Renan Ozturk im Interview

Renan Ozturk hat sich vom Profikletterer zu einem der besten Expeditions-Kameramänner und Foto­grafen der Szene gewandelt. Oft nutzt er sportliche Abenteuer, um auch wissenschaftliche und kulturelle Themen an ein breites Publikum zu bringen.

Du bist gerade von einer Expedition aus Venezuela zurück. Was hast du dort gemacht?

Wir waren für »National Geographic« an den Tepuis-­Tafel­bergen im Länderdreieck von Venezuela, Guyana und Brasilien unterwegs. Wie so oft bei Aufträgen für »Nat Geo« haben wir Forschung und Klettern verbunden. Wir haben den 80-jährigen Wissenschaftler Bruce Means begleitet. Er hat sein Leben damit verbracht, dort die Flor­a und Fauna zu studieren. Aber auf den Klippen existiert ein ganzes eigenes Ökosystem, das noch nicht wirklich untersucht oder erforscht wurde.

Ihr habt einem 80-Jährigen geholfen, einen Tafelberg zu besteigen?

Hoch in die Felswand konnte Bruce leider nicht, aber er hat uns mehr als 30 Meilen durch einen ebenfalls unerforschte­n Dschungel begleitet und dann von unten per Funk gesagt, was wir tun sollten. Wir haben Proben gesammelt und nach unbekannten Amphibien und Reptilien gesucht. Zum Kletter­team gehörte unter anderem auch Alex Honnol­­d. Aus dem Projekt werden ein Artikel und ein Film entstehen, die hoffentlich bei den Bemühungen um mehr Naturschutz für die Region helfen werden.

Renan Ozturk (41)
Der US-Amerikaner mit türkischen Wurzeln hat viele Talente: Kletterer im Team von The North Face, Filmer und Fotograf für Sony und »­National Geographic« – und nebenbei noch Landschafts­maler. Zu Hause ist er mit seiner Frau Taylor und dem Husky Baloo in Utah, USA.

Du selbst bist Kletterer, Maler, Filmer und Fotograf – wie bist du dahin gekommen, dass dich irgendwann »National Geographic« auf Expeditionen geschickt hat?

Ich war schon immer von Orten wie dem Yosemite Valley oder Joshua Tree und der frühen Kletterszene in den USA inspiriert. Beim Klettern ging es mir nie nur um sportliche Leistungen, ich wollte auch neue Orte entdecken und kulturelle Erfahrungen machen. Nach der Uni habe ich mit anderen Klettere­rn mehrere Jahre in der Wüste gelebt, bin nur geklettert und habe Landschaften gemalt. Lebensmittel habe­n wir uns oft aus Müllcontainern gesucht – ein richtiges Dirtbag-Leben. Das war eine großartige Zeit. Aber ich wusste auch, dass ich privilegiert war. Ich konnt­e diese Erfahrungen machen und hätte dank meines Studiums jederzeit aussteigen und Geld verdienen können.

Wann ist dann das Filmen und Fotografieren in dein Leben getreten?

Das fing an, als ich mehr internationale Klettertrips macht­e und andere Kulturen kennenlernen durfte. Zum Beispiel reiste ich mit Archäologen in die Mustang-­Region in Nepal und half bei der Erforschung von Wohnhöhlen aus vorbuddhistischen Zeiten. Ich hatte damals nur eine klein­e digitale Point-and-Shoot-Kamera, aber die Bild­qualität war revolutionär. Ich konnte plötzlich überall eine Kamera mitnehmen, wo ich sonst aus Gewichtsgründen nicht im Leben dran gedacht hätte. So konnte ich ein Publiku­­m mit an diese Orte und in die Situationen nehmen, die wir erlebt haben. In diese Zeit fiel auch unserer erster Versuch am Meru Peak in Indien mit Jimmy Chin und Conrad Anker. Darüber ist später eine lange Doku entstanden, die auf den großen Filmfestivals lief.

»Klettern ist meine erste Liebe. Die Malerei und das Filmen kamen dazu und die Fotografie folgte als ­Letztes.«

Du warst also schon gesponserter Kletterer, als du mit dem Filmen und Fotografieren angefangen hast?

Das Klettern ist meine erste Liebe. Die Malerei und das Filmen kamen dazu und die Fotografie folgte als ­Letztes. Anfangs habe ich auch mit der Kamera vor allem künstlerisch gearbeitet. Ich habe Zeitraffer von Landschaften gemacht oder meine Malereien mit Stop-Motion-Tricks animiert. Das war cool, hatte aber noch nicht so eine Kraft wie eine ganze Doku, die man vor Publikum zeigen konnt­e. Ein Film kann eine Geschichte besser erzählen und hat eine größere Wirkung.

