau das zum Verhängnis wurde. Er stürzte tödlich ab, als sich seine einzige Sicherung auf einem Klettersteig in Franken unbeabsichtigt aushängte.

Was hast du noch von Kurt Albert gelernt?
Kurt hat weit übers Klettern hinaus meine Lebensein­stellung geprägt. Die Unabhängigkeit, das Leben für die Leidenschaft, die Lebensphilosophie – das hat Kurt mir vorgelebt. Ich wollte als Jugendlicher immer sein wie er, und als wir dann zusammen unterwegs waren, hat sich mein Bild bestätigt. Er hat wirklich so kompromisslos ge­lebt. Mit Kurt hatten wir in der größten Scheiße noch Spaß. Jeder wusste, dass es ernst ist und wehtun wird. Aber wir haben den Humor nicht verloren.

Text: Julian Rohn & Stephan Glocker
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