Mia san Meindl

Seit mehr als 300 Jahren machen die Meindls aus dem oberbayerischen Kirchanschöring Schuhe. Einblicke in eine Erfolgsgeschichte, die selbst vor dem Weltall nicht haltmacht.
Manuel Arnu

Gleich vorne im Foyer des Firmensitzes der Lukas Meindl GmbH steht er, der Weltrekordschuh, prominent platziert in der mittleren von drei schmucken Glasvitrinen. Ein technischer Stiefel in schwarz-weißer Astronauten-Optik, im Werk des oberbayerischen Bergschuhspezialisten als Sonder­anfertigung für astronomische Höhen gefertigt. Das Modell Stratos ist der handsignierte Originalschuh, mit dem der Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner am 14. Oktober 2012 aus knapp 40 Kilometern Höhe am Rand der Stratosphäre der Erde entgegenraste. Der Fallschirmsprung aus dem Weltall ging in die sportlichen Geschichtsbücher ein und Meindls einzigartiges Signature-Modell durchbrach als weltweit erster Schuh im freien Fall die Schallmauer und erreichte sagenhafte 1357 Kilometer pro Stunde.

Familienbetrieb seit 1683

Lukas Meindl, der gemeinsam mit Bruder Lars die Geschäfte des deutschen Schuhherstellers führt, ist verantwortlich für Produktion und Entwicklung von Meindl-Schuhen. Das Modell Stratos war selbstredend Chefsache, die Spezialanfertigung für den diplomierten Schuhmachertechniker eine enorme Herausforderung. »Der Schuh musste ganz speziell auf den Raumanzug abgestimmt werden und vor Temperaturen bis zu minus 60 Grad schützen«, erinnert sich Lukas Meindl. »Hätte Felix Baumgartner erfrorene Füße bekommen und sein Projekt abbrechen müssen, wäre es für ihn wie für die Firma Meindl ein Debakel gewesen!« Der Schuh hielt allen Belastungen stand. Der Stratos wurde zum firmeneigenen Mythos und in manch einem Meindl-Bergschuh steckt seitdem auch ein kleines Stück Astronautenstiefel: »Aus der Entwicklung solcher Spezialanfertigungen nehmen wir viel in die Serienproduktion mit. Atmungsaktive, hochisolierende Schuhe bauen, das können wir!«

»Wir Meindls sind nicht nur traditions­bewusste Schuhmacher, wir waren auch immer innovative Tüftler.«

Lukas Meindl, Geschäftsführer von Meindl

Der größte Ehrenplatz in der Firmengeschichte gebühre aber einem ganz anderen Schuh, findet Lukas Meindl und geht zur nächsten Vitrine. Vorsichtig entnimmt er einen wunderschönen, zeitlosen Lederschuh. Zwiegenäht und holzgenagelt. Der halbhohe Arbeitsschuh mit seinen massiven Metallbeschlägen steht für alles, was einen Meindl-Schuh auch heute noch auszeichnet: Qualität, Langlebigkeit und damit verbunden auch ein hohes Maß an Kundentreue. Unter der Sohle klebt ein vergilbtes Etikett des ehemaligen Eigentümers: »Nach meinem Tode bitte ich diesen Schuh an die Firma L. Meindl, Kirchanschöring, zurückzugeben.« Der hochbetagte Schuh wurde von Lukas Meindls Urgroßvater hergestellt und ist rund 150 Jahre alt. Die Kunst des Schuhbaus im bayerischen Kirchanschöring, der Heimat des Familienunternehmens, ist seit über 300 Jahren in ununterbrochener Folge in der Hand der Meindls geblieben. Petrus Meindl begründete 1683 die Schuhmacher-Dynastie, heute ist Lukas Meindl Unternehmer und Traditionsschuster in der neunten Generation. »Wir müssen keine Geschichten erfinden, wir haben sie«, sagt Lukas Meindl mit einem Schmunzeln.

Von Kirchanschöring in die Welt

Kirchanschöring liegt zwischen Fridolfing, Waging und Freilassing im wunderschönen Rupertiwinkel, eingebettet in eine idyllische Voralpenlandschaft mit Blick auf die fernen Gipfel der östlichen Chiemgauer Alpen. An den Gemeindegrenzen macht der Fußballklub SV Kirchanschöring Werbung für seine Heimspiele, der 27 Meter hohe Zwiebelturm der katholischen Kirche weist den Weg zur Ortsmitte. Von Waging kommend muss man 300 Meter nach dem Maibaum rechts abbiegen, dann erreicht man in Kirchanschöring Verwaltung und Schuhwerk der Meindls, gleich neben der Freiwilligen Feuerwehr.

