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        Johan Skullman - Mr. Wildnis

        Interview: Julian Rohn - Fotos: Håkan Wike

        Nordland-Experte, Survival-Guru, Ausrüstungs-Papst. In Skandinavien ist der Schwede mit dem stählernen Blick eine Institution – und gibt sein Wildnis-Wissen gerne weiter.


        »Wenn du etwas tust, was du noch nie getan hast, dann ist das doch schon ein Abenteuer.«


        Johan, du giltst als Bushcraft-Meister, als Experte für modernes Survival ...

        Johan Skullman: Stopp! Ich bezeichne mich nicht gern als Bushcrafter, da ist mir der Blickwinkel zu eng. Ich mache ganz unterschiedliche Dinge: Touren zu Fuß, mit Kanu, Ski, Pulka, Hundeschlitten ... Der Bushcrafter hockt eher im Unterholz, schärft sein Messer und denkt ans Überleben. Das ist mir zu langweilig. Bushcraft-Fertigkeiten sind vor allem die Grundlage für anderes, darum bringe ich diese Fertigkeiten Leuten bei – manche sehen mich deswegen als »diesen Überlebenstypen aus dem Wald«.

        Aber im Wald hat alles angefangen?

        Johan Skullman: Richtig. Ich bin in einer Waldregion in Südschweden aufgewachsen. Angeln und Jagen gehörten zum Alltag und meine ganze Familie, meine Mutter, mein Vater und die älteren Brüder waren alle Orientierungsläufer. Das ist in Schweden ein sehr beliebter Sport, der dich viel raus in die Natur bringt.


        Bist du auch Orientierungsläufer geworden?

        Johan Skullman: Wettkämpfe bin ich erst später gelaufen, aber ich habe mit fünf Jahren den Umgang mit Karte und Kompass gelernt, weil ich meinen Brüdern nachgeeifert habe. Unser Familienleben fand draußen statt. Bei großen Touren saß ich bei meinem Vater oben auf dem Rucksack. Wir haben viel allein im Wald gespielt, meine Eltern haben sich keine Sorgen gemacht. Sie wussten, was wir lernen mussten, bevor sie uns rausgelassen haben.

        Und was habt ihr als Kinder gelernt?

        Johan Skullman: Wie man ein Messer benutzt, wie man Feuer macht – und vor allem, wie man beides sicher beherrscht.


        »Messer, Schärfstein und Feuerstahl sind Teile eines Systems. Ohne diese Dinge ist ein Messer nicht komplett«


        Feuer und Messer beherrschen – die Grundlagen für ein erfolgreiches Outdoorleben?

        Johan Skullman: Das Messer ist das wichtigste Werkzeug der Menschheit. Du kannst damit Schutzunterkünfte bauen, Feuer machen und Nahrung zubereiten. Und dann nutzt du es immer weiter: um Holz für das Feuer zu machen, um Zunder abzuschälen. Für mich ist das Messer ein Symbol des Überlebens. Allerdings sind das Messer, der Schärfstein und der Feuerstahl Teile eines Systems. Ohne diese Dinge ist ein Messer nicht komplett.


        Foto: Olle Nordell/Fjällräven

        Stehende Klinge oder Klappmesser?

        Johan Skullman: Das kommt auf den Einsatz an und vor allem, wo und wie du dein Messer trägst. Du solltest gut drankommen, ohne die Gefahr, es zu verlieren. Trägst du es in der Hosentasche, dann nimm ein Klappmesser. Sonst bevorzuge ich stehende Klingen, weil die stabiler sind und man damit auch grobe Arbeiten wie Holzspalten machen kann. Ich trage meist ein Messer mit kurzer, stehender Klinge in einer Schutzhülle, die an einer Schnur um den Hals hängt. Da verliere ich es nicht, habe es immer griffbereit und gegebenenfalls schnell die Hände wieder frei.


        Zurück zu deiner Outdoor-Karriere. Du bist nach der Schule direkt zur Armee gegangen?

