Ortovox: Rettungsmethoden

In diesem Kapitel geben wir dir die theoretischen Grundlagen lebensrettender Sofortmaßnahmen mit auf den Weg.

Erste Hilfe und Rettungsmethoden

Ein sonniger Tag, kompakter Fels und nur noch wenige Seillängen bis zum Gipfel. Alles läuft wie geplant. Doch binnen Sekunden kippt die Situation: Ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit, ein falscher Schritt oder ein unglücklicher Zufall führen zu einem schwerwiegenden Unfall der Seilschaft. Kleine Fehler werden im Gebirge selten verziehen. Deswegen ist fundiertes Erste-Hilfe-Wissen von zentraler Bedeutung eines jeden Bergsteigers. 

In diesem Kapitel geben wir dir die theoretischen Grundlagen lebensrettender Sofortmaßnahmen mit auf den Weg.

Anzumerken ist, dass Erste Hilfe bereits in der Vorbereitungsphase anfängt. Erste-Hilfe-Set, Biwaksack, Mobiltelefon, Helm und Notfallkarte gehören in jeden Kletterrucksack. Nur so hat der Helfende die passenden Mittel den Verletzten zu versorgen.

BEACHTE: Die theoretischen Grundlagen ersetzen keineswegs eine umfassende Erste-Hilfe-Ausbildung. Die Anwendung in der Praxis sollte jeder Alpinkletterer in einem Erste-Hilfe-Kurs erlernt und geübt haben!


Alpine Notsituation – richtig handeln

Anders als in Gebieten mit gut ausgebauten Infrastrukturen, erschweren ortsspezifische Faktoren eine Rettung im alpinen Gelände. Unzugänglichkeit der Unfallstelle, weiter Zustieg der Rettungskräfte, kein Empfang oder wetterspezifische Faktoren können eine schnelle Rettung verzögern. 

Der Ersthelfer spielt folglich eine lebenswichtige Rolle für die verunfallte Person. Im Notfall muss er als erste Person Hilfe leisten und die Handgriffe der Ersten Hilfe beherrschen. 

Folgender Notfallalgorithmus verdeutlicht wichtige Handlungsanweisungen für den Ersthelfer. 

1. Sicherheit

Durchatmen/ Überblick verschaffen

Selbstschutz

Gruppenschutz

Gefahrenstelle absichern

Rettung aus Gefahrenbereich

Stark blutende Wunde?

2. Bewusstsein prüfen

Der Ersthelfer kniet sich zur verletzten Person hin und spricht diese an. Reagiert die Person nicht auf Ansprache, schüttelt der Ersthelfer sie vorsichtig und spricht sie noch einmal laut an.

Jede Störung des Bewusstseins bedeutet akute Lebensgefahr. Hier haben lebensrettende Sofortmaßnahmen immer Priorität!

Ansprechbar

Beim Ansprechen zeigt der Verunfallte eine situationsgerechte Reaktion

Nicht ansprechbar

Bei Bewusstlosigkeit wird SOFORT der Notruf abgesetzt!

Hilfe holen

Während in einigen Bergregionen noch auf über 4000 Metern Höhe guter Handyempfang herrscht, kann in anderen, abgeschiedenen Bergregionen ein Notruf per Handy nicht möglich sein. Hier kommt das alpine Notsignal als Kommunikationsmittel zum Einsatz. Gleichzeitig kann das Notsignal für die Bergrettung bei Ortungsschwierigkeiten behilflich sein.

Kommt die Rettung per Luft, gibt es nützliche Hinweise, welche die Zusammenarbeit mit dem Hubschrauber erleichtert.

Notruf

Der Notruf wird als erstes per Mobiltelefon abgesetzt.

Wer im alpinen Gelände unterwegs ist, muss im Falle eines Notfalls Erste Hilfe leisten können. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und überlegt zu handeln. Abhängig von der Schwere der Notfallsituation muss umgehend ein Notruf abgesetzt werden: Die richtige Notrufnummer zu kennen, ist für jeden Bergsteiger unerlässlich. 

Ist kein ausreichender Handyempfang am Unfallort gegeben, so galt früher: Handy ausschalten, dieses wieder einschalten (ohne dabei den PIN einzugeben) und anstelle dessen die 112 für den Euro-Notruf eingeben. Das Handy kann nun ein ausreichendes Signal eines anderen Netzanbieters orten. 

Heute verfügen alle Smartphones über eine „Notruf-Funktion“, welche ohne Entsperrung zugänglich ist – und auch ohne Roaming-Netz angezeigt wird. Ist auch über die Notruffunktion kein Empfang bzw. Hilferuf möglich, hilft nur ein Standortwechsel. 



Alpines Notsignal

Ist absolut kein Notruf per Telefon möglich, dient das alpine Notsignal zur Signalisierung der Bergnot. Der Notruf wird per Lichtsignal, Rufzeichen oder Winken abgesetzt und gilt im ganzen Alpenraum.

Abfolge:

  • 6 Zeichen mit 10 Sekunden Abstand / 1 Minute Pause / 6 Zeichen mit 10 Sekunden Abstand / Usw.

Das Zeichen kann ein sichtbares (Stirnlampe, Spiegel, Winken mit Jacke o.a.) oder ein akustisches Signal (Pfeife, Rufe) sein. Der Ablauf wird so lange wiederholt bis eine Antwort kommt.

Die Antwort erfolgt in der Regel durch folgenden Ablauf:

  • 3 Zeichen in einer Minute / 1 Minute Pause / 3 Zeichen in einer Minute

Die Zeichen zwischen Notsignal und Antwort müssen nicht identisch sein.

Das alpine Notsignal sollte auch nach Erhalt von Antwort weiter signalisiert werden, damit die Rettung die Unfallstelle finden kann.

Luftrettung

Der Notruf ist abgesetzt und die Luftrettung ist alarmiert. Die Luftretter sind zwar Profis, dennoch kann der Ersthelfer ihnen im Anflug die Arbeit erleichtern und gleichzeitig sich und seinen Partner vor Gefahren schützen.

  1. Der Helikopter nähert sich der Unfallstelle. Dem Piloten sollte per Zeichen angezeigt werden, dass Hilfe benötigt wird: Mit beiden Armen in die Luft ausgestreckt signalisieren „JA – HILFE“.
  2. Kurz vor der Landung macht der Helikopter häufig einen Sichtungsflug, dreht ab und kommt wieder. Der Ersthelfer sollte bei Abflug nicht panisch werden. Ist der Helikopter schließlich im Landeanflug befinden sich Ersthelfer und verletzte Person an einem sicheren Platz und verharren in Kauerstellung bis der Heli gelandet ist.
  3. Durch die von den Rotoren verursachten Winde entsteht ein sogenannter Down Wash, der lose Gegenstände aufwirbeln kann. Das Material sollte sicher verstaut sein, sodass nichts herumfliegen kann.
  4. Der Helikopter ist gelandet. Entweder kommt die Besatzung zum Helfer und der verletzten Person – oder gibt ein Zeichen, dass diese sich dem Hubschrauber nähern können.

Text: Ortovox
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