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        Vor den Toren Berlins: Havel unplugged

        Text & Fotos: Jens Klatt
        Anderthalb Stunden von Berlin, keine Abgase, kein Lärm. Auf der Havel im Müritz-Nationalpark sind Motorboote nicht erlaubt, Paddler hingegen schon. Jens Klatt hat den Stecker gezogen.
        Es ist windstill und so ruhig, dass meine Paddelschläge wie durch Lautsprecher verstärkt über den See hallen. Die Sonne kitzelt in der Nase, vor meinen Augen läuft eine Natur-Doku ab, die mir im Fernsehen zu kitschig wäre. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Kanada und Everglades: Gerade sind wir noch eingequetscht zwischen meterhohem Schilf dem Bachlauf gefolgt, jetzt queren wir mit endloser Weitsicht einen See, mit Vogelscharen am Horizont. Nein, wir sind nicht in Kanada oder Florida unterwegs, sondern in Deutschland. Präziser: auf der obersten Havel im Müritz-Nationalpark.

        Die Havel wird die meisten Deutschen nicht sonderlich interessieren, mich allerdings verbindet ein unsichtbares Band mit ihr: Als zehnjähriger Knirps vollführte ich etwa 200 Kilometer weiter flussabwärts in meiner Heimatstadt Brandenburg meine ersten Paddelschläge auf der Havel. Aber – und das ist eigentlich das Absurde – an der Quelle der Havel war ich nie. Doch jetzt, 25 Jahre später, ist es an der Zeit, sich hier oben mal umzusehen. Die Havel entspringt östlich der Müritz inmitten des Müritz-Nationalparks. Insider streiten sich, wo genau: Quellen sind in dieser Gegend oft nur sumpfige Stellen, an denen das Grundwasser an die Oberfläche tritt.
        Blaue Seen, grüne Fließe und klare Luft verzaubern die Paddler so sehr, dass ihnen sogar Kaffee zum Fischbrötchen schmeckt.

        Nur Wald, See, Schilf – und wir

        Die daraus entstehenden Rinnsale vereinen sich – und irgendwo wurschtelt sich dann die Havel heraus. Paddler interessiert allerdings weniger die Quelle, sondern der mögliche Startpunkt für eine Tour. Und der liegt, da sind sich alle einig, am Käbelicksee bei Kratzeburg. Dort sind wir vorhin gestartet. Als gebürtiger Saarländer kennt mein Mitpaddler Holle die Mecklenburger Seenplatte nur vom Hörensagen, und so nutze ich die Chance, ihm meine ostdeutsche Heima­­t zu zeigen und dabei auch selbst Neuland zu erkunden.

        Auf den ersten 23 Kilometern bis zum Useriner See schlängelt sich die Havel durch den Nationalpark. Keine Motorboote, nur Wald, See, Schilf – und wir. Grandios! Enten, Haubentaucher und Kormorane beäuge­­n uns argwöhnisch, Möwen und Kraniche segeln über uns hinweg – auch Fischadler soll es hier geben. Die Seerosen blühen, der blaue Himmel ist mit weißen Sommerwolken gespickt. In der späten Nachmittagssonne bekommt die Szenerie einen wahrlich kitschigen Touch. Die Havel ist mit über 300 Kilometer Länge der längste rechtsseitige Nebenfluss der Elbe.

        Da sie fast in einer U-Form fließt, beträgt die Luftlinie zwischen Quelle und Mündung nicht mal 100 Kilometer. Das Wort Havel ist mit Hafen und Haff etymologisch verwandt, und der Wortstamm Haf bedeute­­t wohl so etwas wie Bucht oder Ausbuchtung. Somit könnte die Namensgebung der Havel etwas mit einem buchtenreichen Fluss zu tun haben, und so geht’s auch los hier oben: Die Havel und ihre Quellseen krümmen und biegen sich, als hätten sie Bauchschmerzen.
        Einige der See-Verbindungen können allerdings nicht paddelbar, sie sind einfach zu schmal und müssen umtragen werden. Aber, und das ist vielleicht doch ein Unterschied zu den Everglades und Kanada: Für den Landtransport der Boote steht meist eine Lore zur Verfügung, ein großer Bootswagen auf Schienen, teilweise für mehrere Boote ausgelegt.