Du bist in deinen Filmen hinter und oft auch vor der Kamera, war das eine bewusste Entscheidung?

Das ging Hand in Hand. Vom ersten Tag an, als ich eine Kamera in die Hand nahm, war ich auf beiden Seiten des Objektivs. Das ist vor allem für das normale Publikum jenseits der Kletter-Community spannend. So merken die Leute, dass uns keine große Filmcrew begleitet, die diese Dinge filmt. Seit ich auch andere Geschichten erzähle, in denen es gar nicht ums Klettern geht, bin ich mehr hinter der Kamera. Im Film »The Last Honey Hunter« über einen der letzten Wildhonigsammler in Nepal ist zum Beispiel überhaupt kein Westler zu sehen.

Du hast eine sehr enge Verbindung zu Nepal. Deine Filme drehen sich oft auch um das Leben der Einheimischen. Wie entstand diese Beziehung?

Für mich hatte Nepal schon immer die eindrucksvollsten Landschaften der Erde, vom Dschungel mit Tigern und Elefanten bis hin zum höchsten Punkt der Erde. Ich bin das erste Mal noch im Studium nach Nepal gereist. Während meine Freunde für ein Party-Auslandssemester nach Neuseeland flogen, habe ich mich für einen Nepalesisch-Kurs in Kathmandu angemeldet. Dort lebte ich in einer Familie, die kein Wort Englisch sprach, und bin jede­n Tag durch den Smog zur Schule gelaufen. Das war nicht gerad­e romantisch und ziemlich hart. Aber ich wollte die Sprache und Kultu­r kennenlernen, weil ich glaubte, dass mir das eines Tages tiefere Erlebnisse im Land eröffnen würde. Seitdem komme ich mindestens einmal im Jahr zurück.

Ist es eine Superkraft, wenn man die Sprache spricht?

Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Sprache und Kultur eines Landes zumindest ein wenig zu lernen, ist ein Zeichen von Respekt und bringt eine Menge schöner Momente für die Geschichten, die ich zu erzählen versuche. Und Nepal ist so vielfältig – nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen. Die nepalesische Sprache hilft mir sehr, das Land noch besser zu verstehen.

Hast du einen Tipp für Nepal-Reisende?

Achtsamkeit ist ein guter Anfang. Man sollte Fragen stelle­n wie: Was ist respektvoll, was ist es nicht? Denn es gibt in Nepal so viele verschiedene Kulturen und jede hat ihr eigenes Wertesystem. Dann sollte man auch Orte besuchen, die jenseits der normalen Wanderwege liegen. Die Everest-Region ist großartig und auch einige der anderen populären Orte – aber oft gibt es nur ein Tal weiter ein Gebiet, das noch fast niemand gesehen hat. Wer als Reisender nach ursprünglichen Erfahrungen sucht, kann in Nepal wirklich Unver­gessliches erleben.

Du kommst inzwischen mehr wie der Künstler und nicht wie der super trainierte Sportler rüber. Trotzdem bist du ja oft mit anderen Top-Athleten unterwegs und musst mithalten. Wie trainierst du dafür?

Das ist ein harter Kampf. Ich gebe mir große Mühe, ein gewisses Training durchzuziehen. Gerade in der heiße­­n Phase vor einer Expedition klappt das oft nicht mehr gut, weil ich zu viel organisieren muss. Aber ich habe über viele Jahre gelernt, mich möglichst effizient in den Bergen zu bewegen und mich irgendwie durchzuschummeln. Gerade beim Klettern kann ich mich erstaunlich gut über meinem eigenen Niveau bewegen, wenn starke andere Kletterer dabei sind.

Vermisst du dein früheres Kletterniveau?

Früher habe ich all meine Kraft und mein Kletterkönnen für einen Gipfel oder eine neue Route gegeben. Jetzt push­e ich den Körper meist um der Kunst willen. Am Everest haben wir neue Kameras auf eine Höhe geschleppt, auf der noch nie damit gedreht wurde. Es ging nicht um den Gipfel. Es ging um so Sachen, wie den Sonnenaufgang auf dem Dach der Welt auf die schönste filmische Art und Weise teilen zu können. Es ist okay, wenn ich deshalb nicht mehr ganz so schwer am Fels klettern kann.

