Norwegen: Die Mischung macht’s

Norwegen ist das perfekte Ziel für einen Abenteuer-Urlaub mit der ganzen Familie. Stefan Reiner, seine Frau und die vier Kinder waren drei Wochen zwischen Ålesund und Vågåmo unterwegs.

Der Sommer neigt sich dem Ende, als wir aufbrechen. Wir, das sind unsere beiden Kleinkinde­­r Luca und Nina, die beiden älteren Geschwister Marcel und Laura, meine Frau Sabina und ich. Vor uns liegen drei Wochen Abenteuer-Urlaub in Norwegen. Mit dem Auto fahren wir zunächst nach Hirtshals in Dänemark. Von dort geht es per Fähre nach Bergen an der norwegischen West­küste und danach gut 400 Kilometer nordwärts zu unserem ­ersten Ferienhaus in Skodje in der Nähe von Ålesund.

Die erste Woche vergeht wie im Flug: Wir unternehmen Tagesausflüge, unter anderem auf die Insel Harøy, und erkunden Ålesund. Die Stadt hat für alle Familienmit­glieder etwas zu bieten: Wir besuchen den Atlantikpark (norwegisch: Atlanterhavsparken). Die Hauptattraktion dort ist das riesige Salzwasser-Aquarium, das den Fischbestand vor der norwegischen Küste (vor allem Dorsche, Katfisch, Meeraal und Heilbutt) zeigt. Wir spazieren durch das vom Jugendstil geprägte Stadtzentrum und am Meerarm Ålesundet entlang. Immer wieder halten wir für die Kleinen an tollen Spielplätzen an. Außerdem erklimmen wir den Aksla, einen tollen Aussichtspunkt. Der Aufstieg via Treppen und Rampen hat es in sich – die Belohnung ist jedoch ein atemberaubender Blick auf Ålesund.

Das Ausflugsziel für den nächsten Tag hat Laura, unsere älteste Tochter, ausgesucht: den Alnes-Leuchtturm auf der Insel Godøya. Schon die Anreise ist spektakulär. Von Ålesund aus geht es tief unter dem Meer nach Hoffland – dort führt der Tunnel dann spiralförmig wieder zurück an die Oberfläche. Durch mehrere weitere Tunnel fahren wir weiter von Insel zu Insel, bis wir schließlich Godøya erreichen. Dort wartet mitten auf einer sattgrünen Wiese der rot-weiß gestreifte Alnes-Leuchtturm auf uns. Schnell ist klar: Wir müssen da rauf! Mit den drei größeren Kindern steige ich über enge Holztreppen hoch hinauf auf den Balkon. Auf dem Weg kommt man an Fotos aus früheren Zeiten vorbei, die einem die Geschichte des Leuchtturms erzählen. Oben angekommen genießen wir die unglaubliche Aussicht und lauschen dem Meer, dem Wind und den Möwen.

Wieder zurück auf dem Boden machen wir ein Picknick und lassen dabei die einzigartige Umgebung auf uns wirken. Zu unserem Glück sind heute kaum andere Touristen unterwegs, sodass wir fast alleine hier sind. Ein perfekter Abschluss der ersten Woche, denn morgen reisen wir weiter in die Berge im Landesinneren.


FAMILIE REINER …

… besteht aus Luca (9 Monate), Nina (3), Marcel (11), Laura (13), Mama Sabina (39) und Papa Stefan (46). Die Familie ist heute in Deutschland zu Hause, hat aber zuvor zehn Jahre in Kalifornien gelebt. Ihre große gemeinsame Leidenschaft gilt dem Draußensein. So war die Familie schon auf dem John Muir Trail unterwegs, hat diverse Touren in den Alpen unternommen und nutzt jede freie Minute, um rauszukommen. Infos: www.reine-r-berge.de


Wo verstecken sich die Trolle?

