Mit dem Fahrrad auf Glückssuche

Auf dem EuroVelo 6 von Frankreich bis Rumänien

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Mady Host
Ich will unterschiedliche Sprachen hören, neue Kulturen erleben, lebendigen Geschichtsunterricht erfahren und meine eigene Geografiestunde konzipieren. Ein Kontinent, der im Größenvergleich unserer Erdteile klein abschneidet, sich dabei aber aus so zahlreichen unterschiedlichen Ländern zusammensetzt, muss einfach bereist werden. Andere Nationen beneiden uns um die Vielfalt auf kleinem Gebiet und um den Schengen-Raum, der uns unkomplizierte Grenzüberquerungen ermöglicht. 
Höchste Zeit also, mein neues Fahrrad, welches mir mein Fahrradmechaniker vom Mattbike-Radcenter Magdeburg angefertigt hat, zu schnappen und loszufahren! Den ersten Teil der Reise werde ich alleine meistern, dann wird mich für einige Tage mein Sandkastenfreund Daniel begleiten und von Ungarn aus geht es mit meiner Freundin und Kamerafrau Cornelia bis ans Ziel Constanța am Schwarzen Meer.

>> Die Route

Für mein Vorhaben gibt es wohl kaum einen besseren Radweg als den, der sich mit der Bezeichnung „ausgesprochen beliebt“ schmückt. Der EuroVelo 6 gilt als einer der besonders weit ausgebauten Strecken von mehreren Routen des EuroVelo-Netzwerks. Er ist auch bekannt als Flussroute und wird mich auf knapp 5.000 Kilometern von West nach Ost, von der französischen Atlantikküste bis zur rumänischen Schwarzmeerküste durch zehn Länder führen. Er entspricht in Frankreich zunächst dem Loire-Radweg, führt dann in die Region Burgund, das südliche Elsass sowie durch das Sâone- und Doubstal. Anschließend ebnet der Rhein-Rhône-Kanal den Weg nach Basel, von wo aus es nördlich nach Tuttlingen geht. Ab hier folge ich dem Donauradweg bis zu meinem Ziel.

>> Es geht los…

Als ich am späten Abend des 29. Mai 2019 meine Fahrradtaschen in den Hausflur hieve, will ich nur noch los und radeln, radeln, radeln sowie Menschen und ihre Geschichten kennenlernen. Die Freude an Bewegung, am Outdoorleben und an Landschaften sowie lokalen Gaumenfreuden sind wichtige Triebfedern für mich, besonders interessiert bin ich jedoch an den Menschen. So begebe ich mich auch auf Glückssuche und will wissen, was die Menschen zwischen Atlantik und Schwarzem Meer erfüllt. Mein Vater nimmt mir die Radtaschen ab und verstaut sie im Kulba, einem Teardrop-Caravan, der in den ersten Reisetagen mein mobiles Schlafzimmer sein wird, solange bis ich dann in mein Hilleberg- Zelt umziehe. Am 1. Juni rolle ich mit fast dreißig Kilogramm Gepäck, verteilt auf fünf Taschen, im Mündungsgebiet der Loire los, winke meinem Vater ein letztes Mal zum Abschied und gewinne die Erkenntnis, dass eine treusorgende Familie meine Antwort auf die Frage nach dem Glück ist.

