SLOW TRAVEL IN SKANDINAVIEN

Nur den Horizont als Ziel

Von Conny und Sirko Trentsch – www.nordlandblog.de

Absolute Stille! Diese Art von Stille, die man quasi hören kann. Um uns herum nur die Ursprünglichkeit als auch die Weite der umliegenden Natur, die sich kaum erahnen aber stattdessen förmlich riechen lässt. Dazu dringt der Anblick des unglaublichen Farbenspiels abertausender herbstlicher Farbnuancen ebenfalls bis in die Seele. Ein Hochgenuss für alle Sinne – erleben mit allen Sinnen. 

Ein nahezu unbeschreiblicher Frieden prägt diesen unbezahlbaren, glückseligen Moment, der sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennt und von dem wir ganz sicher noch zehren werden, wenn der Alltag mal wieder (zu) laut oder hektisch wird. Ein Ort inmitten einer mythisch schönen Kulisse, den dennoch kein Reiseführer empfiehlt und der bislang keinen einzigen Instagram-Hashtag vorweisen kann – uns aber verzaubert und in Demut zurücklässt, als wären wir Statisten in einem einzigartigen Gemälde.

Die Kunst des langsamen Reisens

Nein – wir sind nicht im Urlaub, wie er nur allzuoft in schillernden Hochglanz-Prospekten angepriesen wird, sondern einfach auf einer genussvollen Reise; folgen keiner festgelegten Route – haben stattdessen den Horizont als Ziel gewählt. Weder eine feste Planung noch eine ToDo Liste treiben uns oder bestimmen die Geschwindigkeit. Vielmehr gibt der Stand der Sonne den gleichmäßig entspannten Takt vor und lediglich das ewig währende Fernweh sowie die Neugier treiben uns voran. Der tägliche Wetterbericht ist auf diesem Roadtrip durch den Norden Europas unser perfekter Kompass.

Wir haben (auch) diese Reise intensiv vorbereitet, aber eben nicht im Detail geplant oder, besser gesagt, verplant. Das ist für uns kein Widerspruch und so laden wir euch nun ein, mehr über unsere Art des Reisens zu erfahren und gemeinsam in die Slow Travel-Welt mit dem Wohnmobil einzutauchen.

Vorbereiten statt Planen

Aus unserer Erfahrung ist es durchaus empfehlenswert, sich ausgiebig auf eine Reise vorzubereiten, um diese dann umso entspannter genießen zu können und unterwegs lieber echte Abenteuer zu erleben statt sich zum Beispiel bei der Einreise mit bösen Überraschungen auseinanderzusetzen. Dabei geht es aber eben nicht um die Erstellung ewig langer Auflistungen irgendwelcher Hotspots oder die Planung täglich neuer Aktivitäten auf endlosen ToDo-Listen, die auf einer Reise ohnehin nur allzuoft den Terminplaner im Büro ersetzen. 

Vielmehr informieren wir uns über die jeweiligen Länder, nationale Gepflogenheiten und eventuelle Formalitäten oder Bestimmungen, die es im Vorfeld der (Ein)Reise zu beachten gilt. So gelten in einigen nordeuropäischen Ländern, insbesondere in Norwegen und Island, da diese nicht Mitglied der Europäischen Union sind, länderspezifische Besonderheiten bei den Zollbestimmungen aber mitunter auch beim Roaming einiger Mobilfunkanbieter. Das ist gerade dann wichtig, wenn man auf ein hohes Datenvolumen angewiesen ist, denn nicht überall in Skandinavien kann man als Tourist ohne Weiteres die gewünschten Prepaid-Pakete erwerben. 

Ebenso lassen sich (sau)teure Überraschungen nach langen Reisen vermeiden, wenn man sich frühzeitig mit dem leidigen Thema Maut in Skandinavien auseinandersetzt. Ansonsten liegt nach der Rückkehr im heimischen Poststapel wahrscheinlich nicht nur eine entsprechende Maut-Rechnung aus Schweden oder Norwegen sondern auch bereits eine Mahnung, die schon beim ersten Mal wenigstens 50.- € kostet.

Daher ist es ratsam sich zumindest vor längeren Trips entweder bei EPASS24 – dem Inkassounternehmen für die Maut in Norwegen und Schweden – zu registrieren und dort eine Kreditkarte zu hinterlegen oder gleich einen der derzeit fünf zugelassenen Transponder (Mautbox) zu bestellen, da sich auf diese Weise durch günstigere Tarife und weitere Ermäßigungen das Reisebudget beachtlich schonen lässt. 

