Microadventure: Gipfelbiwak

Kaum eine Lücke im Terminkalender und doch akute Bergsehnsucht? Ein Gipfelbiwak schafft Linderung.

Kaum eine Lücke im Terminkalender und doch akute Bergsehnsucht? Ein Gipfelbiwak schafft Linderung.

Ihr kennt das doch sicher auch: Bis zum nächsten Urlaub ist es noch ein biss­ chen hin und die Wochenenden sind alle aussichtslos verplant: Hochzeit hier, Fußballturnier der Kinder dort – und dann hat sich auch noch Erbtante Trude auf eine Stippvisite angekündigt. Aber bitte nur entkoffeinierter Kaffee. Dabei müsste man doch unbedingt mal wieder in die Berge, für Körper und Seele.

Doch dann taucht sie auf, die kleine Lücke im Terminkalender. Dienstag Frühschicht, Mittwoch Spätschicht. Dazu der Blick aufs Wetter: stabiler Hochdruck. Auch der Zufall spielt in die Karten: Es ist Vollmond, hinzu kommt eine partielle Mondfinsternis. Und bei Vollmond, das weiß man, fährt die Hochgrat­bahn bei Oberstaufen bis spät in die Nacht. Bingo! So erspart man sich den etwa zwei­ stündigen Zustieg und kann stattdessen die verbleibende Zeit besser zu einer aussichts­ reichen Gratwanderung nutzen. Entsprechend euphorisiert geht es dann ein paar Tage später mit dem Auto in zweieinhalb Stunden von Stuttgart bis zum Parkplatz an der Hochgratbahn. Sicher, es gibt Bergziele, die sind schneller erreichbar und solche, bei denen kann man besser mit der Bahn an­ reisen, doch die Lage und der freie Blick vom Hochgrat in alle Richtungen sind den Extra­ aufwand wert.

Die Vollmondfahrten scheinen beliebt, denn an der Kasse der Bahn wartet eine lange Schlange auf uns. Ob wir nicht doch schnell die Beine in die Hand nehmen sollten? Nein, die Aussicht darauf, trotz einer Stunde Wartezeit eher oben zu sein, führt zur duld­ samen Einreihung.

#1 DIE ANREISE

Am schnellsten mit dem Auto. Aus Westen kommend entweder über die A96 (Abfahrt Sigmarszell) oder aus Osten kommend über die A7 (Abfahrt Kempten) und weiter via Immenstadt. Aber auch mit Bahn (Oberstaufen) und Taxi machbar.

#2 DER AUFSTIEG

Als eine der wenigen Seilbahnen im Allgäu bietet die Hochgratbahn sogenannte Vollmondfahrten an, bei denen der Lift bis etwa 22 Uhr läuft. So kommen auch Werktätige mit längerer Anfahrt abends noch auf den Berg. Weitere Infos unter www.hochgratbahn.de.

#3 DIE AUSRÜSTUNG

Man nehme den großen Trekkingrucksack und lade großzügig ein: leichte Isomatte, Schlafsack (bis plus fünf Grad), Tarp, Biwaksack oder Innenzelt, Wechselwäsche, Vesper, eine Flasche Rotwein oder zwei Bier (in der Glasflasche, weil’s besser schmeckt) und Espressokanne plus Kocher.

#4 DER AUSBLICK

Besser geht’s kaum: partielle Mondfinsternis hinter dem markanten Hochvogel
(2592 m). Aber auch ohne astronomische Besonderheiten begeistert der Blick vom Hochgrat: Man sieht die Sonne im Boden- see versinken und am nächsten Morgen hinterm Alpenhauptkamm aufgehen.

Der Seilbahn-Oldtimer

Im Vergleich zu den meisten anderen High­tech­-Seilbahnen der Region ist die Hoch­gratbahn ein absoluter Oldtimer. 1972 er­baut, bringen uns ihre gelben Eiergondeln in 15 Minuten 850 Meter nach oben.

Dort sind wir definitiv nicht allein. Hundert­schaften an Ausflüglern haben die Vollmond­ fahrt genutzt und bevölkern den Wanderweg zwischen Bergstation und Gipfelkreuz. Aber nur ein paar Meter weiter Richtung Osten haben wir den engen Pfad nahezu für uns allein. Vorher haben wir uns aber noch bei Tageslicht unseren Biwakplatz ausgeguckt: zwischen Gipfelkreuz und den Picknick­bänken auf einer kiesigen Fläche. So wollen es die Statuten für ein Biwak in der Region: oberhalb der Baumgrenze und nur auf fel­sigen Bereichen, so dass keine Vegetation in Mitleidenschaft gezogen wird.

Überhaupt gilt es vor jedem Gipfelbiwak, sich mit den Geboten und Verboten vor Ort vertraut zu machen. Und selbst wenn alles erlaubt scheint, versteht es sich von selbst, dass man mit seiner Aktion weder Mensch noch Tier stört und dass der Platz früh­ morgens so verlassen wird, wie man ihn vorgefunden hat. Besser noch: Wer den Müll anderer aufliest und mitnimmt, bekommt ein paar Karma­-Punkte extra.

Michael Neumann Kann mal einer das Licht ausmachen? Vollmondnacht auf dem Hochgrat.

Gegen 22.30 Uhr rattert die finale Bahn nach unten und Punkt 23 Uhr haben sich auch die letzten Mondgucker verzogen. Der Hochgrat gehört allein uns. Schnell bauen wir das mitgebrachte Innen­ zelt auf. Dazu zwei Leichtluftmatratzen und zwei Sommer­Daunenschlafsäcke, fertig ist das Himmelbett unterm Sternenzelt. Logo, Biwakpuristen würden natürlich ganz auf ein Zelt verzichten, doch ich schlafe im ge­fühlten Raum eines Zeltes einfach besser. Auch lässt der Morgentau so nicht die Daune des Leichtschlafsacks klumpen. Und dank des Moskitonetzes rundum ist der Ausblick trotzdem ungetrübt. Allein eine Schlafbrille hätte noch geholfen, denn der Vollmond ist derart hell, dass man ohne Stirnlampe ein Buch lesen kann.

Aber ums Schlafen geht es bei so einem Gipfelbiwak ja ohnehin nicht. Vielmehr empfinden viele diese »Quality Time« drau­ßen als derart aufregend, dass sie lieber al­les aufsaugen – sei es dösend im Schlafsack, Sternbilder bestimmend und über die Unend­lichkeit sinnierend oder bei einer Sonnenauf­ gangswanderung um halb sechs in der Früh. So wie wir. Diesmal lassen wir Seilbahn (die eh noch nicht läuft) Seilbahn sein und mar­schieren mit einem schönen Schlenker in drei Stunden zurück zum Auto. Nicht mal der Förster scheint zu dieser Zeit schon auf den Beinen und auch die Kühe dösen alle noch seelenruhig auf den taufrischen Wiesen.

Mit einem kleinen Schlafdefizit, aber restlos aufgetankten Batterien können die Spät­schicht und Tante Trude kommen …

Text: Michael Neumann