»Eine Rede für Rü«

Rüdiger Nehberg ist gestorben. Seine Grabrede, das hatte er einst verfügt, sollte sein bester Freund halten: Klaus Denart, der Gründer von Globetrotter. Das tut Klaus nun hier. 

Mehr von Rüdiger und Klaus im Globetrotter Blog
– Das große Interview mit Rüdiger Nehberg aus dem Jahr 2004.
Interview mit Klaus Denart – Gründer von Globetrotter und Schreiber dieser Worte.

Lieber Rü, ein Bekannter sagte mir kurz nach deinem Tod: »Ich wusste ja, dass Rüdiger begeisterte Anhänger bei seinen Vorträgen hatte, aber dass er sooo viele Fans hatte, die in den sozialen Netzwerken um ihn trauern, das hat mich überrascht.« Ja, die Resonanz auf dein plötzliches Ab­leben war gewaltig. Das waren wohltuende Worte für deine Familie und deine engen Freunde. Viele Menschen waren dir dankbar, selbst wenn sie dich vor 20 Jahren nur ein einziges Mal auf der Bühne erlebt haben. Du hast viel­e junge Zuhörer inspiriert und einige bisweilen auf wunderliche Ideen gebracht. Ein Fan wollte rückwärts den Jakobsweg nach Santiago de Compostela laufen und fragte dich nach Sponsoren. Solche Typen hast selbst du als »verrückt« bezeichnet. 

Wiebke Mörig

Schlangen sind Glückssache

In der Tat – du warst im besten Sinne des Wortes eine Rampensau. Deine Zuhörer ware­­n hingerissen von deinen Reise­erlebnissen, von dieser Mischung aus gefährlichen Abenteuern und deiner lockeren Zuversicht, diesen Gefahren könne man jederzeit etwas entgegensetzen – nämlich die Freude und den Optimismus darüber, dass es gegen jede Gefahr (wie beim Bomben­entschärfen) Tricks und Wissen gibt, um die Gefahr zu entschärfen. Du hattest alles, was ein guter Redner braucht, um sein Publikum zu fesseln: Persönlichkeit, Witz, Fantasie und zahllose treffsichere Pointen. 

Du bist 84 Jahre alt geworden, hast den Tod in fünf Jahrzehnten schon Dutzende Male vor Augen gehabt. Wir lernten uns 1968 kennen und wurden auf Anhieb dicke Freunde, die sich alles anvertrauen konnten. Ich erinnere mich, als du mich das erste Mal angerufen hast; sehr höflich und etwas förmlich (so war es üblich bis zur 68er-Studentenrevolte): »Guten Tag, Herr Denart. Ich habe von der deutschen Botschaft in Addis Abeba gehört, dass Sie mit einem Sarg  (einem sargähnlichen Boot, Red.) den Blauen Nil hinabgefahren sind. Das Gleiche habe ich auch vor. Können wir uns nicht mal kennenlernen?«

Kurz darauf – dein freier Sonntagnach­mittag – standest du mit einem Riesenpaket Kuchen aus deiner Konditorei vor der Tür. 

An Wochenenden reiste ich mit Frau und unserer kleinen Tochter häufig von Kiel nach Hamburg, um deinen Wissensdurst über Äthiopien zu stillen. 

»Stimmt es, dass es im Blauen Nil nur so von Krokodilen wimmelt?«

„Ja, das stimmt. Dort gibt es keine westlichen Krokodiljäger. Es ist sehr schwierig, in die Schlucht hinabzusteigen. Außerdem haben sie Angst vor Shiftas (Räubern), vor dem feuchtheißen Klima und vor Malaria.«

»Habt ihr viele Schlangen gesehen?«

»Schlangen sind Glückssache. Die verkriechen sich, wenn sie Fremdes wahrnehmen.« 

Waren wir bei Rüdiger zu Besuch, so schliefen wir im Souterrain direkt neben dem Schlangenraum. Zwischen tropischen Gewächsen und in tropischer Schwüle lagen dort Puffottern, hingen Anakondas und Pythons an den Ästen. 

Schlangen waren deine Leidenschaft, seit du in Marokko Schlangenbeschwörer mit »tanzenden« Kobras kennengelernt hattest. Auch ich war fasziniert von den Tieren, die sich überhaupt nicht für uns interessierten, wenn wir den Raum betraten. Munter wurden sie erst, wenn du eine Ratte in die Nähe einer Schlange setztest. Es dauerte ein bis zwei Minuten, bis die Schlange die Beute wahr­genommen hatte und dann blitzartig zubiss. 

