Mit Kind zum Kegel

Oliver Schmidt und Elena Poddubnaya sind mit ihren Söhnen den Pazifischen Feuerring entlanggeradelt. Ein Gespräch über Verantwortung, Träume und Quengelware im Supermarkt.

Elena, wie habt ihr euch kennengelernt?

Elena Poddubnaya: 2001 rollte Oliver mit seinem Rad in Kamtschatka ein. Wir haben uns an der Uni getroffen, kurz darauf hat er mich zu unserer ersten Radreise eingeladen. Dummerweise wollte er zum Baikalsee – im Winter …

Oliver Schmidt: Aber ich musste sie nicht mal überreden! Elena dachte: »Das ist ein gefrorener See, komplett flach und ohne Berge. So schlimm wird das schon nicht sein.« Von den Riffzonen – mächtigen Auftürmungen von Eisplatten, über die man sein Rad samt Ausrüstung schleppen muss – habe ich ihr vorsichtshalber nichts erzählt.

Trotzdem hat eure Beziehung diesen frühen Härtetest überstanden?

Elena: (lacht) Knapp war’s! Nachts –60 °C, tagsüber –40 °C. Ich hatte Erfrierungen im Gesicht und am Hals. Für unsere zweite Reise war meine Bedingung, dass wir in die Wärme fahren. Also sind wir im Sommer nach Kirgisistan und Tibet. +40 °C und brennende Sonne den ganzen Tag. Ich dachte nur: »Verdammt, kann man nicht einfach mal entspannt mit dem Fahrrad reisen?! Warum muss es immer so extrem sein?« Unsere dritte gemeinsame Reise führte uns dann ganz gemütlich zwei Jahre um die Welt – natürlich auch auf dem Rad.

Oliver Schmidt (44) ist Geograf, Geologe, Reiseleiter, Bergführer und Papa. Aufgewachsen in Halle an der Saale, fällt die Mauer, als er 14 Jahre alt ist. Seitdem ist er mit dem Rad unterwegs: in den Schulferien durch Europa, nach dem Abi bis nach Singapur und während des Studiums nach Kamtschatka und zurück.

Elena Poddubnaya (42) kommt aus Kamtschatka. Dort gibt es wenige Straßen, aber ganz viel Wildnis. »Geländetauglich« war Elena also schon lange, bevor sie 2001 Oliver traf – gemeinsam radelten sie in zwei Jahren um die Welt. Die Deutsch- und Englisch­lehrerin arbeitet als Reiseleiterin und Bergführerin.

Woher kommt dieses Fernweh?

Oliver: Ich bin im Osten aufgewachsen und war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Plötzlich stand einem die ganze Welt offen, als Jugendlicher spürst du da natürlich einen Drang, loszuziehen. Nicht selten habe ich die Schule geschwänzt, um stattdessen mit dem Fahrrad Erkundungstouren zu machen – sehr zum Unmut meiner Eltern. Aber auch sie haben immer vom Reisen geträumt, aber weder das politische System noch ihre Existenz als Bäcker und Konditor ließen das zu. Wenn sie dann mal in Rente seien, würden sie endlich aufbrechen. Mein Vater hat es nie geschafft, er ist leider vorher gestorben. Aber meine Mutter beginnt gerade, die Welt für sich zu entdecken.

»Das Beste an dieser Reise? Die gemeinsame Zeit als Familie!«

Elena: Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden, für uns war es ganz normal, in der Natur zu sein. Wir sind ständig in den Wald, haben draußen gekocht und auch geschlafen. Das war eine sehr schöne Kindheit. Für mich war eher das Leben in der Stadt ein Abenteuer. Anders als Oliver hatte ich nie große Reisen unternommen, aber ich war immer draußen und bin dann später als Dolmetscherin mit Touristen in Kamtschatka auf die Berge und Vulkane gestiegen. 

Und dann kam die Idee des Pazifischen Feuerrings. Was hat es damit auf sich?

Oliver: Der Ring ist eine tektonische Randzone. Die schwere Pazifische Platte schiebt sich unter die Festlandplatten und drückt deren Ränder empor. Bei diesem Prozess sind unvorstellbare Kräfte am Werk, die Pazifische Platte wird teilweise aufgeschmolzen – das Resultat sind etwa 40 000 Vulkane entlang des Feuerrings.

