Mit dem Bulli durch Europa

Mit einem liebevoll restaurierten VW-Bus als Türöffner durchmaß der Fotograf Peter Gebhard Europa. Im Mittelpunkt des Roadtrips standen die Menschen und Metropolen entlang der Route. Dass auch der Sport nicht zu kurz kam, ist der fehlenden Servolenkung zu verdanken.

Zwei Jahre lang trug ich »Das große Bulli-Abenteuer« gedanklich mit mir herum. Im März 2015 ergab sich endlich die Gelegenheit, einen T1-Bus zu einem halbwegs vernünftigen Preis zu erstehen. Plötzlich musste alles sehr schnell gehen, da ich unbedingt mit dem Projekt im Frühjahr starten wollte. Innerhalb kürzester Zeit haben meine Freunde von der Käferwerkstatt Regensburg den Brasil-Bus fit gemacht, soweit das bei einem Oldtimer möglich ist, der Hunderttausende von Kilometern einem Gemüsebauern aus Brasilien als Transporter diente. Da ich kurz zuvor in Brasilien über 6000 Kilometer mit einem T2-Bus unterwegs war, hatte ich wenig Bedenken, das Vorgängermodell ebenso souverän zu beherrschen.

Das war ziemlich naiv: Als ich meinen T1 drei Wochen vor Abfahrt auf einer kleinen Landstraße nahe Regensburg zum ersten Mal Probe fuhr, bekam ich wegen des großen Lenkradspiels fast Panikattacken. Wie sollte ich diesen Oldtimer je schneller als 60 km/h fahren, ohne im Graben oder im Gegenverkehr zu landen? Wie damit heil die 2650 Kilometer zum Ausgangspunkt Istanbul kommen? Knautschzone gleich Null, ABS nicht vorhanden, Lenkstange zwischen den Beinen, summa summarum: Fahrkomfort und Sicherheit nicht existent, die Servolenkung übernahmen meine Oberarme.

Natürlich fuhren wir los, aber niemals werde ich vergessen, wie uns auf der Autobahn nach Passau sogleich LKW-Schwärme in die Zange nahmen, wie im einröhrigen Tauerntunnel der Gegenverkehr nur einen Meter links vom Bulli vorbeirollte, während rechts die Betonwand drohte. Aber da gab es kein Zurück mehr, nur noch ein Ziel, das eigentlich der Anfang unserer großen Reise war: Istanbul, das wir schließlich am dritten Tag in der Abenddämmerung erreichten.

Peter Gebhard

Sympathiebonus eingebaut

Mit dem T1 gab es jede Menge Sicherheitsrisiken, aber er zahlte alles mit dem Bulli-Sympathiebonus zurück. Unfassbare Szenen spielten sich auf der Straße ab: Die Fahrer schneller Luxuskarossen blieben manchmal minutenlang hinter uns, filmten oder fotografierten den Bulli, um uns schließlich winkend und lachend zu überholen. Der T1 entfachte an vielen Orten bei Alt und Jung gute Laune, aber er sorgte auch für interessante Begegnungen, die sich sonst nie ergeben hätten.

So zum Beispiel bei unserer mitternächtlichen Ankunft in Triest: Carla mit ihrem Cocktail-Trailer war von unserem Bus gleich so verzückt, dass sie uns spontan ein paar Drinks spendierte und wir mitten in der Triester Musikszene landeten. Weniger erfreulich, aber extrem spannend war die Begegnung mit den norwegischen Alkoholschmugglern. Das hätte böse ausgehen können, doch wir hatten ja Zombina als Talisman dabei: eine kleine Voodoo-Puppe, von meiner Tochter extra für die lange Reise als Glücksbringer genäht. Und Zombina besaß offensichtlich eine sehr große Kraft: Es grenzt an ein Wunder, dass der Oldtimer nicht eine einzige Schramme oder Beule abbekam. In Griechenland hatte ich zunächst Bedenken, dass man uns wegen der Anti-Merkel-Stimmung eventuell die Reifen zerstechen würde. Nix da, wir wurden immer gastfreundlich aufgenommen.

Nach den Schreckmomenten zu Beginn der Fahrt war ich so sehr vom Stil der Reise fasziniert, dass mir ein eventuelles Scheitern überhaupt nicht mehr in den Sinn kam. Erst auf den letzten 250 Kilometern hoch oben in der Finnmark wurde ich plötzlich wieder nervös. Klappert da nicht was im Motorraum? Doch Zombina ließ uns bis zum Nordkap nicht im Stich. Dann schien ihre Mission erfüllt: Nur 36 Stunden später saßen wir auf der Rück- fahrt mit einem schweren Getriebeschaden in der Einöde zwischen Kiruna und Narvik fest. Egal, der Bulli hatte die 15 000 Kilometer von Istanbul bis ans Nordkap geschafft!

Text: Peter Gebhard
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