Paddeln in Kroatien

Inselhopping per Seekajak, einsame Strände und exklusive Übernachtungsbuchten: Klingt nach einem fernen Paradies, gibt’s aber mitten in Europa. Ab zum Paddeln in Kroatien!

Wer braucht schon die Karibik? Da sind die Strände auch nicht weißer und das Wasser an der Adria­küste ist wohl noch glasklarer als vor Barbados. Vom ökologischen Fußabdruck der Anreise aus Mitteleuropa ganz zu schweigen. Kroatien ist ein wahrer Traum zum Paddeln für Sonnenhungrige sind, hat sich rumgesprochen. Der Zuwachs von Urlaubern in der Region alleine in den letzten zwei Jahren ist gewaltig. Die großen Campingplätze an den Buchten der Inseln Krk, Rab und Cres sind zu Hotspots für Reisende aus allen europäischen Ländern geworden.

Doch mit unseren Seekajaks auf dem Autodach muten wir neben all den Gummibooten und bunten Aufblaseinhörnern an wie Exoten. Und das sind wir auch. Denn wir wollen nicht bleiben und unseren Caravan für die nächsten zwei Wochen blick- und winddicht auf dem Campingplatz verschanzen. Wir wollen dem Trubel die kalte Schulter zeigen und eintauchen in die einsame Inselwelt der Kvarner Bucht. Ganz ohne Motor, ohne Beschallung an den Promenaden, gar ohne Dusche und fließend Wasse­­r und vor allem: ohne Einhorn.

Beim Abladen der Kajaks und Sortieren der Ausrüstung werden uns die ersten skeptischen Blicke zugeworfen. Unser Nachbar schlägt sich mit der Ausrichtung seiner Satellitenschüssel herum, doch dann ist die Neugierde zu groß: »Wat wird denn da alles einjepackt?«, erklingt es im vertrauten Zungenschlag des Ruhrpotts. »Und wofür der Spaten?« Nach Erläuterung unseres kühnen Plans, die Inseln der Bucht mit Muskelkraft zu erpaddeln, schaut uns der Mann nur zweifelnd an und widmet sich wieder der Empfangsproblematik. Hauptsache, die Sportschau läuft heute Abend ruckelfrei …

Aufbruch in die Inselwelt

Es ist Anfang Juni. Jetzt und im September ist die beste Zeit für eine Seekajaktour durch die Kvarner Bucht. Dann ist es auf den kleinen Inseln nicht zu heiß, außerdem gibt es weniger Motor- und Segelbootverkeh­­r. Die Randmonate der Hochsaison bringen aber noch ein weiteres Plus: Es ist schon beziehungsweise noch warm genug, um den berühmten Stürmen der Region – Bora und Jugo – den Wind aus den Segeln zu nehmen. Lang anhaltend toben diese vor allem zwischen November und April durch die Adria – dann möchte man nicht unbedingt in einer Nussschale auf dem offenen Meer unterwegs sein. Trotzdem, ein sturmsicheres Zelt und ein gutes Buch gehören auch im Sommer ins Gepäck – falls der Wind doch einen langen Atem hat und auf einer der Inseln abgewettert werden muss. 

»Wir zeigen dem Trubel die kalte Schulter und tauchen ein in die Inselwelt der Kvarner Bucht.«

Startpunkt unserer Reise ist die Insel Rab. Am großen Sandstrand von Lopar packen wir alles in die Kajaks, was wir für die nächsten Tage benötigen. Zeltausrüstung, Essen und vor allem Trinkwasser, das auf den trockenen Karst-Inseln der Kvarner Bucht nicht zu finden ist, wandern in die Kajaks. Den ersten Tag beginnen wir mit einer kurzen Etappe, umrunden die vorgelagerte Halbinsel von Lopar und kommen zur Mittagszeit auf der anderen Seite des Ortes an. Obwohl wir nur zwei Kilometer Luftlinie vom Startpunkt entfernt sind, zeigt das GPS bereits elf Kilometer Strecke.