Es gibt Aufnahmen, die dich unmittelbar nach einem lebensgefährlichen Skiunfall zeigen. Denkst du immer erst an gute Bilder und dann an alles Weitere?

Solche Momente sind später in einem Film oft die stärksten Szenen. Ich denke auch, dass so etwas gezeigt werden darf – besonders wenn es gut ausgeht. Es ist einfach ein Reflex geworden, die Kamera laufen zu lassen und zu dokumentieren, was passiert.

Gab es noch öfter lebensgefährliche Momente, bei denen du die Kamera hast laufen lassen?

Ich hatte damals schwere Schädel- und Wirbelverletzungen, da lagen nur Millimeter zwischen Leben und Tod. So knapp war es nie wieder. In der Wüste im Tschad wurden wir mal mit Messern bedroht oder gerade auf der letzten Expedition habe ich an einem Fluss gefilmt und wurde von einem Baumstamm ins Gesicht getroffen und war bewusstlos. Das sind Szenen und Einblicke, die der Zuschauer sonst nicht oft zu sehen bekommt. Diese kleinen Momente, in denen man Angst und Adrenalin spürt, die sind echt und das merkt der Zuschauer auch.

»Eigentlich mag ich den Everest nicht – zu kommerziell. Aber für einen Film musste ich hoch.«

Du bist bereit, deine Gesundheit für gute Aufnahmen zu opfern. Aber du filmst ja oft auch Athleten in gefährlichen Situationen. Inwiefern machen sie das extra für deine Kamera?

Es ist immer die Entscheidung der Athleten, wie viel sie riskieren. Sie haben bei allem das letzte Wort. Oft ist es ihr Projekt und ich bin nur da, um es zu dokumentieren. Alex Honnold ist ein gutes Beispiel. Der lässt beim Klettern für die Kamera gerne mal das Seil weg. Er weiß aber, wobei er sich wohlfühlt, und hat das Soloklettern ja schon ausgiebig gefilmt. Trotzdem bleibt es für mich hinter der Kamer­­a immer unangenehm. Ich vertraue dann dem Könne­­n und der Erfahrung von Alex. Er wiederum vertraut mir, dass ich auch alle technischen Aspekte des Klettern­­s verstehe, ihn nicht gefährde und ihn am Ende auch nicht als Adrenalinjunkie darstelle.

Ein Video mit dem Slackliner Andy Lewis war aber ein Werbeclip für eine neue Kamera …

Andy balanciert in dem Video in einer Vollmondnacht auf eine­r Highline zwischen zwei Felstürmen. Wir haben ihn gefilmt und so die Stärken dieser neuen Kamera gezeigt. Ich hatte Andy vorher sehr deutlich gemacht, dass er auf keinen Fall ohne Sicherung gehen muss. Aber er wollte solo gehen, als Hommage an unseren verstorbenen Freund Dean Potter, der so eine Vollmond-Performance selbst mal gemacht hatte. Es ist immer knifflig in solchen Momenten. Aber ich bin noch nie in eine Situation ge­rate­n, in der es sich nicht richtig angefühlt hätte.

»Es ist ein Reflex, die Kamera laufen zu lassen und zu dokumentieren, was passiert.«

Lass uns über deinen letzten Film am Mount Everest reden. Warum habt ihr ausgerechnet an diesem durchkommerzialisierten Gipfel gedreht?

Das war auch eine Expedition von »National Geographic« mit einem Forschungsauftrag. Ich war immer eher ein Anti-Everest-Typ. Aber mein Freund und Teamkollege Mark Synnott hatte einen Tipp zum möglichen Fundort der Leiche von Andrew Irvine bekommen.

Warum ist die Leiche von Andrew Irvine spannend?

Es ist noch immer nicht ganz klar, wer den Mount Everest zuerst bestiegen hat. Offiziell belegt ist der Erfolg von Tenzin­­g Norgay und Edmund Hillary im Jahr 1953. Aber vielleicht haben George Mallory und Andrew Irvine bereits 1924 den Gipfe­­l erreicht. Leider sind die beiden Bergsteiger am Berg verschollen. Mallory wurde inzwischen gefunden – ohne große Erkenntnisse. Die Hoffnung ist, dass sich bei Irvine noch die Kamera befinde­­t, mit der die beiden Bergsteiger ihren eventuellen Gipfelerfolg dokumentiert haben könnten.

