ORTLIEBs Weg und warum Reparierbarkeit
einen so hohen Stellenwert hat
Welche Rolle spielt die Reparierbarkeit in der Kreislaufwirtschaft und wie kann Reparierbarkeit realisiert werden?
Am 1. April 1982 bildete die Eintragung der ORTLIEB Sportartikel GmbH im fränkischen Nürnberg den offiziellen Ausgangspunkt der Geschichte von wasserdichten Fahrrad- und Outdoortaschen „Made in Germany“. Was zunächst als „One-Man-Show“ in einem Nürnberger Hinterhof begann, hat sich mittlerweile zu einem weltweit agierenden mittelständischen Unternehmen mit rund 300 Mitarbeitern entwickelt. Dabei ist ORTLIEB seinem Ursprung treu geblieben. Die Firma aus Franken steht für Innovationen, wasserdichte, langlebige Produkte, echtem „Made in Germany“ mit einer tiefen Wertschöpfungskette in Deutschland und einem ausgezeichneten (Reparatur-)Service.
All das, was bei vielen Firmen heute auf der Agenda steht und groß nach außen kommuniziert wird, wie beispielsweise der hauseigene Reparaturservice, ist bei ORTLIEB bereits seit über 40 Jahren Teil der Philosophie. ORTLIEB ist zudem in der gesamten Zeit beständig aus eigenen Ressourcen gewachsen und ist immer ein eigentümergeführtes, komplett eigenständiges und regional verwurzeltes Unternehmen gewesen.
ORTLIEBs Philosophie ist authentisch und ehrlich nachhaltig sein zu wollen, es geht nicht darum, nette Worte und Bilder für das Marketing zu generieren, sondern einen wirklichen Impact zu erzielen und einen Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels zu leisten. ORTLIEB hat immer seinen eigenen Weg gewählt, auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Alleine 18.000 Reparaturen pro Jahr im Headquarter in Heilsbronn, Schulung ihrer weltweiten Partner und der Ausbau eines Servicehändlernetzwerkes, um Reparaturen möglichst lokal durchführen zu können, fünf Jahre Garantie auf die Produkte und das Bevorraten von Ersatzteilen für mindestens 10 Jahre nachdem die Artikel aus der Kollektion genommen wurden, sind sicher nur ein paar wenige Beispiele, die zeigen, dass bei ORTLIEB ein ganz eigener Weg gewählt wird, um etwas zu bewegen.
Wo ist der Zusammenhang zur Kreislaufwirtschaft?
Fast jeder hat den Begriff Kreislaufwirtschaft bereits gehört. Doch was gehört da alles mit dazu? Welche Rolle spielt Reparierbarkeit von Produkten dabei? Die Wirtschaft, wie wir sie kennen, basiert vor allen auf einem linearen System. Ein lineares Wirtschaftssystem folgt dem Credo „nehmen-produzieren-nutzen-wegwerfen“. Das heißt, es werden Rohstoffe gewonnen bzw. der Natur entnommen und zu Produkten verarbeitet, welche (nach der Nutzung) als Abfall entsorgt werden. Bei der Verarbeitung fallen auch Abfälle an, welche entsorgt werden. Die Entsorgung von Material wird als „End-of-Life“ bezeichnet, da es nicht mehr weiter genutzt wird.
Die lineare Wirtschaft steht zunehmend unter Kritik, da sie häufig mit Umweltproblemen einhergeht und eine Ressourcennutzung ohne Rücksicht auf Ressourcenverfügbarkeit bzw. auf Verknappung endlicher Ressourcen begünstigt.