        Johan Skullman: In Schweden war der Wehrdienst Pflicht und ich kam zum Aufklärungs- und Nachrichtendienst. Das war nicht geplant, aber ich habe festgestellt, dass ich dort 90 Prozent meiner Zeit draußen schlafen kann. Dazu mochte ich das harte körperliche Training. Ich war neugierig und wollte wissen, wie man aus einem Team das Beste herausholt. Plötzlich war es beim Militär interessanter, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich blieb schließlich 30 Jahre dort.

        Wolltest du nie an eine Uni?

        Johan Skullman: War ich auch. Eine meiner Aufgaben war zu untersuchen, wie man Kleidung und Ausrüstung der Soldaten verbessern kann. Da ich mich sehr für die physische Leistungsfähigkeit interessiere, wurde ich an die Universität für Sport und Physiologie gesandt. Außerdem lernte ich an der Hochschule für Textilwissenschaften viel über funktionelles Design und Materialien. Auf der anderen Seite habe ich tolle praktische Ausbildungen bekommen, ich war beim Bergführer-, Survival- und Helikoptertraining.


        In Deutschland haben Armee und Outdoorszene praktisch keine Verbindung. Warum ist das in Schweden anders?

        Johan Skullman: Vielleicht, weil die Natur bei uns rauer ist und sich alle Menschen mehr damit beschäftigen. Es geht ja zunächst um einfache menschliche Bedürfnisse: Schutz vor den Elementen, Nahrung, Navigation und Erste Hilfe. Diese Dinge braucht draußen jeder. Als Zivilist kannst du freier entscheiden und auch mal eine Tour abbrechen. Beim Militär weißt du oft nicht, was als Nächstes passiert, und musst dann reagieren. In der Freizeit läuft aber auch nicht alles nach Plan. Im Whiteout zum Beispiel sind deine Sinne auch so beeinflusst, dass du nicht alles korrekt beurteilen kannst. Dinge gehen dann schief.


        Yvon Chouinard, der Gründer von Patagonia, meint, ein Abenteuer beginne erst, wenn die Dinge schiefgehen. Siehst du das auch so?

        Johan Skullman: Mir soll ein Abenteuer vor allem Freude bereiten. Das beginnt nicht erst, wenn es brenzlig wird. Meine Fähigkeit zu improvisieren und Probleme zu lösen ist gefragt, wenn etwas schiefgeht. Diese Ungewissheit hat einen gewissen Reiz und man geht anders an sein Limit. Aber das ist dann mehr ein reiner Überlebenskampf. Abenteuer kann sehr viel sein – von easy bis hart. Wenn du etwas tust, was du noch nie zuvor getan hast – egal wie schwer –, dann ist es doch schon ein Abenteuer.


        »Der Bushcrafter hockt im Unterholz, schärft sein Messer und denkt ans Überleben. Das ist mir zu langweilig.«


        Teil des Jobs: Ausrüstung entwickeln und testen.

        Was ist bei dir schon schiefgegangen?

        Johan Skullman: Zuletzt bin ich 2010 in Japan auf einer Skitour in ein Loch gefahren und habe mir das Bein gebrochen. Wir waren in einer sehr einsamen Gegend unterwegs, ich saß im Schnee und dachte: »Holy shit, das wird eng.« Mein Unterschenkel war komplett verdreht, den musste ich erst richten. Danach waren die Schmerzen schon erträglicher. Aber aus eigener Kraft hätten wir zwischen 14 und 24 Stunden zurück in die Zivilisation gebraucht, weil der Schnee grundlos war. Ich hätte die ganze Strecke auf einem improvisierten Schlitten gezogen werden müssen. Gott sei Dank haben wir dann Empfang bekommen und ein Heli konnte mich einsammeln.


        Du hast deinen Bruch selbst gerichtet?

