Ortovox: In der Wand

Im dritten Kapitel bringen wir dir elementares Wissen des Alpinkletterns näher. Dieses Wissen ist notwendiger Bestandteil einer jeden Seilschaft, um in eine alpine Tour einsteigen zu können.

Inhalt:
Die Spielregeln der Vertikalen
Knotenkunde
Standplatzbau
Sicherungsmethoden – Körpersicherung
Fixpunktübersicht


Die Spielregeln der Vertikalen

Die Verhältnisse passen, die Tour ist geplant und ihr seid bereit! Mit deinem Seilpartner möchtest du rauen Fels unter den Fingern spüren, dich Seillänge für Seillänge zum Gipfel vorarbeiten. Jetzt muss jeder Handgriff sitzen: Vom Knoten bis zum Standplatzbau und dem Abseilen – fundiertes Alpinkletter-Know-How ist gefragt!

Im dritten Kapitel bringen wir dir elementares Wissen des Alpinkletterns näher. Dieses Wissen ist notwendiger Bestandteil einer jeden Seilschaft, um in eine alpine Tour einsteigen zu können. Themen wie die Knotenkunde, der Standplatzbau oder die Verwendung von Fixpunkten spielen eine zentrale Rolle. Am Gipfel angekommen seid ihr als Seilschaft keineswegs am Ende der Tour – im Gegenteil: Der Abstieg kann lang und mühsam sein. Da hier viele Fehler passieren, widmen wir dem Abseilen und dem Abstieg besondere Aufmerksamkeit. 

Erst nachdem du und dein Seilpartner all diese Facetten des Alpinkletterns beherrscht, könnt ihr Fehler vermeiden, erkennen und rechtzeitig handeln.


Knotenkunde

Je nach Situation und Einsatzbereich verwenden Bergsteiger und Kletterer unterschiedliche Knoten.  Sportkletterer kommen in der Regel mit anderen und weniger zurecht als Alpinkletterer. In alpinen Wänden ist die sichere und schnelle Anwendung aller Knoten entscheidend, damit die Seilschaft funktioniert. Sie müssen blind beherrscht werden: im Notfall, in der Dunkelheit, bei Ermüdung oder unter Zeitdruck. Unwissenheit oder Nachlässigkeit kann zu fatalen Fehlern führen.

Insgesamt werden drei Knotenarten unterschieden: Anseilknoten, Verbindungsknoten und Sicherungs- bzw. Klemmknoten. 

BEACHTE: Jeder Knoten stellt eine Schwächung des Seils bzw. des Bandmaterials dar. Deswegen muss er präzise und sauber gelegt sein!  

Halbmastwurf

Der Halbmastwurf gehört zu den Sicherungsknoten und ist genau genommen kein richtiger Knoten, sondern eine Bremsschlinge. Er dient zum Sichern im Vor- und Nachstieg sowie zum Ablassen des Kletterpartners und „läuft“ am besten in einem birnenförmigen Halbmastwurfsicherungs-Karabiner (HMS-Karabiner).




Mastwurf

Der Mastwurf gehört zu den Sicherungsknoten und ist der optimale Knoten für die eigene Selbstsicherung am Stand. Er wird mit einem Verschlusskarabiner in den Zentralpunkt des Standplatzes angebracht. Die Länge des Mastwurfes kann exakt eingestellt und schnell angepasst werden: Hierzu den Mittelsteg des Knotens aufziehen und das Seil in die gewünschte Richtung verschieben. Ein lästiges Aufknoten bzw. ein Auflösen der Selbstsicherung entfällt.




Achterknoten

Beim Anseilen und Einbinden hat sich der Achterknoten in gesteckter Form als Standardanseilknoten etabliert. Er wird beim Sport- und Alpinklettern verwendet.

BEACHTE: Zum Schluss wird der fertige Knoten an allen Strängen noch einmal festgezogen und kontrolliert!




Sackstich

Der Sackstich dient als Verbindungsknoten: Er verbindet zwei Seilenden miteinander und wird vor allem bei geringen Lasten im Bereich des Körpergewichts (abseilen, hochprusiken) oder bei Knoten, die aus der Kletterstellung angebracht werden müssen, (Sanduhr, Knotenschlinge) empfohlen. Obwohl er insgesamt geringere Knotenfestigkeit aufweist, reicht er mit langen Enden für diese Belastungen vollkommen aus. 