Dem steht die Kreislaufwirtschaft gegenüber. Sie beschreibt das Modell, Ressourcen solange wie möglich bzw. im besten Fall für immer in einem geschlossenen Kreislauf zu halten. Das Credo ist somit zu „nehmen-produzieren-nutzen-zurückführen“ umzuändern. Im besten Fall sollen alle Produktionsabfälle vermieden werden, indem Ressourcen besser genutzt werden oder in anderen Produkten verwendet werden. Auch sollen Produkte nach ihrer Nutzung nicht entsorgt, sondern wiederverwendet, recycelt oder repariert werden und somit ein zweites, drittes (und so weiter) Leben erhalten. Faktisch ist die perfekte Kreislaufwirtschaft, in der es keine Abfälle und kein Ende des Kreislaufes gibt, derzeit bei kaum einem Produkt umsetzbar. Jedoch gibt es viele Aspekte der Kreislaufwirtschaft, welche lineare Aspekte einer Wertschöpfungskette zu einem Kreis schließen.
Wie für viele Wirtschaftstätigkeiten gibt es auch beim Thema Kreislaufwirtschaft Modelle und Gedankenstützen. Sehr beliebt sind die R-Prinzipien. Je nachdem, wen man fragt, gibt es 3 R’s (reduce / reduzieren, reuse / wiederverwenden, repair / reparieren), 8 R’s, 10 R’s oder 12 R’s. Alle R’s basieren jedoch auf den genannten drei. Für die Neugier aller Leser die 12 R-Liste in der Reihenfolge, in der sie eingesetzt werden soll:
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- Refuse (Verweigern) – „unnötige“ Produkte / Produktkomponente / Verpackung vermeiden (abgeleitet von reduce)
- Rethink (Umdenken) – Notwendigkeit von Produkten / Produktkomponenten / Verpackung hinterfragen (abgeleitet von reduce)
- Reduce (Reduzieren)
- Reuse (Wiederverwenden)
- Repair (Reparieren)
- Refurbish (Überholen) – Aufarbeitung & Aktualisierung von Produkten zur erneuten Verwendung (abgeleitet von repair/reuse)
- Remanufacture (Wiederaufbereiten) – Weiterverwendung einzelner Bestandteile eines Produktes für neue Produkte (abgeleitet von reuse)
- Repupose (Umfunktionieren) – Nutzung eines Produktes / Materials für einen anderen Zweck (abgeleitet von reuse)
- Recycle (Recyceln) – Wiederverwendung von Materialien zur Produktion neuer Produkte (abgeleitet von reuse)
- Recover (Rückgewinnen) – Gewinnung von Energie oder Materialien aus nicht wiederverwendbarem Abfall (abgeleitet von reuse)
- Redesign (Neu gestalten) – Entwicklung langlebiger, reparierbarer, recyclebaren Produkten (abgeleitet von reuse, repair)
- Reimagine (Neu vorstellen) – Berücksichtigung von Abfall und Ressourcenminimierung im Produktdesign (abgeleitet von reduce)
Wer sich die Liste anschaut, sieht, dass man zu jedem Aspekt einen eigenen Artikel schreiben könnte. Der Fokus hier soll auf dem Aspekt der Reparierbarkeit liegen.
Warum ist Reparierbarkeit Bestandteil der Kreislaufwirtschaft?
Indem ein Produkt repariert wird, kann dieses für eine längere Zeit genutzt werden, was wiederum verhindert, dass ein neues Produkt zum Ersetzen des kaputten Produktes hergestellt werden muss. Somit werden Ressourcen inkl. Energie, Wasser und Chemikalien geschont und Abfall (durch das Produkt wie auch in der Produktion) vermieden.
Welche Voraussetzungen gibt es für die Reparierbarkeit von Produkten?