Das klingt erst mal nicht nach der idealen Radreiseroute …

Oliver: Wir leben einen Teil des Jahres in Kamtschatka, nirgendwo sonst auf der Welt gibt es mehr aktive Vulkane. Wenn man dort fast alles gesehen hat, liegt es nahe, dass man sich auch mal andere Vulkane anschauen möchte. Und der Pazifische Feuerring liegt ja praktischerweise direkt vor der Haustüre …

Elena: In meiner Kindheit brach der nur 30 Kilometer entfernte Avatscha-Vulkan aus. Auf meinem Schulweg sah ich glühende Lava den Berg hinabrinnen und alles war von einer dünnen Ascheschicht bedeckt. Für uns war das ganz normal und nichts Extremes. Wir haben die Berge immer als lebendige Wesen gesehen. Jeder Vulkan sieht anders aus und hat einen ganz eigenen Charakter – fast wie bei uns Menschen. Auch die Ausbrüche unterscheiden sich – das wollten wir uns einfach gerne mal anschauen.

Doch dann kam Jakob dazwischen …

Elena: 2009 waren wir in der heißen Planungsphase, hatten uns Räder mit extradicken Reifen besorgt. Wir wollten den Trip am Stück machen, ziemlich extrem durch Sand und Schnee. Zwei Wochen vor Abreise habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. Also haben wir uns einen Fahrrad­anhänger besorgt und sind ein Jahr später mit Sack und Pack und Jakob nach Kamtschatka geflogen, um endlich aufzubrechen. Dort hatte ich ein komisches Gefühl – ich war schon wieder schwanger! Also erneut zurück nach Deutschland, Arthur auf die Welt geholt und den Einsitzer gegen einen Zweisitzer getauscht. Wir haben nie daran gedacht, unseren Traum von dieser Reise aufzugeben.

»Kinder sehen die Welt mit anderen Augen. Das ist auch für uns als Eltern sehr bereichernd.«

Ihr hattet nie Sorge, dass mit den Kids euer altes Leben vorbei ist und ihr sesshaft werden solltet?

Oliver: In Kamtschatka gibt es Nomaden, die seit Tausenden von Jahren mit ihren Kindern durch die eisige Steppe ziehen. Jakob ist im Januar geboren, im Februar hat er schon mit uns im Zelt geschlafen und im März haben wir lange Winterwanderungen gemacht. Eingepackt in dicke Rentierkleidung war das kein Problem.

Elena: Kinder sind robuster, als wir denken. Sie sind geboren für diese Welt. Wir würden sie nie bewusst irgendwelchen Gefahren aussetzen, aber wir nehmen sie einfach immer mit.

Dass die Kinder in Russland zur Welt kommen, kam trotzdem nicht infrage?

Elena: (lacht) So abenteuerlustig sind wir dann doch nicht!

Oliver: Wenn Kinder in Russland geboren werden, sind sie mehrere Tage in Quarantäne. Als Vater darf man bei der Geburt nicht dabei sein und das Kind erst nach einer Woche zum ersten Mal auf den Arm nehmen. Bis dahin siehst du es nur durch eine Glasscheibe.

Wie alt waren eure Kinder, als ihr dann aufgebrochen seid?

Oliver: Jakob war fast vier und Arthur knapp zwei Jahre alt.

Und eure Familien haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen …

Oliver: Unsere Mütter haben sich sehr über den Nachwuchs gefreut und insgeheim gehofft, dass wir sesshaft werden und uns geregelte Jobs suchen. Aber bei allen Ängsten und Sorgen: Am Ende vertrauen sie uns, dass wir das Richtige für unsere Kinder tun.

Elena: Mein Vater ist vor etwa 20 Jahren gestorben. Er hat immer davon geträumt, wie Tom Sawyer zwei Wochen einen Fluss runterzuschippern. Meiner Schwester und mir hat er immer erzählt, wie wir ein Floß bauen würden und dass wir in einem Zelt auf diesem Floß würden schlafen dürfen. Aber er hat uns immer vertröstet, noch seien wir nicht groß genug. Dann wurde er plötzlich krank und starb. Uns blieben nur die Erinnerungen an eine Reise, die wir nie gemacht haben. Ich habe oft überlegt, wie diese Reise mein Leben wohl verändert hätte. Damals habe ich mir vorgenommen, dass ich meinen Kindern niemals sagen werde, dass sie warten müssen.

