Namibia: Zoo ohne Zäune

Kann Namibia auch Familie? Und ob. Ein exemplarischer Selbstversuch im vielleicht schönsten Land Afrikas.

Da hilft kein Zerren und kein Ziehen, das Biest hat sich sauber festgebissen. Instinkt ist eben Instinkt, be­sonders hier, in dieser lebensfeindlichen Wüste, in der nicht mal einen Tag alt wird, wer nicht auf der Hut ist. Das Kind quiekt vor Schmerz, Tränen rollen übers Gesicht. Die Umstehenden scheinen ähnlich entsetzt. Und schauen tatenlos zu. Nicht, dass einen das Vieh als Nächstes … Bis Guide Tommy herzhaft loslacht. Er war es schließlich, der den Palmgecko ans Ohr des Neunjährigen gehalten hatte, worauf dieser tatsächlich herzhaft zuschnappte.

Sofort machten sich bei den umstehenden Erziehungsberechtigten erste Zweifel breit, ob so eine Afrikareise für Kinder eine gute Idee war. Schließlich will Tommy den Probanden von seiner »Qual« erlösen und drückt dem Gecko beherzt auf den Leib. Wie auf Kommando quiekt das Kind lauter. Ist dieses filigrane Tier, dessen Organen man im Gegenlicht bei der Arbeit zuschauen kann, etwa ähnlich konstruiert wie ein Krokodil? Zum Zuhalten des Mauls reichen zwei Finger, doch einmal geschlos­sen, bekämen zwei Mann das Teil nicht auf. Nachdem Tommy einmal die Knabenton­leiter durchgedrückt hat, scherzt er weiter in seinem charmanten Afrikadeutsch. »Okay, dann versuchen wir es mal mit Zärtlichkeit, vielleicht ist es ein Weibchen.« Seine schwie­ligen Finger massieren nun sanft den Gecko. Und siehe da, der gibt das Ohr tatsächlich frei.

Tatort dieser tierischen Episode ist die legendäre »Little Five Tour« von Tommy Collard in den Ausläufern der Namibwüste bei Swakopmund. Statt Löwe, Büffel, Elefant, Nashorn und Leopard stehen hier Spinne, Skorpion, Gecko, Schlange und Chamäleon auf der To­-see-­Liste. Wenn man sie denn sieht. Als Gringo würde man entweder nichts sehen oder die Schlange erst, wenn man draufsteht. Tommy dagegen spult die Tiere im Viertelstundentakt ab und es mutet schon sehr hellseherisch an, wenn er seinen Jeep aus voller Fahrt abrupt stoppt, um Sekunden später ein fingernagelgroßes Loch im Sand zu begutachten und darin eine Spinne zu orten.

Das rollende Basislager

Kurzum: Auch wenn Swakopmund so ein bisschen das Ballermann Namibias ist und allerorten Flyer und Plakate spannende, aber kostspielige Aktivitäten wie Sandboarding, Quadfahren und Hochseefischen preisen, so gehört Tommys Kleintiersafari zwingend in jedes Pflichtenheft für Namibiafahrer – ob mit oder ohne Kinder.

Afrika mit kleinen Kindern, geht denn das? Schon die Belegung des Ferienfliegers entkräftet viele Zweifel. Die U-18-Quote liegt bei 25 Prozent.

Das MIT Kindern nach Afrika wurde bei der Reiseplanung natürlich heiß diskutiert. Zum­al der jüngste angehende Afrikafahrer gerade mal vier Jahre alt ist und daheim nichts lieber tut, als unter Steinen nach Kleingetier zu suchen. Andererseits scheint der Erziehungs­auftrag gegeben. Denn in unserer Heimat­stadt Augsburg bekommt jedes Kind mit der Geburt eine Jahreskarte für den Zoo. So sind alle drei Racker weitestgehend mit Elefant, Vogel Strauß und Springbock aufgewachsen. Und nun fühle ich mich verpflichtet, ihnen ihre Lieblingstiere in ihrem natürlichen Hab­itat zu zeigen. Zoo ohne Zäune sozusagen.