Die Sonne versinkt zwischen Krk und Cres im Meer

Das Wissen um die beste Cocktailbar der Insel lässt uns anlanden und wir bestellen eine alkoholfreie Piña Colada. Zurückgelehnt in die bequemen Strandmöbel wundern wir uns, dass es schon hier, nur einen Katzensprung entfernt vom belebten Badestrand des großen Campingplatzes, deutlich ruhiger zugeht. Nach diesem kurzen Intermezzo nehmen wir Kurs auf den Nordosten der Insel Rab. Hier kennen wir eine kleine Bucht für die erste Robinsonade. Nach dem Aufbau der Zelte bewegen wir noch die vernachlässigten Beine und wandern im Licht der tief stehenden Sonne zur kleinen Seemannskapelle, die zu Ehren der Schiffbrüchigen vor Rab erbaut wurde. Mit Blick auf die Inseln Sveti Grgur und Krk am Horizont laufen wir weiter und erreichen einen hervorragenden Aussichtspunkt. Von hier aus beobachten wir, wie sich der Himmel bunt verfärbt, während die Sonne zwischen Krk und Cres im Meer versinkt.

Mein Haus, meine Küche, mein Strand. Das autarke Reisen im Seekajak ist Abenteuer pur und bringt einen an Orte, die sonst kein Tourist zu sehen bekommt.
Mein Haus, meine Küche, mein Strand. Das autarke Reisen im Seekajak ist Abenteuer pur und bringt einen an Orte, die sonst kein Tourist zu sehen bekommt.

Zurück an den Zelten, packen wir die Gaskocher aus und verwöhnen uns mit Nudeln. Als auch der letzte Multifuel verstummt ist, merken wir, wie still es um uns herum ist. Keine Autos, keine Motorboote und keine Tausend Stimmen begleiten unseren ersten Abend am völlig einsamen Strand.

Rendezvouz mit Helene Fischer

Die Nacht war ungewöhnlich warm für Anfang Juni. Also raus aus dem Schlafsack und rein in die Adria. Das glasklare Wasser ist frei von jeglichem Sediment, denn der Strand unserer Bucht besteht aus groben Kieseln. So können wir auch ohne Taucherbrille Seeigel und kleine Fische erspähen. Nach einem entspannten Frühstück bei knapp 20 Grad legen wir die Zelte zusammen und beladen die Kajaks. Gehen wieder Paddeln in Kroatien.

Erstes Tagesziel ist eine Mittagspause auf der kleinen Insel Sveti Grgur. Obwohl wir es auf dem Wasser gut aushalten – immerhin weht uns eine leichte Brise um die Nase –, freuen wir uns auf die Abkühlung in einer der wunderschönen Buchten im Westen der Insel.

Nach der Pause machen wir uns auf zum nordwestlichsten Punkt von Sveti Grgur. Wir sind verzückt vom türkisfarbenen Wasser an der niedrigen Felsküste. Tief unter unserem Rumpf erkennen wir einige Seegurken, Schwärme kleiner Fische tummeln sich im warmen
Wasser. Weil wir noch mehr von der Unterwasserwelt sehen wollen, greifen wir zur Taucherbrille und machen eine halbe Eskimorolle. Dazu halten wir uns am Bug eines beliebigen Mitpaddlers fest und kippen uns im Boot sitzend kopfüber ins kühle Nass. Nach kurzer Stippvisite unter Wasser drehen wir uns einfach an der Spitze des Kumpels wieder hoch. Diese Methode hat sich auf längeren Überfahrten bewährt, erlaubt sie nicht nur atemberaubende Einblicke in die Unterwasserwelt, sondern ist auch eine willkommene Abkühlung.

Trällernd aus der Kajüte grüßt Helene Fischer

Die längste Querung der Reise steht an. Zwischen Sveti Grgur und Prvić sind es gut fünf Kilometer über offenes Wasser. Das bedeutet eine knappe Stunde Paddelzeit. Auf Prvić angekommen, empfängt uns eine beeindruckende Steilküste mit kleinen Kiesbuchten. Das Wasser schwappt durch Spalten und Löcher im Fels, so entstehen witzige Schlürfgeräusche. In einer der Buchten legen wir an und springen ins Wasser. Leider bekommen wir nach wenigen Minuten Besuch von einer kleinen Motorjacht. Erst als sie direkt neben uns den Anker wirft, erkennen wir Helene Fischer.