Ihr habt Irvine unter anderem nicht gefunden, weil ihr am Gipfeltag nur kurz von der Route abbiegen durftet, um ins potenzielle Suchgebiet zu kommen. Kannst du das erklären?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Viele unserer Guides und Hochträger waren Nepalesen. Wir waren aber auf der Nordseite des Everest in China unterwegs. Wenn uns etwas passiert wäre, wären sie eventuell auf eine schwarze Liste gesetzt worden und hätten nicht mehr in China arbeite­­n dürfen. Darüber hinaus hatten wir ein junges Team und viele hatten den Everest noch nie bestiegen. Der Gipfel war ihnen wichtiger, weil ein Erfolg am Mount Everes­t für ihre weitere Karriere wie ein Empfehlungsschreiben ist. Letztendlich lag aber der Körper auch einfach nicht an der vermuteten Stelle.

Renan Ozturk Arbeit in der Todeszone am Everest: Wenn das Herz fast explodiert und man trotzdem noch zur Kamera greifen muss.

Bist du jetzt immer noch ein Anti-Everest-Typ?

Ich bin mit einer neuen Perspektive zurückgekommen. Auch wenn die kommerziellen Expeditionen eine große Industrie und die Machtverhältnisse nicht immer fair sind, ist das Gefühl der Kameradschaft zwischen all den verschiedenen Menschen am Berg wirklich ermutigend. Die Sherpas und die anderen Höhenträger erarbeiten sich langsam den Einfluss und den Geldwert zurück, den alle anderen seit Anbeginn der Zeit bekommen. Es war wirklich sehr cool, das aus erster Hand zu erleben.

Während der Expedition hast du auffallend viele Zeitraffer und Drohnenaufnahmen gemacht, musstes­­t du dich nie ausruhen?

Doch natürlich, das sieht man nur nicht im Film. Besonders am Everest ist es wichtig, alles im richtigen Tempo zu machen. Wenn ich krank geworden wäre, wäre ich für den entscheidenden Teil unserer Expedition nicht weit genug auf den Berg gekommen. Ich habe es mit den Aufnahmen definitiv ein bisschen übertrieben, aber ich hatte Glück, dass ich es trotzdem bis zum Gipfel geschafft habe.


Renan Ozturk und Taylor Rees
Taylor Rees ist Renans Frau, selbst Regisseurin, Kamerafrau und oft mit auf den Expeditionen.

WERKSCHAU RENAN OZTURK

Auf Instagram lässt @renan_ozturk eine Million Follower regelmäßig in sein Leben und hinter die Kulissen seiner Arbeit blicken. Unter anderem an folgenden Filmen hat Renan verantwortlich mitgewirkt oder zugearbeitet:

»The Ghosts Above«
»Moonwalk« mit Andy Lewis
»The Last Honey Hunter«
»Sherpa – Trouble on Everest«
»Meru« mit Jimmy Chin und Conrad Anker
»From Kurils With Love« mit Chris Burkard
»El Sendero Luminoso« mit Alex Honnold
»Into the Mind«

Mehr unter www.renanozturk.com


Hattest du ein Drehbuch oder arbeitest du bei deinen Projekten eher intuitiv?

Der Großteil meiner Arbeit findet ohne Drehbuch statt. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht einen genauen Plan und eine Idee für die Story haben. In der Praxis muss man dann seiner Intuition folgen, wenn etwas schiefläuft. Aber wenn man von vorn­herein einen Plan hat, kann man reagieren und den roten Faden der Geschicht­­e beibehalten, auch wenn etwas Unerwartetes passiert.

Hast du deine Kameraausrüstung selbst getragen?

Der Plan am Everest war, dass jeder Kameramann einen Höhenträger zur Seite hat, um die Last zu teilen. Aber am Ende war unser Gipfelteam zu klein, also trugen wir unsere Kameras selbst. Allein die Kamera herauszuholen und um den Hals zu hängen, kostete so viel Kraft, dass ich dafür meinen Rucksack absetzen musste. Am Gipfeltag ging mein Sauerstoffsystem kaputt, weil ich an einen Felsen gestoßen bin. Dadurch wurde es der härteste Aufstieg meines Lebens. Mit kaputtem Atemregler aufzusteigen und zu fotografieren, fühlt sich an, als wenn man ohne zusätzlichen Sauerstoff unterwegs ist.

Was war sonst noch in deinem Rucksack?

Unten im Tal haben Yaks unsere Ausrüstung getragen. Am Berg half uns ein Team von Höhenträgern, die die Hauptausrüstung zum Schlafen, Kochen und Klettern trugen. Wir versuchten deshalb unsere Rucksäcke so leicht wie möglich zu halten, mit nur einer Kamera und ein paar Objektiven und dem Nötigsten zum Überleben. Wenn man hoch oben am Berg unterwegs ist und Sauerstoff mit sich führt, nimmt die Sauerstoff­flasche den größten Teil des Rucksack­­s ein.