Bei der Recherche nach tauglichen Reise­zielen für große Tiere und kleine Kinder lan­den wir schnell bei Namibia. Die ehemalige deutsche Kolonie im Südwesten des schwar­zen Kontinents kennen ältere Semester noch als Deutsch­-Südwestafrika. Und obwohl das »Gastspiel« der Germanen um die Jahrhun­dertwende keine 30 Jahre währte, trifft man vielerorts noch auf Spuren dieser nicht immer ruhmreichen Vergangenheit. Für uns punktet Namibia eher mit diesen Highlights: wenig Einwohner, viel Fläche, stabiles Wetter, ange­nehmes Klima, keine Malaria, beeindrucken­ de Landschaften und mit der Etosha­-Pfanne ein tierreicher Nationalpark.

Ideale Reisezeit? Schulferienfreundlich gegen Ende des namibischen Winters im Juli/August. Ideale Unterkunft? Ein rollen­des Hotelzimmer in Form eines Dachzelts auf einem geländegängigen Jeep. Denn schon beim ersten Betrachten der Karte wird klar: Für basislagergestütztes Sightseeing taugt Namibia aufgrund der zahlreichen übers Land verteilten Highlights definitiv nicht.

Wer nach Namibia fährt, sollte also etwas Sitzfleisch mitbringen, denn 2000 Auto­kilometer kommen schnell zusammen. Schon beim Platznehmen im Ferienflieger fällt uns gleich mal ein mittelgroßer Stein vom Herzen. Wir sind definitiv nicht allein mit unseren Kindern. Zur Halbzeit der bayerischen Schulferien bevölkern rund zwei Dutzend ABC­-Schützen und Vorschulkinder den Condor­-Direktflug nach Windhoek. Über Nacht geht es bequem in gut zehn Stunden in die Hauptstadt Namibias, wo wir unseren Mietwagen übernehmen.

Es ist ein Modell, wie man es nur im südlichen Afrika findet. Ein Pick­up mit Doppelkabine und speziellem Aludeckel auf der Ladefläche. Darin verbirgt sich das komplette Campingequipment, angefangen von der Axt über eine Kühlbox bis zum Korkenzieher. Obenauf thronen gleich zwei Dachzelte, in denen auch eine fünfköpfige Familie Platz findet. Bedenkt man, dass solch ein rollendes Schweizer Taschenmesser Mietwagen und Hotel zu­ gleich ist, relativiert sich auch der Preis: roundabout 120 Euro am Tag.

Stundenlang geradeaus

Entgegen den wohlgemeinten Ratschlägen, uns nach einem Nachtflug nicht dem Linksverkehr zu stellen, machen wir uns sogleich auf den Weg gen Süden und lassen Windhoek Windhoek sein. Um uns grauen Beton anzuschauen, sind wir schließlich nicht gekommen.

Unser erstes Ziel ist die Kalahari Anib Lodge bei Mariental. Dort wollen wir uns sortieren und eine erste Prise Afrika schnuppern.

Für mich ist es jedes Mal ein beeindrucken­ des Gefühl, wenn man sich gedanklich auf diesem sagenhaften Kontinent verortet und sich vorstellt, welche Reisen und Abenteuer auf dieser gewaltigen Landmasse möglich wären. Und welche Länder man auf keinen Fall besuchen möchte. Doch Namibia gehört definitiv zu den »good guys«. Wenig Ein­wohner, viel Platz und ein vergleichsweise respektabler Wohlstand machen das Land zu einem der sichersten Reiseziele in Afrika.

Logo, auch in Windhoek gibt es Ecken, an denen man sein Portemonnaie nicht unbe­dingt in der Hosentasche spazieren führen sollte, doch die Anzahl solcher No­-go­-Spots ist etwa im Vergleich zu Südafrika gering. Nach drei Stunden auf der gut ausgebauten B1 gen Süden erreichen wir die Lodge und bekommen einen schönen Bungalow zuge­wiesen. Es dauert nicht lange, bis die Jungs den nahen Pool entdeckt haben und ihn mit einer Arschbombe einweihen. Fortan wird das zum Ritual unserer Reise. Egal wie an­ strengend die Fahrt, egal ob Camping oder Lodge, überall bietet ein Pool die Möglich­keit, Energie abzubauen.

Die Milchstraße scheint zum Greifen nah. Stundenlang liegen wir wach, strecken den Kopf aus dem Dachzelt und sinnieren über die Unendlichkeit.