Ankerstich

Der Ankerstich ist zum einen ein schneller, einfacher Knoten zur Verbindung von Bandschlingen. Zum anderen können mittels Ankerstich Schlingen an Bäumen fixiert oder eine Selbstsicherungsschlinge am Gurt und in Karabinern angebracht werden.

Vorsicht: Verbindungsknoten wie der Ankerstich sind empfindlich, wenn sie unter Last am Fels aufliegen und scheuern, z.B. beim Verlängern von Toprope-Umlenkungen über Felskanten. Bandmaterial kann so schnell beschädigt werden!




Prusikknoten

Der Prusikknoten ist ein Klemmknoten, der mitunter als Aufstiegshilfe am Seil dient: Unter Entlastung lässt er sich verschieben, bei Belastung klemmt er am Seil. In alpinen Wänden wird der Prusikknoten am häufigsten zur Selbstsicherung beim Abseilen benutzt. Eine Reepschnur wird – abhängig von der Seildicke – zwei- bis dreimal um beide Stränge geschlungen. Beim Abseilen schiebt der Kletterer den Knoten mit. Der Prusik dient so als Sicherung für den abseilenden Kletterer. Üblicherweise wird für einen Prusikknoten eine 5-6 mm dicke Reepschnur – am besten aus Kevlar oder Dyneema – verwendet. 




Bandschlingenklemmknoten


Der Bandschlingenklemmknoten ist eine Alternative zum Prusik, die allerdings nur in eine Richtung optimal hält und in die andere verschoben wird. Dieser Knoten ist besonders für Bandmaterial geeignet, da selbst schmale Schlingen so optimal klemmen.    


“Weiches Auge” / Doppelter Bulin

Am Standplatz braucht der Kletterer einen zentralen Punkt, in welchen die Karabiner zur Selbst- und Partnersicherung eingehängt werden. Als Zentralpunkt kann das „weiche Auge“ dienen. Das „weiche Auge“ wird mit einem doppelten Bulin gelegt und belastet das Bandmaterial wenig. Gleichzeitig besitzt es eine sehr hohe Festigkeit und zieht sich unter Belastung nicht zu. In der Regel wird das „weiche Auge“ mit einer 120 cm Bandschlinge vor der Tour hergerichtet. Während des Kletterns ist die mit zwei Verschlusskarabinern versehene Bandschlinge immer griffbereit. 




Standplatzbau

Der Standplatz ist der „sichere Hafen“ einer Seilschaft. Er soll jeden möglichen Sturz überstehen – im Vorstieg, wie im Nachstieg. So spielt er eine zentrale Rolle in der alpinen Kletterei. 

Auf den ersten Blick scheint ein Standplatzbau komplex: Je nach Fixpunktqualität und Sicherungsmethode muss der Kletterer auf ein anderes System zurückgreifen. Meist entscheidet der Kletterer zwischen einer Reihenschaltung oder einer Kräfteverteilung. In anderen Regionen sind weitere Standplatzsicherungen wie die Südtiroler Methode verbreitet. Grund für die unterschiedlichen Systeme sind die verschiedenen Gegebenheiten wie Anzahl und Qualität der Fixpunkte, die Zugrichtung, die Position zueinander sowie die Sicherungsmethoden. 

Unabhängig vom System besitzt jeder Standplatz einen Zentralpunkt, an dem die Selbstsicherung und die Partnersicherung zusammentreffen. Wichtig ist, dass dieser gut und übersichtlich sortiert ist, um schnell und effektiv arbeiten zu können. 

Wer die Regeln einmal verstanden hat, kann schnell einen sicheren und übersichtlichen Stand bauen!

Wann benutze ich was?