Glück und landschaftliche Idylle in Frankreich

Das erste Glücksfoto eines Einheimischen ist einige Tage später im Kasten, als mir der Eisverkäufer Henricus erklärt, sein Job mache ihn glücklich, weil alle Menschen, die Eis kaufen, danach ein Lächeln auf den Lippen tragen. Der Loire-Radweg ist nicht nur wunderbar erschlossen, sondern landschaftlich vor allem aufgrund seiner Ursprünglichkeit reizvoll, denn die Loire gilt als einer der letzten ungezähmten Flüsse Europas. Sie ist für größere Schiffe größtenteils zu seicht, so darf sie fließen, wie es die Natur ihr vorgibt. Hin und wieder verlässt der Weg den Fluss und gräbt sich in die Weinberge oder durch charmante Orte, wie Souzay, mit einem Netz von unterirdischen Straßen. Ich möchte das Höhlensystem bewundern, so schiebe ich ein Stück durch den Berg hindurch, rolle weiter und komme wenig später in Turquant mit einem Künstler ins Gespräch, der sein Atelier mitten im Felsen hat. Ich fahre mir über die Gänsehaut auf meinen Armen, als wir seinen Arbeitsort betreten. Max erzählt mir, dass er sich nach eineinhalb Jahren an die Kälte gewöhnt hat und das das Glück darüber, etwas zu erschaffen und dies dann sogar zu verkaufen, die Sorge um kalte Finger deutlich überwiegt. Meine Reise durch die Loire-Region ist geprägt von Schlössern am Wegesrand und den Begegnungen mit Menschen. Nahe Orléans bin ich Gast bei Jean, der mir in seiner gemütlichen Wohnküche den besten Kaffee meines Lebens serviert. Später zeigt er mir seinen Oldtimer, einen Morgan, mit dem er und sein Sohn in diesem Frühjahr Korsika bereisten – für beide Männer pures Glück.

Gleichgesinnte <<

Ich kann es kaum glauben, als ich im ersten Land meiner Reise Bekanntschaft mit Didier und Claudine mache – sie sind die ersten „Verrückten“, die auch bis nach Constanța radeln wollen. Wir begegnen uns von da an regelmäßig, bis wir uns in Schaffhausen am mächtigen Rheinfall leider aus den Augen verlieren. Dafür lerne ich ein paar Radler der Green Riders kennen – eine große Gruppe verschiedenster Menschen, die alle zweierlei wollen: Radfahren und helfen. An ihren Ruhetagen arbeiten sie ehrenamtlich auf Farmen. Im Gegensatz zu meinem französischen Pärchen, treffen Cornelia und ich einige von ihnen sogar noch einmal in Bulgarien, weitere Radler haben sich ihnen angeschlossen.

Im deutschsprachigen Raum unterwegs <<

Mit Basel erreiche ich den deutschsprachigen Raum des Eurovelo 6, verfluche dann bald mein eigenes Heimatland, weil der Zubringer zum Donauradweg in Tuttlingen einer kilometerlangen Bergauffahrt gleicht. Sehen kann ich die Steigung kaum, spüre sie aber sehr wohl in Lungen und Oberschenkeln. Etwas Erholung und ein paar Schummelkilometer bringt die Schiffsfahrt durch den berühmten Donaudurchbruch. Vor der Reise wurde ich gewarnt, der deutsche und österreichische Teil des Donauradwegs sei wie eine Autobahn, so viele Radler tummelten sich hier. Ich kann zwar nicht behaupten, mich einsam zu fühlen, habe aber tagsüber beim Radeln dennoch genug des Weges für mich. Die Beliebtheit der Region spiegelt sich eher abends auf den Campingplätzen wider. In Daniel sehe ich ab Linz nicht nur einen tollen Wildcamping-Partner, sondern auch einen würdigen Beschützer, der nach nächtlicher Wildschweinbegegnung zur Sicherheit immer sein Messer griffbereit hat. Tagsüber genießen wir das Radeln durch die Wachau – einen Landstrich, der für seine Weinberge und mittelalterlich anmutende Orte bekannt ist.

„Team Schwarzes Meer“

In Ungarn übernimmt meine Freundin Cornelia den Staffelstab von Daniel und startet mit mir in den Teil der Route, der nun immer öfter über Landstraßen und weniger asphaltierte Radwege führt. Nicht selten peitschen wir unsere Drahtesel von nun an über Schlaglöcher oder hoppeln über lange Wiesenwege.