War klar, dass die Reise anders ablaufen würde als ursprünglich geplant?

Oliver: Mit Kindern bist du natürlich deutlich langsamer und musst auch die konkrete Routenwahl immer wieder anpassen. Allein durch das viele Gepäck ist man eingeschränkter: die Kinder, Klamotten, Ausrüstung, größeres Zelt, Anhänger … Da kannst du nicht mehr auf Singletrails durch den Regenwald düsen, sondern nimmst stattdessen die Straße – wenn es denn eine gibt. Die Kinder haben das Reisen schon verändert, aber durchaus bereichert!

Elena: Ursprünglich war der Trip am Stück und Low Budget geplant – also extrem low. Als die Kinder kamen, konnte ich nicht mehr als Reiseleiterin arbeiten und wir verdiente­n plötzlich nur noch die Hälfte – aber die Kosten haben sich fast verdoppelt. Schnell war klar, dass wir die Reise stückeln müssen und zwischendurch für die Saison nach Kamtschatka zurückkehren, um Geld zu verdienen. 

Wie habt ihr die Etappen aufgeteilt?

Elena: Zuerst von Kamtschatka bis Bali, dann Ozeanien, Australien und Neuseeland. Auf der dritten und letzten Etappe waren Süd- und Nordamerika an der Reihe.  

Minutiös geplant oder einfach drauflos?

Oliver: Planen ist nicht unsere größte Stärke, das zeigt schon die Zeugung unserer Kinder. (lacht)

Elena: Je mehr du vorher festlegst, desto mehr nimmst du der Reise den Überraschungseffekt. Unsere ganze Welt ist schon bis ins Kleinste durchgetaktet. Schule, Arbeit, Busfahrplan – alles muss genau zu einem festen Zeitpunkt passieren. Da tut es gut, sich einfach mal treiben zu lassen. Ohne den Zeitdruck des Alltags. Wir sind auch mal ein paar Tage oder sogar Wochen an einem Ort geblieben, weil Jakob und Arthur Freunde gefunden hatten.

Und auf eurer Bucket List standen feuer­spuckende Vulkane?

Oliver: Genau. Wobei wir natürlich einen Bogen um die wirklich gefährlichen gemacht haben. Es gibt Vulkane mit unberechenbarem Auswurf oder pyroklastischen Strömen – da gehst du weder mit noch ohne Kinder rauf. Trotzdem haben wir den ein oder anderen Lava-See hautnah mit unseren Kindern erlebt.

Neben der schieren Naturgewalt – was fasziniert euch an Vulkanen?

Elena: Einige der größten Zivilisationen der Menschheitsgeschichte sind in der Nähe von Vulkanen entstanden. Als die Menschen noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse hatten, haben sie sich Geschichten ausgedacht, um Ausbrüche und Erdbeben zu erklären. Denn wenn man eine Erklärung für etwas hat, hat man auch weniger Angst davor. In meiner Heimat glaubten die Menschen, dass im Vulkan Gomuls leben, riesige Geister. Nachts flogen sie aus dem Krater, um Wale zu jagen. Dann kamen sie zurück und machten ein Feuer. Dadurch kam Rauch aus dem Krater. Dann aßen sie die Wale und haben die Knochen rausgeworfen, dann flogen die Steine. Und wenn die Hunde der Gomuls ihre Flöhe abschüttelten, dann bebte die Erde. Ich wollte herausfinden, was die Leute in anderen Ländern sich für Geschichten erzählen.

Und? Seid ihr fündig geworden?

Oliver: Es gab unzählige spannende Geschichten. In der Südsee etwa haben wir die John-Frum-Sekte besucht. Deren Anhänger glauben, dass es in ihrem Hausvulkan eine direkte Verbindung in die USA gibt, durch die ihr Gott sie mit Konsumgütern beschenkt. Entstanden ist die Bewegung im Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner mit ihren Stahlvögeln auf die Insel kamen und Coca-Cola mitbrachten. Seither warten sie auf die Wiederkehr dieser Götter. Sie nennen sich John-Frum, weil der erste Amerikaner sagte: »I’m John from America.« (lacht)

»Jeder Vulkan hat seinen eigenen Charakter – fast wie bei uns Menschen.«

Worauf habt ihr bei der Ausrüstung Wert gelegt?