Generell gibt es zwei Arten des Standplatzbaus: eine Reihenschaltung oder eine Kräfteverteilung. Die klassische Reihenschaltung kommt bei soliden Fixpunkten zum Einsatz. Hier wird ein Fixpunkt (Bohrhaken) allein belastet, der zweite, unbelastete Fixpunkt dient als Redundanz. Das heißt für den ersten Fixpunkt gibt es eine Hintersicherung, falls dieser ausbrechen sollte. Die Reihenschaltung kann mit dem Kletterseil oder einer vorher gebauten Standplatzschlinge mit weichem Auge (doppelter Bulin) aufgebaut werden. Dieses System wird ausschließlich an guten Fixpunkten verwendet. 

Die Kräfteverteilung kommt bei fraglichen Fixpunkten wie Normalhaken oder mobilen Sicherungsgeräten zum Einsatz. Hier soll nicht nur ein Fixpunkt belastet werden, sondern die einwirkenden Kräfte auf alle Fixpunkte gleichermaßen verteilt werden. Sollte ein Fixpunkt herausbrechen, nehmen die anderen die Belastung gleichzeitig und ohne Ruck auf. 

MERKE: An fraglichen Fixpunkten IMMER eine Kräfteverteilung aufbauen! 

Reihenschaltung

  • Gute Fixpunkte (Bohrhaken) bzw. mindestens ein solider Fixpunkt
  • Bei der Reihenschaltung wird immer der untere, tiefer gelegene Fixpunkt allein belastet; der zweite wird als passive Redundanz dahinter geschaltet.
  • Die Fixpunkte werden dadurch in Reihe (einer nach dem anderen) belastet, falls der erste ausbrechen sollte

Stand an einem soliden Fixpunkt

Besitzt ein Fixpunkt in allen Richtungen ausreichend Festigkeit, so kann ein Stand an einem Punkt errichtet werden. Neben normkonformen Bohrhaken kann ein Stand mit nur einem Fixpunkt an einem Köpfel, einem Block, einer armdicken Sanduhr oder einem dicken Baum errichtet werden.

Besteht die Gefahr, dass bei einer Sturzeinwirkung nach oben der Fixpunkt versagt (z.B. bei einem Köpfelstand), muss der Fixpunkt verspannt werden. Ist das nicht möglich, dann wird er in Ausnahmefällen mit dem Körpergewicht des Sichernden verspannt. In diesem Fall wird über Körper und einen Dummy-Runner am Fixpunkt gesichert. Der Dummy-Runner verhindert, dass der Stürzende in den Sichernden fallen kann: Er bezeichnet eine Zwischensicherung am Stand, die garantiert, dass bei einem Stand-Sturz der Sturzzug im Sicherungsgerät nach oben wirkt und der Sichernde den Sturz halten kann. 

Ist ohne großen Aufwand eine Möglichkeit gegeben Redundanz zu schaffen, dann immer eine klassische Reihenschaltung einrichten!

Stand am Baum

Bäume können als Standplatz verwendet werden. Hierzu wird eine Schlinge mit Ankerstich um den Baum gelegt, damit sie nicht nach oben wandern kann. Ein Standplatzbaum sollte dabei noch grün sein, das heißt, er ist nicht abgestorben oder morsch. Der Durchmesser des Baumes sollte mindestens die Dicke eines Beins aufweisen.

Stand an einer Sanduhr

Um an einer Sanduhr Stand machen zu können, sollte diese an der schwächsten Stelle mindestens armdick sein und keine Risse aufweisen. Hierfür legt der Kletterer eine Bandschlinge um die Sanduhr. Es wird kein Ankerstich verwendet, da diese automatisch an den dünnsten Punkt der Sanduhr wandert, an welchem die Festigkeit am geringsten ist. Stattdessen fädelt der Kletterer eine Bandschlinge in die Sanduhr, sodass sich diese bei Belastung auf den Sockel – den solidesten Punkt der Sanduhr – legt. 

Stand am Felskopf

Im alpinen Gelände wird oft an soliden Felsköpfeln Stand gemacht und nachgesichert. Vorsicht: Kann die Schlinge bei einem Vorsteigersturz nach oben oder zur Seite abgehoben werden, muss der Zentralpunkt verspannt werden. Ist das nicht möglich muss dieser mit dem Körpergewicht verspannt werden und es kommt ein Dummy-Runner zum Einsatz. 