Eine grundlegende Voraussetzung ist die Berücksichtigung von Reparierbarkeit im Design. So müssen Bestandteile leicht austauschbar sein. Im besten Fall sollte der Endkonsument in der Lage sein, kaputte Teile selbst auszutauschen. Oder falls Fachkenntnis oder Spezialwerkzeug benötigt werden, sollten die Teile in einer wirtschaftlich rentablen Zeit zugänglich und ersetzbar sein. Sprich, ein Design, bei dem man alle Nähte auftrennen muss, um eine Seitentasche zu wechseln, ist nicht wirtschaftlich reparierbar. ORTLIEB achtet im Design seiner Taschen darauf, dass möglichst viele Einzelteile ausgetauscht werden können und erreichbar sind. So wird beispielsweise auf Nieten verzichtet und stattdessen Schrauben eingesetzt. Auch muss bereits im Design auf Einheitlichkeit von Komponenten geachtet werden. So wäre es sehr aufwendig für die Reparatur, wenn jede Tasche andere Schrauben verwenden oder für jede Tasche anderes Werkzeug benötigt würde. Daher achtet ORTLIEB auf einheitliche reparierbare Systeme.
Eine weitere wichtige Voraussetzung liegt in der Auswahl der Materialien. Gerade in der Fast Fashion Branche werden in der Regel besonders billige und minderwertige Materialien eingesetzt. Diese zeigen schnell Spuren von Abnutzung. Eine Reparatur an einem solchen Produkt kann schnell teurer sein, als ein Neukauf bzw. eine Reparatur ist nicht sinnvoll, wenn das Hauptmaterial bereits abgenutzt ist. ORTLIEB achtet auf besonders hochwertiges, langlebiges Material. Hier zeigt sich, dass ein Kreislaufaspekt auf Kosten eines anderen Aspektes gehen kann: ORTLIEB verzichtet unter anderem aufgrund der Haltbarkeit und Reparierbarkeit auf recycelte Materialien. Bei reinem Recyclingmaterial verschlechtern sich grundsätzlich die Produkteigenschaften, es ist immer ein Neuwarenanteil notwendig, zudem ist kein unbegrenztes Recycling ohne Verschlechterung der Materialeigenschaften möglich. Auch ist die Verwendung von Recyclingmaterial nicht automatisch nachhaltig, entsprechende zuverlässige Informationen zur CO2- und Ökobilanz fehlen bisher. Auch deswegen hat ORTLIEB den Product Carbon Footprint jedes Produktes aufwendig erarbeitet, um ehrliche Aussagen über die CO2e-Emissionen treffen zu können, wenn Materialien bei den Taschen oder Rucksäcken ausgewechselt werden.
Auch ist es wichtig, dass Ersatzteile verfügbar sind. Nicht immer ist ein Produkt ohne Ersatzteile reparierbar. Ein guter Reparaturservice zeichnet sich dadurch aus, dass die Reparatur schnell geht und auch nach Jahren des Kaufes noch möglich ist. ORTLIEB ermöglicht eine Reparatur unabhängig vom bisherigen Alter der Tasche, des Rucksackes oder der Reisetasche. ORTLIEB garantiert zudem das Bevorraten von Ersatzteilen für 10 Jahre nach Auslaufen eines Artikels aus der Kollektion.
Neben den Ersatzteilen muss auch die Kompetenz zum Reparieren sowie die Werkzeuge dafür vorhanden sein. Falls ein Produkt durch den Endkunden repariert werden kann, dürfen keine speziellen Werkzeuge hierfür benötigt werden und es muss eine verständliche Anleitung zum Reparieren geben. Schöne Beispiele von ORTLIEB sind hier die Innentaschen, welche mit Klettverschluss abnehmbar und ersetzbar sind oder Stecker-Verschlüsse, welche selbst ausgewechselt werden können, falls dieser brechen sollte. Wenn ein Spezialwerkzeug benötigt wird, z.B. wenn eine Schweißnaht sich löst oder ein beschichtetes Material ein Loch hat, kann entweder am Standort von ORTLIEB selbst oder bei einem geschulten Händler wie Globetrotter repariert werden. Dies ermöglicht eine schnelle und qualitativ hochwertige Reparatur. Je weniger ein Produkt hin und her geschickt werden muss, umso besser für Umwelt und Kunden. ORTLIEB kann ein gutes Reparaturnetz auch dadurch verwirklichen, dass die Produktion der Taschen in Deutschland am eigenen Standort liegt. Dadurch liegt auch die Fachkompetenz zu den Prozessen und Werkzeugen der Produktion bei der Marke. Häufige Reparaturgründe und Materialschwächen können zudem direkt an die Produktentwicklung weitergegeben werden und somit minimiert werden.
