Skitouren in den isländischen Westfjorden

Osterhase im Schneemalheur

An Ostern der Sonne entgegen? Die meisten verbinden damit wohl eher eine Reise in den Süden Europas. Wer neben Sonne aber auch nichts gegen eine letzte Portion Schnee hat, schlägt die Gegenrichtung ein und fliegt nach Island. Dort lockt ab April ein immer höherer Sonnenstand zu Skitouren-Aktivitäten, bei denen man durchaus mal ein T-Shirt tragen kann – zumindest beim Aufstieg.

Das Ziel ist zum Greifen nah. Und ist doch so weit entfernt. Der letzte Schneesturm hat ganze Arbeit geleistet und zwischen unserem Ankerplatz und dem Haus hinterm Ufersaum eine vier Meter hohe und nahezu senkrechte Schneewand hinterlassen. Unser Plan, die Osterwoche in den isländischen Westfjorden mit Skitouren aus eben jenem Basislager vor uns zu verbringen, verlangt daher zunächst maximalen Krafteinsatz an der Lawinenschaufel und Grundkenntnisse im Eisklettern. 

Aber sei es drum, denn im Grunde sind wir froh, überhaupt hier zu sein. Heute morgen um 5 Uhr hatte ich daran noch echte Zweifel. Am Vorabend in Reykjavik gelandet, sind wir nur gute zwei Stunden gen Nordwesten vorangekommen, bevor uns die Leuchtreklame eines Hotels am Haken hatte. Vacancy! Lieber jetzt vier, fünf Stunden guter Schlaf – so der Plan – und dann frühmorgens der Helligkeit entgegen fahren, um pünktlich um zwölf Uhr im Hafen von Isafjördur anzukommen. Im Sommer braucht man für die 400 Kilometer lange Strecke rund fünfeinhalb Stunden. Jetzt allerdings, mit noch 250 Kilometern vor der Brust, scheint es beinahe unmöglich, denn über Nacht hat es stolze 20 Zentimeter geschneit – ganz entgegen der Wettervorhersage, die von Sternenhimmel und möglichen Nordlicht-Sichtungen sprach. Den Straßenverlauf können wir oft nur anhand der regelmäßig aufgestellten Markierungspfosten erkennen. Fehlt mal einer, ist Blindflug angesagt. So tuckern wir statt mit geplanten 80 km/h in Schrittgeschwindigkeit gen Isafjördur. Nachdem rund eine Stunde rum ist und das Navi unsere Ankunftszeit von anfangs 10 Uhr auf 22 Uhr korrigiert hat, greifen wir das erste Mal zum Telefon.

Max Kroneck (Herausforderer)

Bewegungstalent, Bergführer, Fotograf, Filmemacher (Eis & Palmen, Balkan-Express), Vater dreier Kinder, Arc’teryx-Athlet, kommt mit vier Stunden Schlaf aus.  

Jochen Mesle (Titelverteidiger)

Schwabe, 9-to-5-Physiker, Ex-Skipro, auf immer Bergsteiger und Max’ kongenialer Partner bei ihren kombinierten Bike-to-Ski-Trips.

Runar von Borea Adventures ist dran. Er hat die Tour organisiert und ist bereits dabei, in Isafjördur sein Schiff zu beladen. Mit ihm wollen wir rund eine Stunde weiter gen Norden fahren, zum Haus seiner Schwieger-Großeltern, mitten im Hornstrandir Naturschutzgebiet. Die fünf Schweizer, die die Gruppe komplett machen, seien auch schon da – und ready to go!