Wenn der Kapitän das Tempo bestimmt

Zumindest für uns führen alle Wege in den Norden – aber dennoch muss man erst einmal hinkommen…. Wer gänzlich unabhängig, zeitlich ungebunden und frei reisen möchte, kann zumindest für die Anreise nach Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen den Landweg über die Storebæltbrücke und die Öresundbrücke wählen und so auf eine Fährpassage verzichten. 

Alternativ gibt es verschiedene Fährrouten unterschiedlicher Reedereien, wobei wir uns in der Regel zumeist für eine der längeren Passagen ab Norddeutschland entscheiden. Auf diese Weise wird die Fährüberfahrt gleichzeitig zur Zwischenübernachtung und man erreicht den Zielhafen dementsprechend ausgeruht. 

Überdies ist es für uns der perfekte Einstieg in unseren Slow-Travel-Roadtrip: Wir fahren an Bord, blicken wenig später von der Reling ein letztes Mal zurück und gleiten über das Meer unserem Ziel entgegen. Ein wahnsinnig gutes Gefühl von Loslassen, Abenteuerlust, Neugierde und fast spontaner Entschleunigung – denn schon bald nach dem Ablegen reicht der Blick bis zum Horizont und alleine der Kapitän bestimmt das Tempo. 

Die sanfte Dünung ist kaum zu spüren und die Meeresluft schmeckt herrlich nach Salz. Der Alltag scheint bereits unendlich weit weg und wir freuen uns auf Entdeckungen, Abenteuer und eine entspannte Zeit mit dem Wohnmobil in Nordeuropa.

Ankommen, Fortkommen und Runterkommen

Nach der Ankunft ein unvermeidlicher Blick in die Wetter-App YR vom norwegischen Wetterdienst: Wie sind die langfristigen Wetteraussichten….? Die Prognose bestimmt letztendlich die Richtung unserer Route an diesem Tag. Dabei weichen wir aus Prinzip und so oft es geht, den Hauptverkehrsstraßen aus, um vielmehr auf Nebenstrecken die jeweilige Region zu erkunden. Oft folgen diese Strecken der Küstenlinie, bieten ein entspannteres Fahren als im Fernverkehr auf den Europastraßen und führen zu den weniger bekannten abgelegenen Zielen. 

So würde man den imposanten Aussichtspunkt Stegastein über dem Aurlandsfjord (Norwegen) verpassen, wenn man nicht der historischen Route über den Berg sondern stattdessen der schnelleren Wegstrecke auf der Europastraße E16 durch den modernen Lærdalstunnel folgt. Nur wenige Kilometer östlich davon bietet die Europastraße mit ihren Tunneln ebenfalls einen deutlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeit als die frühere Verbindung auf der Straße 630, die sich in atemberaubender Weise zwischen dem Ufer des Læerdalselvi und steilen Felsformationen entlang schlängelt. 

Der Zauber dieser Landschaften wird einem verborgen bleiben, wenn es darum geht, auf schnellstem Weg und in kürzester Zeit eine Vielzahl ultrapopulärer Attraktionen abzufahren.

Es gäbe unzählige weitere Beispiele für den besonderen Reiz der Nebenstrecken oder historischen Routen in ganz Nordeuropa – gerade weil diese meist noch als Alternative zu den vielen neu errichteten Tunneln, Brücken oder Schnellstraßen zur Verfügung stehen. Insofern empfehlen wir, nicht nur den Weg zum Ziel zu machen, sondern den Umweg oder die weniger ausgebauten Straßen – auch mal als Stichfahrt ins Nirgendwo – besonders zu genießen. 

@Camping-Lust statt #Vanlife-Frust

Zuhause ist dort, wo wir übernachten. In diesem Sinne brauchen wir irgendwann einen Stellplatz für die Nacht – idealerweise fernab eines riesigen Campingplatzes, der eher einem Heerlager als einem Ort der Erholung ähnelt. Zugleich haben wir gerade in den letzten Jahren erfahren müssen, dass sowohl die Vielzahl an Wohnmobilen als auch einige unsägliche Apps zu immer stärkeren Beschränkungen bei allen anderen Stellplatz-Optionen geführt haben. 

Wenn vor vielen Jahren sporadisch über Nacht ein einzelnes Wohnmobil an der Badestelle des Dorfes oder dem Angelplatz der Einheimischen geparkt wurde, hat das Niemanden gestört. Doch mittlerweile entstehen an diesen Plätzen allsommerlich regelrechte Wohnmobil-Wagenburgen und aus gutem Grund steht an dieser Stelle kurze Zeit später das berüchtigte Schild „No overnight parking“. 