Die Gnade der Zeitzone

Michael Neumann

Wer schonmal mit Kindern in Zeitzonen ge­reist ist, die acht Stunden und mehr vom Bett daheim abweichen, lernt bereits in der ersten Nacht ein weiteres Namibia­-Plus kennen: Durch die minimale Zeitverschie­bung ist Jetlag ein Fremdwort und alles geht seinen gewohnten Gang.

Zu viel Schlaf ist allerdings auch nichts, denn so verpasst man das Spektakel eines Sternenhimmels, wie man ihn nie zuvor ge­sehen hat. Fern aller Lichtverschmutzung scheinen Kreuz des Südens und Milchstraße zum Greifen nah und selbst mit begrenztem fotografischem Equipment kriegen auch Amateure fantastische Bilder hin. Alles, was es braucht, sind ein robustes Stativ und ein lichtstarkes Superweitwinkel.

Tags drauf rollen wir über Wellblechpisten Richtung Küste. Vor uns eine kilometerlange Gerade, hinter uns eine kapitale Staubfahne, machen wir gut Strecke. Anstatt abends jedoch einen Campingplatz anzufahren, schlagen wir in der Grauzone am Straßen­ rand unser Lager auf. Dieser Straßenrand liegt allerdings am Spreetshoogte­-Pass und bietet eine Aussicht auf die Namib­-Berge, der wir nicht widerstehen konnten. Kaum ist das Feuer heruntergebrannt und wir liegen gemütlich im Dachzelt, wissen wir allerdings auch, warum hier oben niemand sonst campiert. Ein thermischer Wind kommt auf und droht uns samt Auto über die Kante zu blasen. Erst in den Morgenstunden, als sich die Temperatur­unterschiede von Tag und Nacht ange­glichen haben, finden wir eine Mütze Schlaf. Lesson learned, aber der Ausblick war es wert. Und als wir uns wenig später in Soli­taire in einer deutschen Bäckerei mit Apfel­strudel und Schweineohren eindecken, ist die Pein gänzlich vergessen.

Zur Sonne, zur Freiheit

Michael Neumann

Nächster Stopp ist DAS Wahrzeichen Nami­bias. Eine mit toten Bäumen bestandene Salzpfanne inmitten 300 Meter hoher Dü­nen, genannt Deadvlei. Besonders schön anzuschauen ist dieses Weltwunder der Na­tur bei Sonnenaufgang. Damit das gelingt, bedarf es der Pole­Position in Form eines Standplatzes auf dem im Nationalpark gele­ genenen Campingplatz. Ansonsten steht man bis sechs Uhr vor dem Park und wartet, bis die Ranger das Tor öffnen und die war­ tenden Autos reinwinken. Den Sonnenauf­ gang erlebt man dann irgendwo unterwegs auf der 65 Kilometer langen Strecke bis zum Parkplatz am Deadvlei. Das Gate am Cam­pingplatz dagegen öffnet eine Stunde früher und wer unterwegs nicht zu sehr trödelt, hat deutlich mehr von der Erkundung des Dead­vlei.

Unser Tipp: zuerst linkerhand Big Daddy erklimmen, eine der höchsten Dünen der Namib, und dann barfuß die Nordwand hinab in die Pfanne surfen. Oder einen neuen Purzelbaum-­Weltrekord aufstellen. Bei den nächsten beiden Stopps tauschen wir erneut das Penthouse auf dem Autodach und den Schlafsack gegen Federkern und blütenweißes Leinen. Denn dem bei der Reisevorbereitung entdeckten Namib Dune Star Camp, wo man sein Bett zum Schlafen auf die Veranda rollt, können wir nicht wiederstehen. Kinder sind hier zwar erst ab 12 Jahren erlaubt, doch wozu gibt es Aus­nahmen?

Und in Swakopmund, wo oft kal­ter Seenebel die Stadt in eine salzige Watte taucht, ist Camping schlicht keine Option. Und überhaupt, Swakopmund. Die Stadt am Atlantik ist nicht nur aufgrund ihrer deut­schen Geschichte ein absoluter Kontrapunkt zum Rest Namibias. Hier steht ein rot­wei­ßer Leuchtturm zwischen Palmen, die Ge­bäude heißen Amtsgericht und es gibt ein Brauhaus. Doch es ist besonders das Klima, das Swakopmund so anziehend macht – zu­ mindest für die hitzegeplagten Hauptstäd­ter. Wenn es dort im Sommer 40 Grad hat, kühlt der Bengulea­-Strom das Wasser vor der Küste derart ab, dass die Temperatur in der Region selten über 25 Grad steigt. Jetzt, zum Ende des Winters, kommt auch noch der Nebel hinzu, so dass man nicht einmal einen Sonnenbrand fürchten muss.

