Paddeln in der Wüste

Nicht weit von Dubai lockt die omanische Exklave Musandam mit einer Naturlandschaft der Extraklasse, die wie gemacht ist für ein Wander- und Seekajakabenteuer aus Tausendundeiner Nacht.

Bist du auch ein Weltreisender auf GoogleEarth? Während man früher wahlweise mit dem Zeigefinger über den Globus auf Weltreise gegangen ist oder in Meyers Welt­atlas Eselsohr um Eselsohr hinterlassen hat, kann man heute Tage und Wochen damit verbringen, sich auf Google Earth in die hintersten Winkel des Planeten zu träumen. Und ein ums andere Mal entdeckt man dabei Dinge, die man diesem Planeten so gar nicht zugetraut hätte. So wie ich neulich. Sonst tendenziell eher in den nördlicheren Gefilden unterwegs, fiel mein Blick diesmal auf die Küstenlinie des Persischen Golfs. Von Katar, wo bald die Fußball-­WM stattfinden wird, ging die Reise ostwärts via Abu-Dhabi nach Dubai. Dort verlief ich mich kurz im Hochhausdschungel, bevor es weiter Richtung Straße von Hormus ging. So weit, so Wüste. Allein die aufgeschütteten Inseln in Palmenform bei Dubai ließen mich kurz innehalten. Doch ich war auf der Suche nach unverfälschter Natur, nicht nach Hirngespinsten welt­fremder Erdölscheichs. An der Grenze der Vereinigten Arabischen Emirate zum Oman wurde es jedoch interessant. Wobei es sich hier oben an der Nordküste nicht um den »richtigen« Oman handelt, sondern um die zugehörige Exklave Musandam. Bis 2005 militärisches Sperrgebiet und noch heute aufgrund der Nähe zum Iran von hohem geopolitischen Wert, lockt Musandam zu­ sehens mehr Touristen an – und die bekommen einiges geboten.

FJORDE WIE IN NORWEGEN

Denn hier fällt das über 2000 Meter hohe Hadschar­-Gebirge derart abrupt ins Meer, dass Wind und Wetter noch Jahrmillionen brauchen, um alles abzutragen und glatt zu schleifen. Bis dahin erfreut sich der Betrachter an einer wild zerklüfteten Fjordlandschaft, mit der sich die Region den Beinamen Norwegen des Mittleren Ostens redlich verdient hat. Neugierig? Dann schau mal auf Google Earth!

Besser aber noch, man fährt selbst hin. Auch da kann Google helfen. Zum Beispiel mit dem Link zu einem Reiseveranstalter, der eine kombinierte Kajak­ und Wan­dertour an diesem durch und durch exotischen Ort anbietet. Und der in meinem Fall letzten Herbst zum Glück noch einen Slot frei hatte. Schnell waren drei wil­lige Mitreisende rekrutiert (der Hinweis auf Google Earth hat gereicht). Musandam, wir kommen!

Es ist Ende November. Abflug in München bei zwei Grad plus und Nieselregen. Ankunft in Dubai bei 20 Grad und Klimaanlage. Draußen warten acht Grad mehr – und Pierre, unser Guide. Der Franzose aus Grenoble ist der Kopf von Musandam Nature und maßgeblich an der Erschließung der Region für den Individualtourismus beteiligt. Mit einem gecharterten Kleinbus geht es durch die Nacht. Etwa 120 Kilometer sind es bis zur Grenze nach Musandam, die wir dösend hinter uns bringen. Die Formalitäten sind schnell erledigt und eine Stunde später erreichen wir weit nach Mitternacht al­Chasab, wo wir müde in die Hotelbetten fallen.

Michael Neumann

WANDERN AM ABGRUND

Mit dem Morgengebet Fadschr, das pünktlich zwischen Morgendämmerung und Sonnenaufgang vom nahen Minarett schallt, sind wir binnen Sekunden zurück aus Schlummerland. Beim Blick aus dem Fenster tippe ich auf Morgendämmerung, denn es ist stockdunkel. Egal, denn so erwischen wir den Sonnenaufgang vielleicht noch für ein Foto und sehen Musandam erstmals bei Tageslicht. Als sich der Vorhang hebt, wissen wir sofort, warum wir da sind. Um uns herum erheben sich schroffe, weglose Kalkberge, die so hoch sind, dass es ewig dauert, bis die Sonne drüberspitzelt.