Kein Stellplatz für die Nacht … ?!?! Stress und Ärger scheinen vorprogrammiert, müssen aber nicht sein. In allen nordeuropäischen Ländern gibt es mittlerweile alternative Stellplatz-Konzepte, die oft kostenlos oder gegen einen geringen Obolus eine Übernachtung in einer meist traumhaften Umgebung versprechen. So bieten immer mehr Bootsvereine in ihren Häfen fantastische Stellplätze für Wohnmobile an, ebenso wie Bauern auf ihren Höfen, Vereine, Kommunen oder andere private Anbieter. 

In der Regel sind diese Angebote über eine Kasse des Vertrauens mit Bargeld zu bezahlen – ein guter Grund, sich nach der Einreise am Geldautomaten mit der jeweiligen Landeswährung zu versorgen. Ganz sicher kommt man – gerade in der Hauptsaison – so deutlich flexibler, spontaner und damit entspannter durchs Land.

Ferien auf dem Bauernhof

Mittlerweile haben sich in Dänemark, Norwegen und Schweden Anbieter etabliert, die in ähnlicher Weise wie „Landvergnügen“ in Deutschland Wohnmobil-Stellplätze bei kleinen, zumeist landwirtschaftlichen Betrieben anbieten. Nach dem Kauf einer Jahresvignette (derzeit rund 40.- € bis 60.- €) erhält man Zugang zu einem Guide und damit einen Überblick über die teilnehmenden Anbieter, die man daraufhin für eine kostenlose Übernachtung aufsuchen kann. 

Eine überzeugendes Konzept, denn so entsteht ein unschätzbarer Mehrwert für alle Beteiligten. Die meist ländlichen und mitunter abgelegenen Betriebe erhalten zusätzliche Chancen, ihre Angebote und Produkte zu vermarkten oder bekannt zu machen. Im Gegenzug erhält man mühelos Zugang zur lokalen Community und dadurch die Chance, mit einigen echten Insider-Tipps die Reise fortzusetzen. 

Häufig füllen wir auch gleich unsere Vorräte direkt im Hofladen unseres jeweiligen Wirtes auf und wissen diese lokal produzierten Lebensmittel umso mehr zu schätzen. Unvergessen bleibt auch die spannende Einladung auf eine selbst gebackene Pizza auf einem Weingut in Dänemark oder das kühlschrankkalte Bier bei unserer Ankunft in einer kleinen Brauerei unweit von Kopenhagen.

In Dänemark bietet PINTRIP auf diese Weise den Zugang zu über 300 Anbietern an, die als Wirte entsprechende Stellplätze auf ihren Grundstücken anbieten. Analog dazu gibt es in Norwegen bei NORTRIP inzwischen 170 Mitgliedsbetriebe mit den passenden Übernachtungsangeboten – Tendenz stark steigend. Und wer in Schweden unterwegs ist, kann bei SWEDESTOPS auf rund 100 Stellplätze nach dem Erwerb der obligatorischen Vignette zurückgreifen.

Der Van als Basecamp

Wer sich auf einen Slow-Travel-Roadtrip durch Skandinavien einlässt, wer den Alltag in Deutschland loslässt, wird im Norden Europas fast zwangsläufig einige kostbare Naturparadiese entdecken. Oft lassen sich diese abgelegenen Orte inmitten teils urwüchsiger Natur ganz allein genießen und bieten sowohl Platz, Raum und Gelegenheit, um wieder zu sich selbst zu finden, die eigenen Grenzen zu erfahren, unglaublich Abenteuer fernab der Zivilisation zu erleben und den persönlichen Kompass zu justieren. Nach einer mehrtägigen Wanderung oder Kajaktour durch die weite Landschaft erscheint euch nach der Rückkehr der eigene Van garantiert wie ein Luxus-Reisemobil.

Deshalb lieben wir es, unseren Van als Basecamp für längere Wanderungen oder Rad- und Skitouren zu nutzen. Von den Parkplätzen neben einem der zahlreichen Nationalparks führen in der Regel außergewöhnliche Trails durch ikonisch schöne Landschaften. Um diese nach Lust und Laune zu erkunden oder einfach nur eine Nacht auf einem Gipfel oder in einer entlegenen Bucht verbringen zu können, liegt in unserer Heckgarage immer das komplette Equipment für eine Übernachtung im Zelt. Natürlich ist auch die Ausrüstung für verschiedene Wanderungen mit an Bord, da diese nur wenig wiegt und kaum Platz wegnimmt.