Allerdings spielt der kleine Ort Kirchanschöring mit seinen gut 3000 Einwohnern in einer höheren Liga, als man erwarten möchte. Die Elf des SV Kirchanschöring spielt Bayernliga, immerhin die zweithöchste Klasse im bayerischen Fußball. Und die Schuhe aus dem oberbayerischen Kirchanschöring werden weltweit zum Bergwandern und Nordic Walking ebenso wie zum Trekking und bei Expeditionen genutzt. Meindl
produziert jährlich etwa eine Million Paar Schuhe. Über 400 verschiedene Modelle finden Abnehmer im Fachhandel in über 40 Ländern auf der ganzen Welt.

1928 setzte Lukas Meindl senior den Grundstein für das heutige Familienunternehmen und die Marke Meindl. Zusätzlich zum Schuhmacherhandwerk begann er mit der Herstellung von Lederbekleidung und beschäftigte nach wenigen Jahren bereits zehn Mitarbeiter. 1949 stieg Sohn Alfons in den elterlichen Betrieb ein. Der leidenschaftliche Bergsteiger erkannte die Chance, mit Bergschuhen auf dem wachsenden Freizeitmarkt Fuß zu fassen. Meindl spezialisierte sich immer stärker auf funktionelle Bergschuhe und baute die Produktion Schritt für Schritt weiter aus. Der Bereich Lederbekleidung wurde ausgelagert, ist aber heute ebenfalls immer noch in Kirchanschöring ansässig (einfach 200 Meter vor dem Maibaum links abbiegen).

Der beliebteste Trekkingschuh der Welt

2001 übernahmen Lukas und Lars Meindl die Geschäftsführung. Heute betreibt Meindl eigene Schuhwerke in Ungarn, Slowenien und Italien – Länder mit großer Schuhtradition. Das Zentrum der Marke ist aber nach wie vor im beschaulichen Kirchanschöring, hier sind 220 Mitarbeiter in Produktion, Entwicklung, Service, Verwaltung und Logistik beschäftigt. Ende 2015 wurde das moderne, vollautomatische Logistikzentrum gleich neben der Schuhproduktion fertiggestellt. Von Kirchanschöring in die Welt. Das ist der Weg, den jeder Meindl-Schuh gehen muss!

Auch im 21. Jahrhundert ist Schuhproduktion noch Handwerk, zumindest bei Meindl. Lukas Meindl nimmt einen Trekkingschuh aus der dritten und letzten Vitrine im Foyer. Es ist der ikonische »Island«, das groß­e Erfolgsmodell von Meindl, seit 30 Jahren im Programm. Mit Preisen und Auszeichnungen von Fachpresse und Nutzern überhäuft, weit mehr als eine Million Paar wurden vom Island verkauft. Arved Fuchs trug den Schuh, Naturfilmer Andreas Kieling ebenfalls, aber auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Ein Paar Island besteht aus 212 Einzelteilen, die Herstellung dauert mehr als 90 Minuten.

Tradition & Innovation

Zwiegenähte Meindl-Bergschuhe entstehen nicht in vollautomatischen Produktionsstraßen, sie sind immer noch ein Produkt echter Manufaktur. Der wasserdichte Island mit seiner Gore-Tex-Membran ist ein Sinnbild für Meindls Erfolgsweg. Lukas Meindl: »Wir Meindls sind nicht nur traditionsbewusste Schuhmacher, wir waren auch immer innovative Tüftler. Anfang der 80er-Jahre zog die Firma Gore mit ihrem Material wie sauer Bier durch Europa. Unser Vater hat das Potenzial gleich erkannt.« Meindl verwendete mit Erfolg als eine der ersten Schuhfabriken in Europa die Hightech- Membran Gore-Tex.

Auch die jüngste Entwicklung aus Kirchanschöring hat das Zeug zu einem modernen Klassiker. Der »Pure Freedom« kommt daher wie ein Bergschuh auf Nulldiät. Der minimalistische Multifunktionsschuh mit Barfuß-Feeling ist extrem leicht und passt mit dem winzigen Packmaß in jeden Rucksack oder Aktenkoffer. Ein Schuh ganz nach heutigem Zeitgeist.

Die Exponate in den drei Vitrinen stehen stellver­tretend für die drei wichtigsten Säulen, die das ­Unternehmen Meindl seit Langem tragen: Tradition, ­Qualität und Innovation. Meindl kann zwiegenähte Haferlschuhe ebenso wie ultraleichte Multifunktionsschuhe. Das soll auch so bleiben. Lars Meindls Sohn Benedikt macht gerade eine Lehre zum Schuhmacher. Die zehnte Generation ist gesichert!


Handwerkskust aus Bayern: Meindl im Globetrotter Sortiment

Text: Manuel Arnu
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