Eine letzte Voraussetzung, die hier genannt werden soll, ist eine extern bestimmte: Die Kundennachfrage muss da sein. Fast-Fashion geht mit dem Trend einher, immer das Neuste haben zu wollen. Produkte dürfen nicht abgenutzt aussehen und wenn doch, dann nur, wenn das Design so von Anfang an war. Ware muss der neusten Farbe, dem neustem Muster und dem neusten Stil entsprechen. Da hierfür andauernd etwas Neues gekauft werden muss, muss das alte Produkt nicht lange halten und darf zudem nicht viel kosten.
Kreislaufwirtschaft und somit auch Reparierbarkeit sind mit diesem Trend – vor allen im textilen Bereich – kaum vereinbar. Damit kommen wir zu der Frage, was gab es zuerst – das Ei oder das Huhn? Was muss zuerst kommen – die Kundennachfrage nach hochwertigen und dafür reparierbaren Produkten oder die Auswahl an hochwertigen und reparierbaren Produkten und somit das Auslaufen billiger Alternativen. Die Antwort ist eventuell auch das Mittelmaß: Es gibt bereits hochwertige reparierbare Produkte und sie werden gekauft. Auf der anderen Seite boomt das Geschäft von Billiganbietern wie Shein und Temu, welche den Umstieg auf Kreislaufwirtschaft für viele Marken erschwert.
Diese Ausführungen zeigen, dass Reparierbarkeit für Marken nicht einfach durch die Anschaffung einer Nähmaschine zu erreichen ist. Vielmehr ist ein Konzept notwendig, welches alle produktnahen Abteilungen einbezieht als auch den Austausch mit Lieferanten (Materialqualität), Händlern (Serviceleistungen) und Kunden (Nachfrage) fördert.
Es wird auch deutlich, dass sowohl Unternehmen als auch Konsumenten für die Transformation einer linearen Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft umdenken müssen. Unternehmen basieren ihre Gewinne derzeit fast ausschließlich auf dem Verkauf neuer Produkte (lineares System). Umso langlebiger und reparierbarer Produkte werden, umso geringer wird die Nachfrage nach neuen Produkten. Somit müssen Unternehmen Serviceleistungen wie Reparieren und Umrüsten als Bestandteil ihres Produktes und Geschäftstätigkeiten sehen, um langfristig gewinnbringend zu sein. Konsumenten müssen von dem Drang weg, immer das Neuste haben zu wollen. Auch ist es zu empfehlen, nicht nur den günstigen Preis zu sehen, sondern langfristig zu denken: Eine Radtasche, die 50 € kostet, zwei Jahre Garantie hat und kein Reparaturservice existiert, muss im negativ Fall alle 2 Jahre neu gekauft werden. Dies entspräche rund 250 € in 10 Jahren. Hier die Vergleichswerte für einen ORTLIEB Backroller: 85 € mit 5 Jahren Garantie und Reparaturservice. Um bei 10 Jahren auf die gleichen Kosten zu kommen, müsste die Tasche für den Wert von 165 € repariert werden. Die meisten Ersatzteile kosten jedoch unter 20 € und auch keine Reparatur kommt auf einen solch hohen Wert. Und selbst wenn die Tasche nach 5 Jahren neu gekauft werden müsste, da sie nicht mehr reparierbar ist, ständen Kosten von 170 € in 10 Jahren zu Buche. Diese Rechnung kann für die meisten Produkte aufgemacht werden – von Kleidung bis Einwegrasierer. Auch wenn der Erstkaufpreis hoch ist, ist eine langfristige Denkweise ökonomisch sinnvoll.