Oliver: Das Wichtigste sind natürlich die Räder. Stahl mit wenig Ausstattung. Keine Federung, keine Schutzbleche, keine unnötigen Details, die kaputtgehen können. Gestartet sind wir mit einem Doppelsitzer-Anhänger, einer Liege­schale am Lenker für den Kleinen und einem normalen Kindersitz auf dem Oberrohr. In Neuseeland ist Jakob dann aufs eigene Fahrrad umgestiegen, ein Jahr später, in Chile, war auch Arthur so weit. Aber in Lima haben wir Hänger und Kinderbikes dann nach Hause geschickt und die Jungs nur noch in den Kindersitzen transportiert. Das machte uns schlagartig schneller und beweglicher.

Der Beginn eurer Reise war kurios. 

Elena: In Japan hat uns am Flughafen ein Kamerateam entdeckt. Die machten eine Sendung unter dem Titel »Why did you come to Japan?«. Diese Frage stellten sie allen möglichen Ausländern und wenn die Geschichte spannend war, haben sie die Leute zwei, drei Tage begleitet. Bei uns waren sie die ganzen acht Wochen dabei. 

Oliver: Noch bevor wir aus Tokio raus waren, hatten wir schon zehn bis 15 Interviews gegeben. Anfangs waren wir richtig genervt – ständig Kameras und Mikrofone vor der Nase. Aber im Laufe der Zeit wurde die Crew fast zu Freunden und durch sie haben wir spannende Einblicke in die japanische Kultur bekommen. Es gab dann eine 90-minütige Sondersendung, die lief im Mai 2014 und wird seitdem jedes Jahr an Weihnachten wiederholt. Und jedes Mal bekommen wir so viele Freundschaftsanfragen, dass es unsere Facebookseite fast lahmlegt.

Apropos lahm: Wie viel Strecke schafft man pro Tag mit zwei Kindern im Schlepptau?

Oliver: Das kommt aufs Gelände und die Laune der Kids an. Früher habe ich besonders das »Streckemachen« sehr genossen. Kopf aus und rein in die Pedale. Mit Kindern ist der Tag manchmal nach zehn Kilometern gelaufen, das war am Anfang frustrierend. Aber man gewöhnt sich schnell an den neuen Rhythmus. Im Schnitt sind wir an den Radtagen so 40 bis 50 Kilometer gefahren. Ingesamt haben wir rund 28 000 Kilometer zurückgelegt, haben aber auch immer mal wieder den Bus oder Zug genommen, um langweilige Strecken abzukürzen. 

Elena: In China war die Luft so dreckig, dass ständig der Hals gekratzt hat. Außerdem waren die Leute so fasziniert von unseren blonden, blauäugigen Kindern, dass sie sie ständig aus dem Hänger gehoben und gedrückt haben. Das war den beiden natürlich zu viel, also haben wir die Vorspultaste gedrückt.

Wo haben sich eure Jungs denn besonders wohlgefühlt?

Elena: Am Anfang der Reise waren sie ja noch sehr klein, da ist das meiste wahrscheinlich höchstens im Unter­bewusstsein abgespeichert. Ab Ozeanien haben sie viel mehr wahrgenommen. Costa Rica mit all den Fröschen und anderen Tieren haben sie geliebt. 

Oliver: Die aktiven Vulkane in der Südsee werden sie wahrscheinlich nie vergessen. Da standen wir mit ihnen am Kraterrand und unten brodelte ein 1000 °C heißer Lavasee. Auf Fiji lernten sie surfen und auf den Philippinen sind wir mehrmals ein paar Wochen hängen geblieben, weil Arthur und Jakob Freunde gefunden hatten. Das war für sie ein sehr persönlicher Abschnitt der Reise.

Was entgegnet ihr Leuten, die sagen, dass Kinder einen geregelten Tagesablauf brauchen, feste soziale Strukturen?

Oliver: Ist es denn wirklich besser, seine Kinder von früh bis spät fremdbetreuen zu lassen und sie abends nur noch zu füttern und ins Bett zu bringen? Viel Zeit miteinander und die gemeinsamen Abenteuer haben uns als Famili­­e extrem zusammengeschweißt. Und auch auf einer Reise gibt es eine gewisse Routine: Zelt aufbauen, kochen, essen, abwaschen, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen … und dazwischen fährt man eben etwas Fahrrad.