        Johan Skullman: Ja, meine Begleiter mussten erst zu mir aufsteigen. Du musst dann mit der Situation umgehen, das habe ich beim Militär gelernt. Es kann immer etwas passieren, egal wie gut du bist, und dann musst du vorbereitet sein. Du darfst nicht mit der Situation hadern und musst eine Lösung finden. Ich bin aber froh, dass ich da in Japan nicht per Schlitten rausgezogen werden musste. Es ist nicht lustig, so etwas zu erleben. Aber ich bin froh darum, weil ich jetzt weiß, wie man damit umgeht.

        Kann man das nicht auch anders lernen?

        Johan Skullman: Na ja, das mache ich ja unter anderem, wenn ich Events wie den Fjällräven Classic oder Polar begleite oder wenn ich Kurse gebe. Ich zeige Leuten, wie sie in solchen Situationen agieren müssen. Das Training ist natürlich nur Training, aber man lernt, wie man die Situation analysiert und dann handelt.


        Gerade kommst du wieder zurück vom diesjährigen Fjällräven Classic, dem größten Trekking-Event der Welt. Was tust du dort?

        Johan Skullman: Ich kümmere mich mit um die Teilnehmer, gebe kleine Kurse und mache Sicherheitseinweisungen. Normalerweise ist das ein sehr angenehmer Job, ich bin draußen unterwegs, treffe begeisterte Leute und wir verbringen eine gute Zeit zusammen. In diesem Jahr war es allerdings ziemlich hart, fast wie auf einer Expedition.


        »Die ultimative Ausrüstung gibt es nicht – nur Sachen für bestimmte Situationen.«


         


        »Wenn Dinge schiefgehen, muss man einen Plan haben.«

        Was war los? Schlechtes Wetter?

        Johan Skullman: Nein. Ich habe mir kurz vor der Abreise meine Schulter verrissen, hatte große Schmerzen und konnte meinen Rucksack kaum heben. Frag mich nicht warum, aber ich hatte die bescheuerte Vorstellung, dass man mir nichts anmerken dürfe. Abends im Zelt bin ich dann komplett fertig auf meine Isomatte gesunken. Dass man im Alter weiser wird, ist leider kein Automatismus (lacht).


        Für Fjällräven nimmst du auch Erklärvideos für die Wildnis auf, etwa wie man einen Rucksack packt. Ist deiner immer perfekt sortiert?

        Johan Skullman: Je nach Trip variiert es natürlich etwas, aber ich packe immer so, dass ich alles erreiche, wenn ich es benötige. Trinkflasche, Messer und Regenzeug sind griffbereit. Ins separate Bodenfach kommt morgens das feuchte Zelt. Und darüber packe ich nach dem System: Was brauche ich am Abend, was brauche ich für lange Pausen, was brauche ich für kurze Pausen. Das ist eine skandinavische Philosophie. Wenn du einen Amerikaner fragst, würde er vermutlich anders antworten.


        Wie packt ein Amerikaner seinen Rucksack?

        Johan Skullman: Kennst du den Film »Wild – der große Trip« mit Reese Witherspoon? Ich habe noch nie einen so großen Rucksack gesehen, der so leicht ist! Sie hat ihn so schwungvoll aufgesetzt – hätte sie nicht aufgepasst, wäre er ihr weggeflogen! Nein, Spaß beiseite: Amerikaner packen eher klassisch, die schwere Last nahe am Rücken, und müssen dann halt öfters mal kramen. Wir Skandinavier sehen den Rucksack als Gesamtlast. Wo genau der Schlafsack oder die Jacke platziert ist, ist vom Gewicht her egal, sind ja nur ein paar Hundert Gramm Unterschied.


        Die andere Gretchenfrage der Szene lautet: leicht oder robust? Auf welcher Seite stehst du?