Stand an zwei soliden Fixpunkten

Klettert man in einer Route, deren Standplätze mit jeweils zwei soliden Bohrhaken eingerichtet sind, kommt eine Reihenschaltung zum Einsatz. Wenn in Wechselführung geklettert wird, kann der Stand statt mit der Bandschlinge auch mit dem Kletterseil aufgebaut werden: Hierzu in beide Fixpunkte einen Karabiner einhängen, sich selbst mit dem Mastwurf am unteren Fixpunkt – der gleichzeitig Zentralpunkt ist –  sichern und schließlich mit dem Seil am zweiten Karabiner einen Mastwurf legen.

Wenn nicht klar ist, wer vorsteigt, sowie bei permanenter Führung oder einer Dreierseilschaft, wird der Stand mittels Standplatzschlinge gebaut (siehe Grafik). 

Das weiche Auge der Schlinge dient am unteren Fixpunkt als Zentralpunkt. Hier sichert man sich selbst. Anschließend wird der obere Fixpunkt dazu geschalten und die Schlinge entsprechend mittels Sackstich oder Mastwurf verkürzt. 

  • Vorbereitete Standplatzschlinge einhängen
    Das weiche Auge bildet den Zentralpunkt am unteren Fixpunkt.

  • Selbstsicherung einhängen
    Zur Selbstsicherung wird das Seil in der entsprechenden Länge mittels Mastwurf im Verschlusskarabiner eingehängt. 
  • Sicherungsgerät einlegen
    Jetzt wird das Sicherungsgerät eingehängt (Platte/Tuber zum Nachsichern, HMS oder Tuber für Vorstiegssicherung).

Stand an einem soliden und einem mobilen Fixpunkt

Eine Reihenschaltung kann auch bei zwei ungleich guten Fixpunkten angewandt werden, wenn ein solider Fixpunkt vorhanden ist. Neben dem soliden Fixpunkt können Normalhaken, Klemmkeile oder Klemmgeräte als zweiter Fixpunkt dienen. 
Die Reihenschaltung kann entweder mit dem Seil(bei Wechselführung) oder mittels Standplatzschlinge aufgebaut werden. Wichtig ist dabei, dass der Zentralpunkt immer am unteren der beiden Fixpunkte platziert wird – unabhängig von der Qualität.

Ist man sich bezüglich der Qualität des „soliden“ Fixpunktes nicht sicher, wird im Zweifel eine Kräfteverteilung aufgebaut!

Kräfteverteilung

  • Bei mobilen oder zweifelhaften Fixpunkten, wird die Belastung auf alle Fixpunkte möglichst gleich verteilt
  • Sollte einer ausbrechen, fangen die anderen die Belastung auf, ohne, dass ein Ruck entsteht
  • Alle Fixpunkte sind als aktive Redundanz miteinander verbunden

Stand an zwei mobilen Fixpunkten

Sind zwei mobile oder nur zwei fragliche Fixpunkte vorhanden, sollte der Standplatz verbessert werden. Geht das nicht und ist ebenfalls kein anderer Standplatz erreichbar, dann muss der Kletterer eine Kräfteverteilung aufbauen. Die Kraft wird auf beide Fixpunkte am Stand verteilt. Im Falle eines Sturzes ist die Kraft möglichst gleichmäßig auf beide Fixpunkte verteilt und bei Ausbruch eines Punktes kommt es zu keinem zusätzlichen Krafteintrag. 

Bei zwei mobilen oder fraglichen Fixpunkten (z.B. Normalhaken), hängt der Kletterer für die Kräfteverteilung eine ausreichend lange Schlinge in den oberen und unteren Fixpunkt ein. Dann hängt er mit dem Mastwurf oder Ankerstich einen Zentralpunktkarabiner ein.

Südtiroler Stand

Beim Südtiroler Stand verwendet der Kletterer keine Karabiner in den Fixpunkten. Stattdessen wird der Stand mit einer vernähten Bandschlinge oder einer offenen Kevlar- oder Dyneema-Reepschnur aufgebaut, um schnell und einfach mehrere Fixpunkte zu verbinden. Um das Anbringen und Lösen zeitaufwendiger Knoten zu vermeiden, wird der Zentralpunktkarabiner mit einem Ankerstich in die Schlinge geknüpft. 

