Microadventure: Kanutour

Paddler haben’s gut, für sie beginnt das Abenteuer direkt vor der Haustür. Eine Probe aufs Exempel in Berlin.



Der gebürtige Hanseat Michael von Einem paddelt, seit er 12 Jahre alt ist. Und hat 1985 (!) bei Globetrotter angeheuert. Erst in Hamburg, dann in Berlin – der besseren Paddelmöglichkeiten wegen.

Als Paddler bewegt man sich, anders als etwa Wanderer und Radler, meist auf na­türlichen Wegen. Und diese Wege bringen einen schnell weg von dem, was man gemeinhin Zivili­sation nennt, und von dem man zumindest ab und an genug hat. Selten nur läuft eine Straße parallel zum gewundenen und ein­ getieften Ufer, allenfalls Brücken künden alle paar Kilometer davon, dass man wider Erwarten doch nicht in Kanada ist.
Selbst in Ballungsräumen wie dem Ruhr­ gebiet oder Großstädten à la Berlin gibt es eine Vielzahl solcher Fluchtwege. Ergo ist das Kanu auch das allererste Mittel der Wahl für ein perfektes Microadventure.
Einziger Knackpunkt bei der Fortbewegung per Paddel: Nicht immer lassen sich die Wasserwege zu einem Rundkurs kombinie­ren. Gerade wenn man es mit einem strö­menden Gewässer zu tun hat, liegen Start und Ziel meist einige Dutzend Kilometer auseinander. Und nicht immer lassen sich A und B mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichen. Das ist schlicht der Preis, den man für die Extraportion Naturerlebnis bezahlen muss. Daher reist man am besten mit einem faltbaren Boot und gewichts­optimierter Ausrüstung an, die sich nicht nur bis zur nächsten S­-Bahn tragen lässt, sondern auch von der Endstation bis zum Wasser. Oder aber man findet einen Kum­pel mit Auto und Dachträger und lässt sich mitsamt seines Kanus zum Einstieg bringen. Wer gar keines hat, bekommt auf der über­ nächsten Seite Tipps, wie man trotzdem zu einem Kanu kommt – zumindest temporär.

#1 DIE ANREISE

Die vorgestellte Tour lässt sich gut mit dem ÖPNV machen. Per Regionalbahn geht es in 45 Minuten von Berlin nach Fürstenwalde, dort erreicht man in zehn Minuten den Einstieg. Voraussetzung: Die Ausrüstung ist tragbar und transportabel.

#2 PERSPEKTIVWECHSEL

Natürlich lässt sich so ein Microadventure auf dem Wasser auch fabelhaft im Stehen absolvieren. Mit so einem aufblasbaren SUP schwebt man ein Stück weit über den Dingen, genießt einen perfekten Über- blick, hat noch weniger zu Schleppen und trainiert nahezu jeden Muskel im Körper.

#3 SCHÖNER WOHNEN

Die Infrastruktur für Paddler hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Mikroabenteurer schätzen vor allem die zahlreichen Wasserwanderrastplätze. Die sind preisgünstig bis umsonst und bieten alle Basics, die es für eine Übernachtung braucht – mehr aber auch nicht.

#4 DIE SPREE IST NICHT GENUG

Gerade die Gewässer um Berlin bieten Potenzial für Hunderte Paddelabenteuer. Bester Appetizer für alle, die mehr wollen, ist daher der Kanu Kompakt Führer Berlin von Michael Hennemann (Globetrotter- Bestellnummer 256943, 9,95 €). Auch die Müggelspree ist darin enthalten.

LIEBLINGSTOUR MÜGGELSPREE

Eine Paradepaddelei, die sich perfekt für eine Übernachtungstour von Berlin aus eignet und mit 38 Kilometern Strecke auch durchaus für dicke Arme sorgt, ist die Müggelspree. Und die geht so …
Der Einstieg liegt zehn Minuten Fußmarsch vom Bahnhof in Fürstenwalde entfernt. Dort startet man zunächst auf der Fürsten­ walder Spree, bis nach vier Kilometern an der sogenannten Großen Tränke die Müg­gelspree an einer Schleuse abzweigt. Trotz der Nähe zur Hauptstadt ist die Müggel­spree ein schöner, windungsreicher Klein­fluss mit einer leichten Strömung, die das Vorankommen erleichtert. Viel schöner kann eine Kanutour in Deutschland nicht sein. Das auch »Alte Spree« genannte und stellenweise renaturierte Flüsschen windet sich in weiten Mäandern durch eine abwechslungsreiche Wald­ und Wiesenlandschaft und durchquert einige kleine Dörfer, bevor sie bei Erkner in den Dämeritzsee mündet. Von dort sind es nochmal zwei Kilometer bis nach Erkner, wo man mit einem kleinen Fußmarsch den Bahnhof erreicht und wieder Anschluss an das Berliner S­-Bahn­-Netz hat.

Nein, nicht Spree, sondern Alster. Eine Anleitung samt Film über ein Microadventure vor den Toren Hamburgs findet ihr auf globetrotter.de/ microadventure.

Für die Übernachtung entlang der Strecke bieten sich mehrere Möglichkeiten an. Ent­weder reserviert man bei Kanusport Spree in Hangelsberg einen von acht schön ange­legten Stellplätzen (www.kanu­spree.de/ zeltplatz.htm). Eine zweite Option ist der weniger schöne Campingplatz Jägerbude kurz vor Erkner an der A10. Plan C ist der rudimentär ausgestattete Wasserwander­rastplatz Mönchwinkel unterhalb Hangels­berg. Und zu guter Letzt finden Flusswande­rer, die allein oder zu zweit unterwegs sind, im Niemandsland zwischen Flussufer und Kulturland oft einen passenden Biwakplatz unter dem Radar. Hier gilt: Aufbau von Zelt oder Plane nach Einbruch der Dunkelheit und am nächsten Morgen ist man schon mit dem ersten Vogelgezwitscher auf dem Wasser. Das lange Frühstück zelebriert man dann einfach ein paar Kilometer weiter. Und natürlich kündet anschließend keinerlei Spur vom nächtlichen Lager. Abschließend noch ein paar Worte zur Ausrüstung. Während Gelegenheitspaddler sich am besten einem Kanuverleiher an­vertrauen, der sie mit dem Notwendigsten ausstattet und auch für den Bootstransport sorgt, setzen ausgewiesene Wasserratten für ihre Unternehmungen am besten auf soge­nannte Reiseboote. Diese sind zugunsten der Portabilität zerlegbar. Hier unterscheidet man in zwei Klassen: Reine Luftboote be­stehen aus einer verschweißten Haut, die mittels Luftpumpe in wenigen Minuten aufgeblasen ist. Das »Zerlegen« geht so­ gar noch schneller. Sind längere Distanzen gefragt oder ist mit viel Wind zu rechnen, punkten sogenannte Faltboote. Ihre Haut wird mittels eines faltbaren Gestells aus­gesteift und nur zusätzlich mit einer Luft­kammer auf die finale Spannung gebracht. Diese Faltboote kommen dem Ideal eines Festrumpfbootes mit optimierten Fahreigen­ schaften schon sehr nah. Sie liegen tiefer im Wasser und haben einen ausgeprägten Kiel, was den Geradeauslauf fördert und dem seitlichen Abtrieb durch Wind ent­gegenwirkt. Da sie etwas schwerer sind als Luftboote, kommt man für den Transport nicht um einen Bootswagen herum. Und jetzt: Leinen los!


Text: Michael Neumann