Elena: Unsere Kinder haben gelernt, auf sich und ihre Wünsche zu hören. Sie haben nicht gegessen, weil Essenszeit war, sondern weil sie Hunger hatten. Und ins Bett sind sie nach ihrer inneren Uhr gegangen – freiwillig.

Die Reise war also kein Egoismus von euch, sondern eine bewusste Entscheidung für die Entwicklung eurer Kinder?

Elena: Nur ein Beispiel: Jakob hat in seiner Klasse einen Jungen, mit dem die anderen Kinder nicht spielen wollen. Er ist einfach ein bisschen anders. Jakob ist sein einziger Freund. Er kommt mit ihm klar – er kam ja auch mit Kindern klar, die nicht mal seine Sprache sprechen. Er kommuniziert von Herz zu Herz. 

»Egal ob Essen oder Spielzeug: Ohne Auswahl gibt es kein Jammern und kein Meckern.«

Was hat der Trip mit den Brüdern gemacht?

Oliver: Sie sind sehr, sehr gute Freunde geworden während der Reise. Allein schon weil sie allein ihre Geheimsprache verstanden. Das ist nun in Deutschland nichts mehr wert und durch die große Auswahl an Freunden verstehen sie sich nicht mehr immer so gut. Es gibt oft Streit und auch die ein oder andere Rauferei. Unterwegs gab es solche Situationen nie. Da haben sie sich einfach gebraucht.

Ein Geheimtipp, wenn die Kinder nicht mehr ruhig im Hänger sitzen wollen?

Elena: »Ich sehe was, was du nicht siehst.« Das haben Jakob und Arthur geliebt. Außerdem hatten wir einen MP3-Player mit Hörbüchern dabei, der war Gold wert.

Oliver: Erstaunlicherweise gab es fast nie Probleme, die Kinder noch für ein »kleines Stückchen« zu motivieren. Oft sind sie dann nach vorn in den Kindersitz gekommen, von ihrem »Thron« haben sie alles kommentiert und uns Löcher in den Bauch gefragt. Sie nehmen Menschen und Landschaften ganz anders wahr als wir. Sie schauen eher aufs Detail und lassen den Blick nicht so in die Ferne schweifen. Das war auch für uns immer wieder spannend.

Habt ihr brenzlige Situationen erlebt?

Oliver: Bei der John-Frum-Sekte in Vanuatu waren wir Zeuge einer wöchentlichen Zusammenkunft, bei der in großen Mengen die Kava-Wurzel konsumiert wurde. Die Leute waren im Drogenrausch und irgendwann kippte die Stimmung. Die Aggression richtete sich gegen uns Fremde. Isaac, der Dorfälteste, meinte, wir sollten besser gehen, da er unsere Sicherheit nicht mehr garantieren könne. Da sind wir mitten in der Nacht regelrecht geflüchtet und haben unser Lager weit weg im Wald aufgeschlagen.

Elena: Und in Chile wurden wir gleich zwei Mal ausgeraubt. Ein Mal war das Hotelzimmer leer geräumt: Kameras, Laptop, Telefon, Kreditkarten, Reisepässe – alles weg. Wir mussten dann sechs Wochen warten, bis unsere Ersatzdokumente aus Deutschland eintrafen. Um Kosten zu sparen, haben wir am Strand gezeltet. Die Brandung war unglaublich laut und eines Nachts hat ein Dieb unser Zelt durchwühlt, während wir schliefen. Zum Glück hatte ich wenigstens meine Kamera unter dem Kopfkissen.

Oliver Schmidt/Elena Poddubnaya

Der Straßenverkehr war kein Problem?

Elena: Auf gefährlichen Straßen ist Oliver mit dem breiten Anhänger vorne gefahren und ich immer schön weit links hinterher. So waren die Autofahrer gezwungen, zu bremsen und einen großen Bogen um uns zu machen. 

Oliver: Generell haben wir versucht, auf kleinen, wenig befahrenen Straßen unterwegs zu sein. Aber die meisten Autofahrer waren nett und rücksichtsvoll. Oft haben sie angehalten, um den Kindern etwas zu essen zu schenken oder angeboten, uns ein Stück mitzunehmen.

Gab es andere Situationen, in denen die Kinder ein »Türöffner« waren?