        An der ersten dieser Umtragestellen, der Granziner Mühle, laden wir unsere Einer-Kajaks auf den Wagen und schieben los, die knapp 700 Meter sind eine willkommene Abwechslung, um die Beine zu vertreten. Am Ende der Schienen funkelt die nächste Wasseroberfläche magisch im Gegenlicht, das Blätterdach der Laubbäume wirkt wie das Eingangstor zum nächsten See, dem Pagelsee. Wir paddeln weiter – übers Wasser gleiten ist eben doch schöner als über Land schieben.

        An einigen Seen verstecken sich hölzerne Bootsgaragen der alten Fischereibetriebe im Schilfgürtel. Menschen sehen wir keine. Während der Zeit der DDR wurde das nur sehr dünn besiedelte Land an der Müritz für militärische Übungen, die Staatsjagd und die Karpfenzucht genutzt. Die intensive Forstwirtschaft hinterließ nach der Wende weite Kiefern- und Birkenwälder, die aber heute, 25 Jahre später, wieder von der ursprünglichen Natur zurückgedrängt werden. Mit der Zeit wird der Nationalpark immer wilder, selbst Wölfe sollen hier schon gesichtet worden sein.

        Im Müritz-Nationalpark gelten einige Regeln, aber dafür genießt man auch Natur pur. Und wenn es mal zu eng zum Paddeln wird, helfen Loren beim Bootstransport.

        Es ist schön zu sehen, dass es noch (oder auch: wieder) Orte in Deutschland gibt, wo die Natur die Hosen anhat. Als wir am Wehr in Babke ankommen, ist es schon spät am Nachmittag. Hier gibt es eine begrenzte Zahl von Zeltplätzen, wir sind heute sogar ganz allein. Nur beim abendlichen Kochen wirkt sich die Abgeschiedenheit etwas unvorteilhaft aus: Da die Logistik bei unserer Herrenpartie nicht gerade im Mittelpunkt steht, wurden nur schnell Campingkocher und Dosenravioli in die Kajaks gestopft. Nicht eingepackt hatten wir allerdings den Dosenöffner – und jetzt ist weit und breit niemand da, der uns aushelfen könnte. Holle hat zudem seine Isomatte vergessen und behilft sich mit Schwimmwesten und Spritzdecken als Unterlage.

        Mir kann die Laune heute sowieso nichts mehr vermiesen, unter sternenklarem Himmel falle ich in einen komatösen Tiefschlaf. Am nächsten Tag werde ich früh wach, Gezwitscher lockt mich aus dem Zelt. Ein herrlicher Morgen, die Kühle der Nacht liegt noch über der Wiese, nur die Vögel sind schon munter. Holle dagegen registriert im Halbschlaf, dass die einzige Isomatte plötzlich frei ist, rollt rüber und schlummert selig weiter. Ich entscheide mich für eine morgendliche Solo-Spritztour und paddele noch mal in die Richtung, aus der wir gestern gekommen sind.

        Die Bäume am Ufer bilden ein Blätterdach, das mich an meine frühen Touren im Spreewald erinnert. Als Jugendlicher war ich ständig mit dem Kajak unterwegs, und Deutschland bestand in meiner Vorstellung ausschließlich aus Flüssen und Seen. Mittlerweile wohne ich schon ein paar Jahre in Bayern – und wie beschenkt der Nordosten der Republik mit Natur und Gewässern ist, habe ich erst kapiert, nachdem ich weggezogen war.

        Havel – Von Kratzeburg nach Neustrelitz

        Ein kleines Abenteuer vor den Toren Berlins: Zwei Tage Paddeln auf der oberen Havel mit Zeltübernachtung am Wasser. Wer kein Kanu hat, leiht es sich vor Ort.