>> Restlos begeistert von Serbien

Nach ausreichendem Konsum von Palatschinken, Lángos und ungarischem Wein entscheiden wir uns, Kroatien nur kurz zu streifen und über Serbien zu fahren – dem Land, in dem uns Freude, Aufgeschlossenheit und Gasfreundschaft restlos begeistern. Bereits kurz hinter der Grenze werden wir von Landwirten am Straßenrand bejubelt, als wären wir auf der Zieleinfahrt der Tour de France. Die Euphorie der Einheimischen, die andauernd in freundlichen Zurufen, anerkennendem Hupen und erhobenen Daumen mündet, setzt sich sogar fort bis zum Ende unserer Reise. Mit abnehmender Radweg-Beschilderung wachsen die Begeisterung und Freude der Bevölkerungen über unseren Besuch. Serbien bleibt uns auch in bester Erinnerung, weil uns wildfremde Menschen an ihren Picknicktisch einladen, ein Pärchen uns eine Übernachtung organsiert und wir zwei Tage lang for free Vollpension auf dem Zelltplatz in Ljubičevac auskosten. Zusammen mit den Dauercampern und unseren Gastgebern genießen wir nicht nur hauchzartes Reh, sondern auch Bier, lokalen Wein und Schnaps zum Frühstück – Widerstand zwecklos.

>> Fröhlichkeit auf den zweiten Blick

Bulgarien begrüßt uns zunächst mit Armut. Verfallene Häuser, teils nur notdürftig mit Stoffen abgehängt, und die brüchigen Überreste alter Bauwerke prägen die erste Zeit in diesem Land. Die Kinder werfen uns dennoch ihr glockenfrohes „Hello“ in den Fahrtwind und jeder Dorfladen hat seine Kunden. Die Strecke über ruhige Landstraßen verläuft hügelig und wenn wir nicht gerade auf verwilderte Hunde treffen, schlagen wir unser Zelt auf Obstwiesen und an Feldern auf. Aller Warnungen zum Trotz brauchen wir Stock und Pfefferspray kein einziges Mal, um uns gegen die paar Kläffer zu verteidigen, die unsere Räder etwas beharrlicher verfolgen.

Finale: Rumänien

In Rumänien schließen wir Bekanntschaft mit Tim und Marian, Betreiber einer neuen gepflegten Unterkunft in Ostrov, hinter dem Grenzübergang Silistra. Sie laden uns zu Donaufisch, lokalem Käse und starkem Wein ein. Auf meine Frage nach dem Glück der Rumänen gibt es zweierlei Reaktionen: Die einen platzen sofort mit einer Antwort heraus und berichten, dass ihr ausgeprägtes Sozialleben und die Arbeit sie glücklich machen und die anderen müssen überlegen, was zu ihrem Lebensglück zählt, schließlich sei das so eine Sache mit dem Glück in Rumänien, da das Geld nie reiche … Dann aber kommt schnell der Zusatz: „Ja, aber meine Familie macht mich glücklich.“ Ich bin auch glücklich, als ich am Abend des 5. August mit Cornelia am Schwarzen Meer in Constanța sitze und mich frage: „Was ist hängengeblieben von meiner fünftausend kilometerlangen Unterrichtsstunde?“ Eigentlich ist die Antwort nur eine einzige Hausaufgabe, nicht nur für mich, sondern für uns alle: Rausgehen und die Welt mit eigenen Augen sehen …

Abenteuer Albanien – Die Online Lesung!

3 Wochen Albanien komprimiert für eine gemütliche halbe Stunde in eurem ganz privaten Lesungssaal. Egal ob im Wohnzimmer, dem Balkon, im Garten oder im Studi-Zimmer: Mady nimmt euch mit auf Rundreise durch das schöne Land auf der Balkanhalbinsel im Süden Europas! Startpunkt ist Tirana, die Hauptstadt und gleichzeitige größte Stadt des Landes.

TEIL 1

TEIL 2

TEIL 3

Fun Fact: Mit seiner Fläche von 28.748 Quadratkilometern ist Albanien etwas kleiner als Belgien und hat mit 2,8 Millionen etwas mehr Einwohner als Schleswig-Holstein. Fun Fact #2: Das Staatsgebiet grenzt im Norden an Montenegro und den Kosovo, im Osten an Nordmazedonien, im Süden an Griechenland und im Westen am Adriatischen und des Ionischen Meer. Die Küste ist übrigens sagenhafte 362 Kilometer lang!


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Text: Mady Host
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