© renan ozturk Vogelperspektive: Im Ultraleicht­-flugzeug über dem Bears Ears National Monument in Utah, USA.

Jetzt noch für die Kamera-Nerds: Wie hast du deine Akkus oben am Berg warm gehalten?

Ich habe mir kleine Taschen unter die Achseln meiner Funktionsunterwäsche genäht. Dort bleiben die Akkus schön warm, bis sie zum Einsatz kommen.

Und wie fliegt man eine Drohne in 8000 Meter Höhe?

Das größte Geheimnis ist eine spezielle Freischaltung vom Hersteller, damit man über die normale Höhenbegrenzung hinausfliegen kann. Das andere Geheimnis ist, dass es viel schwieriger ist, aus dem Zelt zu kommen und überhaupt dorthin zu gelangen, als die Leute vielleicht denken. Selbst das Anziehen der Stiefel ist dort oben eine epische Aufgabe, also ist das Fliegen einer Drohne das Letzte, was man eigentlich tun möchte.

Wie viele Drohnen sind dir bei deiner Arbeit insgesam­­t schon abgestürzt?

Bei Drohnen gehört das Abstürzen zum Lernprozess dazu, das ist wie das Fallen beim Sportklettern. Die meisten Drohnen sind nach einem Crash leicht zu reparieren. Ich zähle nicht, aber in letzter Zeit war ich relativ sparsam. Bei unserer letzten Expedition zu den Tepuis ist nicht eine einzige Drohne verloren gegangen. Aber mir ist auch schon mal eine Drohne mit Kamera und Objektiven im Wert von 150 000 Dollar abgestürzt. Das war kein Spaß.

Was war deine schwierigste Aufnahme bislang? 

Den Sonnenaufgang in der Nähe des Everest-Gipfels zu filmen, nachdem mein Sauerstoffsystem kaputtgegangen war, war eine der größten körperlichen Herausforde­rungen. Und eine Aufnahme, wie eine Fliegen­fischerin einen Fisch unter Wasser freilässt und die Kamera dann an eine­m Kabel aus dem Wasser in Richtung einer Felswand hochfliegt, war sicherlich eine der technisch schwersten Aufnahmen meines Lebens.

Hast du noch immer Angst, die eine ultimative Aufnahme zu verpassen?

Natürlich, das ist Teil meiner Leidenschaft für die Kunst und das Festhalten der unendlichen Schönheit der Menschheit und der Welt. Ich mache oft Witze über mein­e Angst, eine Aufnahme zu verpassen [FOMAS = Fear of missing a shot. Anm. d. Red.]. Aber letztendlich ist das genau der Antrieb für meine Arbeit. Nur so lange ich FOMA­­S habe, kann ich weiter nach Perfektio­­n streben.

Bei deinen Projekten ist oft Leidenschaft im Spiel, filmst du manchmal auch nur zum Geldverdienen?

Natürlich, das ist immer eine Balance. Manchmal muss erst das Esse­n auf dem Tisch bezahlt werden, um dann Zeit für Leidenschaftsprojekte zu haben. Ich war schon ein paar Mal pleite, weil ich meinen letzten Cent ausgegeben habe, um ein leidenschaftlich motiviertes Projekt auf die Beine zu stellen.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, welches Projekt würdest du angehen?

Einen großen Film über die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner in den USA.

Und wenn du dich irgendwann zwischen Klettern und Filmen entscheiden müsstest – was wäre es?

Ich bin mir sicher, dass einige meiner Sponsoren gerne eine Antwort auf diese Frage hätten. Aber um ehrlich zu sein, habe ich immer noch große Ziele für die Kunst, das Klettern, die Fotografie und das Filmemachen. Diese Bereiche sind bei mir alle untrennbar miteinander verbunden und ich hoffe, dass sie sich weiterhin gegenseitig unterstützen, neue Perspektiven und Erkenntnisse bringen. Hoffentlich muss ich mich also nie entscheiden.


DAS NEHM ICH MIT

Alles für deine nächste Filmexpedition

RENAN OZTURK
Braucht unterwegs oft Strom, wo keine Steckdosen sind, und eine sichere Unterkunft, wo kein Hotel steht.

Text: Julian Rohn
Impressum | Mediadaten