Nicht im Bild, weil nicht vorhanden: lärmende Strandradios und nervige Ramschverkäufer 😉 

»Mit unseren Seekajaks
erreichen wir Orte, an die es kein Aufblaseinhorn samt rot verbranntem Urlauber schafft.«

Nein, nicht an Deck, sondern trällernd aus den Boxen der Kajüte. Wir versuchen, dagegenanzu­stinken und schmettern aus vollen Kehlen alte Seemannslieder wie »Griechischer Wein« und »Kaperfahrt«. Doch die rot gebrannten Freizeitkapitäne lassen sich nicht verscheuchen, ihnen scheint unser Gejaule eher noch zu gefallen. Als sie zum Konter mit Wolfgang Petry ansetzen, ziehen wir Leine – zwar im Bewusstsein, diese Schlacht verloren zu haben, doch mit der Gewissheit, dass wir eindeutig auf dem besseren Weg sind. Dieser führt uns nämlich einfach in die nächst­e einsame Bucht. 

Vom Leuchtturm auf Prvić queren wir nach Krk. Nach kurzer Fahrt an Krks Küste endet die Tagesetappe an einer Bucht mit breitem Kiesstrand, an dem es sogar eine Süßwasserquelle gibt, der wir aber aufgrund der vielen Schafe, die hier saufen, nicht trauen. Auch im Meer mischt sich kaltes Quellwasser mit warmem Salzwasser. Das merkt man nicht nur an den Temperaturunterschieden, auch kann man sehen, wie sich das Süßwasser in Schleiern in das Salzwasser ergießt. 

Flipper, Flipper, Freund aller Kinder

Wir sind froh, dass wir uns heute viel Zeit gelassen haben und nicht zu früh an unserem Strand  angekommen sind. Denn wie ein Großteil der Insel Krk ähnelt auch die Küste rund um unsere Bucht einer Mondlandschaft und so sind Bäume und Schatten Mangelware. Bei Tages­temperaturen von knapp 30 Grad lässt es sich besser auf oder im
Wasser aushalten. Als wir am späten Nachmittag eintrudeln, springen wir noch einmal ins Meer und schon versinkt die Sonne hinter der steilen Felswand im Westen. Im Licht der untergehenden Sonne werden die Zelte aufgebaut und Essen gekocht. Einsam in der Bucht, mit einer Blechtasse Rotwein aus dem BPA-freien Plastikschlauch in der Hand, schmeckt auch die mit Pesto verfeinerte Pasta wie vom Sternekoch persönlich serviert.

Wasserhöhlen vor Krk.
Krks Wasserkathedralen lassen sich auch von Seekajak-Anfängern erkunden.

Am Morgen braucht die Sonne ihre Zeit, um die Bucht mit den ersten Strahlen aufzuwärmen. Wir sitzen mit dem Kaffee in der Hand am Strand vor den Zelten und schauen aufs Meer. Plötzlich taucht eine Schule Delfine am Horizont auf. Auch sie nutzen die kühlen Morgenstunden für ausgiebige Spielchen. In bester Flipper-Manier unterhalten sie uns mit Sprüngen und Saltos. Was sie nicht machen, ist näherkommen. Sie halten Sicherheitsabstand und sobald ich das Tele aufgeschraubt habe, sind sie außer Sichtweite. Es bleiben uns nichts als die Erinnerung und ein unscharfes Handyfoto.

Eis, Eis, Baby!

Krk hat mehr zu bieten als Naturschönheit, doch leider sind diese Hotspots oft überlaufen.

