Reisen und Freiwilligenarbeit kombinieren
– was sollte man beachten?

Voluntourismus und Abenteueraktivismus werden immer beliebter und sind gleichzeitig umstritten. Wir sprechen mit Experten, die wissen, worauf man achten sollte, damit die Freiwilligenarbeit im Urlaub gewinnbringend und nachhaltig für die lokale Bevölkerung, die Natur und die Tierwelt am Zielort ist – und gleichzeitig ein tolles, genuines Erlebnis.

Nicht nur reisen, sondern dem Land, das man besucht, etwas zurückgeben. Immer mehr Menschen fühlen sich von der Idee des Voluntourismus, also der freiwilligen Arbeit im Urlaub, inspiriert. Im Internet gibt es eine Flut von spannend klingenden, aber zum Teil sehr teuren Angeboten. Viele sind bereits für Aufenthalte von wenigen Tagen buchbar. So kann man zum Beispiel eine Woche lang traditionelles Maori-Land in Neuseeland restaurieren, in Marokko in einem Kindergarten aushelfen oder in Costa Rica Schildkröten bei der Eiablage beobachten.

”Im Prinzip ist es eine sehr positive Sache, dass Menschen in ihrer Freizeit an Orte gehen, um zu helfen. Es gibt aber auch Beispiele, bei denen Voluntourismus überhaupt nicht funktioniert”, sagt Dr. Jürgen Schmude, wissenschaftlicher Leiter der Bayerischen Zentrale für Tourismus (BZT) und ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der glaubt, dass der Trend zur Freiwilligenarbeit im Urlaub schon vor der Covid-Pandemie in vollem Gange war.

”Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit sollten wir immer zuerst die Aufenthaltsdauer betrachten. Die Reise zum Zielort macht den absolut größten Teil unseres Kohlenstoff-Fußabdrucks aus. Und wenn ein Freiwilliger nach Neuseeland, Marokko oder Costa Rica fliegt, ist dieser schon ziemlich groß. Das kann ich nur durch die Dauer des Aufenthalts relativieren. Ich bin ein absoluter Befürworter des Reisens, aber man muss das Verhältnis zwischen Entfernung und Aufenthalt bedenken.”Und natürlich kann das Reisen mit Bahn und/oder Bus die Gleichung verändern. 

Die Dauer des Aufenthalts ist auch aus einer anderen Perspektive wichtig. Bei Freiwilligeneinsätzen, die eng mit der lokalen Bevölkerung verbunden sind, werden enge Beziehungen aufgebaut. Vor allem für Kinder ist es schwierig, sich ständig mit neuen Leuten vertraut zu machen.


Wenn man mit Menschen arbeiten möchte, sollte man mindestens sechs Monate vor Ort sein. Bei einem reinen Umweltprojekt ist die soziale Komponente vielleicht nicht so wichtig, aber auch hier muss man diese Dimension einbeziehen

—  Dr. Jürgen Schmude, wissenschaftlicher Leiter der Bayerischen Zentrale für Tourismus (BZT) 

Aufenthaltsdauer und Nachhaltigkeit

Mara Biebow, Junior Communications Manager bei der Kommunikationsagentur Green Pearls, die sich auf explizit nachhaltige Unterkünfte und Destinationen spezialisiert hat, weist auf eine weitere Schwierigkeit hin: „Beim Voluntourismus steht oft das Erlebnis im Vordergrund und nicht unbedingt das Ergebnis des Projekts. Viele Anbieter arbeiten auch kommerziell und müssen einen Gewinn erzielen. Bei Kurzaufenthalten ist die Einarbeitungsphase zudem fast länger als die Zeit, in der man effektiv zum Projekt beiträgt”, sagt Mara Biebow und fügt hinzu: “Ich denke, man sollte vor der eigenen Haustür beginnen. Wenn man nur ein paar Tage Zeit hat, kann man darüber nachdenken, sich bei einer lokalen NGO in seinem Heimatland zu engagieren.”

Ihrer Meinung nach sollten sich Interessierte auch Gedanken über ihre eigenen Gründe für die Teilnahme an einem Freiwilligenprojekt machen. „Warum will ich an einen bestimmten Ort reisen? Nur um mich hinterher besser zu fühlen? Prestige ist nicht sehr nachhaltig“.

Mara Biebow empfiehlt, sich in erster Linie an lokale oder internationale Anbieter zu wenden, die mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten. „Die Einheimischen im Land wissen am besten, was nötig ist, um vor Ort nachhaltig zu helfen. Seriöse Anbieter schaffen Transparenz”, sagt sie.


Man sollte sich auf jeden Fall im Vorfeld informieren und nicht einfach blindlings buchen. Und man muss sich bewusst sein, dass es Zeit und Recherche braucht, um eine gute Organisation zu finden.

— Mara Biebow, Junior Communications Manager bei der Kommunikationsagentur Green Pearls

Reisen und Freiwilligenarbeit: Das bringt es

”In unseren Studien sehen wir jedoch fast ausschließlich positive Auswirkungen des Voluntourismus. Natürlich kann ich meine eigene persönliche Entwicklung nicht gegen C02 aufrechnen. Ich verstehe, wenn jemand eine ganz andere Kultur erleben will und dafür zum Beispiel nach Kambodscha geht. Ich sage immer, man sollte mit Hirn reisen. Es ist in Ordnung, solange das Verhältnis stimmt. Man kann vor Ort viel Positives zurücklassen”, sagt Prof. Dr. Schmude.