Der Schlangenraum war deine Wildnis, dein­e Fantasiewelt. Raus aus der Fantasie, rein in die Wildnis. Krokodile und Schlangen in der Natur zu erleben, war deine Sehnsucht. Die Wildnis bot dir die Herausforderungen, bei dene­n du dich bewähren konntest.

Immer rastlos, niemals ratlos

Ein Psychologe sagte mal zu mir: »Ich glaube, Nehberg ist im Grunde ein depressiver Mensch. Durch seine Abenteuer gelingt es ihm, seine Depressionen zu verdrängen.« 

Vielleicht ist da etwas Wahres dran. War dann deine Rastlosigkeit eine unbewusste Selbsttherapie, ein dauerhafter Survival- Kampf gegen die innere Einsamkeit? Wie gesagt – du warst eine Rampensau. Für deine lebhaften Erzählungen liebte dich dein Publikum, für den Applau­­s liebtest du das Publikum. Und dadurch auch dich?

1987 traf ich dich kurz nach deiner ersten Atlantik-Überquerung. Das Gefährt war ein selbst gebautes, seetüchtiges Tretboot mit Kabin­­e. Ein unglaubliches Abenteuer. Als ich dich wiedersah, warst du verändert, nicht lebhaft erzählend wie sonst. Ich hatte den Eindruck, dass du sehr mit der Einsamkeit, mit dem Alleinsein auf dem Atlantik zu kämpfen hattest. 

»Ja, du warst rastlos. Es musste immer was passieren. Wenn nichts passierte, musstest du Abhilfe schaffen.«

Ja, du warst rastlos. Es musste immer etwas passieren. Wenn nichts passierte, musstest du Abhilfe schaffen. Ich erinnere mich an die Geschichte mit den Schachfiguren: Als wir 1977 in Äthiopien die heißeste Wüste der Erde auf 1000 Kilometern von Süden nach Norden durchwandert hatten, gerieten wir in die Fäng­e von eritreischen Rebellen. Waren wir Spione? Die Krieger brachten uns vom Roten Meer ins Hochland. Erst nach langen Ver­hören entschieden sich die Anführer: »Wir betrachten euch als Freunde und bitten euch, später in Deutschland von unserem Kampf gegen die äthiopischen Besatzer zu berichten.« 

Wir waren nun also gefangene Gäste der Freiheitskämpfer und »durften« hautnah an ihren Kämpfen teilhaben: beim Beschuss von Kampfflugzeugen in Asmara oder beim Kampf um das Örtchen Tessenei im Westen Eritreas, wo die Kämpfer eine äthiopische Garnison eingekesselt hatten. Die Zivilisten waren aus der Kleinstadt geflüchtet, in den Straßen lagen Leichen, es stank erbärmlich. 

Nicht jeden Tag wurde gekämpft. Es gab auch Tage dumpfen Wartens, an denen wir nicht wussten, wie und wann es weitergeht. Wir hatten 50 Tage in der Wüste hinter uns und schon etliche Wochen bei den Freiheitskämpfern. Aber nun tatenlos und deprimiert in der Hitze zu döse­­n, war nicht deine Sache, Rü. Du sammeltest Körnerfrüchte: Mais, Hirse, Weizen. Aus diesen Körnern hast du Schachfiguren gebastelt. Ich habe damals wahrscheinlich gedacht: »Rü weiß nicht wohi­n mit seiner Energie.« Das Ergebnis habe ich dann doch bewundert. 

Die Schachfiguren hast du dann sogar nach Deutschland retten können. Sie existieren noch heute. 

Ja, ich habe deine Kreativität bewundert. Wenn du Pläne hattest, wie zum Beispiel deine erste Reise zum Blauen Nil, dann hast du sie sofort visualisiert. Als Konditormeister hattest du einen sehr gefügigen Werkstoff – in wenigen Stunden entstand ein Marzipan-model­­l vom Floß samt Besatzung, Kroko­dilen und Stromschnellen. 

Du hättest Talent zum Bildhauer gehabt, aber sicherlich nicht die innere Ruhe, um ein Kunstwerk allmählich entstehen zu lassen. 

Dein Geschenk: Ein Scheisse-Rauszieher

Ich habe auch deine Entschlossenheit bewundert. Geht nicht – das galt nicht für dich. Noch eine Geschichte  aus der Danakilwüste: Wir hatten uns als Mediziner ausgegeben, um den Menschen zu helfen, die im damaligen Bürgerkrieg keinerlei medizinische Versorgung hatten. Es war die einzige Legitimation, um als Fremder akzeptiert zu werden. Wir hatten alle möglichen Medikamente im Gepäck: Augensalben, Schmerztabletten, Malariamitte­­l, Spritzen und Skalpelle. 