        Die 35 km von Kratzeburg bis Neustrelitz sind für geübte Paddler in zwei Tagen leicht zu machen. Der größte Teil der Tour führt durch den Müritz-Nationalpark, bitte Beschränkungen beachten (siehe rechts). Zum Einstieg zurück geht es mit dem Zug. 

        Zahlreiche Varianten der Tour sind möglich, auch mit geführten Fahrten und/oder Shuttle-Service durch lokale Kanuveranstalter (www.auf-nach-mv.de). 

        Anfahrt
        A19 Rostock – Berlin über Waren (im Norden) oder Vipperow (im Süden) nach Kratzeburg. Alternativ von Berlin die B96 über Fürstenberg nach Neustrelitz.  Die Tour auf der oberen Havel ist auch ohne Auto möglich (mit Faltboot oder Leihboot), dazu Anreise mit der Bahn nach Kratzeburg.

        Übernachten
        Die Tour verläuft teilweise außerhalb des Nationalparks, dort gibt’s Campingplätze am Wasser (z. B. in Blankenförde, hexenwaeldchen.de; auch gute Basis für Tagestouren mit Kanuverleih).

        Beachten im Nationalpark!
        Grüne Tonnen markieren die Fahrrinnen, die gelben Tonnen sperren Bereiche ab. Nicht zu nah am Schilfgürtel paddeln und flache Partien meiden, diese Biotope sind Heimat seltener Pflanzen- und empfindlicher Tierarten. Vogelansammlungen weiträumig umfahren. Außerhalb der ausgewiesenen Rastplätze Anlandeverbot. Im Park Zeltverbot.

        Sicherheit 
        Technisch einfaches Paddeln, aber auf Seen können sich Wellen aufbauen. Schwimmweste tragen!

        Infos & Orientierung für Paddler
        Jübermann Tourenatlas TA6 »Deutschland Nordost«, (€ 23,00) und DKV-Gewässerführer Ostdeutschland,  (€ 19,95), Bezug über www.kanu-verlag.de.

        Zum Frühstück gönnen wir uns ein Fischbrötchen fangfrisch aus der Fischerei, dazu Kaffee vom Campingkocher. Zugegeben eine gewöhnungsbedürftige Kombination, aber in diesem Moment gibt es nichts Besseres. Für die kurze Umtrage des nächsten Wehrs steht wieder eine kleine Lore bereit, dann setzt sich das Spiel des Vortags fort: See, Fließ, See, Fließ. Nach dem Jäthensee verengt sich die Havel erneut und in Blankenförde zieren als erste Anzeichen der Zivilisation Ferienhäuser das Ufer – mit Terrassen am Wasser. 

        Da kann man fast neidisch werden. Nach weiteren kleineren Seen gelangen wir zum Useriner See, dem letzten und größten See des Nationalparks. Als wolle uns eine höhere Macht im Park behalten, kämpfen wir die nächsten vier Kilometer mit flottem Gegenwind. Zurück in 12 Minuten Schon von Ferne sehen wir die Useriner Mühle mit ihrem roten Ziegeldach, und laut meinem Wasserwander-Atlas müssen wir uns am Ende etwas rechts halten, um den Ausfluss der Havel zu finden. Der kleine Eingang des mit großen Laubbäumen umstandenen Verbindungskanals zur Schleuse Zwenzow ist kaum auszumachen. 

        An der Schleuse sind wir endgültig zurück in der Zivilisation. Wer hier zur passenden Zeit erscheint, kann sich samt Kajaks bequem auf die nächste Wasserebene schleusen lassen, außerhalb der Schleusenzeiten geht es nur zu Fuß und per Lore. Wie auch immer, das Ende des Nationalparks ist hier erreicht und auf dem Großen Labussee treffen wir erstmals auf Motorboote – was für ein Lärm nach all der Stille. Am Woblitzsee ist unsere Havel-Reise zu Ende. Der Fluss strömt weiter durch Potsdam und Brandenburg Richtung Elbe, aber wir biegen gen Norden durch den Kammerkanal nach Neustrelitz ab. 