        Johan Skullman: Ich glaube nicht an übertriebene Leichtgewichtsausrüstung zum Trekking und Hiking. Was hast du davon, wenn du 300 Gramm sparst, dein Rucksack aber während der Tour auseinanderfällt? Auf der anderen Seite würde ich deswegen trotzdem nicht zu einem Berglauf in schweren Trekkingstiefeln antreten. Ich entscheide vor jedem Trip neu, was ich brauche und wie stabil es sein muss. Ich werde oft gefragt: Was ist die ultimative Ausrüstung? Keine Ahnung – die gibt es nicht. Es gibt nur Sachen, die für bestimmte Situationen besonders geeignet sind. Grundsätzlich bin ich aber immer für »back to basic«, also solide Ausrüstung ohne Schnickschnack.

        Du entwickelst auch Produkte für schwedische Ausrüster, fließt da diese Einstellung mit ein?

        Johan Skullman: Absolut. Ich habe mich mit 12 oder 13 Jahren das erste Mal an eine Nähmaschine gesetzt, um meine Rucksäcke und Hosen zu reparieren. Dann habe ich überlegt, warum zum Beispiel jene Hose gerissen ist, und sie verstärkt. Später habe ich Taschen für Kniepolster ergänzt. Ein anderes Mal hab ich mir die Ärmel einer Daunenjacke an meinen Schlafsack genäht. Später habe ich dann beim Militär Ausrüstung entwickelt und getestet. Ich wollte schon immer Sachen verbessern, einfacher und funktioneller machen.


        »Ich mag alle Jahreszeiten, aber lange Touren im Winter sind immer noch etwas Besonderes für mich.«


        Das Fjäll ist kein schlechter Ort als Arbeitsplatz.

        An welchen Produkten auf dem Markt sind deine Ideen zu finden?

        Johan Skullman: Konkret habe ich zum Beispiel am Eldris Messer von Morakniv mitgearbeitet oder an der Bekleidungsserie Keb bei Fjällräven. Das sind aber alles Teamarbeiten und ich nehme auch oft Inspirationen von anderen Leuten mit in die Entwicklung – es sind also nicht nur meine Ideen. Mir hat dieses Jahr ein Teilnehmer beim Classic von seiner Keb-Trekkinghose vorgeschwärmt, so etwas freut mich immer sehr. Keb ist eine sehr schlichte Trekkinglinie, bei der wir zum Beispiel drauf geachtet haben, dass die für Fjällräven unüblich wenigen Taschen sehr gut platziert sind. Gleichzeitig sollten die Sachen für unterschiedliche Aktivitäten einsetzbar sein. Ich mag ja auch Touren am liebsten, die mehrere Aktivitäten verbinden.


        Was wäre eine ideale Tour?

        Johan Skullman: Ich war privat, aber auch mit dem Militär viel unterwegs, vom Dschungel bis zur Wüste, und mag die verschiedenen Landschaften und Jahreszeiten. Aber privat zieht es mich meist in den hohen Norden. Ich streife gerne durch die großen Waldgebiete in Nordamerika. In Alaska hab ich ein paar tolle Wildnistrips zu Fuß und mit dem Kanu gemacht, bei denen wir dann auch ein paar völlig unbekannte Berge bestiegen haben. Solche Entdeckertrips mit verschieden Disziplinen mag ich am liebsten. Trotzdem bleibt der Winter etwas Besonderes für mich. Lange Touren mit Ski und Pulka, bei denen man die Ausgesetztheit spürt. Ich weiß dann, dass ich an meine Grenzen gehen muss und mir keine Fehler erlauben darf.


        Hast du noch ein Wunschziel, das dir fehlt?

        Johan Skullman: Ich war nie in der südlichen Hemisphäre und der Antarktis. Das wäre noch mal schön, weil ich glaube, dass ich die Landschaft sehr mögen würde. Aber gleichzeitig habe ich keine Lust auf die Logistik, die damit verbunden wäre.


        Machst du auch mal ganz einfach Urlaub zur Erholung?

        Johan Skullman: Mit meinen Kindern fahre ich auch mal auf die griechischen Inseln oder nach Lanzarote. Statt Hotel dann aber lieber in eine Unterkunft in einem alten Dorf. Und möglichst wenig andere Leute drumherum.

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