Eines Tages brachten uns die Bewohner einer Nomadensiedlung eine Frau, die sehr alt aussah, aber den Bauch einer Schwangeren hatt­e. Ich kannte das: Bauchwassersucht. Ich hatte zuvor bei einer »Operation« zugesehen und dir auch davon berichtet. Du warst entschlossen, die Frau zu behandeln – während ich zweifelte, ob das nicht doch eine Numme­r zu groß für uns wäre. 

Du holtest ein Skalpell heraus und fingst an, die Bauchdecke aufzuschneiden. Erst als das Bauchfell sichtbar wurde, kamen auch dir Zweifel. Also doch den Schnitt zu­nähen und etwas anderes versuchen. Mit einer Einmal-Spritze stachen wir durch die Bauchdecke und konnten Bauchwasser absaugen. Fünf Milliliter, Spritzenkolben ausklinken, Wasser ausleeren, Kolben einklinken, Wasser ziehen. In stundenlanger Arbeit haben wir sechs Liter Bauchwasser absaugen können. Auch wenn wir ihr nur kurzfristig Linderung verschaffen konnten, war die Frau sichtlich erleichtert.

Ich bin dankbar für deine herzliche Hilfs­bereitschaft. 1973 bin ich mit Frau und den beiden kleinen Töchtern zu einer dreieinhalbjährigen Fahrt durch Afrika aufgebrochen. In einem geländegängigen Unimog.  

Dein Abschiedsgeschenk für uns war ein »Scheiße-Rauszieher«. Was ist das denn? Es war ein kleines, braunes Lederetui, darin war eine Kunststoffhülse mit einem 100-Mark-Schein eingenäht. Außen am Etui eine Aufschrift: »Nicht öffnen!!! Nur für den Notfall.«

Ja, so warst du. Sprühend vor Ideen. Ein Kumpel mit Seltenheitswert. Ein Jahr später hast du uns in Kenia besucht. Natürlich musste­n wir uns auch den Schlangenpark in Nairobi ansehen. Jede zweite Schlange dort kam aus dem Kerio Valley in der Nähe des Turkana-Sees. »Da muss es ja von Schlangen nur so wimmeln«, stießt du begeistert hervor, »lass uns dort hinfahren!«  

Archiv Denart Abenteurer alter Schule. Klaus (links) und Rüdiger 1977 in Afrika. Klaus gründete kurz darauf Globetrotter, Rüdiger wurde »Sir Vival«.

Dreimal über den Atlantik

Es wimmelte nicht von Schlangen. Es gab dort einige Männer, die sich trauten, Schlangen zu fangen, um diese an den Schlangenpark  in Nairobi zu verkaufen. Wir waren einen ganzen Tag mit zwei Schlangenfängern unterwegs, um Schwarze Mambas zu erbeuten. Das sind gefürchtete Schlangen bei den Einheimischen. Sie sind die größten, die giftigsten und die schnellsten Schlangen Afrikas. Aber selbst die geübten Augen unserer Führer entdeckten keine Mamba an diesem Tag. 

Du warst etwas enttäuscht, aber konntest von den Männern immerhin zwei kleine Sand­vipern kaufen und in einem eigens mitgebrachten Leinenbeutel verstauen. Zurück in Nairobi packtest du den Beutel samt Schlangen in den Nachttisch. Am nächsten Tag brachen wir auf zum Mara-Fluss. Die Sandvipern blieben derweil im Nachttisch, daran pflichtschuldig ein Zettel von dir: »Achtung. Giftige Schlangen!«

Als wir nach einigen Tagen nach Nairobi zurückkehrten, herrschte große Aufregung. Das Zimmer war verrammelt und zusätzlich mit Klebebändern abgesperrt. Trotzdem nahm die Geschichte doch noch ein glück­liches Ende. Du durftest deine Vipern sogar mit nach Hause nehmen.

»Immer mehr warst du bemüht, deine­n Reisen einen tieferen Sinn zu geben.«

So sehr dich originelle Geschichten interessierten, so sehr du deinen Zuhörern nie ­Dagewesenes präsentieren wolltest, so warst du doch immer mehr bemüht, deine­n Reisen einen tieferen Sinn zu geben. In Brasilien ­erlebtest du, wie die Yanomami dezimiert wurden von illegalen Goldgräbern und von Krankheiten, die sie einschleppten.  