Wir lassen die 22 Uhr zunächst unerwähnt und hoffen auf ein Wunder … Das kommt dann tatsächlich ein paar Kilometer weiter in Form eines Schneepflugs. Pünktlich um 8 Uhr setzt er sich in einem kleinen Ort vor uns und nimmt Tempo auf. Damit seine einseitig röhrenförmig ausgeführte Schaufel funktioniert und den Schnee in einer zwanzig Meter weiten Fontäne ins Straßenaus befördert, scheint er nicht langsamer als 80 km/h fahren zu dürfen. Wir haben absolut keine Ahnung, wie er den Straßenverlauf erahnt, doch mit etwas Abstand zu seiner Schneewolke steigt auch unser Durchschnittstempo beträchtlich.

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Als wir letztlich gegen 13.30 Uhr in Isafjördur einrollen, ist unsere Dankbarkeit gegenüber des Schneepflugfahrers grenzenlos. Runar und den Schweizern gegenüber lassen wir wenig anmerken, um unsere Beziehung nicht gleich zu Anfang auf die Probe zu stellen. Immerhin wollen wir eine Woche lang gemeinsam in einem einsamen Haus in der Wildnis überstehen. Also schnell die Ausrüstung aufs Boot gewuchtet und dabei bitte nicht Essentielles wie Felle oder Lawinenpieps vergessen.

Um 14 Uhr wirft Runar den Motor an und im Miami-Vice-Stil (erinnert sich noch jemand?) donnern wir über mit Karacho über den aufgewühlten Nordatlantik. Ziel ist die Kviar Lodge. In dieser »Lodge«, die ein Bauernhaus war, lebten die Großeltern von Runars Frau. Bis 1948. Dann entschied man sich, woanders ein komfortableres Leben zu suchen und überließ das einzige Betonhaus im Umkreis von 50 Kilometern den Elementen. Bis sich 2012 Runar ein Herz fasste und beschloss, den völlig verfallenen Klotz als Basislager für sein Abenteuerunternehmen wieder herzurichten. Jeden Sommer verwendet er zusammen mit einer Crew freiwilliger Helfer viel Zeit und Geld darauf, dieses Stück Geschichte in den Westfjorden wieder herzurichten – Sauna und Ziegenstall inklusive. Und so ist der Begriff Lodge mittlerweile durchaus verdient.

Als wir im letzten Büchsenlicht zurück nach Kviar kommen, hat Runar bereits die Sauna angeworfen und der Kontrast von feuchten minus zehn Grad zu 90 Grad und Lakritzaufguss könnte größer nicht sein.

»Seit zehn Jahren renovieren Runar und Freunde das ehemalige Bauernhaus in den Westfjorden. Das einzige Betonhaus im Umkreis von 50 Kilometer ist heute das perfekte Basislager – im Sommer wie im Winter.«

DIE RUHE VOR DEM STURM

Warum die damaligen Einwohner keine Lust mehr auf Winter in den Westfjorden hatten, beweist die nun vor uns liegende Wand aus Schnee eindrucksvoll. Die Kräfte, die hier am Werk waren, lassen jeden Mitteleuropäer staunen.

Nachdem es uns in einem gemeinsamen Kraftakt gelungen ist, einen Weg freizuschaufeln, tragen wir Gepäck und Proviant in die Lodge. Max, Jochen und ich haben das Eckzimmer im Erdgeschoss mit Blick in zwei Richtungen auf den schneegesäumten Fjord. Besonders wer oben im Stockbett liegt, muss immer lange überlegen, ob er den warmen Schlafsack bei diesem Ausblick überhaupt verlassen will.

Nach dem Einräumen versammeln wir uns vor der Hütte. Die Sonne scheint von einem blankgeputzten Himmel und es weht kaum ein Lüftchen. Für Anfang April geht es kaum besser. Das letzte Licht nutzen wir, um die Umgebung auf Ski zu erkunden. Es war ein schneereicher Winter und hier im Tal liegen sicher vier, fünf Meter Schnee bis runter ans Meer auf Höhe Null. In den Folgetagen will uns Runar mit seinem Zodiak tief in die »Finger« der kurios zerklüfteten Küstenlinie chauffieren, um uns die schönsten Skitouren zu zeigen. Todmüde fallen wir nach diesem langen wie ereignisreichen Tag ins Bett. Runars Funkverkehr mit dem lokalen Wetterdienst und den verräterischen grauen Wolkenstreifen am Horizont haben wir gar nicht bemerkt.

