Raus mit Rückenwind

Gravelbiker am Schwansee mit Schloss Neuschwanstein im Hintergrund
Michael Neumann
Mit dem Rad für eine Nacht in die Berge? Dank E-Gravelbike passt so ein Exkurs auch in das kleinste Zeitfenster.

Das Globetrotter Magazin ist im Druck. Früher hieß das für mich: Boot aufs Dach, Bike ins Auto und ab in die Berge. Endlich nicht nur über Abenteuer berichten, sondern selbst welche erleben. Je länger desto besser. Doch inzwischen sitzen bei mir daheim zwei kleine Jungs, die sich nicht darum scheren, dass Papa eine stressige Zeit am Redaktionsschreibtisch hatte. 19:30 Uhr ist Kuschel- und Vorlesezeit – diese »Deadline« gilt an jedem Tag.

Raus aus dem Alltag

»Schnapp dir doch das E-Bike, damit bist du schnell weg und schnell wieder da.« Chefredakteur Neumann, selbst Vater von drei Jungs, ist Profi, wenn es darum geht, aus kurzen Zeitfenstern das Maximum herauszuholen. Allerdings habe ich als überzeugter Bio-Biker bisher der Versuchung widerstanden, auf Knopfdruck mit Rückenwind zu radeln. Auf der anderen Seite liebäugele ich schon länger mit dem Konzept des Bikepackings: Ein paar Tage autark mit Zelt und Verpflegung unterwegs sein. Dafür wäre das besagte E-Bike perfekt. Cannondale hatte uns vor einiger Zeit ein Gravelbike als Testrad zur Verfügung gestellt.

Heimlich fange ich an, ein wenig zu recherchieren. Für das Synapse Neo EQ gibt Cannondale eine maximale Reichweite von über 200 Kilometern an. Von Augsburg bis zur ersten Kette der Ammergauer Alpen sind es am Lech entlang etwas mehr als 100 Kilometer – das würde also passen. »Was machst’n da?« Michi wittert, dass ich angefixt bin – und obendrein ein paar schöne Fotomotive. Wenig später haben wir mit Google Maps einen Plan ausgeheckt: Von Augsburg über Landsberg und Schongau wollen wir zum Hochwildfeuerberg. Nach einer Nacht im Zelt wollen wir am nächsten Morgen noch einen Abstecher zum Schloss Neuschwanstein machen, bevor es wieder zurück nach Hause geht. Spätestens um 19:30 habe ich einen Termin mit Anton, Oskar und Bobo Siebenschläfer …

183 Kilometer Reichweite zeigt das Display an. Um Akku zu sparen, bin ich bisher nur im Eco-Modus unterwegs. Und selbst ohne Motorunterstützung rollt das Rad erstaunlich flott. Zusatzschub gibt’s bei klassischen E-Bikes ohnehin nur bis 25 km/h – die schafft man in der Ebene dank schmaler Pneus und schnittiger Rennrad-Geometrie auch mit Muskelkraft. Doch als Michi mich in Landsberg am Lech fürs Fotografieren ein paar Mal die steilen Gassen der Altstadt hoch- und runterscheucht, schmilzt die Reichweite dahin. Zelt, Isomatte, Schlafsack und Kochausrüstung in den Packtaschen machen sich bemerkbar – Sport- und Turbo-Modus sind tabu, soll mir nicht frühzeitig der Saft ausgehen.

Im Turbo gegen Vorurteile

Ein positiver Nebeneffekt: Mit jedem gefahrenen Kilometer schmelzen auch meine Vorbehalte dem E-Bike gegenüber dahin. Wer will, kann es sich mit Motor genauso besorgen, wie ohne. Ich komme ordentlich ins Schwitzen, dabei aber einfach schneller voran. In meinem Fall motiviert auch der regelmäßige Blick aufs Display: Der schwindenden Reichweite mit mehr Watt aus den Beinen etwas entgegenzusetzen, macht richtig Spaß!

»Der schwindenden Reichweite mit mehr Watt aus den Beinen etwas entgegenzusetzen, macht richtig Spaß!«

An der Wieskirche am Fuße der Ammergauer Alpen sind dann die Akkus aber fast leer, sowohl der am E-Bike als auch meiner. In der Wirtschaft tanken wir auf: Strom aus der Steckdose und Bier und Braten aus der Küche.

»Schon nicht schlecht, so ein E-Bike, oder?« Michi und ich sind im finalen Anstieg auf den Hochwildfeuerberg. Auf dem vollbepackten Bio-Bike wären die knapp 900 Höhenmeter am Ende eines langen Tages eine echte Schinderei geworden. Wir hingegen fliegen nach der Ladepause im Power-Modus geradezu die Serpentinen hinauf. »Ganz aus eigener Kraft hätte aber auch was gehabt«, murmle ich zurück. Doch ein Grinsen über beide Ohren enttarnt meinen halbherzigen Versuch, eine heroische Attitüde aufrecht zu halten.

H. W. Eule scheint da standfester zu sein. Sein Name steht ganz schön oft im Gipfelbuch. Um genau zu sein, ab Seite eins an jedem Tag. Kurz darauf kommt der Local auch schon zu seiner täglichen Stippvisite – auf dem Bio-Bike versteht sich. Harter Hund.

Den nächsten Knacks bekommt mein Ego, als wir feststellen, dass aus der Gipfelnacht im Zelt wohl nichts werden wird. Es ist inzwischen 17 Uhr. Der Herbst ist zwar wunderschön golden, er knipst aber auch früh das Licht aus. Das würde eine lange, kalte Nacht hier oben werden. Wir trösten uns mit der Erkenntnis, dass es wohl eh verboten wäre, auf dem Gipfel zu zelten und belassen es bei ein paar schönen Fotos und einem Nudeltopf aus der Tüte. Im Schein unserer Stirnlampen rollen wir runter ins nächste Gasthaus.

Großes Kino

Vor zehn Jahren bin ich vom Rheinland nach Bayern gezogen, am Schloss Neuschwanstein war ich noch nie. Zu viel Kitsch, zu viele Menschen, zu viel Rummel. Doch auch dieses Vorurteil fällt auf diesem Kurztrip. Nach einem frühen Start rollen wir mit unseren E-Bikes an der Schlange vor dem Kassenhäuschen in Hohenschwangau vorbei und den steilen Forstweg Richtung Schloss im Nu hinauf. Die spektakuläre Marienbrücke über die Pöllatschlucht haben wir eine volle halbe Stunde ganz für uns allein. Erst dann kommen die ersten Influencer für das obligatorische Selfie mit Blick auf Neuschwanstein. Wer will es ihnen verdenken: Die Szenerie wie aus einem Märchenbuch strotzt nur so vor Kitsch – sie ist aber dabei auch atemberaubend schön. Der leuchtend bunte Herbstwald setzt dem Ganzen die Krone auf.

Rasch drehen wir im Anschluss noch eine Runde um den Schwansee. Noch so ein Beleg, dass der liebe Gott Bayern aus dem ganz großen Füllhorn mit geradezu malerischer Schönheit bedacht hat.

34 Stunden nach der Abfahrt in Augsburg bin ich wieder zu Hause bei der Familie. Als ich es mir mit Anton auf dem Sitzsack für die Gutenachtgeschichte bequem mache, lässt der Bobo links liegen und zieht ein anderes Buch aus dem Regal: »Komm mit, wir entdecken die Berge.«


Alles für dein nächstes Bikepacking-Abenteuer

Text: Philip Baues
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