Um darauf aufmerksam zu machen, hast du nach der Tretbootfahrt noch zweimal den Atlantik überquert – 1992 per Bambus-Floß (mit deiner Mitkämpferin Christina Haverkamp) und 2000 wieder allein auf einer massiven Tanne mit Auslegern und Segel (diesmal per Satellitentelefon mit der Außenwelt verbunden). Die Folge: Die Goldgräber wurde­­n durch internationalen Druck aus den Yanomami-Siedlungsgebieten vertrieben.

Nicht genug, dass du bei den Yanomami so viel Positives erreicht hattest – ab 2000 hattest du ein neues Ziel vor Augen. TARGET wurd­e deine größte Aufgabe. Schon 1977 hatten wir während unserer Danakil-Durchquerung mitbekommen, dass die Frauen der Afar an den Genitalien verstümmelt wurden. Doch selbst von Europäern in Addis Abeba wurde dieser blutige Brauch nicht thematisiert. Keine­­r wusste etwas Genaues. Die ganze Grausamkeit wurde erst später durch das Buch »Wüsten­blume« von Waris Dirie der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt. Von einer Frau also, die die Verstümmelung selbst erlitten hatte. Nach der Lektüre hattest du beschlossen, etwas zu unternehmen. Mit sieben Freunden gründeten wir im Jahr 2000 den Verein »TARGET – Rüdiger Nehberg. Gezielte Aktionen für Menschenrechte«. 

Target – Von Erfolg gekrönt

Waren die Aktionen für die Yanomami schon ein großer Erfolg für die Menschenrechte, so war dein Kampf gegen die Genitalverstümmelung die Krönung, auch bei deiner lebenslangen Suche nach einem sinnvollen Dasein.

Außergewöhnliche Abenteuer waren dein Vehikel, um Menschen auf das größte kollektive Verbrechen an Frauen aufmerksam zu machen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der islamischen Welt fandest du Gehör. Und deine Frau Annette war deine kongeniale Mitstreiterin, die dir durch ihr Organisationstalent den Rücken für deine Ideen und Aktionen freihielt. 

Konferenzen mit islamischen Geistlichen in Kairo und Addis Abeba führten dazu, dass in vielen afrikanischen Ländern der Sinn der weiblichen Genitalverstümmelung infrage gestellt wurde. 

Die TARGET-Arbeit brachte uns wieder in die Danakil­wüste, dort wurde 2015 eine hochmoderne Geburtshilfeklinik eröffnet, die mit freiwilligen Helfern aus Deutschland gebaut worden war. Alles mit Spenden, die du mit deinen Vorträgen gesammelt hattest. 

Diese Aktionen gegen die Genitalverstümmelung hatten dich verändert, Rüdiger. Häufig sprachst du mit brüchiger Stimme und wässrigen Augen vom Elend der Mädchen und Frauen. 

Dein Lohn waren die Erfolge auf den Konferenzen. Eine deiner größten Genugtuungen erfuhrst du 2009 durch Professor Yusuf al-Qaradawi, einen konservativen islamischen Geistlichen. Du konntest ihn überzeugen, dass Gott bei der Erschaffung der Frau ja gepfuscht haben müsste, wenn Menschen glaubten, Gottes Werk verbessern zu müssen. Qaradawi folgte deinen Argumenten. Er ächtete die Verstümmelung als Teufelswerk. 

Der letzte Lebenstraum bleibt unerfüllt

Du hattest seit Jahren einen Traum: Du wolltest in Mekka ein großes Transparent spannen zwischen den Türmen der weltgrößten Moschee. Während der Hadsch, der jähr­lichen Wallfahrt, sollten Millionen von islamischen Gläubigen lesen, dass weibliche Genitalverstümmelung eine Sünde sei. Ein kurioser  Widerspruch: Im Ursprungsland des Islam, also in Saudi-Arabien, wird die Genital­­­­ver­stümmelung nicht praktiziert. 

Du warst von der Transparent-Idee wie besessen. Was hast du nicht alles versucht, hast Politiker um Hilfe gebeten, um den saudischen König oder seinen Thronfolger zu  treffen, um die Erlaubnis für die Aktion in Mekka zu bekommen. Für Saudi-Arabien wäre die Ächtung der weiblichen Genital­verstümmelung ein großer Imagegewinn gewesen. Dieser letzte Lebenstraum hat sich für dich nicht erfüllt. Aber vielleicht trägt deine Entschlossenheit ja noch späte Früchte.

Alter Kumpel, vor vielen Jahren hattest du schriftlich verfügt, dass ich einmal deine Trauerrede halten sollte. Corona bringt alles durcheinander. Dann auf diesem Wege.

Text: Klaus Denart
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