Wird eine offene Kevlar- oder Dyneema Reepschnur verwendet, wird diese nach dem Fädeln mit einem einfachen Sackstich verknotet.

Standbau an mehreren mobilen oder fraglichen Fixpunkten

Bei einem Stand mit mehreren fraglichen oder mobilen Fixpunkten, wie z.B. an Normalhaken, Keilen oder Klemmgeräten, muss eine Kräfteverteilung aufgebaut werden. Mit einer langen Reepschnur aus Dyneema oder Kevlar (5,5 mm; 6 – 7 m) oder einer langen, vernähten Dyneema-Bandschlinge (2,5 m), werden alle Fixpunkte miteinander verbunden. Offene Kevlar- oder Dyneema Reepschnüre werden mittels Sackstich verknotet. Der Zentralpunkt wird mit einem Ankerstich um den Verschlusskarabiner eingeschlauft. 

Durchfädeln durch alle Fixpunkte
Dazu wird die offene Reepschnur durch alle Fixpunkte durchgefädelt und dann mit einem Sackstich verknotet.

Zentralpunkt aufbauen 
Jetzt zieht man alle Schlingen-Abschnitte zwischen den Fixpunkten nach unten und schafft mit einem Verschlusskarabiner einen Zentralpunkt, indem man einen Ankerstich auf den Karabiner legt.

Selbst- und Partnersicherung
Nun wird wiederum die Selbst- und Partnersicherung im Zentralpunkt eingehängt.


Sicherungsmethoden – Körpersicherung

Beim Klettern hat man das Leben des Kletterpartners sprichwörtlich in den Händen. Das Beherrschen der Partnersicherung in jeder Situation ist deswegen von ungemeiner Wichtigkeit. 

Im alpinen Gelände unterscheiden wir drei unterschiedliche Sicherungsmethoden: 

  1. Körpersicherung 
  2. Fixpunktsicherung  
  3. Zentralpunktsicherung an der Kräfteverteilung

Körpersicherung

Bei der Körpersicherung ist der Sichernde Teil der Sicherungskette:
Das Sicherungsgerät für den Vorsteiger wird am Sicherungsring des Gurtes aufgehängt. Mit der Körpersicherung kann meist direkter und mit weniger Schlappseil gesichert werden. Nachteilig an der Körpersicherung ist, dass der Kletterer Teil der Sicherungskette ist und der Bremsweg sowie die Sturzweite größer wird, da der Sichernde im Sturzfall nach oben gerissen wird.  

Voraussetzung für eine Körpersicherung ist, dass der Kletterer Erfahrung im Umgang mit der Körpersicherung besitzt und dass der Gewichtsunterschied der Kletterer nicht zu groß ist. Zudem muss am Stand ein Dummy-Runner eingehängt werden. Der Dummy-Runner verhindert, dass der Stürzende in den Sichernden fallen kann: Er bezeichnet eine Zwischensicherung am Stand, die garantiert, dass bei einem Stand-Sturz der Sturzzug im Sicherungsgerät nach oben wirkt und der Sichernde den Sturz halten kann. 

Als Sicherungsgerät können dynamische oder halbautomatische Geräte verwendet werden. Empfohlen wird die Körpersicherung, wenn folgende Punkte gewährleistet sind:

  • Der Sturzzug wirkt nach oben, nicht zur Seite (Quergang) oder nach unten.
  • Der Sichernde kann nach oben gezogen werden und würde nicht gegen einen Überhang prallen.
  • Der Sichernde besitzt ausreichend Bremsweg, er hat eine lange Selbstsicherungsschlinge.
  • Die Zwischensicherungen sind gut (Bohrhaken) und in akzeptablen Abständen (maximal drei bis fünf Meter). Die maximal mögliche Sturzenergie bleibt überschaubar
  • Der Sichernde ist das Halten von Stürzen über den Körper gewöhnt und das Gewicht von Sicherndem und Kletterer ist ähnlich.