Anstatt den direkten Weg zum zweiten Ferienhaus in Vågåmo in der Provinz Innlandet zu fahren, bauen wir einen Abstecher zur berühmten Passstraße Trollstigen und zum Geiranger-Fjord in unsere Route ein. Nina ist fest davon überzeugt, dass dort die Trolle wohnen. Kurzerhand halten wir am Trollstigen an und machen uns auf die Suche nach den Fabelwesen – leider ohne Erfolg. Also fahren wir weiter nach Vågåmo. Dort erwartet uns ein kleines grasbedecktes Holzhaus mitten auf einem Bauernhof am Ufer des Vågåvatnet. Vom Haus aus hat man einen perfekten Blick auf den türkisblauen See und die dahinterliegenden Berge. Das Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert, wurde aber vor Kurzem behutsam renoviert. Die liebevoll ausgewählte Einrichtung samt einem urigen Kamin und die vielen großen Fenster sorgen dafür, dass wir uns sofort pudelwohl fühlen.

Wir wollen »unser« kleines Haus als Basecamp für die nächsten beiden Wochen nutzen und die fünf umliegenden Nationalparks erkunden. Unsere erste Erkundungstour führt uns zum Hulderstigen, dem Waldgeister-Weg: ein knapp sechs Kilometer langer Naturlehrpfad in meist flachem Gelände. Der Weg startet mit der Überquerung des Sjoa-Flusses und führt über Wiesen, durch Wälder, entlang eines Baches, vorbei an Seen und durch ein Hochmoor. Umgeben von oft schneebedeckten Gipfeln wandert man durch diese märchenhafte Landschaft, die die Fantasie der Kinder beflügelt: Ob wohl hinter der nächsten Ecke doch noch ein Troll wartet?

Arbeitsteilung am Berg

Für die nächsten Tage haben wir zwei längere Berg-­wanderungen auf unserer Liste: den Besseggen und den Romsdalseggen. Letzteren wird meine Frau Sabina mit Laura und Marcel machen, während ich auf die beiden Kleinen aufpasse. Vorher werde ich den Besseggen mit den beiden Großen in Angriff nehmen, während Sabina den Kleinkinderdienst übernimmt.

Der Besseggen ist als »rote Tour« eingestuft und hat es in sich: Mit 14 Kilometern Länge, knapp 1000 Höhenmetern und ein paar Klettereinlagen entlang des Grats braucht man etwa sieben bis acht Stunden, die Überfahrt nicht mitgerechnet. Wir nehmen also gleich die erste Fähre frühmorgens über den Gjende nach Memurubu, um ohne Zeitdruck über den Grat wandern zu können. Mit jedem Höhenmeter wird der Blick auf die um­liegenden Seen und die Gipfel des Jotunheimen-Nationalparks schöner. Gleichzeitig steigt die Spannung: Was erwartet uns oben auf dem Grat?

Die erste Kletterstelle ist nicht ganz einfach und Marcel bekommt etwas weiche Knie, weil die Stufen für kurze Kinderbeine relativ hoch sind. Doch bald haben sich alle an das Gelände gewöhnt. Jetzt bestimmen die Kinder das Tempo und lachen, wenn sie auf mich warten müssen. Der Blick auf die Seen unter uns könnte kaum schöner sein. Voller Elan geht es weiter und so sind wir nach etwas weniger als acht Stunden zurück am Ausgangsort. Laura und Marcel sind nun endgültig von Norwegen verzaubert und stellen fest: »Das war eine der besten Touren, die wir jemals gemacht haben.«

Die Überschreitung des Romsdalseggen ist ein echter Norwegen-Klassiker und zählt zu den schönsten Wanderungen des Landes. Diese Tour ist, so wie der Besseggen, als »rot« eingestuft, gilt aber als schwere rote Route. Die Zahlen alleine sind nicht so beeindruckend, denn mit zehn Kilometern Länge, knapp 1000 Höhenmetern und einer angegebenen Zeit von fünf bis acht Stunden klingt er zunächst leichter als der Besseggen. Auf dieser Wanderung gibt es jedoch mehrere ausgesetzte Stellen, die zum Teil seilversichert sind. Zudem führt der Weg zeitweise einen schmalen, steil abfallenden Grat entlang.

Durch das »Training« am Besseggen können Laura und Marcel jedoch jeden Schritt der Tour genießen. Wenn man nach dem langen Aufstieg endlich den Grat erreicht, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Der Blick ins Romstal, auf die Trollveggen, Europas höchste Steilwand, und den Romsdalsfjord sucht seinesgleichen.