Ziel zur Mittagspause und Dreh- und Angelpunkt unserer Reise ist die Inselhauptstadt Krk. Zufällig weiß ich, dass es hier das beste Eis Kroatiens gibt – dabei wäre die Altstadt Krks auch ohne Eis einen Abstecher wert. So folgen wir der malerischen Westküste in Richtung Big City. Die große Bucht von Krk queren wir auf offenem Wasser. Würden wir sie ausfahren, wäre die Tagesetappe kaum zu schaffen. Schließlich wollen wir nicht in der Stadt auf dem Campingplatz übernachten, sondern nach der Pause wieder ein Stück zurück in Richtung Süden paddeln, um in meiner Lieblingsbucht die Nacht zu verbringen.

Doch erst einmal lockt das Eis. In Krk angekommen, legen wir am Strand neben der Hafeneinfahrt an und machen uns auf den zehn­minütigen Fußmarsch entlang des Hafenbeckens. Beim Eismann angekommen, fällt die Wahl nicht leicht – verrückte Variationen des himmlisch zarten Schmelzes wandern in die Becher. Kumpel Andreas schafft sagenhafte acht Kugeln! Der Verdauungsspaziergang führt durch die kühlen Altstadtgassen, bevor wir im Hafen das erste Mal seit unserem Start in Rab Wasser auffüllen und eine Süßwasserdusche am Strand nehmen. Danach stechen wir wohlduftend wieder in See.

Zugegeben, diese Bucht ist wirklich nicht groß. Doch schließlich findet jeder einen Premium-Platz für sein Zelt. Der Weg zum Wasser beträgt maximal fünf Meter, der Weg zum »Klo« ist zum Glück etwas länger. Gut geschützt liegt unser kleines Paradies versteckt hinter große­n Granitblöcken. Von unserem Strand aus können wir den Sonnen­untergang zwar nur erahnen, dafür tränkt das schwindende Licht den Himmel in ein Farbenmeer. Als es gänzlich dunkel ist, schimmern die Sterne aus dem schwarzen Nachthimmel. Wir hören nichts außer dem Plätschern der kleinen Wellen, die auf unseren Kiesstrand treffen. Und das nur gut sieben Kilometer entfernt vom unumstrittenen Hotspot der Insel, dem Ferienparadies Krk-Stadt.

Zurück im Empfangsbereich

Am nächsten Tag paddeln wir die Westküste von Krk hinab, um dann vom Südzipfel der Insel wieder nach Sveti Grgur hinüberzusetzen. Auf dem heute unbewohnten Eiland, das den Namen des heiligen Gregors trägt, befand sich zwischen 1948 und 1988 ein Frauengefängnis im kommunistischen Jugoslawien. Für viele der Mitreisenden ist dieser letzte Übernachtungsstopp DAS Highlight des Trips. Unsere Bucht bietet nicht nur beste Zeltplätze auf einer relativ großen Fläche, die einer gepflegten Campingwiese ähnelt, vom Strand und von der Küche aus eröffnet sich einem der perfekte Blick auf den Sonnenuntergang. 

Guide Christian Zicke (links) kennt die Adriagewässer wie seine (Schwimm-)Westentasche.

Wenn nach einer ruhigen Nacht die Bucht in das morgendliche Licht getaucht wird, schimmern die Farben des Meeres in zahlreichen Grün- und Blautönen. Lässt man dann seinen Blick auf den Gipfel des Inselbergs schweifen, sieht man mit ein wenig Glück, wie ein einsamer Hirsch über seinen Strand wacht und die seltsamen Gestalten mit ihren bunten Booten kritisch beäugt.

Wieder in Lopar angekommen, freuen sich die meisten auf eine Dusche und ein leckeres Essen in einer der zahlreichen Gostilnas des Ortes. Wer Ende September hier ist, wird merken, wie sich die Zahl der Urlauber im Ferienparadies innerhalb der einen Woche Ab­wesenheit bereits reduziert hat. Es wird ruhiger in der Kvarner Bucht. Jetzt aber, Mitte Juni, sind die Campingplätze gut gefüllt. Zurück auf unsere­r Parzelle freuen wir uns auf ein letztes gemeinsames Abend­essen – und für unseren Nachbarn, dass er es geschafft hat, seine Satelliten­schüssel korrekt auszurichten. Mit »Frauentausch« im Ohr schlummern wir ein. Paddeln in Kroatien – es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Text: Christian Zicke
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