Er glaubt nicht, dass durch den Einsatz von Freiwilligen aus dem Ausland, die oft viel Geld für ihren Aufenthalt bezahlen, Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung verloren gehen könnten: „Ich glaube, dass dadurch sogar Arbeitsplätze geschaffen werden, weil die Einheimischen auch von den Freiwilligen lernen können. Volunteers können dann langfristig von Locals ersetzt werden.”

Als besonders positives Beispiel nennt er den Bau von Solaranlagen durch Volunteers in Afrika. Ein Projekt, bei dem Freiwillige Hand in Hand mit der lokalen Bevölkerung arbeiten und beide Seiten sich gegenseitig bereichern können. Prof. Dr. Schmude weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, wie wichtig es ist, wie man sich vor Ort verhält: „Ein guter Anbieter bereitet mich vor. Das ist ein Zeichen von Qualität. Wenn es Einführungsseminare und Schulungen gibt, in denen man die Kultur, Geschichte und Lebensweise des Landes kennenlernt.” Das hilft auch, ein ungleiches Machtgefüge zu vermeiden, bei dem der Eindruck entsteht, dass die wohlhabenden, privilegierten Menschen aus der westlichen Welt kommen, um die Bevölkerung in ärmeren Ländern zu belehren und zu retten.

Reisen und Freiwillligenarbeit kombinieren: etwa beim Schildkröten in Griechenlandschutz in

Kein Wirtschaftstrend, aber eine wichtige Nische

Neben den traditionellen Voluntourismus-Anbietern gibt es auch einige Hotels und Herbergen, die es Urlaubern ermöglichen, an Freiwilligenprojekten teilzunehmen oder sie auf andere Weise in die nachhaltige Entwicklung des Reiseziels einzubinden. In einigen Berghotels in Deutschland, Österreich und der Schweiz können sich die Gäste beispielsweise regelmäßig an alpinen „Clean Ups“ beteiligen. Ein weiteres Beispiel ist das Farmhouse Resort Smiling Gecko in Kambodscha, das gleichzeitig ein Ausbildungsbetrieb für Menschen aus der Umgebung und Teil eines größeren Projektes ist, mit integrierter Working Farm, Schreinerei und Bäckerei.

Mara Biebow ist ebenso der Meinung, dass Voluntourismus, wenn er richtig angegangen wird, nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Menschen und die Natur vor Ort große Vorteile bringt. ”Wenn man einen Anbieter findet, bei dem die einheimische Bevölkerung in die Entscheidungen und kulturellen Angebote mit einbezogen wird, hat man die Chance, wirklich über den Tellerrand zu schauen, die Bewohner kennenzulernen und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sich für die gleichen Dinge begeistern wie man selbst.”

Dass Freiwilligenarbeit im Urlaub in den nächsten Jahren zu einem wirtschaftlich bedeutenden Reisetrend werden könnte, glaubt  Prof. Dr. Schmude allerdings nicht. „Ich denke, dass Voluntourismus jetzt und in Zukunft eine absolute Nische bleiben wird. Aber eine sehr wichtige. Und für jeden, der es macht, ist es natürlich eine ganz tolle Erfahrung.”

Freiwilligenarbeit kann auch so aussehen: Bau von Solaranlagen in Afrika

Checkliste Freiwilligenarbeit – 8 Dinge, die man beachten sollte!

  1. Steht die Anreise im Verhältnis zur Dauer des Aufenthalts?
  2. Wenn ich eng mit Menschen, insbesondere Kindern, zusammenarbeiten möchte: Habe ich genug Zeit, um eine enge Beziehung aufzubauen?
  3. Wenn ich nur eine kürzere Zeit für meinen Aufenthalt zur Verfügung habe: Kann ich ein Freiwilligenprogramm im Umweltbereich in Erwägung ziehen, das ich mit dem Zug erreichen kann, oder in meinem Heimatland bzw. in meiner Heimatstadt an lokalen Projekten mitwirken?
  4. Handelt es sich um einen lokalen Volunteeranbieter am Zielort oder um einen internationalen, der mit lokalen Organisationen zusammenarbeitet?
  5. Wie transparent ist die Organisation und kommt das Geld, das ich für meinen Aufenthalt bezahle, dem Hilfsprojekt oder der lokalen Bevölkerung zugute?
  6. Gibt es eine Vorbereitung auf das Projekt, die mir die Lebensweise, Kultur und Geschichte des Landes vermittelt und mir projektspezifische Fähigkeiten beibringt?
  7. Wie sieht die Unterstützung vor Ort aus? Habe ich Ansprechpartner, an die ich mich mit all meinen Fragen wenden kann?
  8. Wird das Projekt im Nachhinein besprochen und ausgewertet und habe ich die Möglichkeit, über den weiteren Verlauf informiert zu werden?
Text: Karen Hensel
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