Der lange Schatten dieser Berge macht dann auch den ersten Programmpunkt möglich: eine Wanderung durch enge Schluchten zu einem nur im Winter bewohnten Dorf auf einem Hochplateau. Von Mai bis September würden der hohe Sonnenstand und Temperaturen von mehr als vierzig Grad die Tour zur Tortur machen. So aber steigen wir auf einem kaum erkennbaren Ziegen­pfad ein Wadi hinauf. Hirten haben den Pfad an den kniffligen Passagen mit minimalen Mitteln gangbar gemacht: hier eine kleine Treppe aus Wackern, dort ein armdicker Ast in einem Felsspalt als entscheidender Tritt, und ab und an hilft auch ein Klecks Beton. Rund 400 Höhenmeter arbeiten wir uns so empor, bevor der Weg auf den letzten 100 Metern noch mal so richtig anzieht und sich eine Schotterrinne hochwindet. Erst hier sticht wieder die Wintersonne und wir können uns nur zu gut vorstellen, wie lebensfeindlich der Oman im Sommer sein muss.

Michael Neumann


Oben angekommen, führt uns Pierre durch die kleine Ansiedlung und erklärt eindrucksvoll, wie die Menschen hier seit Jahrhunderten zu überleben versuchen. Auf­grund der lebensfeindlichen Bedingungen im Sommer sind die meisten Bergdörfer nur im Winter bewohnt. Dann wird versucht, der kargen Landschaft so viel Wachstum wie möglich abzutrotzen. Wer genau hin­ schaut, erkennt überall kleine Zisternen am Ende ab­schüssiger Felsplatten. Darin wird der wenige Regen, der hier – wenn überhaupt – an wenigen Tagen im Jahr fällt, gesammelt und zur Bewässerung der »Felder« genutzt. Diese bestehen aus handballfeldgroßen und von Steinen

und Zäunen eingefriedeten Flächen, auf denen man sämt­ lichen Lehm des Tals penibel zusammengekehrt hat, um ihn mit Wasser in eine Art Humus zu verwandeln. Nur, um sich dann am Ende das bisschen Getreide von den allerorten herumstreunenden Ziegen wegfressen zu lassen.

Als wir nachts unsere Paddel ins Wasser tauchen, beginnt das Meer grün zu leuchten.

War schon der Weg hinauf ins Dorf ein echter Leckerbissen, so haut es uns beim Rückweg vollends den Vogel raus. Zunächst steigen wir in eine ähnlich aussehende Schlucht hinab. Doch deren Gefälle scheint weit grösser und irgend­ wann verschwindet der trockene Wasserlauf vor uns ins Nichts. Wo lang? Irgendwann entdeckt das haltsuchende Auge linkerhand ein schmales Felsband, das mittig durch eine gut 500 Meter hohe senkrechte Felswand schneidet. Da lang? Pierre nickt. Ausgesetzt wie ein Klettersteig in den Dolomiten führt der Weg tatsächlich bis hinunter ans Meer. Unten angekommen, beginnt des Abenteuers zweiter Teil: unsere viertägige Seekajaktour durch die einsamen Fjorde der Halbinsel. Noch am Abend packen wir im Schein der Straßenlaternen unsere Kajaks im Hafen von al-­Chasab und stechen gegen 19 Uhr bei völliger Dunkelheit in See. Um nicht von einem Motorboot umgefahren zu werden, schal­ten wir die Stirnlampen ein und hangeln uns nah am Ufer aus der Stadt hinaus. Das Licht ohne Motorge­räusch wiederum scheint Schwärme von Fliegenden Fischen anzulocken, und würden wir mit offenem Mund paddeln, es wären nicht die gebratenen Tauben, die uns hinein flögen.

Eine Stunde später schlagen wir in einer kleinen Sand­bucht unser Nachtlager auf. Die einen bauen das Innen­zelt auf, die anderen legen sich einfach auf eine Plane und genießen den unverstellten Blick aufs Sternenzelt. Die leichte Brise hält Moskitos in Schach und Skorpione seien kein Thema, wie uns Pierre versichert.

