Reisefreiheit: Sebastian Sixel

Bei Globetrotter Köln hilft Sebastian Sixel seinen Kunden, ihre Traumreisen zu verwirklichen. Sebastians eigene Touren folgen einer klaren Idee: minimale Spuren, maximale Freiheit. 
Manuel Arnu

Minimale Spuren«, danach strebt Sebastian auf Reisen, wo er versucht, seinen ökologischen und kulturellen Fußabdruck klein zu halten. Aber auch im digitalen Alltag. Wenn andere ihre Nachrichten checken, online shoppen oder durchs Web flanieren und dabei eine be­achtliche Datenspur hinterlassen, hält sich Sebastian Sixel zurück. Online ist er praktisch nicht existent – ungewöhnlich für einen 34-Jährigen, der gerne unterwegs ist. 

Wer nun einen verdrucksten Technikverweigerer erwartet, liegt völlig falsch. Sebastian ist eine stattliche Erscheinung und ein kommunikativer Typ. »Ich unterhalte mich gern und viel, aber eben lieber von Angesicht zu Angesicht.« So hält er es auch unterwegs: Zwar startet er gerne alleine auf eine Reise, liebt aber umso mehr intensive Begegnungen mit den Locals.

Basics bei den Pfadfindern 

Sebastian berät Kunden in der Rucksack-Abteilun­­g der Kölner Globetrotter Filiale.  Die Outdoor-Basics hat er schon als kleiner Junge gelernt – als Wölfling bei den Pfadfindern in Lohmar im Bergischen Land. An­packen, reparieren und improvisieren, das lernt Sebastian während seiner Sommer­lager von der Pike auf: »Es gab Pfadfinderstämme, die fuhren mit dem Sattelschlepper voller Campingkram zu ihren Lagern. Wir gehörten zu den anderen: Wir kamen mit einem kleinen Hänger und unseren Ruck­säcken. Mehr nicht!« 

Zeltlager errichtet sein Pfadfinderstamm kreativ: »Alles aus Holz und Planen gebaut, ohne Nägel, nur mit Seilen befestigt und wieder zurückbaubar.« Ein schweres Baumwoll-Großzelt für 15 Personen aufzuschlagen und dann perfekt abzuspannen, stellt für Sebastian seitdem kein Hindernis mehr dar. »Wie man einen Nagel zum Messer schmiedet, habe ich auch schon in meiner Kindheit gelernt.« 

Zum Pfadfinder-Repertoire gehört auch der Brauch, anderen Stämmen ihr Banner zu klauen. Anpirschen, die Fahne entwenden und unentdeckt verschwinden, das konnte Sebastian Sixel schon als Siebenjähriger.

Seit fast fünf Jahren ist Sebastian nun bei Globetrotter. 2014 startete er in der Schuhabteilung als studentische Aushilfskraft. Sebastian war damals schon seit geraumer Zeit mehr damit beschäftigt, VW-Busse zu reparieren, in Bands zu spielen und zureisen, als sein Lehramtsstudium in Physik und Chemie abzuschließen. 

Zur Not: Padjelanta solo

Sein Prinzip, als »kleinste mobile Einsatzeinheit« zu reisen, entdeckt Sebastian, eher notgedrungen, ein paar Jahre zuvor im schwedischen Padjelanta-Nationalpark. Am Tag zwei der geplanten 150-Kilometer-Trekkingtour zieht sich Sebastians Begleiter eine Lebensmittelvergiftung zu: Magenkrämpfe, blutiger Durchfall, schließlich muss der Hubschrauber kommen und den Freund ins Krankenhaus bringen – und Sebastian findet sich allein im Fjäll wieder. 

Für das Leben unter freiem Himmel fühlt er sich gewappnet. Sebastian weiß, wie man nur mit einem Holzstab ein Feuer entfacht (»Schaut leicht aus, ist aber total schwer!«); er kann sich anhand von Karte und Sonnenstand orientieren (»Bis heute meistens analog unterwegs.«) und hat auch schon Regenwürmer als Notration probiert (»Gutes Protein, schmeckt aber nach nichts«). 

Sebastian beschließt, die Padjelanta-Tour alleine fortzusetzen. Ein harter Einstieg ins Solowandern: Der umgepackte Rucksack wiegt weit über 20 Kilo, nach einem Tag hat Sebastian bereits fünf Blasen an den Füßen. Eine Woche später verdreht er sich das Knie, zwingt sich aber zum Weiterlaufen. 

Archiv Sebastian Sixel Sebastians Sixels Philosophie: Wer in der Natur gut zurechtkommt, braucht weniger und erlebt mehr. 