Uns steht nach der legendären Wüstensafari mit Tommy jedoch der Sinn nach Wärme, so dass wir die Stadt schnell gen Norden ver­lassen. Zunächst besuchen wir die Robbenkolonie am Cape Cross. An die 100000 Zwergpelzrobben tummeln sich dort auf den Felsen und bieten eine gewal­tige Kulisse für Auge, Ohr und Nase.

Im Anschluss geht es dem Höhepunkt unse­rer Reise entgegen: dem Etosha­National­ park. Halb so groß wie die Schweiz, bietet er die höchste Konzentration an Wildtieren in Namibia. Neben den echten »Big Five« gibt es über 130 weitere Säugetierarten wie Giraffen, Zebras, Gnus, Hyänen oder Wild­ hunde im Nationalpark. Jetzt, Anfang September, zum Ende der Trockenzeit, prä­sentieren sich die Tiere wie auf dem Silber­tablett. Die Vegetation ist karg und außer­halb der angelegten Wasserstellen finden die Tiere keinen Tropfen. Angelegte Wasser­ stellen? Ja, denn anders als in der Serengeti ist der komplette Nationalpark eingezäunt. Tierwanderungen zu den jeweils besten Jagdgründen und Wasserlöchern sind seit­her nicht mehr möglich.

Im Etosha gilt übrigens der gleiche Über­nachtungstrick wie im Deadvlei: wer im Park übernachtet, hat morgens wie abends eine Extrastunde Zeit zur Tierbeobachtung, alle anderen müssen sich immer dann sputen, wenn das Licht am besten ist. Wir probieren beides aus. Die erste Nacht verbringen wir in der fantastischen Etosha Safari Lodge, die nächsten drei Nächte innerhalb des Parks auf zwei verschiedenen Camps. Hier begeistert uns vor allem das Halali­-Camp, wo ein be­ leuchtetes Wasserloch auch nachts spannende Tierbeobachtungen ermöglicht. Wie in ei­nem Theaterstück betreten Nashorn, Zebra und Elefant nacheinander die Bühne.

In der Kühle der Nacht scheinen die Rivalitäten des Tages vergessen, alle gehen sehr respektvoll miteinander um. Zudem fordert der Hell­-Dunkel­Kontrast eine besondere Wach­samkeit, so dass immer einer Schmiere steht, während die anderen trinken. Die Tiere im Scheinwerfer sind zudem betulich darauf bedacht, keinen Laut zu machen, so dass jedes fremde Geräusch im Unterholz das unvorsichtige Raubtier verraten würde. Wir sitzen still und staunen. Alle Sinne sind geschärft. Welches Tier tritt als Nächstes aus dem Dunkel?

Mit einer leichten Gänsehaut klettern wir schließlich in die Dachzelte und lauschen weiter in die Nacht. Obwohl wir wissen, dass das Camp durch einen Elektrozaun ge­sichert ist, lässt uns jedes Hyänenheulen schaudern und wehe, wenn der Löwe brüllt. Seine Tonfrequenz klingt kilometerweit und eine Verortung fällt verdammt schwer. Und so undurchdringlich schien der Zaun nun auch wieder nicht. Wie sonst ist der ganze Elefantendung zu erklären, der hier überall rund ums Auto liegt?

Dass uns am Ende weder Gecko noch Löwe gefressen haben, verbuchen wir jetzt einfach mal unter Glück. Oder war’s doch die gute Reiseplanung? Anyway. In einem Punkt ist in jedem Fall Nachbesserung angesagt. Denn als wir einen Tag später in den Flieger nach Hause steigen, fehlt immer noch der Leopard auf der Big­-Five­-Liste. Und so müssen wir wohl noch mal wiederkommen.

Michael Neumann Farewell, schönesNamibia! Bis zum nächsten Mal.
Text: Michael Neumann
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