        Von dort will ich die Bahn nach Kratzeburg nehmen, um das am Startpunkt geparkte Auto zu holen. Im Stadthafen von Neustrelitz landen wir an einer Hafenkneipe an und gönnen uns erneut ein Fischbrötchen, fangfrisch natürlich. Holle macht es sich bei den Booten in der Sonne bequem; ich laufe den knappen Kilometer zum Bahnhof. Nach zwölf Minuten Zugfahrt und Kosten von 3,60 Euro für das Ticket erreiche ich Kratzeburg. Nicht zu teue­r für eine tolle Zwei-Tage-Tour. Und selbst wenn ich bei beiden Zahlen eine Null hätte ranhängen müssen, wäre das ein guter Deal gewesen. Danke, Havel!
        5 Touren in und um Berlin – für jeden Geschmack die passende Paddeltour

        1. Sightseeing, Spree – Landwehrkanal

        Länge: ca. 25 km | Start: ca. 10 km vom Zentrum

        Während sich an Land die Menschenmassen drängen, kann man auf dem Spree-Landwehr­kanal viele Berliner Attraktionen (z. B. Oberbaumbrücke, Schloss Bellevue, Zoologischer Garten u.v.m.) in aller Ruhe aus dem Boot heraus bestaunen. Wer nicht auf eigene Faust losziehen möchte, kann auch eine geführte Kanutour buchen.

        2. Wannsee-Runde

        Länge: ca. 18 km | Start: ca. 20 km vom Zentrum
        Ob Babelsberg, Glie­nicke oder Pfaueninsel: Auf dieser abwechslungsreichen Tages-Rundtour begegnet man mit jedem Paddelschlag dem Wirken der einstigen Preußenkönige. Die unzähligen Parks und Schlösser direkt am Ufer machen die Region zu einem der beliebtesten Erholungsgebiete der Bundeshauptstadt – und zu einem perfekten Paddelrevier.

        3. Löcknitz-Müggelspreerunde

        Länge: ca. 42 km | Start: ca. 25 km vom Zentrum

        Diese abwechslungsreiche Rundfahrt vor den Toren Berlins ist perfekt für ein erlebnisreiches Wochenende. Los geht’s auf der wildromantischen Löcknitz. Danach geht es über die Müggelspree und den Müggelsee – seines Zeichens der größte See in Berlin – nach Köpenick mit seiner malerischen Altstadt und dem legendären Rathaus.

        4. Märkische Umfahrt

        Länge: ca. 200 km | Start: ca. 70 km vom Zentrum
        Die Märkische Umfahrt ist ein 200 Kilometer langer, sehr abwechslungsreicher Rundkurs über Dahme, Dahme-Seen und Spree durch die schönsten Paddelreviere des Berliner Umlands. Die Umfahrt eignet sich für Paddelprofis wie Hobbykapitäne. Ganz Fixe sind in vier Tagen rum, Genießer bringen besser acht bis zehn Tage mit.

        5. Spreewald

        Länge: ca. 28 km | Start: ca. 75 km vom Zentrum
        Der Spreewald mit seinem dichten Netz aus Kanälen und Kleinflüssen ist ein Paradies für Paddler. Spontane Abstecher machen die Tour besonders spannend. Die perfekte Infrastruktur erleichtert den Bootstransport und den Ein- und Ausstieg. Übrigens: Der Unterspreewald ist flächenmäßig kleiner und weniger erschlossen als der Oberspreewald – und deshalb besonders in der Hochsaison etwas ruhiger.

        Alle hier beschriebenen Touren werden im Reisehandbuch »Kanu Kompass: Berlin/Brandenburg« (€ 19,90 Euro, Art.-Nr. : 22.26.86) ausführlich beschrieben. Dazu Sehenswürdig­keiten, Hotels, Vorschriften und Detailkarten.

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