Lohn der Schmerzen ist einer seiner schönsten Reisemomente überhaupt: Sebastian stellt sein Zelt an einem einsamen See auf, geht nach dem Essen eine Runde schwimmen und genießt danach ganz alleine den Mittsommer-Abend – mit einem schönen Stück Schokolade und einem Whisky. »An diesem wunderbaren Ort fühlte ich mich so frei wie sonst noch nie.«

Aber ist man auf Solotour nicht auch etwas einsam mit Freud und Leid? Manche schreiben dann Tagebuch, andere befüllen Reiseblogs, um ihre Abenteuer zu verarbeiten. Sebastians Methode: »Ich fing tatsächlich an, mit Bäumen, Tieren und mir selbst zu reden. Das war erst komisch, aber im Lauf der Tour wurde es ganz selbstverständlich«, lacht er. 

Glück ist nur dann real, wenn man es teilt – dieses Zitat des Abenteurers und Einzelgängers Chris McCandless habe einen wahren Kern, findet auch Sebastian: »Wir Menschen sind Rudeltiere und nicht dauerhaft für die Einsamkeit gemacht.« 

Ein gelungenes Kontrastprogramm zum menschenleeren Lappland kann dann durchaus die Arbeit sein. Dort schätzt Sebastian besonders die Aufgabe mit der intensivsten Kommunikation: das Personal Shopping. Dabei macht ein Globetrotter Kunde einen Termin – meist weil er eine bestimmte Reise plant –, und wird dann von Sebastian durch alle Abteilungen begleitet und beraten. 

»Das kann schon mal ein paar Stunden dauer­­n. Es geht beim Personal Shopping ja nicht nur ums Einkaufen der richtigen Ausrüstung, sondern auch um Reiseplanung und Logistik. Da kann ich einerseits viel beisteuern, lerne aber oft selbst auch noch dazu.«

Zelten zwischen Schafen 

Für seine Reisen hat Sebastian ein eigenes Rezept:  Anreise planen, vielleicht die erste Übernachtung – und dann Kontakt zu den Einheimischen aufnehmen. »Danach weiß ich, was sich im Land zu sehen lohnt,  wo die besten Unterkünfte, Restaurants oder Stränd­e sind«, erklärt er seine »Tourplanung light«. Zum ersten Mal praktiziert hat er das in Irland, mit vollem Erfolg: »Ich habe idyllische Örtchen besucht, die in keinem Reiseführer standen, schrullige Bewohner kennengelernt – und es im Pub fast nie geschafft, mein erstes Bier selbst zu bestellen.« 

Den schönsten Zeltplatz etwa fand er durch einen Tipp bei einem Glas Stout, ganz ohne Yelp oder Tripadvisor: Im winzigen Garten eines Pubs, drei Meter vom Atlantik entfernt, das Zelt stand zwischen Schafen: »So was erlebst du nicht, wenn du strikt nach Reiseplan Urlaub machst. Wir haben im Alltag so viele Termine und Pflichten, die wir einhalten und erfüllen müssen. Bei meinen Reisen möchte ich frei sein!«

Diesem Stil bleibt Sebastian bei seiner ersten Fernreise treu: Gemeinsam mit einem aus Nepal stammenden ehemaligen Kollegen aus der Rucksackabteilung wandert er zwei    Wochen am Stück durch den touristisch kaum erschlossenen Makalu-Barun-Nationalpark, besucht mit dem Freund dessen Heimatdorf. Er schläft bei Bauern und benutzt die Plumpsklos der Einheimischen. »Meine Art von Luxusurlaub, auf die üblichen Sehenswürdigkeiten kann ich pfeifen.«

Reduktion ist ein Gewinn 

Auf Reisen isst er immer das Gleiche wie die Locals – mit wechselvollen Erfahrungen: Umbrien und die Toskana sind Volltreffer, in Frankreich gibt’s Lammkutteln. »Wäre mein Französisch besser gewesen, hätte ich die eher nicht genommen«, lacht Sebastian. Das schrägste Getränk genießt er in Nepal, die Sherpas nennten es »Hoppla«: Es ist eine Mischung aus Cookies, Rührei und Zucker, aufgelöst in heißem Chang, dem nepalesischen Hirsebier. Na dann, Prost!

Neben den Reisen versucht Sebastian regelmäßig, dem Kölner Großstadttrubel zu entkommen. Trailrunning und Bouldern in den umliegenden Mittelgebirgen sind dabei ein guter Ausgleich, ebenso Tageswanderungen. »Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, ich würde meine Sonntage mit Wandern verbringen …«, schmunzelt Sebastian. 

Das Rucksackgewicht hat er im Laufe vieler Touren optimiert und erkannt, dass Reduktion kein Mangel ist, sondern ein Gewinn. »Ich bin kein Bushcrafter, aber benötige nicht viel, um zurechtzukommen. Was ich noch lernen möchte, ist das Wissen über essbare und heilsame Wildpflanzen.« 

Damit könnte Sebastian weiter Gewicht sparen, aber auch weniger Abfall und somit weniger Spuren hinterlassen – ganz nach seinem Geschmack.

Text: Manuel Arnu
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