Fixpunktsicherung

Bei der Fixpunktsicherung wird das Sicherungsgerät im Zentralpunkt des Standplatzes eingehängt. Der Zentralpunkt kann ein Verschlusskarabiner, das Weiche Auge oder auch die Hakenöse sein. Als Sicherungsgerät muss ein dynamisches Gerät (HMS/ Tuber) verwendet werden.

Voraussetzung für eine Fixpunktsicherung ist ein solider Fixpunkt, da der Sturzzug in jede Richtung auf den Fixpunkt einwirken kann. Der Vorteil dieser Sicherung liegt darin, dass der Kletterer nicht Teil der Sicherungskette ist und dadurch keine Kräfte auf ihn einwirken. Bei der Fixpunktsicherung ist im Falle eines Sturzes der Bremsweg kürzer und somit die gesamte Sturzhöhe am kleinsten. Nachteilig ist, dass durch den kurzen Bremsweg der Anprall des Stürzenden an die Wand härter werden kann. 

Zentralpunktsicherung an der Kräfteverteilung

Bei der Zentralpunktsicherung an der Kräfteverteilung liegt die Sicherung an einem Punkt zwischen Fixpunkt und Körper. Sie kommt zum Einsatz, wenn keine zuverlässigen Fixpunkte am Stand gegeben sind (keine Bohrhaken) oder mit mobilen Fixpunkten gearbeitet wird. Hierbei werden zwei bis fünf Punkte so verbunden, dass alle gleichzeitig die Sturzenergie in den Zentralpunkt aufnehmen können. Beim Ausbruch eines Punktes entsteht kein zusätzlicher Krafteintrag (Ruck) im System. Optimal werden solche Stände mit der „Südtiroler Methode“ aufgebaut. Hierbei wird ein Verschlusskarabiner mit Ankerstich als Zentralpunkt verwendet und ein Knoten vermieden.

Wenn möglich sollte der Zentralpunkt bei der Sicherung abgespannt werden, da im Falle eines Standsturzes der Sichernde gegen die Wand prallen kann. Gibt es keine Möglichkeit zum Abspannen muss sich der Sichernde auf die Möglichkeit nach oben gerissen zu werden einstellen.

Die Wahl der Sicherungsmethode bleibt immer situationsabhängig!


Fixpunktübersicht


Fixpunkte und Haken in der Wand

Im Gegensatz zu Sportklettergebieten sind in alpinen Routen meist keine soliden Bohrhaken in regelmäßigen Abständen eingebohrt. Besonders in leichteren alpinen Touren sind die Hakenabstände weit, kaum vorhanden oder von fragwürdiger Qualität. In bestimmten Routen wird zudem bewusst auf Bohrhaken verzichtet, um den klassischen und alpinen Charakter einer Tour zu bewahren. In solchen Routen muss selbstständig abgesichert werden – oder bei fragwürdigen Schlaghaken zusätzliche Fixpunkte platziert werden. Das gilt für Zwischensicherungen genauso wie für den Standplatzbau. Das Anbringen und die Bewertung von vorhandenen Fixpunkten sind damit von extremer Wichtigkeit in alpinen Touren. 

Ein guter Alpinkletterer erkennt mögliche Fixpunkte schnell und beherrscht den Umgang von mobilen Sicherungsgeräten. 

Bohrhaken

Es gibt zwei Klassen von Bohrhaken: Klebehaken (formschlüssige Systeme) und Spreizdübel (mechanische Systeme). Beide Systeme sind sichere Fixpunkte, wenn sie im soliden Fels richtig gesetzt sind.

Klebehaken

Formschlüsselelemente

„Formschlüssige Systeme“ werden umgangssprachlich als Klebehaken bezeichnet. Korrekt gesetzt bieten sie die höchsten Festigkeitswerte. Allerdings sind sie gleichzeitig extrem anfällig für Setzfehler.

Anbringung

Nachdem das Bohrloch ausgeblasen ist (vom Bohrstaub befreit), wird ein geeigneter Kleber (Mörtel) mit Schwerzulassung verwendet. Das Ablaufdatum sowie die Anwendungsanweisungen des Mörtels müssen dabei unbedingt eingehalten werden. Insgesamt ist das Anbringen komplex und sollte nur nach Einweisung und mit entsprechender Erfahrung gemacht werden.