Der Besseggen beeindruckt mit schroffen Felsen, leuch­tenden Seen und schneebedeckten Bergen. Der Romsdalseggen dagegen mit tiefgrünen Tälern, einer unglaublich hohen Felswand und dem blauen Fjord. Unterschiedlicher können zwei Touren kaum sein. Doch beide sind ein unvergessliches Erlebnis, von dem wir und die Kinder noch lange reden werden.


WANDERN IN NORWEGEN

1000 Meter über dem Meerespiegel ist in Norwegen schon alpines Gelände. Ab 1200 Metern herrschen hochalpine Bedingungen. Ab 2000 Metern liegt oft Schnee oder man trifft auf Gletscher. Das Wetter ist dementsprechend unberechenbar.

Wanderwege in Norwegen gehen oft gerade den Berg hoch (mit so wenig Kehren wie möglich). Somit sind Auf- und Abstiege härter, als man es den nackten Zahlen nach vermuten würde. Wege sind oft schmal, morastig, rutschig, uneben, voller Steine und Wurzeln. Die Durchschnittsgeschwindigkeit kann so geringer sein, als man es aus den deutschen Mittelgebirgen gewohnt ist.

Wie in den Alpen sollte man auch im hohen Norden unbedingt immer das Wetter im Auge behalten. Wir haben dafür die Website www.yr.no genutzt, die auch Vorhersagen für kleinere Gebiete zur Verfügung stellt.


Waffel-Wanderung

Von unserem nächsten Ziel, dem Rondane-Nationalpark, habe ich schon immer geträumt. Ein perfekter erster Ausflug mit Kindern in den Rondane ist die Wanderung von Kampen am Rande des Nationalparks zur Peer-Gynt- Hytta. Die Hütte ist in der Saison am Wochenende bewirtschaftet und vor allem für ihre erstklassigen Waffeln bekannt. Mit etwas mehr als sieben Kilometern und gerade einmal 200 Höhenmetern ist die Wanderung dorthin zwar einfach, aber auf keinen Fall langweilig. Über eine Hochebene wandert man leicht bergauf, mit jeder Kurve wird der Ausblick schöner und das Farbenspiel der Natur faszinierender. Das Smiubelgin-Massiv beeindruckt mit abgeschliffenen Bergen, für die der Rondane-Nationalpark so bekannt ist. Überall Moos und Flechten, Wasser und Moore. An der Hütte selber trifft man auf den Fluss Ula, der einen tollen Canyon gleich neben der Hütte geschaffen hat. Ob man diesen vor oder nach dem Verzehr der Waffeln erkundet, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

Auf der Suche nach Eiszeit-Überlebenden

Zum Abschluss unserer Reise geht es in den Dovrefjell-­Nationalpark. Dort wollen wir uns auf die Suche nach Moschusochsen begeben. Wir haben uns entschieden, vom Parkplatz in Kongsvold, vor der Fjeldstue, in Richtung der Reinheimen-Hütte zu wandern. Und wir haben Glück: Neben ein paar Einzeltieren begegnen wir gleich drei Herden. Moschusochsen sind eher friedliche Genossen, aber sie mögen es nicht, wenn man ihnen zu nahekommt. Also beobachten wir die Tiere, die übrigens nicht mit dem Rind, sondern mit der Ziege verwandt sind, aus sicherer Entfernung. Auch diese Begegnung werden weder die Kinder noch wir so schnell vergessen.

So endet ein rundum perfekter Tag und mit ihm leider auch unser dreiwöchiger Urlaub. Vor uns liegt eine ziemlich lange Fahrt zurück nach Hause. Doch so wirklich stören tut das niemanden: Wir haben so viel erlebt und gesehen, hatten so viel Wetterglück und alle sind auf ihre Kosten gekommen – der Gesprächsstoff wird uns sicher nicht ausgehen. Und vielleicht können wir ja auch schon Pläne für unseren nächsten Norwegen-Trip schmieden?


DAS NEHM ICH MIT

Alles für deinen nächsten Norwegen-Trip mit Kindern

STEFAN REINER
Der gebürtige Österreicher und vierfache Vater verbringt seine Freizeit am liebsten mit seiner Familie in der Natur.

Text: Stefan Reiner
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