Elena: Ständig! In Nicaragua wollten wir den Vulkan San Cristóbal besteigen. Zum Basislager geht es 25 Kilometer über eine extrem steile, staubige Piste mit vielen Schlaglöchern. Wir haben zwei Tage für diese Straße gebraucht und am Ende ging uns das Wasser aus. Im Dunkeln haben wir mitten im Wald eine Farm gesehen. Auf unser Rufen kam eine Frau mit ihren Kindern raus, unsere hat sie jedoch zuerst nicht gesehen. Natürlich hatte sie Angst und wollte, dass wir gehen. Als sie dann Jakob und Arthur entdeckte, bat sie uns sofort rein, hat Essen und Trinken aufgetischt und wir durften auf ihrer Wiese das Zelt aufstellen. Wenn die Leute deine Kinder sehen, geht von dir plötzlich keine Gefahr mehr aus. Allerdings kennen sie unsere Kinder nicht! (lacht) 

War das Essen für die Kids ein Problem?

Elena: Die Kinder essen schon lange dasselbe wie wir. Leicht angepasst natürlich, aber wir haben nie etwas extr­a für sie gekocht. Wir hatten mit ihnen eine Abmachung: Sie sollten alles probieren, mussten aber nicht alles essen. Das hat super funktioniert, weil sie schnell kapiert haben, dass es nicht an jeder Ecke etwas gibt und sie nicht allzu wählerisch sein durften. In Vanuatu haben wir Fledermäuse gegessen – mitten im Dschungel gab es einfach nichts anderes. Das werden sie so schnell nicht vergessen! Jetzt, zurück in Deutschland, sind sie nicht mehr so unkompliziert. Der Überfluss und das riesige Angebot hier machen Kinder fertig. Sie wollen dann alles gleichzeitig. Essen, Bücher, Spielzeug. Ohne die Auswahl gibt es kein Jammern und kein Betteln.

Wie schwer fiel euch das Ende der großen Reise?

Elena: Sehr. Der schwierigste Teil einer Reise ist immer das Ankommen. Von Seattle sind wir über Deutschland gleich weiter nach Kamtschatka geflogen, um dort die Sommersaison über zu arbeiten. Das hat es einigermaßen erträglich gemacht. Im Herbst stand dann aber die Einschulung von Jakob an, das war richtiger Stress. Plötzlich wirst du in dieses Zeitkorsett gezwängt, hast einen Haufen Termine. Das ist natürlich der totale Kontrast zum freien Leben als radreisende Familie.

»Solange die Kids Freude daran haben, wollen wir mit ihnen die Welt entdecken.«

Was habt ihr nach der Rückkehr am meisten genossen?

Oliver: Zeit zu zweit! Die hast du einfach nicht, wenn du mit Kindern reist. Hier in Halle ist die Oma in der Nähe, die passt dann schon mal auf die Jungs auf, damit wir mal wieder ins Kino oder Theater gehen können.

Und was kommt als Nächstes?

Elena: Wir haben Anträge gestellt, dass wir die Kinder für ein Jahr aus der Schule nehmen dürfen. Falls das klappt, wollen wir ab August herausfinden, wie verschiedene Nomadenstämme mit ihren Kindern leben. Die Idee entstand auf der Reise, weil wir oft kritisiert wurden. Dabei hat die Entwicklung unserer Kinder gezeigt, dass das Reisen einen guten Einfluss auf sie hat. Wir möchten auch andere dazu ermutigen, mit ihren Kindern auf Reisen zu gehen. Nach einem unserer Vorträge kam ein Mann aus dem Publikum zu uns. Er ist Naturfotograf und geht regelmäßig nach Island. Bisher dachte er immer, seine dreijährige Tochter sei noch zu klein zum Reisen. Aber nach unserem Vortrag will er sie beim nächsten Mal mitnehmen.

Oliver: Solange unsere Kinder Freude daran haben, wollen wir mit ihnen die Welt entdecken. Es wird sich zeigen, ob sie nicht schon mit Abenteuern »übersättigt« sind.

Also wieder keine traute Zweisamkeit …

Elena: Auf der Reise haben wir mit den Kindern ein Zelt geteilt, auch in Kamtschatka haben wir nur ein Schlafzimmer. Wir hatten also drei Jahre lang unsere Kinder mit im Bett – da wird man erfinderisch … (lacht) 

Oliver Schmidt/Elena Poddubnaya
Text: Sebastian Lüke, Philip Baues
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