Mechanische Systeme
Spreizdübel sind die am meisten verbreiteten Bohrhakensysteme. Sie sind zum einen nicht zu kostenintensiv und zum anderen lassen sie sich einfach Montieren und zeigen eine hohe Festigkeit.


Anbringung
Wenn keine Hohlräume oder Risse im Fels vorhanden sind, kann der Spreizdübel im Abstand von mindestens 15 cm zu Kanten und Rissen im Fels angebracht werden. Der Bohrhakendübel muss bis zum Anschlag im Bohrloch verschwinden. Außerdem wird er so platziert, dass ein Karabiner beim Sturz nicht auf Biegung belastet wird.

Normalhaken

In klassischen alpinen Routen gibt es häufig „Normal-Haken“ – auch Schlaghaken genannt. Neben unterschiedlichen Formen gibt es auch Unterschiede beim Material: Hartstahlhaken kommen im Granit zum Einsatz, Weichstahlhaken eher im Kalkstein.

Weichstahlhaken

Der Weichstahlhaken soll sich dem Rissverlauf anpassen. Beim Einstecken muss ein Drittel der Gesamtlänge im Riss sein und er sollte beim Einschlagen „singen“. D.h. der Haken erzeugt von Hammerschlag zu Hammerschlag einen immer höheren Ton.

Hartstahlhaken

Hartstahlhaken verklemmen sich durch das Einschlagen im meist parallelen Granitriss. Deswegen sollte er bis zu zwei Drittel der Gesamtlänge eingesteckt werden können und bis zum Anschlag eingetrieben werden. Auch er sollte dabei „singen“.

Natürliche Fixpunkte

Sanduhrschlingen, Baumschlingen oder Köpfelschlingen sind natürliche Fixpunkte. Sie können, wie die anderen Fixpunkte auch, zur Zwischensicherung oder zum Standplatzbau verwendet werden. Zum Absichern kommen hier Reepschnüre sowie Bandmaterial aus Dyneema oder Kevlar zum Einsatz.

Der Baum als Fixpunkt

Bäume, Wurzeln, Äste und Latschen können als Fixpunkt dienen. Hierzu wird eine Bandschlinge im Ankerstich um den Baum gelegt, damit sie nicht nach oben wandert. Als Material eignen sich entweder vernähte Bandschlingen aus Dyneema, Polyamid und Mischgewebe oder Reepschnüre aus Dyneema, Kevlar oder Polyamid. Ein Baum als Fixpunkt sollte grün sein, das heißt, sie sind noch nicht abgestorben oder morsch. Der Durchmesser dieses natürlichen Fixpunktes sollte mindestens Beindicke besitzen.

MERKE: Ein direktes Umlenken um einen Baum ist ein No-Go, weil die Rinde beschädigt wird. Stattdessen wird eine Schlinge mit Ankerstich um den Baum gelegt und in einem Karabiner umgelenkt.

Die Sanduhr als Fixpunkt

Um eine Sanduhr als Fixpunkt nutzen zu können, sollte diese an der schwächsten Stelle mindestens armdick sein und keine Risse aufweisen. Mit Bandmaterial oder Kevlar-/Dyneema-Reepschnüren kann der Kletterer sich eine Zwischensicherung oder einen Fixpunkt zum Standplatzbau schaffen. Bei dünnen oder tiefen Sanduhren ist steifes und reißfestes Material wie Kevlar-Reepschnüre ideal. Beim Legen wird kein Ankerstich verwendet, da dieser sonst automatisch an den dünnsten Punkt der Sanduhr wandert, an welchem die Festigkeit am geringsten ist. Stattdessen legt der Kletterer die Schlinge ringförmig um die Sanduhr, sodass sich diese auf den Sockel – den solidesten Punkt der Sanduhr – legt.