Michael Neumann

SIESTA STATT KILOMETERFRESSEREI

Die folgenden fünf Tage sind eine Essenz dessen, was eine Seekajaktour ausmacht. Morgens weckt uns Pierre mit dem Ruf »Breakfast is ready« in der absoluten Dunkelheit. Im Anschluss beladen wir die Boote und sind meist noch vor Sonnenaufgang auf dem Wasser. Um diese Uhrzeit haben wir das Meer ganz für uns allein. Zwischen Breakfast und Lunch zelebriert Pierre immer noch eine Pause, bei der wir uns die Beine vertreten und mit Taucherbrille und Schnorchel nach Nemo und Kon­sorten Ausschau halten können. Sogar Riffhaie und Stachelrochen gibt es zu bestaunen. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht, folgt eine lange Siesta im Schatten. Zuvor richtet Pierre ein Salatbuffet her, das die Gruppe gemeinsam zusammenschnippelt. Dafür tuckert Pierre stets allein in seinem Zweier durch die Gegend, vorne thront als Passagier eine große Kühlbox voller frischer Lebensmittel.

Überhaupt, dieser Pierre. Er kam als Organisator des seinerzeit legendären Abenteuerspektakels Raid Gauloi­ses vor zwei Jahrzehnten erstmals in den Oman. Schon damals hat er geführte Wanderungen auf der ganzen Welt angeboten. Bis er auf Spitzbergen ein paar Kajak­ fahrer sah, die sich über Wochen autark in der Wildnis bewegten, dafür aber nicht 30 Kilo auf dem Rücken spazieren tragen mussten. Ab da war Pierre Paddler. Heute leitet der Geologe Kajakreisen im Oman, in Nor­wegen und auf Spitzbergen – bei denen das Tragen allein darin besteht, die Boote an Land zu hieven.

Musandam ist eine Essenz dessen, was eine Seekajaktour ausmacht.

Nach dem alltäglichen After­Lunch­Nickerchen, von dem Pierre nichts und niemand abbringen kann, paddeln wir stets zwei, drei Stunden Richtung Sonnenuntergang, um dann kurz zuvor an einem neuen Traumcamp an Land zu gehen. Zwei davon liegen auf einsamen Inseln. Pierre hat hier ebene Schlafplätze geschaffen, und in einem kleinen Depot warten Campingstühle und ein Tisch – ein Komfort, den man bei Seekajaktouren in der Wildnis so nicht kennt.

ROBINSON LÄSST GRÜSSEN

Während wir sonst immer recht früh in den Federn lie­gen, um den Sternenhimmel zu bestaunen und die abso­lute Lautlosigkeit zu genießen, drängt uns Pierre am dritten Abend zu einer Paddeltour im Dunkeln. Das Wie­soweshalbwarum bleibt er uns schuldig, wir würden schon sehen. Und zwar beim ersten Paddelschlag: Meeresleuchten! Dabei scheint das Wasser blau bis grün zu lumineszieren. Tatsächlich leuchtet aber nicht das Wasser selbst, sondern die darin befindlichen Kleinst­lebewesen senden nach Berührungsreiz Lichtsignale aus. Vollkommen fasziniert umrunden wir in dieser mondlosen Nacht unsere Campinginsel und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus.

Am letzten Tag erklimmen wir Pierres privaten Wanderweg.

Michael Neumann



Am vierten und letzten Camp wartet die würdige Schlusspointe unserer Traumtour auf uns. Hier hat Pierre in der weglosen Wildnis extra einen Weg anlegen lassen. 800 Höhenmeter, Gehzeit etwa zwei bis drei Stunden. Sechs Pakistani hatte er dafür angeheuert. Fünf haben gebaut und einer hat fortwährend Wasser herangeschleppt. Nach 14 Tagen war der Weg fertig. Dank der angelegten Serpentinen gelangt man auf einer im wahrsten Sinne atemberaubenden Wanderung zu einem fantastischen Aussichtspunkt. Dort lässt es sich Pierre nicht nehmen, jeden Erstbegeher mit geschlossenen Augen und diebischem Vergnügen an die Kante zu führen. Denn während man beim Aufstieg allenfalls das offene Meer und je nach Sicht ein bisschen vom Iran sehen konnte, fällt der Blick nun von hoch oben auf die Fjordlandschaft Musandams und man sieht die Stationen der vergangenen Kajaktour auf einen Blick – und das ist dann doch ein bisschen besser als Google Earth, oder?

Michael Neumann (46) ist Chefredakteur beim Globetrotter Magazin und war mal Chefredakteur beim Kanu-Magazin. Daher ist er paddelnd schon auf der ganzen Welt unterwegs gewesen, doch ein Revier wie Musandam ist ihm dabei noch nie unter den Kiel gekommen.

Text: Michael Neumann
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