  • Gepäckauspacken aus Boot
    Gepäck und Proviant für eine Woche müssen gewuppt werden.
  • Gepäck steht vor Haus
    Tschüss, Schiffsshuttle!
  • Essen in einem Raum der Lodge
    Unser Wohn- und Esszimmer – in dem wir mehr Zeit verbringen als gedacht.
  • Skifahrer am Strand
    Das ist Island – mit dem Ski bis runter an den Strand.
  • Skifahrer an Wechte vor Strand
    Leichter runter als rauf – die Schneewechte zwischen Haus und Meer.

Am nächsten Morgen weckt uns nicht – wie erhofft – das geschäftige Klappern an der Kaffeemaschine, sondern das Rappeln des Windes an der Fassade. Über Nacht ist ein veritabler Sturm aufgezogen und Iceland macht einmal mehr seinem Namen alle Ehre. Etwas bedröppelt mümmeln wir unser Müsli und beraten die Möglichkeiten. An eine Motorbootfahrt ist nicht zu denken und die Sicht im Tal hinter der Hütte ist gleich null. Hinzu kommen Windböen über 100 km/h und permanenter Schneefall. Seitwärts und in jede Ritze kriechen. Wäre das hier eine Skitouren-Ausfahrt mit Zelt und Pulka, wir hätten ein ernstes Problem. So aber nehmen wir das lange ungelesene Buch zu Hand und verziehen uns mit einer Tasse Tee in eine gemütliche Ecke der Hütte. 

ES GIBT KEIN SCHLECHTES WETTER

Da meine Mitstreiter Max und Jochen aber eine ausgeprägte Form von Ski-ADHS haben, zieht es sie nach Stunden des Müßiggangs doch noch nach draußen. Und ich hinterher. Am Spülsaum navigieren wir tiefer in den Fjord. Rechts brandet das Meer auf den Kies, links schraubt sich eine immer steiler werdende Felswand in die Höhe, wo sie nach kaum hundert Metern in den Wolken verschwindet. Nachdem wir etwas aus dem Wind raus sind und eine etwas flachere Stelle erreicht haben, an der ein Aufstieg möglich scheint, montieren wir die Harscheisen und schrauben uns in die Höhe. Zick, zack, zick, zack. Mittendrin klart es sogar ein wenig auf und der Wolkenschleier lüftet sich, so dass auch zweihundert Höhenmeter drin sind. Dann allerdings wird die Wand zu steil und das Risiko, von einer Lawine geradewegs ins Meer gespült zu werden, steigt überproportional. Zwei Mal geht es rauf, zwei Mal genießen wir die je zehn Schwünge Richtung Meer. 

»Fast täglich bekommen wir Besuch von diesem Kollegen, dem das Wetter deutlich weniger auszumachen scheint.«

Der Blizzard hat uns auch die nächsten zwei Tage voll im Griff. An richtige Skitouren ist nicht zu denken, doch die Gegend rund ums Haus bietet genug Adrenalinkicks. Max und Jochen bauen sich kleine Kicker und üben ihre Tricks und als sie die zwei Meter hohen Schneeberge entdecken, die der Sturm am Kiesstrand unterhalb unserer Haus-Klippe aufgetürmt hat, dauert es nicht lange bis zum ersten Frontflip in die Tiefe. So hatten wir uns die Skitourenwoche Island zwar nicht vorgestellt, doch das Wetter ist unmissverständlich. Als Freunde des Winters können wir der Situation trotzdem viel abgewinnen. So ein Schneemalheur hat doch auch was. Das Haus ist urgemütlich, der Ölofen im Keller bollert vor sich hin und Runar zaubert schmackhafte Hausmannskost.