Der Felskopf als Fixpunkt

Im alpinen Gelände wird häufig an soliden Felsköpfeln Stand gemacht oder eine Zwischensicherung gelegt. Der Kletterer verwendet hier Bandmaterial, weil es weniger schnell „abrollt“ als Reepschnüre. Dyneema-Bandschlingen oder Bandschlingen aus Polyamid oder Mischgewebe sind empfehlenswert. Beim Platzieren ist wichtig, dass die Bandschlinge tief und gut hinter dem Köpfl sitzt. Teilweise ist es deswegen sinnvoll die Schlinge doppelt zu legen und mittels Knoten abzubinden, um ein Abheben durch das Seil zu verhindert.

Vorsicht am Standplatz: Kann die Schlinge beim Sturz nach oben oder zur Seite abgehoben werden, muss der Zentralpunkt verspannt werden oder zur Not mit dem Körpergewicht verspannt werden. Hier muss mit einem Dummy-Runner gesichert werden.

Mobile Fixpunkte

Klemmgeräte und Klemmkeile sind mobile Sicherungsgeräte, da diese aus der Kletterstellung in den Fels gelegt und vom Nachsteiger wieder entfernt werden.

Cams

Klemmgeräte sind verstellbare und keilförmige Körper, die im alpinen Gelände als Absicherung dienen. Sie funktionieren meist nach dem „Kniehebelprinzip“, um in Felsrissen eine ausreichend hohe Reibwirkung an den Wänden zu erzeugen. Dabei können sie eine Belastung (Sturz) in Längsrichtung aufnehmen.

Beim Alpinklettern werden Cam (Camalot)-Systeme verwendet, die mit drei oder vier Segmenten hergestellt werden und eine oder zwei Achsen haben. Cam-Systeme mit einer Achse, an der sich drei oder vier Segmente befinden, werden meist als „Friend“ bezeichnet. Beim Cam sind die vier Segmente auf zwei Achsen montiert. Dadurch lassen sie sich weiter zusammenziehen und decken eine größere Rissbreite ab als bei einachsigen Systemen. Bei Cam-Systemen (Friend und Cam) ist ein flexibler Steg heute zum Standard geworden. So können die Geräte auch in Querrissen oder Löchern platziert werden.

Cams müssen in Zugrichtig gelegt werden und flächig an den Risswänden anliegen. Am besten sind sie im mittleren Segmentwinkel platziert. Der Fels, in dem der Cam platziert ist, muss solide sein, da bei Belastung das doppelte der Zugkraft (F) als Sprengwirkung auf die Flächen ausgeübt wird. Damit der Cam von der Seilbewegung in seiner Position nicht verändert wird, benutzt der Kletterer eine verlängerbare Expressschlinge.

Klemmkeile

Klemmkeile sind nicht verstellbare und keilförmige (konische) Klemmgeräte, die zur zusätzlichen Absicherung im alpinen Gelände dienen und eine Belastung in Längsrichtung aufnehmen können. Im Vergleich zu Klemmgeräten klemmen sie passiv in Felsverengungen – Klemmgeräte dagegen verspreizen sich aktiv auch in parallelen Rissen. Klemmkeile können verschiedene Grundformen besitzen und werden deswegen in Stopper, Hexentrics oder Tricams unterteilt. Genauso wie Klemmgeräte unterliegen sie einer bestimmten Norm, was die Festigkeit angeht. Formen und Größenangaben können hingegen variieren.

Um den Klemmkeil aus dem Riss zu entfernen, braucht der Nachsteiger einen Klemmkeilentferner. Dieser wird entgegen der Hauptbelastungsrichtung des Klemmkeils – meist von unten – gegen den Klemmkeil gedrückt bzw. leicht geschlagen.

Keile müssen dem Riss entsprechend ihrer Größe und Form angepasst sein. Am besten ist es, wenn der Keil bereits im unteren Drittel im Fels klemmt und möglichst viel Fläche an der Wand aufliegt. Er muss ebenfalls in Zugrichtung gelegt werden. Bei weichem Fels wie Sandstein oder Kalk können kleine Felsnasen bspw. durch die Sprengwirkung ausbrechen und der Keil heraus fliegen. Deswegen muss der Fels solide sein, da hier die Belastung eine Sprengwirkung bis zum vierfachen der Zugkraft (F) auf die Fläche ausübt.


Text: Ortovox
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