Roadtrip Teil 1 – im Van nach Korsika

Im Bulli durch Italien auf die Mittelmeerinsel Korsika

Die Vögel zwitschern an diesem Morgen so laut, dass sie mich pünktlich zum Sonnenaufgang wecken. Die ersten Strahlen bringen oranges Licht in den Bulli, ein paar Staubflocken tanzen in der Luft. Es riecht nach Salz und nach Sand. Ich schiebe den Vorhang an der Heckklappe beiseite und kann nur schwer glauben, dass ich nicht mehr träume: ich schaue direkt aufs Meer. Gleich hinter dem Bus breitet sich der Strand aus, kleine türkise Wellen rollen auf den weißen Sand. Das hier fühlt sich an wie Zuhause: zwischen den roten Blechwänden, eingerollt in die Lieblingsbettwäsche, in Reichweite die kleine Kaffeekanne, die abends schon für den nächsten Morgen bereitsteht. Wenn das hier Zuhause ist, dann sind dieser Strand und das Meer unser Vorgarten. Zumindest für kurze Zeit.

Und ich muss gerade nicht lange überlegen: die kurze Hose und das T-Shirt lege ich beiseite, krame stattdessen die Badesachen hervor. Raus aus dem Pyjama, rein in den Bikini. Schiebetür auf, Füße in den Sand, rein ins Meer.

Es ist sieben Uhr morgens, die Sonne taucht den Strand in ein warmes Licht. Im Meer kann ich bis zum Boden sehen und weiß in diesem Moment gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Hier, auf unserem Roadtrip über Korsika, finde ich genau die Freiheit und das Lebensgefühl wieder, das ich seit unserer Reise durch Australien nicht mehr missen wollte. Bis ans andere Ende der Welt musste ich dieses Mal aber nicht reisen. Das Abenteuer fing bereits vor unserer Haustüre im Chiemgau an.

Die Reiseroute: eine Roadtrip im Süden Europas

Ein Zirkel durchs südliche Europa: Ungefähr so würde unsere Reiseroute aussehen, würden wir sie mit einem Edding auf unserer Karte nachfahren. Wir starten in unserer Heimat, dem Chiemgau. Den ersten Stop wollen wir in Südtirol einlegen. Nach genug Schüttelbrot, Käse und Wein wollen wir weiter durch die Bergwelt des Trentino reisen, durch die maritimen Gipfel der Toskana, bis wir schließlich von der Küste Italiens nach Korsika übersetzen. Korsika würde das Herzstück dieser Reise werden.

Der Rückweg sollte anschließend von Korsika über die Französischen und die Schweizer Alpen führen. Die Vielfalt auf diesem Roadtrip durchs südliche Europa ist kaum zu übertreffen. Das merken wir schon, bevor wir überhaupt einen Kilometer gefahren sind. Nämlich beim Packen am Abend vor Abreise, als wir versuchen, all die Ausrüstung für diesen Monat in unserem selbst ausgebauten VW T5 unterzubringen: Wanderschuhe, Rucksäcke und Wanderstöcke für die Touren in Südtirol, im Trentino, auf Korsika, in Frankreich und der Schweiz. Klettersteig-Ausrüstung und Helme für die Abenteuer in der Toskana und auf Korsika. Badesachen für Korsika und all die Seen entlang des Weges. Schlafsäcke für kalte Nächte hoch oben in den Bergen und ein Moskitonetz für die Abende unmittelbar auf Meereshöhe.

Das Beste, das ich an dieser Stelle erwähnen möchte ist nicht, dass wir all das in den Tiefen des Bulli untergebracht haben. Sondern, dass wir all das tatsächlich benutzt haben. Die Abwechslung lag Tag für Tag am Wegesrand.

In Südtirol fängt der Sommer an

Österreich zieht wie im Flug an den Fenstern vorbei, während wir für diesen ersten Abend ein besonderes Ziel im Kopf haben: Mit Bergblick, Schüttelbrot und Wein wollen wir auf dieses kommende Abenteuer anstoßen. Und zwar in einer Provinz, die uns immer wieder aufs Neue begeistert: Südtirol. Ein Mix aus alpinem und mediterranem Lebensgefühl. Wo wir uns nur schwer zwischen Pizza und Brotzeit entscheiden können, wo wir ganz schön schwitzen müssen, um die Zeitangaben auf den Wanderschildern zu übertreffen.

Die Täler rund um Brixen sind für uns das Tor nach Italien – und für unseren Roadtrip nach Korsika der erste Zwischenstopp. Als wir hier aus dem Auto steigen, schlägt uns schwüle Sommerluft entgegen. Am Horizont türmen sich Gewitterwolken, es riecht nach Urlaub und nach Auszeit. Unsere Smartphones setzen wir in den Flugmodus, packen sie weg, holen die Wanderkarten raus.

Dolce Vita im Trentino

In den Ledrosee und seine benachbarten Gipfel habe ich mich im letzten Winter schon verliebt. Weil er, wenn man mich fragt, eine Mischung aus einem warmen Norwegen und einer kleinen Schweiz ist – nur mit Espresso, Pizza und Pane. Weil die Gewitterfront weiter in den Bergen nördlich festhängt, bleiben wir ein paar Tage länger. Erkunden die umliegende Bergwelt, staunen auf den Wanderungen über das Panorama und springen danach zur Abkühlung in das türkise Wasser des Sees. Die Tage sind zwar aktiv, aber unaufgeregt – im besten Sinne. Eine Mischung aus Sport und Dolce Vita. Und obwohl es genau so noch ewig weitergehen könnte, treibt es uns weiter in den Süden. Nicht der Gewitterfront wegen, sondern, weil ich von Klettersteigen in der Toskana gelesen habe. Jener Region, die ich bisher vor allem mit sanften Hügeln, Zypressen und Zitronen in Verbindung gebracht hatte – nicht aber mit Felstürmen und Stahlseilen.