An Tag fünf sehen wir erstmals wieder die Sonne. Im Nullkommanix sitzen wir in Skiklamotte im Zodiak und fahren in den Fjord hinein, den wir bereits am ersten Tag ein Stück weit erkundet haben. Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus. Jede Biegung offenbart neue Möglichkeiten für kontinuierliche Aufstiege und rassige Abfahrten in jeder Steilheit und jedem Gelände. Summiert man die vier weiteren Fjorde hinzu, die ebenfalls als Tagestour erreichbar sind, addieren sich die möglichen Skitouren gegen unendlich.

SKITOUR MARSCH!

Kaum ist das Motorboot weg, sind wir gefühlt die privilegiertesten Skifahrer auf der Welt. Kein Geräusch bis auf das leise Plätschern der Brandung. Über uns ein azurblauer Himmel. Dazu T-Shirt-Wetter. Zumindest unter Dauerbelastung beim gleich folgenden Anstieg. Im Umkreis von 50 Kilometern keine Menschenseele. Die Stecknadel, die wir auf einer Weltkarte wären, würde auffallen. Vor uns zieht sich ein u-förmiges Trogtal leicht ansteigend ums Eck. Zehn Personen bewegen sich darin auf einer schmalen Spur im meditativen Gänsemarsch gen Gipfel. Zivile 800 Höhenmeter warten auf uns. Wir wollen eine Überschreitung machen und dann hintenrunter zum Haus fahren.

Oben auf dem Berg haben wir einen prima Rundumblick. In der Gipfeleuphorie soll es hier schon vorgekommen sein, dass manch Adlerauge meinte, im Osten dass 300 Kilometer entfernte Grönland zu erspähen. Es ist zwar längst wissenschaftlich erwiesen, dass dies rein rechnerisch nicht funktioniert, doch an besonders klaren Tagen können bestimmte Bedingungen eine Art Fata Morgana erzeugen, die einen das glauben lässt.

  • Zodiak an Strand in Island
    Mit seinem speziellen Motorboot kann Runar nahezu überall an Land gehen.
  • Aufstieg im Schnee
    .
  • Aufstieg im Hochtal
    Im Umkreis von vielen Dutzend Kilometern sind wir die einzigen Skitourengeher.
  • Aufstieg mit Pickel
    Schadet in Island nie: Steigeisen und Pickel.
  • Powderturn
  • Eishöhle mit Skifahrer
  • Sprung vor Fjord
    Meister seines Fachs: Max Kroneck

Abfahrt. Bei 8 Kilometer Strecke und nur 800 Höhenmetern wird schnell klar: nur wer richtig gewachst hat, schafft es ohne Stockeinsatz und Schlittschuhschritt bis zur Lodge. Entsprechend ausgepowert kommt der ein oder andere an. Aber ihr wisst ja, die Sauna wartet schon.

Als am nächsten Tag bereits die Abholung ansteht, herrscht Einigkeit: Obwohl das Wetter an vier von fünf Tourentagen sportliche Höchstleistungen verhinderte, sind alle begeistert ob Runars Qualitäten als Geschichtenerzähler, Routenfinder, Chef de cuisine und Lodge-Renovierer. Möge die neu zum Leben erweckte und äußerst exklusive Kviar Lodge noch viele weitere Geschichten dieser Art produzieren.

Auch nach Island?

Noch bis Ende Mai bietet Borea Adventures die sechstägigen Touren in die Kviar Lodge an. Aber auch im Sommer kann man die dann schier endlosen Tagen mit zahlreichen Wanderungen dort verbringen. Und: im Sommer wie im Winter gilt die Kviar Lodge als der vielleicht bester Ort zum Fotografieren des dort zahlreich vorkommenden Polarfuches. Weitere Infos und aktuelle Preise unter www.boreaadventures.com.


TEXT UND FOTOS: Michael Neumann

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