Alle anderen Ausrüstungsgegenstände, die wir in der Regel ungeplant und spontan nutzen (wollen) oder die bei längeren Reisen einfach zu viel Platz kosten würde, leihen wir in der Regel vor Ort aus – angefangen bei Kajaks oder Gravelbikes. In jedem Fall gehören die kleinen Auszeiten in der Weite der skandinavischen Landschaft für uns untrennbar zu einem entspannten Trip. Letzten Endes sind es meist auch genau diese selbst geschaffenen Momente auf einem Gipfel, an einem Seeufer neben dem Lagerfeuer oder einfach mit dem weiten Blick zum Horizont, die für uns so kostbar sind und als unschätzbar wertvolle Erinnerung mitgenommen werden.

Work and (Slow) Travel

Es scheint oft ein schwer umsetzbarer Traum zu sein: Sich über Wochen oder Monate mit dem Van durch Nordeuropa treiben lassen, nur den Horizont als Ziel zu haben, die Rückreise (noch) nicht planen zu müssen und endlich einmal das Gefühl unendlicher Freiheit zu spüren. Allerdings reichen bereits zwei bis drei Wochen für eine entspannte und erholsame Slow-Travel-Reise vom Allerfeinsten – wenn man eben nicht Stress, Hektik und Probleme des Alltags mitnimmt oder gegen Reisestress eintaucht. 

Wer gern einmal kocht, weiß aus Erfahrung, dass die ewig gleichen Rezepte aus dem Kochbuch irgendwann kaum noch eine Überraschung und nur selten neue Geschmackserlebnisse bieten. Diese sind hingegen garantiert, wenn man einfach mal aus vorhandenen Zutaten etwas Neues kreiert oder bislang unbekannte Variationen auf kreative Weise ausprobiert. Und nur so wird auch die (nächste) Reise ganz sicher zu einem bislang unbekannten Erlebnis, einem vollkommen neuen Gefühl – fern von allem bislang Bekannten und offen für alle Dinge die da kommen, zur entdecken oder genießen sind.

Wenn es dann – vielleicht sogar spontan – eine längere Reise wird, umso besser. Es gibt gerade in Nordeuropa in den Sommermonaten zahlreiche Angebote für ganz unterschiedliche Jobs, bei denen man sich in kurzer Zeit das Budget für die nächsten Wochen erarbeiten kann, falls es einmal notwendig sein sollte. 

Wer hingegen gleich einen längeren Roadtrip plant und keinen eigenen Van besitzt, ist gut beraten, diesen privat zu mieten, um die Reisekasse zu schonen. Ebenso kann es ein Deal sein, sich ein Wohnmobil mit Gleichgesinnten zu teilen, indem Jemand im Frühsommer in Richtung Norden aufbricht und man das Fahrzeug anschließend dort an Jemanden übergibt, der oder die dann im Spätsommer ihren eigenen Trip realisieren, bevor es nach Deutschland zurückgeht.

Auch hier sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt und insofern gilt einmal mehr: Vorbereiten statt planen. Wir freuen uns in jedem Fall, wenn wir euch – wo und wann auch immer – einmal total relaxt im Norden Europas treffen und wünschen euch bis dahin eine entspannte Reise mit dem Horizont als Ziel, Erlebnissen statt ToDo-Listen und einfach eine fantastische Zeit mit einem Genuss für alle Sinne.

Conny und Sirko Trentsch


„In jeder Sekunde unseres Lebens sind wir frei, alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen.“ – mit diesem Zitat von Reinhard K. Sprenger im Kopf, steigen Conny und Sirko 2018 auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karrieren einfach aus. Allem Unverständnis in ihrem Umfeld zum Trotz heißt es seither Rucksack statt Aktenkoffer und Picknick statt Geschäftsessen – am liebsten in der wild ursprünglichen Landschaft Nordeuropas, wo sie zu jeder Jahreszeit ihrem ewigen Fernweh folgen und so oft es geht in ihrem 4×4 Wohnmobil unterwegs sind. Ihre spannenden Erlebnisse und die oft unbezahlbaren Augenblicke halten die Beiden in bildgewaltigen Geschichten fest, die sie als Autoren und Fotografen bislang in ihrem Nordlandblog sowie einigen Magazinen und zukünftig nun auch im Globetrotter-Magazin veröffentlichen. Dabei sind die emotionalen Texte ebenso wie die stimmungsvollen Bilder eine fortwährende Liebeserklärung an die ikonisch schöne Natur des Nordens sowie an die Menschen, die dort leben. 

Deshalb ist es Ihnen eine Herzenssache, langsam und intensiv zu reisen, um so – fernab der meisten Instagram-Hotspots – die kleinen Dinge entlang der Route(n) wertzuschätzen und zu entdecken – kurzum, tief in die bereisten Regionen einzutauchen, um den Weg tatsächlich zum Ziel zu machen.