In den Bergen der Toskana

Nach italienischem Großstadt-Wirrwarr in Bologna und Florenz landen wir trotz Stau und Motorenhitze schnell ein paar Kilometer nördlich von Lucca wieder in der Natur. Und in was für einer.

Wir laufen stundenlang über windige Waldpfade, durch kühle Schluchten, Leitern hinauf und Felsstufen wieder hinunter. Bis wir uns schließlich in das Drahtseil einhängen, das den Klettersteig bei Stazzema sichert. Weit müssen wir den Felsturm gar nicht nach oben kraxeln, bis uns das Panorama sprachlos macht: Von sanften Hügeln, Zitronenhainen und Zypressen-Alleen kann hier keine Rede sein. Aus dem dichten, grünen Wald spießen markante Felstürme. Und am Horizont trifft der Himmel auf das ligurische Meer. Als kleinen weißen Punkt, können wir eins der Fährschiffe erkennen, das sich auf den Weg in Richtung Südwesten macht. Sein Ziel: Korsika. Und unseres bald auch – sobald wir den Klettersteig wieder nach unten gekraxelt sind und uns vom Panorama zwischen den Felstürmen losreißen konnten.

Übers Meer den Bergen entgegen

Schon auf der Fähre bin ich aufgeregt. Korsika. Unsere Reiseroute ist erst wenige Tage vor Abfahrt entstanden. Über den Europaatlas gebeugt haben wir sie grob mit den Fingern nachgefahren, von der Neugierde getrieben, auf der Suche nach Abwechslung.
Über Korsika weiß ich bisher nur Folgendes: dass aufregende, wilde Wanderungen auf uns warten. Dass wir von diesen Gipfeln aus innerhalb eines Tages immer auch einen schönen Strand erreichen können.

Korsikas wilde Wanderwege

Gestern waren wir noch in der Toskana. Zuvor bei Schüttelbrot und Käse in Südtirol. Noch keine Woche ist es her, dass wir Zuhause im Chiemgau überlegt haben, wie beim Besten Willen wir all die Ausrüstung in unserem Bus unterbringen sollen. Und heute – heute stecken meine Füße im Sand, neben mir steht eine
Palme, in meiner Hand dampft der Kaffee. Korsika begrüßt uns mit blauem Himmel und einem Morgen, der so warm ist, dass ich mir im Bikini die Sonne auf die Schultern scheinen lasse. Noch eine Abkühlung im hellblauen Meer, dann rufen die Berge.

Wir ziehen los zu unserer ersten Wandertour, verlieren die Küste dabei nie aus den Augen. Und schon an diesem ersten Tag auf der Insel weiß ich: Auf uns warten unzählige wilde Wanderwege.

Korsikas Küstengebirge bedeckt mehr als 80 Prozent der Insel. Über 50 Gipfel sind mehr als 2.000 Meter hoch – der höchste trägt den Namen Monte Cinto (2.706). Über die gesamte Länge verläuft von Nord nach Süd der Weitwanderweg GR 20. Ihn werden wir in den kommenden Tagen etappenweise ablaufen.
Wir wandern am Lac de Bastani vorbei hinauf zum Monte Renoso, kraxeln über Gipfel ohne Namen und baden in türkisgrünen Gumpen. Manchmal queren wir kleine Alt-Schneefelder in einer wilden Gebirgslandschaft, bevor wir nachmittags in karibisches Wasser eintauchen.

Das Abenteuer auf Korsika geht weiter

Korsika hat uns die schönsten Wohnzimmer beschert: hoch oben im Gebirge, zwischen Kiefernwäldern und direkt am Strand. Und spätestens an diesem einen Morgen, an dem ich vom Pyjama direkt in
den Bikini schlüpfe, durch die Schiebetür in den Sand springe und ins Meer renne – spätestens in dem Moment weiß ich, dass mich Korsika nie wieder loslassen wird. Dabei haben wir erst die halbe Insel erkundet. Die nächsten Tage nämlich werden wir im Süden unterwegs sein. Mehr Baden als Wandern. Die Strände entdecken. Und der Rückweg ist noch nicht das Ende unseres Roadtrips. Schließlich geht es von Korsika über einen vergessenen französischen Nationalpark und die Schweizer Alpen zurück nach Hause fahren.

Hier lang für den zweiten Teil der Reise.

Das musst du wissen:

Anreise: Mit dem Bus (oder natürlich auch mit einem Auto) können wir die Fähren von Frankreich und von Italien aus nehmen. Wir sind von Livorno (Italien) nach Bastia gereist, das ist die kürzeste Verbindung auf See. Der Rückweg über Frankreich und die Schweiz hat über die Verbindung Ajaccio – Toulon funktioniert.

Reisezeit: Korsika hat ein mediterranes Klima mit trockenen, heißen Sommern. Der Winter an der Küste ist mild, aber feucht. Im Gebirge fällt Schnee, der oft bis tief ins Frühjahr liegen bleibt.

Camping: Wildcamping ist auf Korsika, genau wie in Frankreich selbst und in den anderen Ländern unserer Reiseroute, verboten. Wer das Risiko von Strafen nicht eingehen will, kann auf Campingplätzen übernachten. Oder aber auf Wohnmobilstellplätzen, auf denen wir für ein paar Euro nächtigen
dürfen.

clubhuette, vanlife

Text: Franziska Consolati