Simply Perfect: Arc’teryx

Greg Grenzke hat keinen einfachen Job. Er muss Perfektes noch besser machen. Aber so ist das eben als Produktdesigner bei Arc’teryx. Nun ist es ihm und seinen kanadischen Kollegen wieder gelungen: bei der neuen Generation der Alpinjacke Alpha SV.

Deutschlehrer sagen: Das Wort »perfekt« lässt sich nicht steigern. Grammatikalisch korrekt. Gefühlt aber nicht. Oder wie kommt es dann, dass wir Outdoor-Gearfreaks manchmal Produkte in den Himmel heben und sagen: »Perfekt! Besser geht’s nicht.« Und wenig später kommt dieses Produkt in einer überarbeiteten Version auf den Markt und ist – genau: noch perfekter!

Arc’teryx Designer und Anwender: Greg Grenzke.

Das Alpha SV Jacket von Arc’teryx ist so ein Produkt. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine wind- und wasserdichte Jacke. »SV« steht bei Arc’teryx für »Severe Weather«. Die Bekleidungslinie mit diesem Zusatz bietet also Sauwetterschutz. Aber die Alpha ist so viel mehr als eine Regenjacke. »Referenzmodell« nennt Arc’teryx selbst seine 750-Euro-Hardshell. »State of the Art« würden wir vom Globetrotter Magazin dazu sagen. 1998 kam die erste Generation der Alpha SV auf den Markt – und war für damalige Verhältnisse die perfekte Alpinjacke. Aus dreilagigem Gore-Tex-Material gefertigt. Mit helmkompatibler Kapuze. Robust und absolut klettertauglich.

1998 – damals hat Greg Grenzke gerade sein Studium als Industriedesigner an der Universität von Cincinnati begonnen. Der Design- manager – seit 2011 bei Arc’teryx – kennt die Ur-Alpha nur aus dem Firmenfundus. Heute ist die Alpha SV sein Baby. Greg war federführend bei der Entwicklung der fünften Generation, die Arc’teryx in diesem Herbst auf den Markt brachte. »Die Alpha SV ist die Kulmination der Technologie, die wir über die Jahre gelernt haben«, sagt der 38-Jährige im Gespräch mit dem Globetrotter Magazin. »Sie ist die haltbarste Hardshell, die wir je produziert haben. Und in ihrer Gewichtsklasse die robusteste.«

Zippergarage adé

Schon die erste Generation der Alpha SV hatte wasserdichte Reißverschlüsse – damals eine Pionierleistung von Arc’teryx, heute Standard bei Outdoor-Bekleidung. Und schon die erste Alpha SV hatte Zippergaragen. Diese Stoffhauben verhindern, dass Wasser von oben in den Reißverschluss eindringt. Zippergaragen haben aber auch Nachteile: Sie sind fummelig zu bedienen, benötigen einige Nähte und gehen oft als Erstes kaputt. Also weg damit. Nur wie? »Darüber haben wir uns jahrelang den Kopf zerbrochen«, erzählt Greg. »Dann meinte im vergangenen Jahr eine unserer Produktlinien-Managerinnen: warum nicht den Schieber des Reißverschlusses etwas verlängern, so dass er auch die obersten Millimeter überdeckt.« Die japanischen Zippermeister von YKK setzten die Idee für Arc’teryx um, indem sie dem Metallschieber eine kleine zusätzliche Aussparung gaben. Perfekt! »Manchmal ist es so einfach«, sagt Greg und lacht. Nun setzt Arc’teryx seinen exklusiven Rainshield-Slider erstmals an der neuen Alpha SV ein, und zwar an den beiden Brusttaschen und an der Bizepstasche.

Beim Blick auf frühe Modelle zeigt sich: Reißverschlüsse und Taschen wurden noch nicht laminiert, sondern eingenäht. Damals State of the Art, heute Oldschool. »Wir versuchen immer und immer wieder, die Anzahl der Nähte zu reduzieren«, erklärt Greg. »Denn an Nähten können sich Ausrüstungsgegenstände wie etwa Eisschrauben verhaken.« Vor allem aber: Nähte müssen von innen abgeklebt werden, damit sie wasserdicht sind. Solche Nahttapes bedeuten Extragewicht, machen die Jacke sperrig und verschlechtern die Atmungsaktivität. Kleber atmet nun mal nicht. Deshalb haben Greg & Co. nun wieder Nähte eliminiert. Zum Beispiel an den Volumenfalten der Brusttaschen.

Arc’teryx

»Kaum ein Kunde ahnt, was da alles drinsteckt.«

Nicht nur die Anzahl, auch die Breite der Tapes ist ein Faktor. »Während die erste Generation der Alpha SV noch 16 Millimeter hatte, kommen wir heute mit der Hälfte aus«, sagt Greg. »Für derart schmale Tapes muss man extrem präzise arbeiten – das kann nicht jeder.« Im Fall der Alpha SV erfolgt diese Arbeit vor den Toren Vancouvers. Am Heimatstandort hat Arc’teryx jüngst eine neue Produktionsstätte eröffnet. Traditionell werden Top-Modelle wie die Alpha SV nicht in Asien, sondern in Kanada gefertigt.

»Die kurzen Wege sind für uns als Entwickler und Designer extrem hilfreich«, sagt Greg. »Wir können einfach mal rüberfahren in die Fabrik und uns mit den Produktionskollegen austauschen.« Von der Entwicklung bis zur Fertigung bleibt alles inhouse – dadurch schützt sich Arc’teryx auch ein Stück weit vor Kopien. »Die Konkurrenz baut unsere Erfolgsmodelle gerne nach«, sagt Greg. »Aber sie kommen üblicherweise nicht mit der gleichen Produktionsqualität daher.«

Evolutionssprung

Arc’teryx wurde 1989 – damals noch unter dem Namen Rock Solid – nahe Vancouver gegründet, zunächst als Hersteller von Kletterausrüstung. 1991 taufte sich die Firma um. Namensgeber war das erste Reptil, dem durch die Entwicklung von Flugfedern ein Evolutionssprung gelang: Archaeopteryx lithographica. Zunächst erweiterten Klettergurte und Rucksäcke die Produktpalette. 1995 machten sich die Kanadier an Bekleidung. Die auf sechs Monate angelegte Entwicklungszeit zog sich vier Jahre in die Länge – bis die perfektionistischen Designer mit ihren Produkten endlich zufrieden waren.

Gore-Friends

Kaum ein Outdoor-Konfektionär arbeitet so eng mit den Textilexperten von Gore zusammen. Das High-End-Laminat Gore-Tex Pro entstand seinerzeit auf Anregung und in Zusammenarbeit mit Arc’teryx. Für die neueste Generation der Alpha SV haben die beiden Firmen eine noch robustere Version des ohnehin schon sehr widerstandsfähigen Gore-Tex Pro entwickelt. »Das neue Obermaterial hat eine Faserstärke von 100 Denier«, erklärt Greg. »Das bisherige hatte 80 Denier. Dadurch hat sich die Abriebfestigkeit fast verdoppelt und auch die Reißfestigkeit erhöht.« Zwar ist das Laminat dadurch um drei Gramm pro Quadratmeter schwerer geworden. Insgesamt aber hat die Jacke dank Materialeinsparungen an anderen Stellen wieder Gewicht eingespart. Mit 490 Gramm (Herren/M) ist sie die leichteste Alpha SV aller Zeiten. Das Urmodell drückte mit mehr als 800 Gramm auf die Waage.

»Die Liebe der Kanadier zum Detail sucht in der Outdoorbranche ihresgleichen.«

GM-Redakteur Ingo Wilhelm (44) ist für diesen Artikel tief in die Arc’teryx-Welt eingetaucht.
Arc’teryx Craftmanship und Brainwork aus Tradition: die Fertigung und Entwickler (in den 1990ern) am Arc’teryx- Standort bei Vancouver.

Über die Jahre haben die Designer an unzähligen Details gefeilt. So wurde für die neueste Generation der klassische Saumzug durch integrierte Cohaesive-Kordelstopper ersetzt. Sie verhindern auch ein Herausrutschen der Jacke aus dem Klettergurt (»HemLock«). Veränderung ist aber kein Selbstzweck bei Arc’teryx. »An der Konstruktion der Kapuze zum Beispiel hat sich nichts Grundlegendes geändert«, sagt Greg. »Sie funktioniert per- fekt und ist nach wie vor die Kapuze mit der besten Gesichtsabdeckung.« Auch optisch hält Arc’teryx an Bewährtem fest. »Wir designen für Zeitlosigkeit«, erklärt Greg seine Devise. »Wenn du so viel Geld für eine Jacke ausgibst, soll sie nicht nach drei oder fünf Jahren aus der Mode kommen.«

Preiswert

Der hohe Entwicklungsaufwand ist eines der Argumente, mit denen Greg den stolzen Preis der Jacke rechtfertigt. »Kaum ein Kunde ahnt, was da alles drinsteckt.« Die neue Alpha SV hat mehrere Prototypstadien durchlaufen. Vor der Marktreife müssen sie sich nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis bewähren. Dabei macht Arc’teryx gerne 50/50-Field-Testings: »Wir geben Guides und Athleten Jackenmuster, die zur Hälfte aus dem alten und zur Hälfte aus dem neuen Material bestehen, mit einer Naht über den Rücken. Da spürt man Unterschiede sofort.« Weitere Kostenfaktoren sind die Top-Materialien und die Fertigung in Kanada.

Und so ist die Alpha SV volljährig geworden: seit 18 Jahren auf dem Markt. Wo sieht Greg sie in weiteren zehn Jahren? »Wir haben ein paar Sachen, über die wir nachdenken und die wir gerade testen«, hält er sich bedeckt. »Was das in zehn Jahren sein wird – schwer zu sagen.« Aber die Entwicklung gehe im Prinzip seit Langem in Richtung haltbarer, robuster, leichter, atmungsaktiver. »Und ich würde sagen, auch mit der Alpha SV wird es weiter in diese Richtung gehen.«

Text: Ingo Wilhelm
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